Das Brautkleid gehört nicht der Braut! schrie Heike, während ihr Gesicht sich in ein kreischendes Geräusch verwandelte.
Heike, bitte! Ich gebe das Kleid nicht her! fuhr es weiter, und ihre Stimme klang, als würde ein Kessel überkochen.
Heike, wir hatten doch doch abgesprochen Anneliese träumt doch schon seit Ewigkeiten davon! sagte Helene Schmitt hilflos, die Hände wild fuchtelnd, weil sie nicht wusste, wie sie ihre Schwiegertochter überzeugen sollte.
Das gibt es nicht! Es war nie ein Deal! Das ist ein Familienerbstück, das ich für meine Tochter bewahrt habe! rannte Heike nervös im Zimmer umher, packte allerlei Gegenstände und warf sie mit einem lauten Rumms zurück auf den Tisch.
Viktoria saß schweigend in einer Ecke und beobachtete das Getümmel. Die ältere Schwester des Vaters und die Großmutter stritten erneut um etwas, das ihnen beide wichtig war. Heike war immer temperamentvoll und unverrückbar, doch heute wirkte sie, als hätte jemand ihr den Kopf verdreht. Normalerweise hielt sie sich zurück, besonders vor Viktoria, aber das Kleid löste eine regelrechte Sturmfront aus.
Heike, bitte hör auf, sagte Sebastian, Viktorias Vater, und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie schüttelte sie jedoch mit einem scharfen Ruck ab.
Zeig mir nicht mit dem Finger! Du bist immer der Nesthocker deiner Mutter! schnappte Heike zurück. Und dieses Kleid gehörte meiner Schwiegermutter, der Mutter meines Michael! Nur ich entscheide, wer es bekommt!
Aber Michaels Mutter wollte, dass alle zukünftigen Bräute in der Familie das Kleid tragen, flüsterte Helene. Sie hat mir das selbst gesagt, bevor sie gestorben ist.
Sie sprach von den echten Bräuten! betonte Heike das Wort echten mit harter Stimme. Nicht von so einer Anneliese! Dreimal war sie verlobt, jedes Mal ging alles schief! Vielleicht ist das ein Zeichen?
Ein schweres Schweigen legte sich über das Zimmer. Helene wurde bleich, Sebastian runzelte die Stirn, und Viktoria verkroch sich tiefer in den Stuhl, als wolle sie unsichtbar werden. Sie atmete kaum, um nicht Aufmerksamkeit zu erregen. Mit fünfzehn verstand sie bereits, dass Familienstreitigkeiten besser zu meiden waren besonders, wenn es um das Brautkleid der Urgroßmutter ging.
Wie kannst du so etwas sagen? brach Helene mit zitternder Stimme das Schweigen. Anneliese ist deine Nichte!
Und was soll’s? Eine Nichte, nicht meine Tochter!, fuhr Heike aus. Ich habe übrigens eine leibliche Tochter. Das Kleid bewahre ich für sie!
Deine Marie ist erst zwölf!, erwiderte Sebastian. Und Anneliese heiratet in einem Monat!
Dann kauft ihr doch einfach ein neues Kleid! Das gibt es doch in jeder Brautmodengalerie in Hundertern!
Viktoria kannte das alte Brautkleid der Urgroßmutter gut. Es war antik, handbestickt, mit kleinen Perlen im Oberteil, und lag in einem speziellen Samtkasten bei Tante Heike. Sie hatte es nur einmal gesehen, als die ganze Familie alte Fotoalben durchblätterte. Auf den Bildern wirkte die Urgroßmutter Polina wie eine Märchenprinzessin groß, schlank, mit zarten Schultern, die das feine Schnittmuster des Kleides betonten.
Du weißt doch, dass das nicht einfach ein Kleid ist, sagte Helene sanft. Polina Müller wollte, dass es allen Bräuten in unserer Familie Glück bringt. Sie trug es selbst, als ihr Mann nach dem Krieg zurückkehrte.
Ich weiß alles!, schnappte Heike. Deshalb will ich es für Marie hüten! Anneliese hat bald die dritte Hochzeit, das alte Tuch hält das nicht mehr aus! Der Stoff ist dünner geworden.
Anneliese wird sorgsam damit umgehen, bat Helene flehend. Sie findet sogar einen Schneider, der das Kleid anpasst, ohne etwas zu beschädigen.
Nein! Das Gespräch ist beendet!
Heike ging entschlossen zur Tür, doch Sebastian stellte sich ihr in den Weg.
Warte, sagte er ruhig, aber bestimmt. Lass uns das ohne Geschrei besprechen. Setz dich bitte hin.
Ich habe nichts mehr mit euch zu reden! versuchte Heike, den Weg zu umgehen, doch Sebastian blieb standhaft.
Heike, du weißt, dass die Mutter recht hat. Polina wollte, dass das Kleid von Braut zu Braut weitergegeben wird. Das war ihr Wille.
Mein Wille ist, es für meine Tochter zu behalten!, ballte Heike die Hände vor der Brust. Und warum greift ihr mich alle an? Das Kleid liegt bei mir, also entscheide ich, wem ich es gebe!
Viktoria stand leise auf und schlich zur Tür. Diese Streitereien zwischen den Erwachsenen ermüdeten sie immer wieder. Kaum hatte sie drei Schritte gemacht, rief Heike ihr zu:
Viktoria! Sag mal, würdest du das Kleid tragen wollen, wenn du heiratest?
Alle Blicke richteten sich auf das kleine Mädchen. Sie erstarrte, weil sie keine Antwort wusste. Sie wollte keinesfalls in den Konflikt hineingezogen werden.
Ich ich weiß nicht, Tante Heike, stammelte sie vorsichtig. Ich habe noch nicht an eine Hochzeit gedacht.
Siehst du!, rief Heike triumphierend. Selbst Viktoria will das Kleid nicht! Warum also Anneliese zwingen?
Heike, zieh das Kind nicht in unser Gespräch ein, sagte Sebastian müde. Viktoria, geh bitte zurück in dein Zimmer.
Dankbar für das Wort ihres Vaters verließ Viktoria hastig das Zimmer. Auf dem Weg zu ihrem Schlafzimmer hörte sie die Stimmen erneut auflodern. Sie schloss die Tür und ließ sich auf das Bett fallen, drückte die Ohren mit dem Kissen zu, doch das Grollen des Streits drang durch die Wände.
Einige Tage vergingen. Im Haus lag eine gespannte Stille. Tante Heike kam nicht mehr, Helene ging mit roten Augen umher, und Sebastian verbrachte die meiste Zeit bei der Arbeit. Viktoria versuchte, das bedrückende Umfeld zu ignorieren, doch es gelang ihr kaum.
Am Samstagmorgen, als Viktoria in der Küche frühstückte, klingelte das Telefon. Helene nahm ab, und an ihrer Stimme konnte Viktoria erkennen, dass Anneliese anrief.
Ja, Anneliese Nein, Schatz, im Moment geht das nicht Ich verstehe, vielleicht solltet ihr ein anderes Kleid suchen Ich weiß, Liebes, ich weiß
Nachdem das Gespräch beendet war, setzte sich Helene schwer auf den Stuhl neben ihrer Enkelin.
Mama, alles in Ordnung?, fragte Viktoria vorsichtig.
Ja, mein Kind, lächelte Helene, doch das Lächeln war traurig. Nur Anneliese ist wegen des Kleides verärgert.
Warum ist das Kleid so wichtig für sie?
Helene blickte nachdenklich aus dem Fenster.
Weißt du, Viktoria, deine Urgroßmutter Polina war eine außergewöhnliche Frau. Sie überstand Krieg, Hunger und den Verlust naher Menschen, doch bewahrte sie eine Liebe, die jeden um sie herum spürte. Und dieses Kleid es hat diese Liebe aufgesogen. Polina trug es, als sie nach dem Krieg Heinrich heiratete. Danach trug es deine Großmutter Sophia, meine ältere Schwester, dann deine Mutter. Und jedes Mal war die Ehe glücklich.
Und Tante Heike?
Auch sie, aber, Helene stockte, suchte die Worte. Heike war immer zurückhaltend, vertraute keinem. Nach Michaels Tod zog sie sich komplett zurück. Dieses Kleid ist das Einzige, woran sie noch festhalten kann. Verstehst du das?
Viktoria nickte, obwohl sie nur halb verstand. Es schien ihr merkwürdig, an einem Stück Stoff zu hängen, selbst wenn es ein Familienerbstück war.
Was ist mit Anneliese? Warum hat Heike gesagt, sie sei keine echte Braut?
Helene seufzte.
Anneliese hatte ein hartes Schicksal. Zweimal war sie verlobt, beide Male ging alles in letzter Minute schief. Jetzt hat sie Dmitri gefunden, sie lieben sich wirklich. Sie träumt davon, das Kleid zu tragen, weil sie glaubt, es bringt ihr Glück.
Warum nicht ein neues Kleid nach Polinas Muster nähen?, bot Viktoria an. Vielleicht wird es genauso glücklich sein.
Helene lächelte sanft. Ach, Viktoria, wenn es nur so einfach wäre. Es geht nicht um das Kleid selbst, sondern um die Tradition, um die Verbindung zur Vergangenheit, um das familiäre Band. Es ist wie ein roter Faden, der uns alle miteinander verknüpft.
In diesem Moment trat Sebastian in die Küche. Er wirkte müde, aber entschlossen.
Mama, ich habe gerade mit Heike telefoniert, sagte er. Sie bleibt hartnäckig. Sie will das Kleid nicht hergeben, Punkt.
Ach, Sergej, seufzte Helene. Was sollen wir tun? Noch weniger als ein Monat bis zur Hochzeit von Anneliese
Ich finde, wir sollten Heikes Entscheidung respektieren, sagte Sebastian. Schließlich gehört das Kleid ihr, und sie darf damit machen, was sie will.
Aber das ist ungerecht!, rief Helene. Polina wollte, dass alle Bräute es tragen
Mama, ich weiß, unterbrach Sebastian sanft. Wir können Heike nicht zwingen. Das würde unser Verhältnis noch weiter zerstören.
Viktoria hörte still zu, drehte ihren Teelöffel zwischen den Fingern. Plötzlich kam ihr eine Idee.
Papa, Oma, was, wenn ich mit Tante Heike spreche? Vielleicht lässt sie mich ja überzeugen?
Sebastian und Helene tauschten Blicke.
Nein, Viktoria, das sind erwachsene Probleme, schüttelte Sebastian den Kopf. Du solltest dich da nicht einmischen.
Aber ich gehöre ja auch zur Familie, beharrte Viktoria. Und Tante Heike war immer nett zu mir. Vielleicht kann ich sie ja erreichen.
Helene überlegte. Einerseits liebt Heike dich, andererseits ist das eine heikle Situation.
Bitte, bat Viktoria, ich versuche es einfach. Wenn es nicht klappt, ist es auch gut so.
Nach langem Zögern stimmte Sebastian zu, sie am Sonntag zu ihrer Tante zu fahren. Auf dem Weg dachte Viktoria darüber nach, was sie sagen könnte. Ihr Plan war nicht klar, doch sie hoffte auf ihr Bauchgefühl.
Tante Heike wohnte in einem alten Haus am Stadtrand von Köln, das einst ihrer Schwiegermutter, Polina Müller, gehört hatte. Nach Michaels Tod hatte Heike dort mit ihrer Tochter Marie weitergelebt.
Bist du sicher, dass du allein hingehst?, fragte Sebastian, als er vor dem Tor anhielt.
Ja, Papa, nickte Viktoria. So wird Heike nicht denken, du hättest mich überredet.
Gut, sagte er. Ich warte hier. Ruf sofort, wenn etwas ist.
Viktoria stieg aus, ihr Herz klopfte laut, die Hände zitterten leicht, aber sie war fest entschlossen. Sie klopfte an die Tür, und Heike öffnete überrascht.
Viktoria? Was machst du hier?, fragte sie.
Hallo, Tante Heike, lächelte Viktoria. Darf ich kurz vorbei kommen?
Klar, komm rein, sagte Heike und ließ sie eintreten. Du bist ja wohl hier, um das Kleid zu verlangen? Ich habs ja nicht vor, es zu geben!
Ich will nur reden, antwortete Viktoria ruhig. Und ich wollte Marie sehen. Ist sie da?
Nein, sie ist bei einer Freundin, sagte Heike und zog eine Tasse Tee hervor. Setz dich, ich habe gerade einen Apfelkuchen gebacken.
Während Heike den Kuchen auswischte, fragte sie misstrauisch: Also nur reden? Worum gehts?
Um deine Urgroßmutter Polina, begann Viktoria. Ich habe von ihr viel gehört, und ich will mehr über sie erfahren. Du hast doch in ihrem Haus gewohnt, oder?
Heike lächelte leicht und reichte ihr eine Tasse. Ja, ich kenne Polina. Als ich Michael kennenlernte, wurde ich von seiner Mutter wie eine eigene Tochter aufgenommen. Sie hat mir das Backen, das Stricken und die Hausarbeit beigebracht. Und sie erzählte immer Geschichten vom Krieg, davon, wie sie auf ihren Mann Heinrich gewartet hat, obwohl überall nur Gräber lagen.
Und das Kleid? fragte Viktoria.
Heike schwieg kurz, dann nickte sie. Das ist ein besonderes Kleid. Polina hat es selbst aus verschiedenen Stoffstücken zusammengenäht, das letzte Stück bekam sie von einer Nachbarin, die nach der Belagerung von Leningrad ein Stück Batiste mitgebracht hatte. Stell dir vor, in dieser schlimmen Zeit wurden Stücke von Lebensmitteln weggerettet, und jemand schenkte ihr ein Stück Stoff. Polina nähte jedes Mal mit Liebe und Glauben, dass ihr Mann zurückkehrt und sie eine Familie gründen können. Und es ging ihr Mann kam zurück, sie heirateten, und das Kleid wurde zur Glücksbringerin für alle, die es trugen.
Deshalb wollte sie, dass jede Braut in unserer Familie es trägt? fragte Viktoria.
Genau, bestätigte Heike. Sie meinte, das Kleid bewahre die Liebe aller Frauen, die es getragen haben, und mit jeder neuen Braut wuchs diese Kraft.
Viktoria fragte weiter: Warum willst du es Anneliese nicht geben?
Heike zuckte die Schultern, ihr Gesicht wurde hart. Ich sorge mich um Marie. Sie ist erst zwölf. Und Anneliese ist über dreißig, das wäre ihre dritte Hochzeit. Irgendetwas stimmt nicht, das spüre ich.
Was könnte da nicht stimmen? fragte Viktoria verwundert. Ist es nicht gut, wenn jemand nicht aufgibt und weiter an die Liebe glaubt?
Heike öffnete den Mund, fand aber keine Worte. Viktoria fuhr fort: Vielleicht will Anneliese das Kleid gerade wegen seiner Geschichte. Sie braucht die Kraft, die Polina hineingelegt hat. Wenn das Kleid wirklich Glück bringt, warum dann nicht jede Braut es tragen lassen?
Heike sah nachdenklich in ihre Tasse. Wenn das Kleid wirklich Glück bringt, dann würde es mehr Glück geben, wenn noch eine Braut es trägt, nicht wahr?
Aber was, wenn es reißt oder schmutzig wird? flüsterte Heike. Es ist ein Erbstück, man kann es nicht einfach waschen oder neu nähen
Polina hat das Kleid nicht zum Aufbewahren erfunden, sagte Viktoria. Sie wollte, dass es lebt, Freude schenkt, Herzen verbindet. Nicht, dass es verstaubt.
Heike schwiegen einen Moment, dann stand sie auf und kam mit einer großen Schachtel zurück. Sie legte sie behutsam auf den Tisch und öffnete sie. Darin lag das Kleid: cremefarben, mit hohem Kragen, langen Ärmeln, vielen winzigen Knöpfen am Rücken, zartem Spitzenbesatz am Kragen und an den Manschetten, und der Oberkörper war mitAls Heike das Kleid behutsam aus der Schachtel zog, schimmerte das feine Spitzengestrüpp im warmen Licht der Küche und ließ das Herz von Viktoria vor Hoffnung und Erinnerung höher schlagen.







