Die Hochzeit muss abgesagt werden! platzte Liselotte beim Abendessen heraus und ließ ihre Eltern fast ersticken.
Liselotte, bist du bei Verstand? Das Hochzeitskleid ist schon bezahlt, die Ringe bestellt, das Café reserviert dein Dieter wartet wie ein Hund auf einen Knochen. Sag mir, das war nur ein Scherz, Mama! schrie ihre Mutter, deren Hand sich am Kragen verkrampfte.
Nein, Mama, kein Scherz. Friedrich und ich fliegen in ein paar Tagen nach Berlin. Alles ganz ernst, setzte Liselotte ihren Satz mit fester Stimme fort.
Ihre Mutter fuhr hoch: Berlin? Das ist doch fremd, unbekannt! Andere Menschen, ein fremdes Land. Du verschwindest ohne einen Pfennig! Und dieser Friedrich, der legt dir doch nur Kopfweh zu! Bestimmt ist er schon verheiratet, hat Kinder, ist fast im Ruhestand! Dein Dieter liebt dich doch! Er ist fast wie ein Sohn für uns! Verletze nicht die Liebe, denn du musst später dafür gerade stehen.
Liselotte winkte ab: Keine Sorge, ich fürchte mich nicht.
Zwei Wochen später packten Liselotte und Friedrich ihre Koffer und flogen nach Berlin. Schon als Kind hatte sie davon geträumt, wenigstens einmal zu sehen, wie Menschen in anderen Ländern leben. Sie hatte das Französische bis in die Tasche gelernt und Englisch perfekt beherrscht; Spanisch schnupperte sie gerade, falls das Schicksal sie dorthin führen sollte. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einem Reisebüro dort lernte sie Friedrich kennen, als er als ausländischer Gast zu verschiedenen Veranstaltungen begleitete. Gleich beim ersten Treffen zog er sie in seinen Bann.
Liselotte war gesprächig, lächelte gern und war keineswegs unattraktiv. Und das Wichtigste: Sie war jung! Sie war dreiundzwanzig, Friedrich sechsundvierzig. Anfangs nahm sie die Annäherungsversuche des älteren Mannes mit einem Lächeln hin, ohne zu ahnen, dass er ihr gleich die Ehe anbieten würde und das bereits nach einer Woche.
Sie erzählte Friedrich nicht, dass sie in Kürze Dieter heiraten würde. Sie war hin- und hergerissen. Wer bekommt schon die Chance, einen Ausländer zu heiraten? Und das durfte man nicht verstreichen lassen! Vielleicht fehlte die Liebe zu Friedrich, aber dafür wartete ein neues, aufregendes Leben voller Abenteuer.
Am Telefon klärte sie den abgelehnten Bräutigam auf. Dieter verstand die veränderten Umstände kaum, wünschte ihr trotzdem alles Glück der Ehe und verschwand dann in einen langen, tiefen Kater.
In Berlin landeten Liselotte und Friedrich. Sie war völlig aus dem Häuschen ihre Träume schienen plötzlich Wirklichkeit zu werden. Friedrich brachte sie in ein großes Haus, wo ihn seine Familie begrüßte: zwei erwachsene Söhne, Heiko und Erik. (Kurz gesagt, Liselotte würde später Erik heiraten und überglücklich sein.) Kurz darauf erschien aus einem Zimmer die Ex-Frau Friedrichs, die elegante und gut gepflegte Lenora.
Du hast ja den Verstand verloren, Fritz? Wer ist dieses Mädchen und warum soll sie bei uns einziehen? schrie Lenora.
Ja, sie wird hier wohnen. Und ich will dich daran erinnern, dass das mein Haus ist. Liselotte wird meine Frau werden. Bitte ärgere sie nicht, Lenora, versuchte Friedrich, beschwichtigend.
Die Situation verwirrte Liselotte. Die Familie lebte zwar getrennt, doch alle unter einem Dach. Lenora schien das Sagen zu haben, aber in Liselottes Kopf hatte sich bereits Erik eingenistet. Er war nicht der betagte Dieter mit seiner Trinkschlauch, sondern ein junger, attraktiver Mann, der sofort ihr Interesse weckte.
Friedrich erklärte, die Hochzeit müsse erst einmal warten Grund war ihm egal. Liselotte stimmte ohne Mühe zu; sie wollte nicht nach Hause zurück. Man gab ihr ein gemütliches Zimmer, und zwischen ihr und Friedrich entwickelte sich eine harmlose, warme Beziehung, während Lenora sie einfach ignorierte.
Drei Monate später kannte Liselotte Erik besser als je zuvor. Er erzählte ihr, dass sein Vater Friedrich immer noch eine Schwäche für Lenora habe, doch ein heftiger Streit hatte die Ehe bereits zerreißt. Friedrich versuchte, Lenora zu ärgern, um sie zurückzugewinnen, indem er vorgab, bald wieder zu heiraten und dafür dachte er an Liselotte.
Als Erik ihr seine Geschichte gestand, brach Liselotte in ein hysterisches Lachen aus: Jetzt habe ich’s! Ich bin die Braut auf Zeit! Ich bin von einem Bräutigam weggelaufen und jetzt will Erik mich heiraten. Was soll ich tun?
Liselotte, ich kann nicht ohne dich! stürmte Erik heran.
Ich auch nicht. Endlich hast du es zugegeben! Ich dachte schon, du würdest nie den Mut fassen. seufzte Liselotte erleichtert.
Wie hätte ich es wagen können, dich zu lieben, wenn du die Braut meines Vaters wärst? Ich wusste nichts von den Spielchen deiner Eltern. Heiko hat es mir erzählt, und ich war begeistert denn du bist jetzt frei!
Würdest du meine Hand für deinen Vater geben? fragte Erik spöttisch.
Ach, Erikchen! Sobald ich dich das erste Mal sah, änderten sich meine Pläne für immer. Ich würde deinem Vater ja nie widersprechen, lächelte Liselotte.
Sie umarmten sich wie alte Freunde. Liselotte vergab Friedrich und Lenora Liebe macht eben manchmal verrückte Dinge.
Erik fürchtete immer noch, dass Liselotte zurück nach Deutschland fliehen könnte, also heirateten sie schnell. Sie bekamen einen Sohn, und zwei Jahre später eine Tochter. Erik sorgte unermüdlich für seine Frau, und das Haus war voller Glück und Lachen.
Friedrich und Lenora hatten inzwischen ihre Differenzen beigelegt; jede Zwietracht hat ja irgendwann ein Ende. Sie kümmerten sich liebevoll um ihre Enkelkinder.
Eines Tages kam ein besorgter Brief von Liselottes Mutter. Sie bat ihre Tochter, nach Hause zu kommen. Liselotte packte, ließ die Kinder bei Großmutter Lenora zurück die kleinen sind ja nicht für lange Reisen geeignet und fuhr zu ihrer Mutter.
Am Bahnhof wurde sie von ihrer Mutter, Tränen in den Augen, empfangen:
Ach, meine liebe Liselotte! Dein Dieter ist beim Motorradunfall ums Leben gekommen und seine Frau ist ins Jenseits geflogen. Er hinterließ eine kleine Tochter, die nun im Heim leben muss. Er wollte dir noch ein Geschenk hinterlassen, damit du ihn nie vergisst.
Liselotte hörte geduldig zu, dachte kurz nach und sagte dann:
Gut, Mama. Wir werden die Tochter adoptieren. Erik wird uns unterstützen.
Sie schloss mit einem Augenzwinkern: Jetzt fütter mich bitte, ich bin hungrig nach einem sauren Apfel oder einer Gurke. Schließlich muss eine zukünftige Mutter ja doppelt essen!







