Einen Moment! rief Kerstin keck zurück. Zahlt dein ExVater gar keinen Unterhalt?
Ich hab das nie richtig durchblickt, stammelte Nina. Und wir brauchen ja nichts von ihm. Außerdem hat er eine neue Familie.
Ach du meine Güte Was soll man denn mit so einem machen? Ich hätte das früher herausfinden können. Das Gesetz sieht Unterhalt für die Kinder vor, nicht für dich! Und es ist nicht unser Problem, dass er jetzt eine neue Frau und ein Kind hat.
Nina war mit ihrem Familienleben ziemlich zufrieden. Zusammen mit Klaus zog sie die beiden Töchter Liselotte und Heike groß, wohnte in einer kleinen Zweizimmerwohnung, beide arbeiteten.
Klaus leitete ein kleines Transportunternehmen das Geld reichte gerade, wenn man Ninas Einkommen hinzurechnete.
Bei ihrer besten Freundin Kerstin kam Klaus nicht gut an.
Der ist irgendwie träge und faul!, spottete sie bei einem Mädelsabend. Er könnte doch nebenbei etwas verdienen wir haben doch eine ordentliche Familie! Vielleicht als Taxifahrer? Und er liegt nach der Arbeit nur noch faul auf der Couch! Sieht müde aus!
Wir haben nicht mal ein Auto, protestierte Nina zaghaft.
Und wozu? Heutzutage kann man einfach eins mieten wir leben im 21.Jahrhundert!
Aber er ist freundlich, ordentlich und trinkt nicht, verteidigte Nina ihren Mann eifrig. Und er liebt uns und die Mädchen!
Kerstin nahm es nicht übel. Sie kannten sich seit der Schule, und Kerstin sagte immer, was ihr gerade in den Sinn kam, ohne viel zu überlegen. Trotzdem war sie stets hilfsbereit, sowohl mit Rat als auch mit einem kleinen Geldvorschuss bis zur nächsten Gehaltszahlung.
Lange hatte sie das Glück mit Männern nicht gehabt. Erst mit Anfang dreißig fand sie ihr Glück und fuhr mit Klaus in ein fernes Land. Nun kontaktierte sie ihn nur noch per Telefon und sah ihn einmal im Jahr.
Als Klaus plötzlich verkündete, er wolle zu einer anderen Frau ziehen, kam die Nachricht wie ein Donnerschlag. Nina hielt kaum noch die Beine.
Renate ist meine Seelenverwandte, flüsterte Klaus vertrauensvoll. Wir sind auf einer Wellenlänge, und sie erwartet sogar ein Kind einen Jungen.
Ihr kennt euch also schon lange?
Das ist unwichtig, winkte Klaus ab. Wichtig ist, dass ich zu ihr ziehe und ihr die Wohnung räumen müsst.
Renate, die Schulkrankenschwester, war sieben Jahre jünger als Nina, ganz normal aussehend. Sie hatten sich vor einem Jahr kennengelernt, als Liselotte in der Schule hinfiel und Klaus sie abholte.
Die Wohnung, in der Nina und Klaus gelebt hatten, gehörte nicht Klaus. Sie hatte sie nur von einem guten Verwandten gemietet, der nun wollte, dass sie auszieht welch ein Zufall!
Nina hatte nie etwas von den Nebenkosten mitbekommen; Klaus bezahlte alles selbst. Die Rechnungen sah sie nie, zumal Klaus und sein Verwandter denselben Nachnamen trugen.
Schockiert packte Nina alles zusammen, rief ein Taxi, und sie zogen in ein Zimmer einer Dreizimmerwohnung, in der sie vor der Heirat gewohnt hatte.
Sie belog ihre Töchter nicht. Liselotte, elf Jahre alt, war ungewöhnlich scharfsinnig und bemerkte sofort, was vorging. Sie wandte sich von ihrem Vater ab und zeigte Unabhängigkeit. Heike folgte ihr in allem.
Wir werden uns ja sehen, murmelte Klaus beschwichtigend, doch als er merkte, dass keiner hörte, schwieg er.
Schon bald stellte sich heraus, dass er kaum Lust hatte, die Mädchen zu sehen. Natürlich! Jetzt hatte er einen Sohn Viktor, den kleinen Helden und Erben!
Doch Nina fand durch ihre Töchter wieder zu sich. Sie begriff plötzlich, dass sie für sie alles geben würde und kein hinterhältiger Vater mehr nötig war.
Das MiniWohnheim fühlte sich seltsam an. Der Nachbar Onkel Jürgen trank mehr als vor zwölf Jahren und lud ständig Freunde ein. Oma Gerda dagegen war eine unverzichtbare Helferin.
Ach, du meine Güte, sah sie mit Mitleid zu Nina, die Kisten sortierte und zugleich den Mädchen etwas vorsichtiges flüsterte. Keine Sorge, in dieser Welt gibt es viele Idioten, aber auch genug gute Menschen.
Gerda brachte die Mädchen zum Lachen, erzählte skurrile Anekdoten aus ihrem Leben und half beim Putzen und beim Kochen. Sie passte auf die Mädchen auf, wenn sie von der Schule zurückkamen.
Nina nahm einen zweiten Job an und kam oft spät nach Hause.
Liselotte war fleißig, lernte ihre Hausaufgaben selbst und half Heike. Unter Gerdas Aufsicht lernten die beiden schnell, einfache Gerichte zu zaubern, und das Zimmer blieb stets aufgeräumt.
Mit den Mädchen hast du wirklich Glück, zwinkerte Gerda.
Das weiß ich, lächelte Nina müde.
Nach einem halben Jahr hatte sich das Familienleben beruhigt. Sie lebten friedlich, halfen einander und den Nachbarn. Sogar Onkel Jürgen schien vor den Kindern weniger zu trinken und seine Besucher zu reduzieren.
Klaus sah die Mädchen nur ein paar Mal, postete jedoch täglich Fotos und Videos seiner neuen Frau und des Sohnes in den sozialen Medien. Nina hätte das sonst nie mitbekommen, aber Kerstin informierte sie.
Ich verstehe das nicht!, schrie Kerstin, immer noch scharfzüngig. Er hat dich verlassen, und du sagst mir nichts? Wie bitte!
Kerstin, ich kenne dich, antwortete Nina zögerlich. Du würdest dir Sorgen machen, aber du darfst das nicht. Ich bin nicht krank, ich bin schwanger! Und hör nicht, mein Alter zu erwähnen!
Erzähl schnell alles!, drängte Kerstin.
Nina fasste das Geschehene knapp zusammen, fast gleichgültig, weil sie das alles schon verarbeitet hatte.
Gut?, schnippte Kerstin. Ich freue mich zwar, dass ihr am Leben seid, aber dieser er muss bestraft werden!
Kerstin, warum bist du so blutrünstig? Lass ihn leben!
Na gut, darüber denke ich später nach. Und verheimliche mir nichts mehr! Du Heulsuse!
Nina musste lächeln Kerstin konnte immer ihre Stimmung heben.
Ein Monat später kam Klaus plötzlich mit einer neuen Geschichte: Ein Onkel sei verstorben und habe ihm ein Landhaus, ein Auto und eine ordentliche Summe Geld hinterlassen.
Jetzt nehme ich die Töchter mit, erklärte er stolz. Sie sollen wie normale Menschen leben, mit eigenen Zimmern. Hier ist das Dach und die Heizung kaputt, das ist nichts.
Bist du verrückt?, staunte Nina. Du hast dich nie um die Kinder gekümmert.
Ich hatte nichts zu geben. Renate hat einen Psychologiekurs abgeschlossen und will, dass die Kinder in einer normalen Umgebung mit dem Vater aufwachsen. Du verschwindest ständig bei der Arbeit.
Was soll ich noch nach Renates Befehl tun? Welches Experiment?
Wenn du widersprichst, sagte Klaus, nehme ich die Kinder vor Gericht.
Oma Gerda kam rechtzeitig, packte den ungebetenen Gast und schob ihn aus der Tür. Klaus verließ das Haus, stolz darauf, dass er nicht einfach so aufgeben würde.
Was soll ich machen, Kerstin?, weinte Nina fast in den Hörer. Die Wohnung ist wirklich heruntergekommen. Die Hausverwaltung kann das Dach seit zwei Jahren nicht reparieren, die Nachbarn nörgeln, und meine Gehalt reicht kaum.
Einen Moment!, rief Kerstin wieder. Zahlt dein ExVater keinen Unterhalt?
Ich habe das nie richtig verstanden. Und wir brauchen nichts von ihm. Und seine neue Familie
Ach du Was soll man denn damit anfangen? Ich hätte das früher klären können. Das Gesetz schützt die Kinder, nicht dich! Und es ist nicht wichtig, dass er eine neue Frau hat.
Ja, ich
Du bist doch ein bisschen dumme, verzeih mir! Er muss euch bei der Wohnung helfen! Du solltest wenigstens mal den Fernseher anmachen!
Ich habe nie Zeit, fernzusehen. Und du weißt das!
Ich weiß. Tut mir leid. Während das Kind noch nicht geboren ist, habe ich nichts zu tun, also erzähle ich dir alles.
Ich kenne da jemanden in deiner Stadt, sagte Kerstin. Sie wird dir alles verständlich erklären. Warte den Anruf ab und mach nicht schlapp!
Kersteins Bekannte war eine junge, lebhafte Juristin namens Alena. Sie sprach rasch mit Nina und skizzierte das weitere Vorgehen.
Ihr habt Anspruch auf Unterhalt, ein Drittel, wie es das Gesetz vorsieht. Wir haben eine Zweizimmerwohnung gefunden, ihr zahlt die Hälfte der Miete.
Und betet, dass die Mädchen nicht krank werden, denn ihr müsst jetzt auch einen Teil ihrer Behandlungskosten tragen, fuhr Alena hastig fort.
Alena, was bedeutet das denn? fragte Klaus ratlos.
Es heißt, die Mädchen werden bei mir wohnen, erklärte sie mit einer Schulterzuckung.
Und das Gericht wird die Kinder bei ihrer Mutter belassen, weil sie das wollen, ergänzte Alena.
Schließlich einigten sie sich, dass Klaus Unterhalt zahlt, Geld für Renovierungen beisteuert und nicht mehr versucht, die Mädchen wegzuholen.
Entspannt euch nicht, zwinkerte Alena Nina zu. Wir werden ihn noch dazu bringen, euch beim Kauf einer eigenen Wohnung zu unterstützen. Alles wird gut.
Nina hatte keinen Grund, Alenas Energie nicht zu glauben.







