Hey, ich muss dir kurz die Geschichte von Viktor Koltz erzählen, dem alten Feuerwehrmann, der jetzt fast nur noch als Nachtwächter arbeitet und mit seiner kleinen Rente von etwa 7500Euro im Monat versucht, das Leben noch ein bisschen spannender zu machen.
Es war an einem kühlen Septemberdienstag, als er zum ersten Mal die Sporthalle der Gesamtschule in Köln betrat. Der Linoleumboden war schon ziemlich abgenutzt, an der Wand standen ein paar alte Trainingsgeräte und ein zusammenklappbarer Tisch, auf dem ein Bündel Feuerwehrschläuche, Helme und zwei zusammengewickelte Schutzhosen lagen. Rund um den Tisch drängten sich acht Jugendliche drei Mädchen und fünf Jungen die zwischen 14 und 18Jahre alt waren. Der Jüngste sah aus, als wäre er gerade 14, der Älteste bereitete sich gerade auf das Abitur vor. Sie klackerten mit ihren Handys, lachten über ein selbstgebasteltes Plakat mit dem Spruch Feuer ist kein Freund, aber wir sind es nicht auch und posierten für Fotos.
Die stellvertretende Schulleiterin, eine trocken wirkende Frau in einem Blazer mit dem Emblem der Bezirksverwaltung, stellte den neuen Trainer vor: Kinder, das ist Viktor Koltz, ein echter Retter. Viktor nickte nur leise. Seit er den Feuerwehreinsatz hinter sich gelassen hatte, fühlte sich das Wort Retter für ihn ein bisschen fremd der Rang war nur noch in alten Dienstvorschriften, die nächtlichen Sirenen aber hatten sich tief ins Gedächtnis eingebrannt.
Er fing ganz simpel an: Jeder sollte Name, Alter und Grund für die Teilnahme nennen. Ich will Menschen retten, Retter zu sein klingt cool, Hilft beim Studium so flogen die Antworten nur so. Besonders fiel ihm Anke auf, eine schlanke Neuntklässlerin, die sagte: Ich will wissen, wie Rauchschutz funktioniert, später mache ich ein Studium zur Sicherheitstechnik. Das war das erste Mal, dass einer der acht schon an eine konkrete Fähigkeit dachte.
Die erste Einheit dauerte etwa eine Stunde. Viktor zeigte, wie man den SchlauchRollen ohne Ruckeln mit beiden Händen hochzieht, damit die Manschette nicht reißt, und ließ die Jugendlichen den Schlauch über die Umkleideräume ausrollen. Die Jungs rannten los, verhedderten sich aber schnell, und das Gelächter hallte durch den Raum. Viktor rief nicht mit, sondern ging hin, sortierte die Knoten und forderte dann einen stillen, zeitgesteuerten Durchlauf. Auf dem StoppUhrDisplay standen vier Minuten dreißig Sekunden die Gruppe begriff, dass selbst ein Spiel Konzentration braucht.
In der nächsten Woche trainierten sie im Hof der ehemaligen P12-Feuerwache. Der Turm zum Trocknen der Schutzhosen war weg, aber die Betonrampe blieb, die sich super zum Lauf mit Rückenpacken und Feuerlöschern eignete. Der Morgen war frisch, das Gras glitzerte vom Frost. Viktor prüfte, dass alle Gurte festgezogen waren, und gab das Startsignal. Der erste Aufstieg ging gut, beim zweiten wurden die Beine schwer, zwei Jugendliche setzten sich an die niedrige Mauer.
Ohne Atemschutzgerät am Rücken ist das noch leichter, meinte Viktor, als sie wieder durchgeatmet hatten. Kein Ding, wir gewöhnen uns dran, grinste der Älteste, der sich Danilo nannte, und wischte sich die Stirn mit dem Ärmel ab.
Zum Aufwärmen erzählte er kurz von einem Brand in einem Lagerhaus vor zehn Jahren: 300Grad unter der Decke, die Kartons stürzten ein, wir schoben zwei Schläuche rein, der Wind wehte durch die offene Tür wie durch ein Rohr. Nach fünfzehn Minuten waren die Masken von innen beschlagen. Die Zahlen ließen die Gruppe kurz innehalten.
Bis Ende September kannten die Jugendlichen das GDZSKettenglied, wofür die Doppellage im Kampfanzug steht und warum man nicht rennen darf, wenn der Helm gefallen ist. Eines Tages machte Viktor ein DunkelTraining: Licht aus, Nebelmaschine an, ein Manikin versteckt. Ziel war, den Verletzten zu finden und zur Tür zu bringen. Nach drei Minuten hakte ein Seil, Jaroslavs Taschenlampe erlosch, das Team verlor die Orientierung und musste nacheinander aus dem Dunkel geführt werden.
Nach dem Einsatz fragte der Jüngste, Valeri, Herr Koltz, was, wenn dort echtes Feuer wäre?
Dann würdet ihr die Atemschutzgeräte anziehen, antwortete Viktor. Und ihr hättet nur neunzig Sekunden, um den Verletzten zu finden.
Der Oktober schlich sich leise an. Die Ahornblätter am Feuerwehrhaus wurden gelb, die Sonne ging früher unter, und um fünf Uhr war es schon kalt. An einem Freitag durfte die Jugendtruppe die aktive Wache besuchen, den Turm hochklettern, alte Geräte ohne Druckluft anprobieren und die Flutlichtanlage einschalten.
Als es dunkel wurde, versammelte Viktor die Gruppe im Kreis. Ein Durchzug zwischen Garage und Lager machte die Luft beißend. Die Jugendlichen setzten sich auf den Beton, Danilo lehnte sich gegen die Schlauchrolle.
Es gibt Dinge, die ihr im Lehrbuch nie findet, begann Viktor, ich erzähle euch ein Erlebnis. Wenn ihr danach meint, das ist nichts für euch, verstehe ich das. Er dachte an eine Januarnacht im Jahr 2016 zurück, ein Brand im fünften Stock eines neunstöckigen Wohnhauses. Der Rauch füllte das Treppenhaus, das Licht fiel aus. Wir liefen nach oben, in den Masken blieben nur noch acht Minuten Luft. Wir fanden eine Frau mit ihrem zweijährigen Sohn, brachten sie zur Rettungsplattform und die Atemluft war aus, der Alarm schrillte. Der Kleine wurde ins Krankenhaus gebracht, kam aber nicht mehr.
Seine Stimme zitterte nicht, doch innerlich spürte er das alte Brennen unter den Rippen. Normalerweise reichte eine knappe Bemerkung Ein Kind ist gestorben, aber heute ließ er die ganze Geschichte los.
Die Äste einer Wildbirne knackten im Wind. Anke hockte mit verschränkten Knien, Danilo drehte nicht mehr an der Rolle, Valeri senkte den Kopf, als würde er seinem eigenen Herzen lauschen.
Warum erzählst du das?, fragte Jaroslav.
Damit ihr versteht, nicht jedes Retten endet mit einer Titelseite. Manchmal kommt man nach Hause mit leeren Händen und fragt sich, ob es das war, was man wollte, sagte Viktor und schaltete das Flutlicht aus. Der graue Dämmerlichtschleier bedeckte das Gelände, ein ferner Laternenstrahl leuchtete zum Ausgang. Die Kälte drängte die Entscheidung, die jeder von ihnen heute treffen musste.
Am Wochenende gab es keinen Unterricht, jeder ließ die Worte sacken. Am Montag kam Viktor früh zur Schule, das graue Morgenlicht lag schwer, ein feiner Frost lag auf dem Asphalt. An einem Notausgang, wo die Betontreppe zum vierten Stock begann, legte er zwei Übungsschläuche aus. Die Stoppuhr klirrt in seiner Hand, das kalte Metall tickte wie ein alter Sirenenton.
Erst kam Anke, in einem alten Fleecepullover, darüber ein Arbeitsanzug ohne Aufschriften. Sie nickte still, schnallte die Karabiner an. Danach kamen die anderen. Zählen ging bis sechs Jaroslav und Valeri fehlten noch. Viktor fragte nicht, warum sie nicht da waren, gab ihnen eine Minute Aufwärmzeit und bereitete das Gespräch vor.
Als die Sekunde verstrichen war, hörte man hastige Schritte im Flur. Valeri kam, achtzehn Sekunden zu spät, keuchend, mit Helm in der Hand. Kurz danach folgte Jaroslav, die Augen noch halb geschlossen vom Schlaf. Die Gruppe war wieder komplett, und Viktor spürte, wie ein Knoten in seiner Brust lockerte.
Habt ihr euch entschieden?, flüsterte er.
Ja, sagte Danilo. Wir wollen weitermachen. Nur die Fragen werden mehr.
Die erste Aufgabe war Auf- und Abstieg mit Schlauch. Die Öffnung war nur breit genug für je zwei Personen. Anke und Jaroslav gingen zuerst, Anke trug den Schlauch, Jaroslav sicherte. Danilo und Valeri folgten, danach die Jüngeren und schließlich Natalie, die die Kette schloss. Viktor drückte den Startknopf, die Uhr tickte.
Im zweiten Abschnitt wurden die Muskeln schwer, im dritten brach Valeri den Schlauch, die Leine schnitt in sein Handgelenk, aber er zog ihn wieder hoch. Viktor beobachtete, griff nicht ein ohne echtes Feuer ist das nur eine Lektion in Berechnung. Das erste Duo erreichte die obere Plattform in 1Minute59Sekunden, die ganze Gruppe in 4Minuten20Sekunden.
Sie kletterten hinunter, setzten sich auf die Helmhaufen, atmeten langsam aus.
Fragt, was ihr wollt, bot Viktor an.
Danilo hob den Blick: Wie lebt man weiter, wenn man bei Einsätzen nicht schnell genug ist?
Viktor dachte an das Brennen von Kabeln, an Sirenen und das Krachen der Rettungswagenklappe.
Ich wache noch nachts auf. Die ersten Jahre habe ich mich selbst dafür gehasst, dass ich das Kind nicht früher gerettet habe. Dann merkte ich: Wenn du dich nur mit Schuld belastest, kommst du nie die nächste Treppe hoch. Der Dienst ist kein Heldentum, sondern die Entscheidung, jedes Mal zu gehen, obwohl du weißt, dass du vielleicht zu spät kommst.
Er machte eine kurze Pause, dann zurück zur Praxis: Wir machen noch zwei Aufstiege. Wer den Schlauch trägt, sichert; wer sichert, trägt. Ziel: unter fünf Minuten. Dieses Mal ließ Valeri den Schlauch nicht fallen, Anke korrigierte von hinten die Schlaufe, kommandierte mit kurzen Anweisungen. Der Gesamtsieg kam in 3Minuten58Sekunden. Viktor lächelte innerlich, notierte Verbesserungen: Schlauch fester am Oberschenkel, beim Wenden nicht springen, Haare aus dem Kapuzenkragen, Schnürsenkel festziehen. Kleine Details, ohne die gehts nicht.
Als die Stunde endete, reichte Anke ihr Notizbuch: Nach Vorschrift brauchen wir 16Stunden Praxis, um an städtischen Übungen teilzunehmen. Uns fehlen noch 11Stunden. Schaffen wir das?
Viktor sah auf die Zeittabellen: Ja, wir schaffen das. Nicht durch Tempo, sondern durch Disziplin. Morgen Knoten, übermorgen Orientierung im Dunkeln, Freitag dann die Treppenstürme in der Wache.
Er ging nach Hause im leichten Regen. In seiner alten fünfstöckigen Wohnung roch es nach Bratkartoffeln, die durchs Treppenhaus wehten. Hinter der Tür wartete Stille. Das Radio lief leise, um die Erinnerungen nicht zu laut werden zu lassen. Die Rente von 7500Euro reicht nicht für Luxus, aber er konnte noch feuerfeste Handschuhe für die Jugend kaufen. Der Nebenverdienst als Nachtwächter reichte, wenn er ein bisschen sparte. Kleine Dinge halten die Truppe am Laufen.
Am frühen Freitagmorgen lag ein dünner Eisschichtfilm über den Pfützen. Die Wacheliegenschaft begrüßte die Gruppe mit Straßenlaternen und dem Geruch von feuchtem Rost aus dem Heizkraftwerk. Der Turm ragte als dunkler Schatten in den Himmel. Viktor prüfte die Karabiner, verteilte brandneue Handschuhe.
Woher?, fragte Natalie, die die orangefarbenen Verstärkungen betrachtete.
Ein Sponsor, zuckte Viktor und meinte damit sich selbst er war sein eigener Sponsor nach zwei nächtlichen Schichten.
Die Übung lief mit Stoppuhr. Das erste Team erreichte den dritten Stock in 1Minute45Sekunden, das zweite zwei Sekunden später. Am Ziel zeigte Danilo auf die Anzeige: 1Minute52Sekunden ein neuer Rekord.
Die Jugendlichen lehnten sich an das Geländer, Rot in den Wangen, aber die Augen strahlten klare Konzentration. Viktor spürte, wie das alte Schuldgefühl ein Stück nachließ, als wäre ein schwerer Gurt locker geworden.
Seht ihr die Zahlen, sagte er leise. Das ist kein Heldentum, das ist Arbeit. Wenn ihr mehr wollt, dann seid ihr willkommen, aber vergesst nie den Preis.
Ein Hornsignal ertönte, ein Einsatzfahrzeug fuhr aus der Tür, um Pumpen zu prüfen. Die Jugendlichen folgten dem Klang, und Viktor wusste, dass in ihren Köpfen jetzt nicht mehr Aufkleber oder Abzeichen standen, sondern ein echter Einsatz, der eines Tages vielleicht ihr eigener sein würde.
Er stoppte die Uhr, steckte sie zurück in die Jacke. Das Knirschen des Eises unter den Stiefeln, das Brummen des Motors und der leichte Dampf aus den Mündern bildeten die Melodie der Arbeit, die sie gerade erst zu hören begannen.
Fünf Minuten Pause, sagte er. Dann noch ein Durchlauf und dann gehts nach Hause. Ab Montag wieder die Atemschutzgeräte.
Die Jugendlichen lächelten kurz, fast still, als hätten sie stillschweigend zugestimmt. Beim Abstieg diskutierten sie, wer noch wie viele Stunden bis zum Prüfungsnachweis brauchte. Viktor blieb noch einen Moment, sah ihnen nach, spürte ein gleichmäßiges, warmes Gefühl in der Brust: Die Wahrheit hat die Jugendlichen nicht zerstört, sondern ihnen geholfen, aus Illusionen herauszufinden, was wirklich zählt.
Er griff in die Tasche, das kalte Metall der Stoppuhr berührte seine Hand. Bald wird ein neuer Rekord geknackt, die Zeiger werden wieder klicken. Vielleicht gibt er das Gerät eines Tages an einen anderen Ausbilder weiter. Heute aber zählt nur, dass die Zeit weiterläuft und sie gemeinsam lernen, sie zu füllen.
Die Sonne, die über dem Garagendach aufging, flackerte blass zwischen den Wolken. Viktor machte einen Schritt zu den Jugendlichen. Weiter gehts das ist unser Job.







