Der Mensch braucht einen Menschen

Das Telefon zuckte bei dem ersten zaghaften Klingeln, dann brach ein unaufhörliches, schrilles Kreischen los. Schon wieder?

Der Klang zerschnitt die Stille des Zimmers wie Glas. Markus schloss die Augen. Es war wieder sie die mit einem Namen aus altmodischen Liebesromanen: Liselotte. Er hatte sie nur ein paar Mal getroffen und aus einer törichten, flüchtigen Schwäche heraus die Nummern ausgetauscht. Wer sonst könnte anrufen? In letzter Zeit hatte ihn niemand mehr erreicht. Es schien, als hätte die Welt ihn aus ihrem aktiven Kontaktnetz gestrichen und ließ ihn allein mit dieser quälenden Melodie und seinen eigenen Gedanken zurück.

Er drückte den Kopf in die Matratze, um das nervige Geräusch zu übertönen. Der Wunsch, das Telefon aus dem Fenster zu werfen, wuchs in ihm wie ein wilder Sturm. Auf den Asphalt zu knallen, sodass nur ein Haufen Glas und Plastik zurückbliebe denn wenn das eigene Leben nicht zu reparieren war, konnte man wenigstens das Kabel zur Außenwelt zerschneiden.

Doch das Telefon schweigte nicht.

Markus sprang auf und ging zum Klang. Das Gerät schien ihn zu reizen, lauter zu klingeln, als wolle es ihn herausfordern. Na, nimm ab!, schrie es fast. Und er, getrieben von einem uralten Instinkt, griff zum Hörer.

Ja?

Ich bin’s!, ertönte eine lebensfrohe, junge Stimme, die mit ihrer Leichtsinnigkeit das Ohr zerschnitt. Warum hast du so lange gewartet?

Ich bin beschäftigt, schnurrte Markus.

Warum bist du dann dran gekommen?, fragte Liselotte, und ihr Lächeln schien heimtückisch zu glitzern.

Weil meine Nerven nicht aus Stahl sind!, knurrte er fast. Was ist hier unverständlich? Du nervst mich mit deinen Anrufen!

Ich fühle, dass du zu Hause bist und dass es dir schlecht geht.

Und was sonst noch fühlst du dort? Seine Stimme war beißend, giftig spöttisch.

Dass du meinen Anruf erwartest.

Ich? Erwartet?!, schnaufte er.

Der Drang, den Hörer zu zerbrechen und die schlechtesten Flüche auszusprechen, stieg in ihm auf. Die letzten drei Wochen ihrer täglichen Anrufe hatten ihn an den tiefsten Abgrund seines Lebens geführt in eine Phase, in der nichts mehr reizte: weder Arbeit, noch Müßiggang, weder Essen, noch Trinken. Er wollte nur eins: verschwinden. Auflösen, wie ein Staubkorn im riesigen, gleichgültigen Mahlwerk des Daseins.

Hör zu, faltete seine Stimme plötzlich, wurde flach und erschöpft. Was willst du von mir? Was?

Eine kurze Stille hing in der Leitung.

Nichts. Ich glaube, du brauchst Hilfe.

Hör auf, für mich zu denken. Und deine Hilfe brauche ich überhaupt nicht. Gar nicht.

Aber ich fühle doch!

Fühl doch nicht!, platzte seine Geduld. Wer bist du, dass du dich für etwas fühlen darfst? Heilige? Retterin verlorener Seelen? Hilf lieber alten Damen beim Überqueren der Straße, füttere streunende Kätzchen. Und von mir lass die Finger von mir lassen. Verstanden? Bleib weg!

Die Stille in der Leitung wurde dicht, schwer. Dann kurze Pieptöne. Sie legte auf.

Toll, flackerte ein Gedanke durch sein Gehirn. Selbst eingeladen, wo man nicht gefragt ist.

Am selben Tag klingelte niemand mehr. Auch am nächsten Tag nicht. Liselotte rief nicht nach einem Tag, nicht nach einer Woche.

Die Stille, nach der er sich gesehnt hatte, drückte plötzlich auf seine Ohren. Sie wurde schrill, absolut und unerträglich. Kein Rettungsanker, nur Einsamkeit. Markus merkte, wie er abends unwillkürlich den Blick auf das Telefon richtete, wartete. Eine lächerliche, demütigende Hoffnung wuchs in ihm: gleich jetzt gleich

Er ging abends nicht mehr hinaus, aus Angst, einen möglichen Anruf zu verpassen. Was, wenn sie anruft und ich nicht höre? Dann denkt sie, ich ignoriere sie, ist für immer beleidigt. Das Wort für immer jagte ihn mehr als die knurrenden streunenden Hunde, die aus der Ecke zu kommen schienen, weil sie seine Verletzlichkeit rochen.

Dann kam das neue Verlangen das Bedürfnis, alles auszusprechen. Das schwarze, klebrige Etwas im Inneren zu entleeren. Aber an wen? An den Nachbarn? Der lebte in einer simplen Welt aus Gehalt, Fußball und Frauen. Ein glücklicher Mensch.

So begann Markus, laut mit sich selbst zu reden. In seiner leeren Wohnung hallte seine Stimme dumpf und unnatürlich.

Warum ruft sie nicht? fragte er sein Spiegelbild im dunklen Fenster.

Du hast sie selbst weggeschoben. Grob und unhöflich.

Aber sie rief doch jeden Tag! Hartnäckig! Das heißt, es war ihr nicht egal?

Und du hast ihr gesagt, ihre Teilnahme sei nicht nötig. Du hast die Hand zurückgezogen, die dir in der dunkelsten Stunde gereicht wurde.

Er stritt, bewies, fluchte gegen sich selbst. Schließlich gewann sein innerer Gesprächspartner, sein eigenes Ich, und zwang ihn, die einfache, grausame Wahrheit zu akzeptieren: Diese Anrufe brauchten er. Wie ein Atemzug für einen Ertrinkenden. Als Beweis, dass er noch für jemanden in dieser Welt existierte. Dass er kein Gespenst war.

Liselotte rief nicht mehr.

Markus saß abends einfach nur da und starrte auf das Telefon. In ihm drängte sich ein großer, stummer Schrei zusammen. Ruf doch bitte bitte, flüsterte er.

Das Telefon blieb still.

Er fiel tief ins Bett, weit nach Mitternacht, ohne ein Wunder abzuwarten. Er versank in einem unruhigen, nervösen Schlaf, und es schien, als hörte er das Klingeln wieder.

Er riss die Augen auf. Er schlief nicht. Das Telefon klingelte wirklich, das gleiche eindringliche, lebendige Klingeln. Er packte den Hörer.

Hallo?, zitterte seine Stimme.

Hey, erklang am anderen Ende die längst vergessene Stimme. Hast du mich gerufen?

Markus schloss die Augen. Ein Lächeln breitete sich langsam über sein Gesicht das erste seit Wochen. Bitter, müde und doch befreiend.

Ja, hauchte er. Ich glaube, ich habe gerufen.

Die Stille, die folgte, war nicht mehr die schwere, vorwurfsvolle, die zuvor die Luft gefüllt hatte. Sie war lebendig, gespannt wie eine Saite, doch ohne Krieg. Er hörte ihr leises, gleichmäßiges Atmen und das unruhige Pochen seines eigenen Herzens.

Ich, stockte er, suchte Worte, die weder Entschuldigung noch neue Stiche waren. Nur Worte. Wahrheit. Ich habe gewartet. Jeden Abend.

Ich wusste es, sagte sie sanft, aber bestimmt, ohne Hauch von Triumph. Mir ging es auch nicht gut. Aber ich beschloss, nicht mehr den ersten Anruf zu tätigen. Das sollte deine Entscheidung sein.

Er stellte sich vor, wie sie ebenfalls mit dem Telefon in der Hand kämpfte, den Drang zu überwinden, seine Nummer zu wählen. Dieses Bild rührte ihn unerwartet tief.

Entschuldige, hauchte er. Das Wort brannte in seiner Kehle wie glühende Kohle, doch es musste ausgesprochen werden. für mein dummes Verhalten.

Akzeptiert, klang ein leichtes Lächeln in ihrer Stimme. Zugegeben, ich war ziemlich grob. Ich hätte fast den Kessel zerbrochen aus Ärger.

Er lachte unbeabsichtigt, kurz und erleichtert. Diese alltägliche, fast lächerliche Szene zog ihn zurück in die Wirklichkeit.

Ist er heil?, fragte er nun ernsthaft.

Ja. Und ich werde ihn behüten wie mein Augapfel.

Sie schwieg wieder, doch das Schweigen war nun gemeinsam. Sie lauschten zusammen.

Markus, wurde ihr Ton wieder ernst. Was geschieht? Wahrhaftig.

Früher hätte diese Frage Zorn in ihm entfacht. Jetzt verspürte er nur eine seltsame Schwäche und den Wunsch, endlich alles auszusprechen.

Alles. Und nichts. Er ließ sich auf den Boden sinken, lehnte sich gegen das Sofa. Die Arbeit ist zur Hölle geworden. Die Schulden wuchern wie ein Schneeball. Ich fühle mich, als würde ich am Rand einer Klippe laufen und jeden Moment fallen. Und völlige Leere. Ich brenne innerlich aus. Nichts reizt mich. Keiner.

Er redete lange, sprunghaft, ohne Tränen, nur wie ein Arzt, der ein Fazit stellt. Zum ersten Mal seit Monaten hörte ihm jemand zu ohne zu unterbrechen, ohne Ratschläge zu geben, ohne zu sagen: Reiß dich zusammen oder Es wird alles gut. Einfach nur zuhören.

Als er schweigte, blieb nur noch Atem in der Leitung.

Danke, sagte Liselotte schließlich. Für das, was du gesagt hast.

Verstehst du jetzt, warum ich nicht ich selbst war?, erwiderte er mit bitterem Grinsen.

Ja. Aber das entschuldigt dein Verhalten nicht, wurde ihr Ton wieder fest. Jetzt weiß ich, womit ich es zu tun habe. Das ist besser, als zu rätseln.

Und was machst du jetzt damit?, fragte er plötzlich interessiert.

Zuerst, sagte sie entschlossen, geh in die Küche und stell den Wasserkocher an. Während er kocht, öffne das Fenster. Auch nur für fünf Minuten. Frische Luft tut dem Gehirn gut, und du hast sie offenbar dringend nötig.

Markus stand gehorsam vom Boden auf.

Ich gehe, meldete er.

Gut. Während du das machst, bin ich am anderen Ende der Leitung. Danach danach besprechen wir Arbeit, Schulden, deine Klippe.

In ihrer Stimme lag weder Mitleid noch Kose. Sie war fest, wie ein Fels, und in dieser Gewissheit lag eine Kraft, die ihm bisher gefehlt hatte.

Markus ging in die Küche, Telefon am Ohr, und erfüllte ihre Anweisungen: den Wasserkocher aufsetzen, das klemmende Fenster öffnen und den Regen und Asphaltduft hereinlassen. Er machte die ersten kleinen Schritte Richtung Leben hin zu einem Neubeginn.

Und er erkannte, dass dies erst der Anfang war: ein langer, harter Dialog, vielleicht sogar ein Treffen. Doch zum ersten Mal seit langem fühlte er sich nicht mehr allein in seiner zerfallenen Festung. Jemand reichte ihm von außen die Hand, und er war endlich bereit, sie zu ergreifen.

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