Der Sohn ist gegangen – und hat uns vergessen

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem meine Tochter, Anneliese Lehmann, nach einem Einkauf erschöpft die vierten Stufen der Berliner Altbauwohnung hinaufstieg. Die Tüten drückten schwer in ihren Händen doch sie sparte nicht an Lebensmitteln; ihre Rente war gut, und ein Leben in Qualität war ihr ganzes Streben.

Im stillen, kühlen Flur stellte Anneliese die Taschen auf den Küchentisch und begann, die Einkäufe auszupacken: Brot, Milch, Käse, ein Dutzend Eier, frisches Gemüse und Obst, und eine kleine Dose roter Kaviar ein Stück Tradition, mit dem sie ihrem einzigen Sohn ein Lieblingsstück bieten wollte. Doch dieser war seit zwei Jahren nicht mehr nach Berlin gekommen, selbst nicht zum Geburtstag seiner Mutter.

Ach, Sebastian,, seufzte Anneliese, vielleicht schaffst du es am nächsten Wochenende. Sie wählte die bekannte Nummer, hörte das lange Klingeln, dann die monotone Stimme, die meldete, der Anschluss sei vorübergehend nicht erreichbar. Sie legte das Telefon auf das Fensterbrett und dachte: Er ist wohl beschäftigt. Ich rufe am Abend noch einmal an. Doch auch am Abend blieb das Telefon stumm. Stattdessen flimmerte im Fernseher ein weiterer Serientitel, während ihre Gedanken immer wieder zu Sebastian wanderten.

Sebastian war das ganze Leben ein Quell des Stolzes für Anneliese gewesen. Sie hatte ihn allein großgezogen, nachdem ihr Mann die Familie verlassen hatte, als Sebastian gerade sieben Jahre alt war. Er war klug, zielstrebig, hatte das Abitur mit Goldmedaille bestanden und anschließend ein renommiertes Studium der Wirtschaftswissenschaften aufgenommen. Nach dem Abschluss fand er eine Anstellung in einer großen Firma, und Anneliese verfolgte mit Freude jede seiner Erzählungen über die Arbeit und die Zukunftspläne.

Dann lernte er Katrin kennen, eine hübsche Frau aus einer gut situierten Familie. Nach einem halben Jahr heirateten sie und zogen nach Hamburg. Anfangs rief Sebastian jede Woche an, kam einmal im Monat zu Besuch, doch im Laufe der Zeit verdünnten sich die Anrufe und Besuche immer mehr, bis er zuletzt nur noch zu Weihnachten erschien.

Anneliese schaltete den Fernseher aus, ging in die Küche, machte Tee und nahm ein Lieblingsplätzchen zur Hand. Ihr Herz war schwer, denn sie verstand, dass Sebastian ein eigenes Leben, Arbeit und Familie hatte, doch sie sehnte sich nach seiner Stimme und seinem vertrauten Gesicht.

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Anneliese eilte zum Apparat, hoffte auf Sebastians Stimme, doch es war ihre Nachbarin, Elisabeth Schubert.

Anneliese, wie geht es dir? Komm doch zum Tee vorbei, ich habe einen Kuchen gebacken.
Danke, Elisabeth, aber ich fühle mich heute nicht besonders gut. Ein andermal, bitte.
Natürlich, gute Besserung. Ruf an, wenn du etwas brauchst.

Anneliese legte auf, ließ das Gespräch hinter sich und nahm ihr Smartphone zur Hand ein Geschenk Sebastians zu ihrem sechzigsten Geburtstag. Sie tippte eine Nachricht: Sebastian, wie geht es dir? Ich habe dich angerufen, aber du hast nicht geantwortet. Vielleicht kommst du zu Besuch? Ich vermisse dich. Sie drückte Senden und wartete hoffnungsvoll.

Kurze Zeit später kam die Antwort: Mama, tut mir leid, ich bin sehr beschäftigt. Viel Arbeit. Ich versuche nächsten Monat vorbeizukommen. Der Monat verging, doch Sebastian kam nicht. Anneliese beschloss, ihn nicht weiter zu bedrängen und dachte: Er hat sein Leben. Vielleicht ist er wirklich so beschäftigt.

Eines Tages, beim Durchscrollen ihres sozialen Netzwerks, sah sie ein Foto von Sebastian vor einem schönen Haus, neben seiner Frau und einem braunen Labrador. Die Bildunterschrift lautete: Unser neues Zuhause! Träume werden wahr! Das Herz der alten Frau zog sich zusammen ihr Sohn hatte ein Haus gekauft, ohne ihr davon zu sagen, und alle Neuigkeiten erfuhren sie nur aus dem Internet, wie ein Außenstehender.

Sie wählte erneut die Nummer. Dieses Mal nahm Sebastian fast sofort ab.

Mama, hallo! Wie gehts dir? Seine Stimme war froh und lebhaft.
Sebastian, ich habe eure Fotos gesehen. Glückwunsch zum Haus! Warum hast du mir nichts gesagt?
Ach, Mama, das habe ich total vergessen. Es liegt alles so im Stress Arbeit, Umzug. Entschuldige.
Verstehe. Wann zeigst du mir das neue Heim? Ich vermisse dich.
Weiß nicht, Mama, ich habe noch so viel zu tun Vielleicht kommst du zu uns? Dann siehst du, wie wir uns eingerichtet haben.
Zu euch? Aber das ist doch weit weg Ich weiß gar nicht, wie ich hinkomme.
Dann später. Ich muss jetzt los, wir reden später.

Er legte auf, und Anneliese starrte auf das verstummte Telefon. Sie dachte: Ich backe einen Kuchen, Sebastian wird hungrig von der Arbeit nach Hause kommen. Doch sofort revidierte sie: Du alter Mensch, er lebt doch in Hamburg. Die Tage verstrichen, das Alleinsein blieb ihr ständiger Begleiter.

Kurz vor dem Jahreswechsel beschloss Anneliese, sich selbst ein Fest zu bereiten. Sie kaufte einen kleinen Weihnachtsbaum, ein paar neue Kugeln, Lebensmittel für das Festmahl. Vielleicht würde Sebastian anrufen, um ihr alles Gute zu wünschen. Am 31. Dezember bereitete sie Salate, Braten, Apfelkuchen zu. Sie zog ihr schönstes Kleid an, frische Haare, sogar etwas MakeUp in der Hoffnung, dass ihr Sohn anrufen würde.

Die Stunden vergingen, das Uhrwerk näherte sich Mitternacht, und das Telefon blieb still. Die Glocken des Berliner Kuppels schlugen zwölf, der Präsident sprach Neujahrswünsche, doch kein Anruf kam. Anneliese wartete bis drei Uhr morgens, dann schlief sie erschöpft ein. Am Morgen fand sie eine kurze Neujahrsbotschaft von Sebastian: Frohes neues Jahr, Mama! Gesundheit und Glück! Kein weiteres Wort, keine Nachfrage nach ihrem Befinden.

Sie saß in der Küche, betrachtete das kalte Essen, das noch auf dem Tisch lag, und fragte sich, ob sie für ihn jetzt fremd geworden war.

Eine Woche später besuchte sie ihre langjährige Freundin Theresa, Krankenschwester in einer städtischen Klinik.
Anneliese, du hast ja zugenommen! Was ist los?
Ach, das Alter.
Und Sebastian? Hast du ihn lange nicht gesehen.
Er lebt in Hamburg, hat ein Haus gekauft, arbeitet viel.
Kommt er zu dir?
Nur selten.

Theresa sah sie ernst an:
Du lebst ganz allein, das ist nicht gut. Vielleicht ziehst du zu ihm?
Er lädt mich nicht ein, flüsterte Anneliese. Und wo soll ich mit meinen Beschwerden hin?

Du bist nicht zur Last, du bist seine Mutter! Lass uns zusammen einen Tee trinken, ich habe gleich Feierabend.

Anneliese erzählte Theresa von ihrer Einsamkeit und von den kurzen Nachrichten ihres Sohnes. Theresa drängte: Er hat ein Recht auf deine Aufmerksamkeit. Rufe ihn an und sag ihm, dass dir das Herz schwerfällt.

Zögernd wählte Anneliese die Nummer, hinterließ die Botschaft: Sebastian, bitte ruf zurück, wenn du Zeit hast. Ich muss mit dir reden.

Sebastian rief am nächsten Tag zurück.
Mama, was ist los? Alles in Ordnung?
Ja, ich wollte nur deine Stimme hören.
Vielleicht heute Abend?
Natürlich, ruf an, wann immer es dir passt.

Er rief nicht. Noch am nächsten Tag und danach ebenfalls nicht. Anneliese beschloss, nicht weiter zu stören.

Im Frühling verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand: Herzbeschwerden, hoher Blutdruck. Der Rettungswagen brachte sie ins Krankenhaus, doch sie lehnte einen Aufenthalt ab. Wer würde dann die Wohnung pflegen? Wer die Pflanzen gießen? Und falls Sebastian plötzlich kommen wollte, wäre sie nicht mehr da?

Elisabeth kam täglich vorbei, brachte frisches Brot, manchmal Suppe oder Frikadellen.
Anneliese, ruf doch Sebastian? Er sollte wissen, dass du krank bist.
Nein, Elisabeth, er hat genug zu tun.
Aber er ist dein Sohn!

Die Wochen vergingen, Sebastian meldete sich nur sporadisch, stets kurz.

Eines Abends klopfte es an der Tür. Anneliese stand mühsam vom Sofa auf, öffnete und sah eine junge Frau mit einer großen Tasche.
Guten Tag, sind Sie Anneliese Lehmann?
Ja, und wer sind Sie?
Ich heiße Lena, ich arbeite im Sozialamt. Ihre Nachbarin hat angerufen, weil Sie Hilfe benötigen.

Lena stellte Unterlagen auf den Tisch.
Wir würden einen Betreuungsvertrag abschließen. Ich komme dreimal die Woche vorbei, helfe beim Einkaufen, messe Ihren Blutdruck alles kostenfrei.
Aber ich habe das nicht verlangt

Plötzlich wurde ihr schwindelig, sie setzte sich. Sie dachte an Elisabeth, die ihr erst kürzlich geholfen hatte, als sie fast von einem hohen Regal gefallen war. In Ordnung, flüsterte sie. Danke.

Lena erwies sich als freundliche, geschickte Helferin. Mit der Zeit gewöhnte sich Anneliese an ihre Besuche und freute sich sogar darüber.

Beim gemeinsamen Tee fragte Lena:
Haben Sie Kinder?
Einen Sohn Sebastian.
Er besucht Sie selten?
Ja, er ist sehr beschäftigt.
Weiß er, dass Sie krank sind?
Nein, ich will ihn nicht beunruhigen.

Lena erzählte von ihrer eigenen Großmutter, die ebenfalls allein lebte, und drängte Anneliese, ihrem Sohn endlich die Wahrheit zu sagen.

Nach langem Zögern wählte Anneliese erneut die Nummer. Sebastian nahm nicht sofort ab, doch schließlich hörte er:
Mama? Was ist los? Du rufst ja spät.
Sebastian, ich ich bin krank.
Warum hast du das verschwiegen?
Ich wollte dich nicht belasten.
Komm sofort nach Hamburg, ich hole dich ab.

Anneliese wollte nicht zur Last fallen, aber die Worte ihres Sohnes brachten ihr ein ungewohntes Gefühl von Hoffnung.

Am nächsten Morgen bereitete sie das kleine Apartment vor, kochte ein einfaches Mittagessen und wartete auf Sebastians Ankunft. Gegen Mittag trug er schwere Koffer herein, umfing sie und flüsterte: Mama, es tut mir so leid.

Er sah, wie blass sie geworden war, wie die Augen an Glanz verloren hatten.
Warum hast du mir das nicht gesagt?
Ich wollte dich nicht belasten.

Sebastian nahm ihre Hände, sah in ihr Gesicht: Du bist meine Familie, Mama. Ich habe zu lange nur an mich gedacht.

Lena kam kurz darauf, überraschte, den Mann zu sehen. Sie erklärte ihm, dass sie nie gewusst hatte, dass er krank war. Sebastian dankte ihr und gestand, dass er nie gewusst hatte, wie sehr seine Mutter litt.

Sebastian erklärte, dass er mit seiner Frau Katrin überlegte, Anneliese zu sich zu holen. Zunächst war sie skeptisch: Ich kann nicht einfach mein Haus verlassen. Doch Sebastian versicherte ihr, dass er ihr Zuhause nicht wegnehmen wolle, sondern dass er sie in die Nähe seiner Familie holen wolle, um sich besser um sie kümmern zu können.

Nach ein paar Tagen packten sie zusammen mit Elisabeths Hilfe die wenigen Habseligkeiten, verabschiedeten sich von den Nachbarn. Elisabeth dankte ihr herzlich, dass sie nun nicht mehr allein sein würde.

Eine Woche später fuhr Sebastian mit seiner Mutter nach Hamburg. Im neuen Haus zeigte er ihr ein helles, geräumiges Zimmer, das er für sie eingerichtet hatte. Katrin begrüßte sie freundlich, zeigte ihr den Garten und erklärte den Tagesablauf. Anneliese spürte, dass sie hier wirklich willkommen war.

Am Abend saßen die drei zusammen auf der Veranda, Sebastian zog tief Luft und sagte:
Mama, es tut mir leid, dass ich so egoistisch war. Ich habe immer nur an meine Karriere gedacht.
Es ist okay, Sohn, jetzt sind wir zusammen.

Sebastian schwor, nie wieder zu vergessen, dass seine Mutter immer für ihn da war, wenn er krank war. Anneliese blickte auf ihren Sohn, die Schwiegertochter und das neue Heim und fühlte zum ersten Mal seit langer Zeit wahre Glückseligkeit. Sie wusste, dass das Leben nun einen neuen, friedlichen Kurs genommen hatte.

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Blind Cat’s Journey: A Tale of Resilience and Hope