Der Mann stand reglos da, als ob die Zeit stillgestanden wäre.

Karl Müller steht unbewegt, als hätte die Zeit einen Stillstand erreicht.

Das kleine Mädchen drückt weiterhin seine Hand, während der Ladeninhaber ihn mit ungläubigen Augen betrachtet, in denen gleichzeitig Überraschung und Aufregung lesen lässt.

Entschuldigung sagt der Vater leise, senkt den Blick. Sie verwechseln mich wohl mit jemand anderem. Ich habe niemanden gerettet.

Der Inhaber schüttelt den Kopf, tritt näher und antwortet mit trockenem, leicht zitterndem Ton:

Nein, ich verwechsel mich nicht. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Vor fünf Jahren, auf der Autobahn zwischen Hamburg und Bremen. Mein Wagen rutscht aus und schlingt in einen Graben. Das Auto brennt. Menschen stehen am Straßenrand, filmen mit ihren Handys nur ein Mann eilt herbei. Ein Vater mit einem Kind auf dem Rücksitz. Du.

Karl lässt seine Augen weiten. Erinnerungen kommen wie ein Schlag die Flammen, der Benzingeruch, das Kreischen.

Er erinnert sich, wie seine Tochter im Auto weint: Papa, nicht weiterfahren! und er stürmt trotzdem los, ohne Dank zu erwarten. Sobald der Krankenwagen eintrifft, geht er leise wieder.

Das kann nicht sein flüstert er. Sie sind der Mann

Ja, nickt der Ladenbesitzer. Ich heiße Georg Hoffmann. Du hast mir das Leben gerettet. Ich habe jahrelang nach dir gesucht. Heute führt das Schicksal dich zu mir.

Der Laden erstarrt. Die Verkäuferinnen werden bleich, wissen nicht, wohin sie schauen sollen.

Georg wendet sich abrupt an sie:

Entschuldigt euch. Sofort.

Aber wir wussten nicht, wer stottert eine.

Es ist mir egal, wer er ist!, brüllt er. Begrüßt ihr jeden Menschen so, wenn er keine glänzenden Kleider trägt? Das ist eine Schande! Nach Schichtende kommt ihr beide in mein Büro. Wir reden.

Die Verkäuferinnen senken stumm die Köpfe.

Nein, das ist nicht nötig sagt der Vater, leise und verzweifelt. Ich wollte ihr nur ein wenig Schönheit zeigen. Mehr nicht.

Georg lächelt traurig.

Dann soll diese Schönheit ihr gehören und nicht nur ihr.

Er kniet zu dem Mädchen nieder:

Hallo, Prinzessin. Wie heißt du?

Liselotte, haucht das Kind.

Ein schöner Name. Weißt du, dein Vater ist ein Held? Ohne ihn gäbe es mich heute nicht. Nimm dir, was du willst, hier ist alles für dich.

Liselottes Augen weiten sich.

Wirklich?

Wirklich, nickt Georg und wirft einen Blick zu den Verkäuferinnen. Hilft ihr ihr. Und das mit einem Lächeln.

Eine der Frauen führt das Kind leise zu den Regalen.

Der Vater, Klaus, steht wie versteinert.

Ich kann das nicht annehmen. Ich habe nichts Besonderes getan.

Ganz im Gegenteil, erwidert Georg. Du hast alles getan. Die Ärzte sagten, ich wäre Sekunden vom Tod entfernt gewesen. Dann hörte ich, dass jemand mich aus dem Auto gezogen und weitergefahren ist. Jahrelang dachte ich, ich könnte dir nie danken.

Klaus schüttelt den Kopf.

Ich will keinen Dank. Ich will nur, dass es ihr gut geht.

Genau deshalb verdienst du alles, was ich dir anbiete. Wo wohnt ihr?

In einer kleinen Wohnung in KleinKahl. Es ist nicht viel, aber unseres.

Georg seufzt schwer.

Das wird sich ändern. Ich habe ein freies Apartment nahe dem Stadtzentrum. Morgen gebe ich dir die Schlüssel.

Ich kann das nicht annehmen, Herr Hoffmann. Ich will keine Schenkungen.

Das ist keine Schenkung, sagt Georg ruhig. Das ist eine Schuld. Du hast dein Leben für mich gegeben. Ich gebe das zurück.

In diesem Moment kommt Liselotte zurück, gekleidet in ein rosa Kleid mit kleinen Perlen.

Papa, gefällt es dir? fragt sie, und in ihren Augen liegt reines Glück.

Mehr als alles andere, mein Schatz.

Georg lächelt.

Pack das Kleid ein und legt die weißen Schuhe dazu, sagt er zu den Verkäuferinnen. Sie passen perfekt.

Die Frauen nicken wortlos.

Als sie den Laden verlassen, weht der Abendwind milder. Liselotte geht fröhlich, schwingt die Handtasche, und Klaus spürt, dass er zum ersten Mal seit Jahren die Last nicht allein trägt.

Papa, ist der nette Mann gut?, fragt das Kind.

Ja, lächelt er. Aber denk dran, Güte kehrt immer zu denen zurück, die sie im Herzen tragen.

Georg geht neben ihnen.

Klaus, morgen essen wir zusammen. Ohne Vorbehalte. Ich habe etwas für dich.

Was denn?, fragt Klaus überrascht.

Der Geschäftsführer meines neuen Ladens in Berlin. Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Und nach dem, was ich heute gesehen habe, bist du es.

Ich? lacht Klaus ungläubig. Ich habe weder Ausbildung, noch Anzug, noch Erfahrung

Du hast etwas Wertvolleres Ehrlichkeit und ein gutes Herz. Das reicht.

Der Mann schweigt. Ein warmes Gefühl steigt in seiner Brust vielleicht Hoffnung.

Und wenn ich versage?

Du schaffst das, sagt Georg. Menschen wie du geben nie auf.

Sie schütteln die Hände, schlicht und fest.

Ein Monat später steht Klaus hinter dem Tresen seines neuen Geschäfts diesmal in einem eleganten Hemd und mit selbstbewusstem Lächeln. Liselotte malt in einer Ecke und winkt ihm ab und zu zu.

Die Verkäuferinnen grüßen ihn respektvoll, die Kunden danken mit einem Lächeln.

Manchmal hält er inne, schließt die Augen und erinnert sich an jenen Tag den Marmorboden, die Spötter und den Moment, als sich sein Leben wandelt.

Jetzt ist alles anders.

Liselotte läuft mit einem Blatt Papier zu ihm.

Schau, Papa! Das sind wir!

Auf der Zeichnung stehen sie zu zweit, Hand in Hand unter einem großen Bogen. Darüber schreiben kindliche, krakelige Buchstaben:

Wir haben es geschafft.

Klaus umarmt das Bild und flüstert:

Ja, mein Kleine. Wir haben es geschafft.

Draußen beginnt der Schnee zu fallen. Menschen eilen vorbei, und er blickt durch das Schaufenster und denkt: Manchmal kommen Wunder, wenn man sie nicht mehr erwartet.

Und Güte kehrt immer zurück besonders zu denen, die nichts zurückfordern.

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