Liebes Tagebuch,
Der Morgen in unserer kleinen Wohnung in Berlin begann wie immer mit dem vertrauten Geräusch des Wasserkochers, der auf dem Herd vor sich hin sprudelte. Hinter der Küchenwand flüsterten die Kinder leise: meine ältere Tochter Heike packte ihre Schultasche, während mein Sohn Lukas noch nach seiner verschwundenen Handschuhsuche. Wir beide hatten uns längst an diesen Rhythmus gewöhnt: ein kurzer Plausch am Waschbecken, ein schneller Austausch über das Frühstück und die Tagespläne. Draußen war das Licht noch schwach, der Frühling stand noch am Anfang der Schnee war fast weg, nur Pfützen voller Schmutzwasser zeugten vom Winter. Im Flur trocknete das nasse Schuhwerk, das wir gestern nach dem Weg nach Hause ganz durchnässt hatten.
Anna blätterte auf ihrem Smartphone durch Rechnungen und Einkaufsliste. Sie versuchte, das Haushaltsbudget im Blick zu behalten, doch in letzter Zeit reichte das Geld kaum bis zur Monatsmitte. Ich trat aus dem Bad, ein Handtuch über der Schulter.
Hast du das gehört? Heute sollte das Schreiben von der Bank zur Grundschuld kommen etwas ändert sich beim Zinssatz, sagte ich.
Anna nickte nur halbherzig. Banknachrichten kamen oft, doch die Unruhe ließ sie seit Wochen nicht los. In den letzten Tagen erwischte sie sich immer häufiger dabei, selbst die kleinsten Ausgaben zu hinterfragen etwa das Brötchen für Lukas nach der Schule.
Gegen Mittag traf die Mail ein: Ab April steigt der Hypothekenzins, die neue Rate ist fast doppelt so hoch wie bisher. Anna las das Schreiben dreimal hintereinander, die Zahlen hüpften vor ihren Augen wie Regentropfen an einem Fenstersims.
Am Abend setzten wir uns früher als üblich zum Essen zusammen. Heike machte leise ihre Hausaufgaben, Lukas spielte mit seinen Autos unter meinem Stuhl. Auf dem Tisch lagen ein Taschenrechner und ein ausgedruckter Tilgungsplan.
Wenn wir das jetzt so zahlen schaffen wir das nicht, selbst bei strengstem Haushalt, begann ich langsam. Wir müssen jetzt etwas entscheiden.
Wir gingen die Optionen laut durch: Refinanzierung jedoch zu schlechteren Konditionen; Eltern um Hilfe bitten sie kommen selbst kaum über die Runden; ein neues Förderprogramm suchen Bekannte meinten, ein zweiter Kredit sei jetzt unmöglich. Jeder Gedanke wurde leiser, während die Kinder unruhig lauschten.
Vielleicht ein paar Sachen verkaufen? Oder auf die Hobbys verzichten? schlug Anna vorsichtig vor.
Ich zuckte mit den Schultern. Wir könnten klein anfangen, aber das reicht nicht, um die Differenz zu schließen.
Am nächsten Tag durchwühlten wir gemeinsam Schränke und Dachböden: altes Spielzeug, das Lukas längst nicht mehr brauchte, den alten Fernseher, den wir schon durch einen Laptop ersetzt hatten, Bilderbücher für die Kleinen und eine Kiste Winterkleidung für das Wachstum. Jede Entscheidung löste Erinnerungen aus: Soll ich das Kleid von Heike für die kleine Schwester aufheben? Braucht jemand aus der Familie den Kinderwagen noch?
Die Gegenstände landeten in zwei Stapeln: zu verkaufen und zu behalten. Gegen Abend sah die Wohnung aus wie ein Lager voller Erinnerungen; Müdigkeit und leichte Reizbarkeit mischten sich, weil wir zwischen Vergangenheit und Gegenwart abwägen mussten.
Unsere Ausgabenliste schrumpfte Zeile für Zeile. Statt ins Kino zu gehen, sahen wir Filme zu Hause; anstatt am Wochenende ins Café zu gehen, buk ich Pizza selbst. Die Kinder beschwerten sich über den verlorenen Schwimmbadbesuch und den Tanzkurs, aber wir erklärten, dass das nur vorübergehend sei, ohne in Details über Zinsen und Banken zu gehen.
Manchmal entzündeten sich die Diskussionen sofort:
Warum müssen wir gerade beim Essen sparen? Ich könnte doch auf Fahrten oder Dinge verzichten!
Schnell beruhigte ein Kompromiss die Stimmung: Na gut probieren wir einfach eine Woche so zu leben.
Der härteste Moment war das Familienmeeting einige Tage nach dem Brief der Bank. Draußen prasselte erneut Regen, die Luft blieb kühl, obwohl die Heizung wegen der angespannten Finanzen aus war. Die Fenster blieben fast den gesamten März über geschlossen, man fürchtete Erkältungen vor der Schule. Auf dem Tisch standen Tassen halbgeleerten Tees neben den Ausgabenlisten; der Taschenrechner blinkte in rotem Licht.
Wir besprachen laut jede Kostenstelle: Medikamente für die Kinder da kann nichts wegfallen; Lebensmittel vielleicht günstiger? Telefon auf einen billigeren Tarif umsteigen? Arbeitsweg zu Fuß gehen?
Die Stimmen wurden lauter, wo persönliche Interessen aufeinanderprallten:
Ich muss zu meiner Mutter fahren! Ihr Blutdruck ist wieder hoch!
Ich erwiderte: Wenn wir hier nicht wenigstens ein bisschen sparen, müssen wir Geld leihen oder die Kreditrate verzögern und das könnte bedeuten, dass wir die Wohnung verlieren.
Jeder verstand den Preis der Entscheidung nur zu gut, jedes Wort schnitt die Stille wie Regentropfen auf die Küchenfensterbank.
Der nächste Morgen nach dem Treffen war klar und frisch; die Sonne spiegelte sich in den Pfützen, doch die Luft war noch kühl. Im Flur stand neben den Schuhen eine Kiste mit den zum Verkauf vorgesehenen Sachen, und auf dem Küchentisch lag wieder der Taschenrechner und das vollgeschriebene Ausgabenblatt. Anna hob die Kiste, um sie zur Tür zu tragen heute wollten wir die ersten Anzeigen schalten.
Ich hatte bereits den Wasserkocher aufgesetzt und Brot für die Kinder geschnitten. In meinen Bewegungen lag jetzt Ordnung: Jeder wusste, was morgens zu tun war. Heike fragte leise: Was machen wir mit meiner alten Jacke?
Wir geben sie weiter, wo sie mehr braucht. Vielleicht kauft sie jemand für die kleine Schwester, antwortete ich ruhig.
Sie nickte und zog ihre Schnürsenkel, ohne den üblichen Protest oder das Unmutseuphonie.
Den Rest des Tages fotografierten wir Spielzeug und Bücher aus der Kiste, stellten die Bilder in die Nachbarschaftschats und auf die Online-Anzeigenplattform. Die Korrespondenz verlief gemächlich jemand erkundigte sich nach dem Preis eines Spielautos, ein anderer nach den Maßen des Winteroverall. Am Abend gelang uns der erste Verkauf: Eine junge Frau aus der Nachbarschaft kaufte ein Set Kinderbücher.
Anna legte das Geld sorgfältig in die Kammer für Notfälle wir hatten beschlossen, jeden kleinen Betrag beiseite zu legen. Es war eine Kleinigkeit, doch das Gefühl von Kontrolle über die Situation wuchs: Nicht mehr passives Warten auf die Bank, sondern ein konkreter Schritt in die neue Realität.
Das Wochenende verging im Aufräumen: Ich baute den alten Fernseher ab ein Käufer fand sich über Bekannte, die Kinder halfen, die Kleidung in die Tüten zu verkaufen und zu verschenken zu sortieren. Diskussionen entstanden nur selten, meist über das Für-Notfall-Prinzip. Jetzt verliefen die Gespräche ruhiger, Entscheidungen gemeinsam getroffen, ohne scharfe Vorwürfe.
Das warme Frühlingswetter ließ uns die Fenster weit öffnen das erste Mal seit einem Monat atmete die Wohnung richtig. Kühle Luft strömte herein, Knospen trieben an den Bäumen, ältere Kinder spielten im Hof. Wir frühstückten spät mit Pfannkuchen, und anstatt über Geldprobleme zu reden, sprachen wir über die bevorstehende Woche.
Am Montag kam ich später von der Arbeit nach Hause: Ich hatte ein Vorstellungsgespräch für eine Teilzeitbuchhaltung bei einem lokalen Handwerksbetrieb bekommen. Wir vereinbarten, ein paar Abende die Buchführung online zu erledigen wenig Geld, aber jeder Euro zählte jetzt.
Auch ich fand einen Nebenjob als Kurier für eine Liefer-App. Wir planten die Schichten so, dass immer jemand zu Hause blieb, bis die Kinder schlafen. Heike bot an, kurz vor dem Schlafengehen auf Lukas aufzupassen.
Die ersten Tage waren ermüdend; die Arbeit, das Haus, die Kinder alles forderte Kraft. Doch als die erste Überweisung für meine Kurierfahrten eintraf ein bescheidener Betrag, aber er kam hellte sich die Stimmung sofort. Auf der Küchenwand erschien ein neuer Posten im Haushaltsplan: Zusatzverdienst. Die Zahlen stiegen langsam, anstatt weiter im Minus zu schwelgen.
Eines Abends zählten wir gemeinsam das gesparte Geld aus Verkäufen und Nebeneinkünften, legten die Münzen in die Notfallkammer und prüften das Kartenlimit nach der Kreditrate. Das Ergebnis übertraf unsere Erwartung: Wir konnten uns sogar die Monatstickets für die Kinder leisten, ohne Schulden zu machen.
Also, das klappt! Wir schaffen das, sagte ich leise und lächelte Anna an, so warm, dass die Anspannung der letzten Wochen fast verflog.
Ich spürte zum ersten Mal seit dem Brief der Bank Erleichterung kein Euphorie, sondern das beruhigende Wissen, dass unser Zuhause noch mindestens ein Jahr, vielleicht länger, bestehen bleibt, solange wir gemeinsam am Ball bleiben.
Gegen Ende März wirkte unser Alltag kaum verändert für Außenstehende: weniger Spontankäufe, weniger unnötige Ausflüge, mehr Gespräche über Alltagsdetails, die früher als selbstverständlich galten. Manchmal beschwerten wir uns über Müdigkeit oder Zeitmangel, doch häufiger klang ein dankbares: Danke für deine Geduld gestern, Es war schön, das Wochenende zusammen zu verbringen.
Der Frühling drang langsam in die Stadt ein. Eines Morgens bemerkte Lukas grüne Keimlinge im Fensterbrett, die wir im vergangenen Sonntag gemeinsam in Töpfen gepflanzt hatten. Alle fühlten einen stillen Stolz über dieses kleine Wachstum ein Symbol dafür, dass selbst in schwierigen Zeiten etwas Neues entstehen kann, wenn man zusammenhält.
Die wichtigste Erkenntnis dieser Monate war für mich, dass wahre Stärke nicht im Vermeiden von Problemen liegt, sondern im gemeinsamen Lösen. Jeder Kompromiss wurde zu einem kleinen Sieg über die Umstände, nicht zu einem Zeichen von Schwäche.
Gute Nachrichten kamen selten, doch jeder Verkauf einer unnötigen Sache wurde zu einem kleinen Fest, zu einem Anlass, Dankbarkeit zu zeigen und neue Pläne zu besprechen. Die Angst, das Wichtigste zu verlieren, lehrte uns, das einfache Miteinander zu schätzen: ein gemeinsames Abendessen ohne Fernseher, das Lachen meines Sohnes über ein gefundenes Spielzeug, ein ruhiges Gespräch vor dem Schlafengehen, weil wir nicht mehr hinter dem Spruch Alles wird gut verstecken mussten weil es tatsächlich ein Stück Wahrheit geworden war.
Der Abend kam, einer der seltenen, an denen keiner eilig war. Wir saßen zusammen am Tisch, redeten über die Frühlingspläne, die Kinder sortierten Samen für neue Blumenkästen, ich erzählte einen Witz über Lieferungen, und alle lachten sofort. Die Entscheidung über die Hypothek lag hinter uns, die Kosten waren nun klar, und das Ergebnis zeigte sich erst jetzt: Wir haben Zeit anders investiert, als wir es vor einem Jahr noch wollten, aber das Haus bleibt unser, und die Beziehungen sind stärker geworden.
Ich habe gelernt, dass Zusammenhalt das wahre Fundament ist nicht das Geld, sondern das gemeinsame Handeln, das jeden Sturm übersteht.







