28.Mai
Ich sitze jetzt am Küchentisch, das Licht der schummrigen Deckenlampe wirft weiße Streifen auf den Linoleumboden, die wie frostige Muster erscheinen. Vor mir liegt ein Haufen Mehl verstreut, und ich versuche, die Tränen zurückzuhalten. In einer Stunde kommen Gäste, und der Apfelkuchen ist noch nicht einmal begonnen.
Schon wieder ein Chaos? klingt Olafs Stimme, als er die Küche betritt. Meine Mutter kommt zu Besuch und du wie immer.
Ich presse die Lippen zusammen.
Ganz unbeabsichtigt, Olaf. Die Tüte ist gerissen.
Bei dir geht immer etwas kaputt, fällt, zerschellt, sagt er verärgert, öffnet den Kühlschrank und holt eine Flasche Mineralwasser heraus. Fünfunddreißig Jahre und du benimmst dich noch wie ein tollpatschiges Kind.
Ich sammle das Mehl in einen Kehrblech, ohne meine Wut zu zeigen. Zehn Jahre dieses Lebens haben mich gelehrt, Tränen zu schlucken.
Ich muss meine Mutter abholen, sagt Olaf und blickt auf die Uhr. Bis sieben sollst du den Tisch decken. Und bitte heute nicht noch mehr Ärger machen, okay? Es ist schließlich ihr Geburtstag.
Als er die Tür hinter sich zuschlägt, sinke ich auf den Hocker und atme tief durch. Ich erinnere mich, wie ich ihn in der Bibliothek kennengelernt habe, wo ich arbeitete. Er kam jeden Tag, nahm Bücher nach meiner Empfehlung und blieb bis spät. Dann lud er mich ins Theater ein. Ich fühlte mich wie die Heldin eines Romans eine alleinerziehende Mutter aus einer früheren Ehe, die von einem attraktiven, unabhängigen Mann geliebt wurde. Wer hätte gedacht, dass das Märchen so schnell zerbricht?
Plötzlich erscheint Klaus lautlos in der Küche, wie ein Geist.
Schon wieder am Stehlen? fragt er, während er zur Eingangstür zeigt.
Hör auf damit, schnauze ich ihn an. Du sprichst von deinem Stiefvater.
Der dich wie eine Dienstmagd behandelt.
Mir fällt nichts ein zu erwidern. Mit sechzehn sieht Klaus die Dinge viel zu klar.
Mach deine Hausaufgaben, anstatt erwachsene Gespräche zu belauschen, murmele ich, während ich weiter aufräume.
Klaus schnaubt, räumt aber die Ärmel hoch und hilft mir.
Mama, ich muss mit dir reden, sagt er ernst. Ich will nach der Schule nach Berlin gehen und Programmierer werden.
Nach Berlin? stocke ich, das Putzlappen in der Hand. Wir hatten doch doch über unser Studium gesprochen. Hier gibt es ein Wohnheim, und
Und Olaf, der dich jedes Mal schikaniert, wenn es ihm passt, wirft Klaus ein. Ich kann das nicht mehr ansehen, Mama.
Klaus, das ist das Erwachsenenleben. In Familien geht so etwas vor, sage ich.
Das ist keine Familie, Mama. Das, bricht er ab, schwenkt die Hand und verlässt die Küche.
Ich schaffe es noch, den Tisch zu decken und sogar den Apfelkuchen fertigzubraten ein kleiner Triumph meiner Kochkünste. Meine Schwiegermutter Anna Müller, eine stattliche Frau in einem eleganten Kleid, mustert den Tisch kritisch, sagt aber nichts. Das ist schon ein Sieg.
Setzen Sie sich, Anna Müller, stürme ich. Olf und Klaus sind gleich da.
Anna setzt sich, richtet ihr ergrautes Haar.
Und wo ist dein Sohn?, fragt sie, als wäre es ein Haustier.
Klaus ist in seinem Zimmer, ich rufe ihn gleich.
Lernt er überhaupt?, schielt sie. Das bringt doch nichts, er wird doch nur wie sein Vater.
Ich schweige, weil es unhöflich wäre, die verstorbene Mutter von Olaf zu beleidigen, obwohl ich nie mit ihr gesprochen habe.
Ein Klopfen an der Tür rettet mich vor einer weiteren Antwort. Meine Schwester Ursula und ihr Mann Walter kommen, ein erfolgreicher Geschäftsmann, bei dem Olaf immer besonders gereizt wirkt.
Alles Gute zum Geburtstag, Mama!, stürzt Ursula mich in die Arme. Du siehst fabelhaft aus man würde nicht sagen, dass du sechzig bist!
Anna strahlt. Ursula weiß immer, was zu sagen ist.
Gretchen, küsst Walter meine Hand, du siehst großartig aus. Neue Frisur?
Ja, danke für das Kompliment, antworte ich verlegen und sehe Olaf missmutig an.
Olaf gießt Sekt ein, ignoriert Klaus, der am Rand steht.
Auf das Geburtstagskind!, ruft er. Auf die beste Mama der Welt!
Und die Oma!, ergänzt Ursula. Übrigens, wir haben eine Überraschung für dich.
Welche Überraschung?, fragt Anna misstrauisch.
Wir erwarten ein Baby!, verkündet Ursula feierlich.
Anna gerät in Tränen, Walter lächelt breit, Olaf lächelt gezwungen.
Herzlichen Glückwunsch, flüstere ich.
Und warum gebärst du nicht selbst?, wirft Anna plötzlich. Olaf ist fast vierzig und hat keine eigenen Kinder, nur fremde.
Stille breitet sich aus. Ich spüre, wie mein Gesicht brennt.
Mama, wir haben doch darüber gesprochen, stottert Olaf.
Worüber? Dass deine Frau Karriere macht?, schnauzt Anna. Welche Karriere in einer Bibliothek? Meine Enkelkinder haben Nannys, und ich bewundere deinen Sohn. Wenn er wenigstens ein netter Junge wäre
Anna Müller!, breche ich aus. Klaus ist hier.
Und ich lüge nicht?, wendet sich Anna meinem Sohn zu. Er sitzt immer in seiner Ecke, spricht nie. Will er nach Berlin? Was für ein Unsinn?
Ich staune, woher sie das wusste.
Ich verdiene es selbst, sagt Klaus gelassen. Ich habe einen Nebenjob ich programmiere Webseiten.
Welche Webseiten?, protestiert Olaf. Du solltest dich ordentlich auf dein Studium konzentrieren, nicht auf so etwas.
Das ist kein Unsinn, das ist meine Zukunft, sagt Klaus fest. Und das Geld ist gut.
Und wer hat dich dazu ermächtigt?, hebt Olaf die Stimme. Du lebst unter meinem Dach, also befolgst du meine Regeln!
Dein Dach, deine Regeln, murmelt Klaus. Ich bin ja nicht dein Sohn, also bin ich nicht verpflichtet.
Olafs Gesicht wird rot.
Genau! Kein Sohn! Und du wirst niemals einer sein!
Olaf!, schreie ich. Hör sofort damit auf!
Was habe ich gesagt?, wirft Olaf die Hände in die Luft. Ich habe die Wahrheit gesagt! Zehn Jahre habe ich ihn ernährt, bekleidet, und dafür gibt es keinen Dank. Er sitzt nur in seinem Zimmer und starrt auf den Rechner. Und jetzt will er nach Berlin gehen, hinter meinem Rücken!
Hinter deinem Rücken?, grinst Klaus. Deine Meinung ist mir egal. Du bist nichts für mich.
Klaus!, ich wende mich verzweifelt an ihn, dann an Olaf. Bitte, lass uns heute nicht streiten. Es ist Annas Geburtstag.
Nein, das ist genau der richtige Moment!, entgegnet Olaf. Zehn Jahre habe ich deinen Unhold ertragen und jetzt soll ich auch noch für sein Studium in Berlin zahlen?
Anna nickt zustimmend, Ursula und Walter schauen auf ihre Teller, Klaus bleibt bleich, aber ruhig.
Ich verdiene das Geld selbst, wiederholt Klaus. Ich brauche nichts von dir.
Wirklich?, knurrt Olaf. Und das Dach über dem Kopf? Das Essen? Die Kleidung? Alles ist mein! Wenn du so weiterleben willst, gibt es kein Berlin! Du lernst hier, unter meiner Aufsicht! Das ist meine Bedingung.
In mir zerbrach etwas. Zehn Jahre habe ich die Bemerkungen, den Spott, die Ignoranz ertragen für das Dach, für Sicherheit, für Klaus. Und jetzt stellt Olaf Bedingungen an seinen eigenen Sohn.
Vielleicht reicht es ja, flüstere ich. Anna hat Geburtstag, und wir haben ein Theaterstück aufgeführt.
Das war dein Sohn, der das Theaterstück gemacht hat, kontert Olaf. Wie immer ist er schuld. Und du deckst ihn immer! Und du, undankbare Hündin, bist eine Nesthäklerin. So willst du also weiter von mir leben?
Langsam erhebe ich mich vom Tisch. Stille legt sich über den Raum.
Ich habe fünfunddreißig Jahre in der Bibliothek gearbeitet, sage ich plötzlich mit fester Stimme. Ich habe zwei Hochschulabschlüsse. Ich habe dich nie gebeten, meinen Sohn zu unterstützen wir haben das bis zu dir alleine geschafft.
Wirklich?, spottet Olaf. Hab ich das gar nicht bemerkt?
Weil du nicht hingesehen hast, antworte ich. Du brauchtest eine gehorsame Hausangestellte, keine Ehefrau. Und das war ich. Aber genug.
Was bedeutet das jetzt?, fragt Olaf ärgerlich.
Es bedeutet, wende ich mich an Klaus, dass wir gehen.
Ein dumpfer Kehlton liegt in der Luft.
Bist du verrückt?, rektet Olaf schließlich. Wohin wollt ihr denn gehen?
Zuerst zu meiner Schwester, antworte ich ruhig. Dann finden wir eine Wohnung. Ich werde eine bessere Arbeit finden vielleicht sogar in Berlin.
Klaus blickt mich erstaunt und bewundert an, wie ich ihm noch nie zuvor erschienen bin.
Unsinn, faucht Olaf nervös. Du schaffst dich doch nicht ohne mich. Wie willst du dir eine Wohnung leisten?
Das ist nicht mehr deine Sorge, erwidere ich. Übrigens, ich bin nicht nur Bibliothekarin, ich bin Leiterin. Mein Gehalt ist gut genug. Du hast dich nie dafür interessiert.
Du hast das nie gewusst!, brüllt Olaf. Du bist doch nur eine Bibliothekarin!
Deine Mutter hat genug gehört, mischt plötzlich Walter ein. Und reicht das jetzt? Es ist ein Geburtstag, und du spielst Zirkus.
Was hast du damit zu tun?, faucht Olaf. Das ist unser Familienleben!
Welches Familienleben?, schüttelt Walter den Kopf. Wie du deine Frau und deinen Stiefsohn behandelst, das ist kein Wort dafür.
Vollidiot, protestiert Olaf. Wir klären das hier nicht!
Wie du willst, sagt Walter fest. Ich habe zehn Jahre dieses Drama ertragen. Es reicht. Olaf, du bist zum Tyrann geworden. Wenn Gretchen jetzt geht, ist das das Beste, was sie tun kann.
Anna keucht vor Empörung: Wie könnt ihr das wagen! Mein Sohn tut alles für sie, und ihr
Mama, unterbricht Ursula sanft. Walter hat recht. Siehst du, was hier passiert? Das ist schrecklich.
Ich stehe still, nehme meinen Koffer und packe das Nötigste zusammen. Klaus schaut ungläubig.
Meinst du das ernst?, fragt er.
Mehr als je zuvor, nicke ich. Pack deine Sachen. Wir gehen.
Aber, stottert er, wir brauchen Geld, eine Wohnung
Ich habe Ersparnisse, hole ich eine Schatulle aus dem Schrank hervor, von der Olaf nie wusste. Nicht viel, aber für den Anfang reicht es. Meine Schwester hat mich längst eingeladen. Und ich habe dich, mein kluger, talentierter Junge, der Programmierer werden will. Wir schaffen das.
Ein leichtes Klopfen an der Tür. Ursula steht im Flur.
Wollt ihr wirklich gehen?, fragt sie leise.
Ja, antworte ich bestimmt. Wir können das nicht länger ertragen.
Ursula zögert kurz, zieht dann entschlossen einen Geldbeutel aus ihrer Handtasche und reicht mir einen Umschlag.
Nimm das. Es ist von uns beiden. Wir wollten helfen, aber hatten Angst, dass Olaf es erfährt.
Ursula, ich ich kann nicht
Du kannst, sagt sie. Du hast zehn Jahre sein Misshandlungen ertragen. Nimm das nicht als Almosen, sondern als Entschädigung für den seelischen Schaden.
Zögernd nehme ich den Umschlag.
Danke, flüstere ich. Und entschuldige den verpfuschten Geburtstag.
Welcher Geburtstag?, winkt Ursula ab. Vielleicht denkt Olaf jetzt mal über sein Verhalten nach aber das ist unwahrscheinlich.
Als Klaus und ich die Wohnung verlassen, herrscht angespannte Stille. Olaf sitzt missmutig, Anna presst die Lippen zusammen, Walter beobachtet mit leichtem Schmunzeln.
Wir gehen, sage ich schlicht. Danke für alles, Olaf, und entschuldige, falls etwas nicht passt.
Du ihr, versucht Olaf aufzustehen, doch die Worte bleiben hängen.
Keine Dramen mehr, knurrt Walter. Wir haben genug. Braucht ihr ein Taxi?
Nein, danke, sage ich. Wir nehmen selbst ein Taxi.
Die Tür schließt sich hinter uns, und ich fühle ein leichtes Gewicht von mir fallen ein Rucksack, den ich zehn Jahre getragen habe. Klaus ergreift meine Hand, wie früher.
Du bist stark, Mama, flüstert er. Ich bin stolz auf dich.
Danke, mein Junge, lächle ich. Weißt du, warum nicht Berlin? Eine neue Stadt, ein neues Leben
Wir steigen die Treppe hinab, treten in den Hof. Es ist Anfang Mai, die Duft von Lärchen erfüllt die Dämmerung.
Mein Handy klingelt. Es ist Olaf.
Nehmt sofort zurück!, brüllt er. Ich lasse euch nicht gehen! Wenn ihr das Kind wollt, nehmt es, aber bleibt hier das ist meine Bedingung!
Ich lache laut, frei wie seit langem nicht mehr.
Du hast kein Recht mehr, mir Bedingungen zu stellen, Olaf, sage ich. Keine Bedingungen. Nie mehr.
Ich drücke auf Auflegen. Das Taxi wartet bereits. Wir steigen ein, das Fahrzeug rollt sanft davon, in ein neues Leben.
Oben im vierten Stock wirft Olaf das Telefon wütend gegen die Wand und wendet sich an seine Mutter, die ihn mit einem seltsamen Blick anstarrt als hätte sie ihn zum ersten Mal wirklich gesehen.
Du bist wirklich unerträglich, Olaf, sagt Anna schließlich. Wie habe ich das nur nicht früher bemerkt?
Sie weint leise. Es sind keine Tränen aus Ärger, sondern Reue über ihre eigenen Fehler über das Aufziehen eines Sohnes, der nie gelernt hat zu lieben. Doch ist es noch zu spät, etwas zu ändern?







