Der verspätete Anruf

Späterer Anruf

Lass sie nicht kommen! Hast du das verstanden? Unter keinen Umständen!

Es ist doch dein Geburtstag. Fünfunddreißig Jahre ein ernstes Jubiläum.

Mir egal. Ich will sie nicht sehen.

Stefan, wie oft noch? Zehn Jahre sind vergangen.

Und weitere zehn werden kommen. Zwanzig. Für mich sind sie tot.

Johanna setzte sich neben ihn, ergriff seine Hand. Warm, angespannt wie immer, wenn das Wort Vater fiel.

Jürgen hat angerufen. Er wollte wissen, ob er kommen darf.

Jörg ja. Einer, ohne die anderen.

Er sagte, die Mutter weine. Sie wolle dich sehen.

Lass sie weinen. Wo war sie, als ich aus dem Haus geworfen wurde? Als ich nachts bei Freunden übernachte?

Eine alte Geschichte. Johanna kannte sie auswendig: das zweite Semester der Universität, die harte Prüfungsphase, die Exmatrikulation. Der Vater, ein pensionierter Oberst, ein Mann mit starren Prinzipien. Schänd die Familie geh weg. Und Stefan zog davon. Ins Nichts

Du hast dich durchgerungen. Hast ein anderes Studium abgeschlossen, einen Job gefunden.

Auf eigene Faust! Ohne sie! Und Jörg kaufte später eine Wohnung! Und ein Auto. Ein Lieblingsstück!

Sei nicht böse auf deinen Bruder. Er hat nichts getan.

Ich bin nicht böse. Aber ich will die Eltern nicht mehr an meiner Tür sehen.

Johanna seufzte. Ein sinnloses Gespräch, wie immer.

Am Abend spülte sie das Geschirr und dachte an ihr eigenes Schicksal. An die Mutter, die sie drei Jahre vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr gesehen hatte.

Damals war sie wütend über die ständige Herabwürdigung, die grundlosen Strafen, die Demütigungen. Sie fuhr in eine andere Stadt, änderte ihre Telefonnummer.

Kurz darauf rief die Tante an: Die Mutter sei gestorben Leberkranke. Sie war die einzige im Krankenzimmer.

Bis heute träume ich nachts vom Klang ihrer Stimme:

Johanna, verzeih mir und sie legte das Telefon auf.

Was hast du vor? Stefan umarmte sie von hinten.

Ich denke an meine Mutter.

Kaum ein Ende in Sicht?

Ich kann nicht loslassen. Ich hätte kommen sollen, wenigstens zum Abschied.

Sie hat dich betrogen, Johanna! Dein Stipendium verschwendet.

Aber sie war krank. Die Vorliebe für Alkohol ist doch eine Krankheit.

Und was? Nur eine Ausrede?

Nein. Aber ich hätte verzeihen können. Jetzt ist es zu spät.

Stefan drehte sich zu ihr.

Qual dich nicht. Du hast getan, was du konntest. Du hast dich gerettet.

Und die Seele verloren.

Unsinn. Du hast die reinste Seele, die ich kenne.

Er küsste sie an die Schläfe, und Johanna lehnte sich an ihn. Er verstand nicht, wie man mit Schuld lebt.

Den Geburtstag wollten sie zu Hause feiern. Fünfzehn Gäste enge Freunde, Kollegen, Julius mit seiner Frau.

Am Morgen wirbelte Johanna durch die Küche. Salate, heißes Essen, eine Torte war bestellt. Stefan half schnitt Gemüse, deckte den Tisch.

Kommt Jörg wirklich allein? fragte er zwischen den Aufgaben.

Er hat versprochen.

Gut.

Um sieben Uhr begannen die Gäste zu erscheinen. Julius tauchte gegen halb acht auf. Zwei Gestalten drängten sich hinter ihm.

Der Vater grau, steif wie ein Stock, im strengen Anzug. Die Mutter klein, im Blumenkleid, mit einer Schachtel in den Händen.

Stefan erstarrte mit einer Flasche in der Hand.

Was soll das bedeuten?

Stefan, mein Sohn die Mutter trat vor.

Ich habe euch nicht eingeladen.

Wir kamen von selbst, sagte der hartnäckige Vater. Wir haben ein Recht!

Ihr habt keines! Julius, was soll das?

Bruder, beruhig dich. Das sind doch meine Eltern!

Mir egal! Verschwinde!

Die Gäste erstarrten. Einige mit Glas, andere mit Teller. Eine unbeholfene Stille breitete sich aus.

Stefan, das reicht, flüsterte Johanna und berührte seine Hand.

Nein, es reicht! er brach los. Zehn Jahre kannt ihr mich nicht! Meine Hochzeit habt ihr ignoriert! Den Enkel erkennt ihr nicht! Und jetzt taucht ihr auf?

Wir wollten nur gratulieren, reichte die Mutter die Schachtel. Alles Gute zum Geburtstag.

Schiebt eure Glückwünsche weg! Ich will nichts von euch!

Stefan, hör auf mit dem Drama! brüllte der Vater. Benimm dich wie ein Mann!

Wie habt ihr mich erzogen? Einen Sohn hinauswerfen, weil er gescheitert ist?

Du hast die Familie entehrt!

Ich war nur Student! Ein gewöhnlicher Student, der die Prüfungen nicht bestand!

Wegen Feiern und Frauen!

Und das rechtfertigt, meinen Sohn rauszuwerfen?

Die Mutter weinte. Der Vater wurde rot.

Wir wollten dir eine Lehre geben!

Ihr habt mir das Leben ruiniert! Ohne dich, Johanna, ohne Freunde, wo wäre ich jetzt?

Übertreib nicht! Ich habe überlebt!

Ohne euch überlebt! Und ich werde weiterleben!

Julius versuchte zu vermitteln.

Ruhe, bitte. Die Gäste

Lasst sie gehen! drehte Stefan sich zu der Tür. Raus! Beide!

Der Vater richtete sich noch größer auf.

Nun weiß ich, dass ich richtig gehandelt habe. Alles, was wir besitzen, geht an Julius. Bis zum letzten Pfennig! Und du bist nichts. Ein leeres Feld!

Mir egal, was ihr habt!

Mal sehen, wie du singst, wenn wir nicht mehr hier sind.

Auf Nimmerwiedersehen!

Die Eltern verließen das Haus. Die Mutter schluchzte, der Vater schritt schwer. Julius folgte ihnen, rief irgendetwas, flehte.

Im Zimmer herrschte Stille.

Entschuldigt, sagte Stefan zu den Gästen. Familiäre Zwistigkeiten.

Schon gut, das passiert, versuchte jemand die Spannung zu lösen.

Doch das Fest war ruiniert. Die Gäste verließen rasch das Haus. Nur Julius blieb zurück, bleich und betrübt.

Warum hast du sie gebracht? fragte Stefan müde.

Ich dachte, ihr könnt euch versöhnen. Meine Mutter bat mich.

Sie kann so viel bitten, wie sie will. Mir egal.

Bruder, das ist nicht richtig. Sie sind alt geworden.

Und? Das Alter ist doch nur ein Vorwand?

Der Vater sprach ernst vom Testament. Du bekommst nichts.

Gott sei Dank. Ich brauche ihre Almosen nicht!

Julius ging. Johanna räumte schweigend den Tisch ab. Stefan setzte sich aufs Sofa, vergrub das Gesicht in den Händen.

Habe ich das Richtige getan?

Weiß ich nicht. Aber ich verstehe dich.

Sie haben sich nicht einmal entschuldigt. Sie kamen, als wäre nichts geschehen.

Der Stolz lässt das nicht zu.

Und mein Stolz? Konnte ich zerquetscht werden?

Johanna setzte sich zu ihm, umarmte ihn.

Nicht. Aber manchmal manchmal ist Verzeihen besser, solange es noch geht.

Wie geht es deiner Mutter?

Sie ist gegangen.

Das ist etwas anderes, Johanna. Deine Mutter war krank. Meine Eltern waren einfach nur hart.

Vielleicht. Vielleicht können sie einfach nicht anders lieben.

Drei Jahre vergingen. Ein gewöhnlicher Morgen, Stefan bereitete sich auf die Arbeit vor, das Telefon klingelte Julius.

Bruder, mein Vater liegt im Krankenhaus. Schlaganfall.

Etwas in ihm brach.

Wirklich?

Die Ärzte sagen sagen, er könnte nicht mehr erwachen.

Verstanden.

Kommst du?

Keine Ahnung.

Stefan, er ist dein Vater. Was immer passiert.

Stefan legte auf. Johanna sah fragend.

Der Vater ist am Rande.

Fahr.

Warum? Er will mich nicht sehen.

Und du? Willst du, dass er so vergeht?

Stefan schwieg. Erinnerungen an die Kindheit kamen zurück: Der Vater, der das Fahrradfahren lehrte, das Angeln am See, die schwere Schultasche in der ersten Klasse, die feste Hand des Vaters.

Wann wurde er zum Tyrannen?

Fahr, wiederholte Johanna. Es wird zu spät werden.

Im Krankenhaus roch es nach Medizin. Die Mutter saß im Flur klein, grau, verloren. Sie sah Stefan und sprang auf.

Stefan! Du bist da!

Sie umarmte ihn. Er stand wie ein Pfosten, sprachlos.

Wie geht es dem Vater?

Schlecht. Die Ärzte geben keine Hoffnung.

Darf ich zu ihm?

Er ist bewusstlos, aber man sagt, er hört.

Das Zimmer: Der Vater lag im Bett, Schläuche, Tropf, Monitore. Nicht mehr der strenge Oberst, sondern ein schwacher Greis.

Stefan setzte sich neben ihn, ergriff die trockene Hand leicht wie ein Vogel.

Vater, ich bin’s. Stefan.

Stille. Nur das Piepen der Monitore.

Ich ich muss dir sagen. Ich war wütend. Lange Zeit. Weil du mich rausgeworfen hast. Weil du gleichgültig warst. Weil du Jörg bevorzugt hast, nicht mich.

Die Hand zitterte. War es nur Einbildung?

Aber weißt du was? Ich vergebe dir. Hörst du? Ich verzeihe dir alles.

Die Augen des Vaters öffneten sich. Trüb, doch er erkannte.

Vater?

Seine Lippen zuckten. Stefan neigte sich.

Ver vergib

Ein Wort, kaum hörbar, doch Stefan vernahm es.

Ich habe verziehen, Vater. Es ist in Ordnung.

Der Vater schloss erneut die Augen, nun mit Frieden im Gesicht.

Stefan blieb sitzen, hielt seine Hand. Er redete über die Arbeit, die Familie, den Enkel, den der alte Mann nie gesehen hatte.

In der Nacht verließ der Vater das irdische Dasein. Leise, still, im Schlaf. Die Mutter sagte, er habe auf Verzeihung gewartet.

Nach der Beerdigung saßen Stefan und Johanna zu Hause, tranken Tee, schweigend.

Wie geht es dir? fragte sie.

Seltsam. Ich dachte, ich hätte mich befreit. Aber innerlich leer.

Du hast richtig gehandelt, zu gehen.

Weißt du, er hat verzeihe gesagt. Zum ersten Mal in seinem Leben.

Der Stolz zerbrach vor einer neuen Welt.

Auch meiner.

Johanna hob den Kopf.

Johanna, vergib dir selbst. Für deine Mutter. Sie hätte nicht gewollt, dass du dich quälst.

Woher weißt du das?

Weil Eltern ihre Kinder lieben. Auch wenn sie es auf krumme, schmerzhafte Weise tun. Und sie vergeben alles.

Johanna weinte. Stefan umarmte sie, drückte sie an sich.

Wir sind beide töricht gewesen. Wir hielten an Verletzungen fest, nagten uns selbst. Wir hätten einfach einfach vergeben sollen.

Jetzt wissen wir es.

Zu spät für sie. Aber wir leben noch. Und können das Gewicht abwerfen.

Draußen fiel der erste Schnee des Jahres rein, weiß. Wie Verzeihung. Wie ein neues Blatt.

Stefan dachte an den Vater. Wie sie früher hätten Frieden schließen können. Wie viel Zeit durch Zorn verloren war.

Doch er hatte es rechtzeitig gesagt. Er hatte gehört. Und das war schon viel.

Sei weise, lerne zu vergeben, denn Eltern sind nicht ewig und man wählt sie nicht

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Der verspätete Anruf
Married Bliss: A Celebration of Love and Commitment!