28.April2025 Tagebuch
Der Innenhof zwischen vier Mehrfamilienhäusern in einem Berliner Kiez hat immer nach eigenen Regeln funktioniert. Im Mai, wenn das Gras vor den Fenstern bereits gemäht war und der Asphalt noch die Spuren des letzten Regens zeigte, floss das Leben hier im Rhythmus des langen, hellen Tages. Kinder jagten Bälle auf dem Spielplatz, Erwachsene hasteten zur Bushaltestelle oder in die kleinen Läden, plauderten vor den Hauseingängen und verweilten lange auf den Bänken. Die Luft war schwer, feucht und warm der Frühling in Deutschland ließ sich nicht eilig dem Sommer beugen.
Genau an diesem Morgen fuhr ein weißes Fahrzeug mit dem Logo eines Mobilfunkanbieters in den Hof. Männer in orangefarbenen Westen entluden Kartons und Metallträger, ohne viel Aufsehen zu erregen. Als an der Transformatoren-Box Werkzeuge klimperten und um die Kletterstangen herum Absperrungen aufgestellt wurden, näherten sich die ersten neugierigen Anwohner. Die Arbeiter stellten den Sendemast stumm und präzise auf, fast nach Anleitung, ohne Fragen zu beantworten, bis die Hausverwaltung eintraf.
Im Haus-Chat, wo sonst Mietrückstände und Müllprobleme besprochen werden, erschien ein Foto mit der Frage: Was wird hier am Spielplatz aufgebaut? Wer hat das genehmigt? Innerhalb einer halben Stunde füllte sich der Thread mit Besorgnis.
Ein Mobilfunkturm! schrieb Anke Müller, Mutter zweier Kinder. Darf das wirklich so nah am Haus stehen?
Hat uns niemand vorher gefragt? ergänzte ihre Nachbarin aus dem ersten Stock, und verlinkte einen Artikel über mögliche Strahlungsgefahren.
Am Abend, als die Arbeiter die Werkzeuge wegpackten und das Metallgerüst bereits zwischen den Büschen stand, flammten die Diskussionen wieder auf. Vor dem Hauseingang versammelten sich Eltern. Anke hielt ihr Handy mit geöffnetem Chat, neben ihr stand ihre Freundin Heike Schneider, die fest die Hand ihrer Tochter umklammerte.
Ich will nicht, dass meine Kinder hier spielen, wenn dieser Turm steht, sagte Heike und zeigte auf das Gerüst.
Zu diesem Zeitpunkt kam Lukas Becker aus dem dritten Stockwinkel dazu ein schlanker Typ mit einem Laptop unter dem Arm, ITSpezialist aus der Nachbarschaft. Er hörte die Debatte schweigend, dann sagte er ruhig:
Das ist nur eine Basisstation, nichts Gefährliches. Alles entspricht den Normen, die zulässigen Grenzwerte werden nicht überschritten.
Sind Sie sich da sicher? fragte Anke misstrauisch. Was, wenn Ihr eigenes Kind morgen krank wird?
Es gibt Messungen und Standards. Wir können Fachleute einladen, das offiziell prüfen zu lassen, antwortete Lukas, ohne die Stimme zu erheben.
Sein Freund Markus Braun nickte:
Ich kenne Leute, die so etwas prüfen. Lassen Sie uns das sachlich klären.
Der Frieden im Hof war jedoch vorbei. Im Treppenhaus flogen die Diskussionen bis in die Nacht weiter: manche erzählten von angeblichen Gesundheitsgefahren elektromagnetischer Felder, andere forderten die sofortige Entfernung des Geräts. Die Eltern schlossen sich zusammen: Anke gründete einen separaten Chat für eine Initiative und verfasste einen kurzen Aufruf zur Unterschriftensammlung gegen die Installation. Im Flur hängt ein Schild: Gefahr für die Gesundheit unserer Kinder!
Die ITKollegen lieferten Fakten: Auszüge aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz und der Wohnungsbauordnung, um die Sicherheit und Rechtmäßigkeit des Baus zu belegen. Die Nachrichten eskalierten: Einige rieten zur Vernunft und zum Vertrauen auf Experten, andere verlangten ein sofortiges Baustopp bis zur Aufklärung.
Am nächsten Tag trafen sich zwei kleine Gruppen im Hof: Eltern mit ausgedruckten Flyern und ITLeute mit Normen und Links zu offiziellen Seiten. Dazwischen spielten die Kinder, manche fuhren auf dem nassen Asphalt mit dem Roller, andere jagten sich zwischen den Fliederbüschen.
Wir sind nicht gegen Mobilfunk oder das Internet! protestierte Heike. Warum wurden wir überrumpelt?
Weil die Hausverwaltung zusammen mit der Mehrheit der Eigentümer entscheidet, erwiderte Markus.
Es gab aber keine Versammlung! Wir haben nichts unterschrieben! entgegnete Anke.
Dann muss man die Unterlagen anfordern und unabhängige Messungen durchführen, schlug Lukas vor.
Bis zum Abend kehrte die Debatte in den Chat zurück: Eltern teilten alarmierende Nachrichten und suchten Mitstreiter in benachbarten Häusern, die ITLeute appellierten an die Rationalität und schlugen ein Treffen mit Experten des Betreibers und eines unabhängigen Labors vor.
Am dritten Tag hing im Hof ein neuer Hinweis auf: Gemeinsames Treffen von Anwohnern und Experten zur Sicherheit der Basisstation. Darunter standen die Unterschriften beider Gruppen und der Hausverwaltung.
Zur vereinbarten Zeit versammelten sich fast alle: Eltern mit Kindern im Arm und Ordnern voller Dokumente, ITKollegen mit Ausdrucke und Handys, Vertreter der Verwaltung und zwei Männer in dunklen Kitteln mit dem Logo eines Prüflabors.
Die Experten erklärten geduldig den Messablauf, holten Geräte hervor, zeigten Zertifikate und luden die Anwesenden ein, die Ergebnisse live zu verfolgen. Ein Halbkreis bildete sich um den Mast, selbst die Jugendlichen stellten ihre Skateboards beiseite und hörten zu.
Dieses Gerät misst das Feld hier und hier, näher am Spielplatz alles liegt unter den zulässigen Grenzwerten, kommentierte der Techniker, während er den Rasen entlangging.
Können wir auch an den Fenstern messen? fragte Anke.
Natürlich, wir prüfen jede Stelle, die Ihnen wichtig ist, antwortete er.
Jede Messung wurde von angespannter Stille begleitet; nur das Zirpen der Meisen drang aus dem Gebüsch hinter den Garagen. Alle Werte lagen deutlich unter dem Risikoschwelle, das Labor protokollierte alles und übergab vor Ort ausgedruckte Befunde.
Als der letzte Befund in den Händen der Initiative und der ITLeute landete, herrschte im Hof ein anderes Schweigen: Der Streit war mit Fakten geklärt, doch die Emotionen verweilten.
Die Abendluft wurde etwas trockener die Tagesfeuchte ließ nach, doch der Asphalt strahlte noch Wärme aus. Der Kreis um den Mast löste sich allmählich: einige gingen nach Hause, die Kleinen gähnten, Jugendliche hingen an den Schaukeln und sahen zu, wie die Erwachsenen die Messberichte diskutierten. Müde, aber erleichtert, blickten alle auf die Zahlen, die nun allen verständlich waren.
Anke stand neben Heike, beide hielten die Ausdrucke in den Händen. Lukas und Markus unterhielten sich leise mit den Experten, warfen gelegentlich Blicke zu den Eltern. Der Verwalter wartete still, griff aber nicht ein sein Dasein erinnerte daran, dass der Streit noch nicht endgültig beendet war.
Also alles in Ordnung? fragte Heike, ohne vom Papier aufzusehen. Wir haben uns also umsonst Sorgen gemacht?
Anke schüttelte den Kopf:
Nicht umsonst. Wir mussten selbst nachhaken. Jetzt haben wir Bestätigung.
Sie sprach ruhig, fast zu sich selbst, und erinnerte sich daran, dass die Angst berechtigte Gründe hatte.
Lukas kam näher, deutete auf die Bank unter dem großen Fliederstrauch und lud alle ein, sich zu setzen. Dort versammelten sich diejenigen, die nicht nur die Schlussfolgerungen der Experten hören, sondern auch über die Zukunft des Hofes reden wollten. Markus brach das Schweigen zuerst:
Vielleicht sollten wir feste Regeln festlegen, damit uns künftig niemand über den Tisch zieht.
Ein Vater stimmte zu:
Und damit jede Veränderung im Hof vorher besprochen wird. Nicht nur große Projekte, sondern auch neue Spielgeräte.
Anke sah die Nachbarn um sich herum an. In ihren Augen lag die Müdigkeit der Auseinandersetzung, aber auch der Wille, etwas zu ändern.
Lassen wir uns darauf einigen: Wer etwas installieren oder verändern will, schreibt zuerst in den Hauschat und hängt einen Hinweis an die Treppenhäuser. Ist die Sache umstritten, berufen wir eine Versammlung, stimmen ab und holen Fachleute.
Lukas nickte:
Und wir dokumentieren alle Messungen öffentlich, damit keine Gerüchte entstehen.
Der Labortechniker verstaute seine Geräte, erinnerte kurz:
Bei neuen Fragen zu Strahlung oder anderen Risiken können Sie jederzeit weitere Messungen verlangen. Das ist Ihr Recht.
Der Verwalter bestätigte:
Alle Unterlagen zur Basisstation liegen im Verwaltungsbüro und auf Anfrage per EMail bereit. Entscheidungen treffen wir nur nach gemeinsamer Abstimmung.
Allmählich beruhigte sich das Gespräch. Jemand erinnerte an den alten Sandkasten am Hausende, der schon lange erneuert werden sollte. Die Nachbarn begannen, über das Sammeln von Geld für neue Beläge zu reden; das TurmThema war fast vergessen und hatte den Weg für weitere HofThemen geebnet.
Die Kinder nutzten die letzten Freistunden: Ältere fuhren auf Rollern entlang des Zauns, die Kleinen spielten um die Blumenbeete. Anke beobachtete sie mit Erleichterung die angespannte Stimmung der letzten Tage war verflogen. Sie spürte Müdigkeit, doch diese fühlte sich nun wie ein gerechter Lohn für das gewonnene Vertrauen an.
Unter den Laternen leuchtete der Hof in sanftem Gelb. Das abendliche Treiben ließ nicht sofort nach: Türen schlugen zu, jemand lachte am Müllcontainer, Jugendliche diskutierten die Pläne für morgen. Anke blieb kurz bei Heike stehen:
Es war gut, dass wir uns durchgesetzt haben
Heike lächelte:
Ohne das würde ich nachts nicht schlafen können. Jetzt wissen wir, dass wir die ersten sein werden, die Neuigkeiten im Hof bemerken.
Lukas verabschiedete sich von Markus beide wirkten, als hätten sie gerade eine Prüfung bestanden. Markus winkte Anke zu:
Wenn du willst, zeige ich dir noch ein paar Artikel zur Sicherheit, nur damit du beruhigter bist.
Anke lachte:
Lieber reden wir über das Flurlicht. Seit einem Monat blinkt es noch.
Ein Jugendlicher rief vom Spielplatz:
Mama, noch fünf Minuten?
Anke winkte ihm zu lass sie noch spielen. In diesem Moment fühlte sie sich Teil von etwas Größerem: nicht nur Mutter oder ChatAktivistin, sondern Bewohner eines Viertels, das Konflikte ohne Groll lösen kann.
Als die letzten Eltern ihre Kinder nach Hause riefen, wurde klar: Der Streit um den Mast war beendet, doch neue Fragen blieben Vertrauen, gemeinsames Leben, das Hören der Nachbarn. Jetzt gab es Ordnung, stillschweigend, aber von allen akzeptiert. Wir haben gelernt, dass Angst Platz für Fakten schaffen muss und Fakten Platz für neue Vereinbarungen.
Unter den Fliederzweigen blieb ich noch einen Moment stehen, sog die duftende Luft ein. Der Hof wirkte plötzlich vertrauter, zugleich neu. Ich weiß, dass künftig viele Diskussionen und gemeinsame Aktionen folgen werden. Doch das Wichtigste habe ich heute mitgenommen: Nur wenn wir einander zuhören, können wir zusammen wohnen und das ist die Lehre, die ich mir für die Zukunft merke.







