Die Schwiegermutter hat meinen Reisepass zusammen mit den Jeans gewaschen

Frau Gertrud Schmitt, ich habe Sie doch gebeten, meine Sachen nicht anzufassen!schrie Nadine, während sie im Flur der Badetür stand und ein rosafarbenes Oberteil fest an sich drückte. Das ist Wolle! Das darf man nicht in heißem Wasser waschen!

Gertrud, eine rund sechsundsechziger Jahre alte, kräftige Frau, drehte sich von dem Herd, an dem Bratkartoffeln brutzelten, um.

Was schreist du? Ich wollte nur helfen. Habe die schmutzigen Klamotten gesehen und sie gewaschen.

Aber ich habe nicht darum gebeten! Ich habe meine eigene WaschStrategie, ich weiß genau, wann und was ich wasche!

Strategie, schnaufte Gertrud. Drei Tage liegen schmutzige Sachen rum und du willst das mit einer Ausrede erklären. In meinem Alter hatte ich das Haus immer im Griff.

Nadine kniff das Oberteil in die Hände. Noch vor einem Monat hatten sie, Nadine und ihr Mann Thomas, ein ruhiges Leben in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin geführt. Dann hatte Gertrud sich das Bein gebrochen, und Thomas bestand darauf, dass die Schwiegermutter vorübergehend bei ihnen einzieht, bis sie wieder laufen kann.

Ich habe keinen Tag Zeit zum Waschen!schluchzte Nadine, während die Stimme zu brechen drohte. Ich arbeite von neun bis siebzehn, danach koche ich, putze ich!

Und ich? Was mache ich nicht?beharrte Gertrud und wendete ein Bratling. Ich bereite das Mittagessen zu, wasche den Boden.

Ich habe nicht um Hilfe gebeten!

Thomas!rief Gertrud in Richtung Schlafzimmer. Hörst du, wie deine Frau mit mir spricht?

Thomas stürmte, noch in Unterhemd und Boxershorts, mit müdem, missmutigem Gesicht.

Was ist los?

Deine Mutter wäscht meine Sachen ohne zu fragen!zeigte Nadine das Oberteil. Schau, sie ist ganz zerknittert!

Thomas blickte erst auf das Oberteil, dann zu Gertrud, dann zu seiner Frau.

Und? Sie wollte nur helfen.

Ich habe nicht um Hilfe gebeten!

Beruhig dich, Nadine. Es ist nur ein Stück Stoff. Kauf dir ein neues.

Für welches Geld?! Das Teil hat fünftausend Euro gekostet!

Gertrud fuhr die Hände in die Luft. Fünftausend Euro für ein Stück Stoff! Was für eine Verschwendung! Und dann beschwerst du dich, dass kein Geld mehr da ist!

Nadine drehte sich um, stapfte die Tür zu ihrem Schlafzimmer zu und ließ sie mit einem Knall zuknallen. Sie warf sich auf das Bett, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben, Tränen erstickend, die nicht kommen wollten.

Es war nicht das erste Aufbegehren seit drei Wochen, in denen Gertrud bei ihnen wohnte. Jeden Tag ein neuer Konflikt: Sie verschob Küchenutensilien, sodass Nadine nichts mehr finden konnte; kochte Portionen, die für eine Woche reichten, und dann jammerte, weil nicht alles aufgegessen wurde; drehte den Fernseher morgens auf 100Prozent.

Nadine war Buchhalterin bei einer Baugesellschaft, mit engen Fristen und endlosen Berichten. Nach einem langen Arbeitstag erwartete sie nur Ruhe, doch Gertrud brachte neue Vorwürfe. Thomas stellte sich immer auf die Seite seiner Mutter, meinte, man müsse Geduld haben, sie sei krank und würde bald ausziehen.

Doch die Genesung ihres Beins zog sich hin, und Gertrud zögerte, die Wohnung zu verlassen. Sie sagte, allein zu sein, sei beängstigend, weil sie wieder fallen könnte.

Am nächsten Morgen verschlief Nadine. Der Wecker blieb unbeachtet die ganze Nacht hatte sie die gestrige Auseinandersetzung im Kopf durchgespult. Panisch sprang sie auf, sah auf die Uhr: halb neun.

Verdammt!schrie sie und rannte ins Bad.

Gertrud stand bereits vor der Waschmaschine und lud Wäsche ein.

Guten Morgen, sagte sie trocken.

Guten Morgen, murmelte Nadine, griff nach der Zahnbürste.

Sie zog sich in fünf Minuten an, schnappte die Handtasche und stürmte zur Tür, als Gertrud rief: Nadine, warte!

Was? Ich komme zu spät!

Wo hast du gestern deine Jeans hingelegt? Die blauen?

Auf dem Stuhl im Schlafzimmer, warum?

Ich habe sie gewaschen. Sie waren schmutzig.

Und?, fuhr Nadine ungeduldig mit dem Fuß hin und her.

Nichts. Ich sag nur Bescheid.

Sie winkte ab und verließ das Haus. Auf dem Weg zur Arbeit im Bus dachte sie über die Taschen ihrer Jeans nach. Da war nur ein Taschentuch, nichts Besonderes.

Im Büro herrschte Chaos. Der Quartalsbericht musste bis zur Mittagspause fertig sein. Kollegin Lena brachte ihr einen Kaffee.

Du siehst blass aus. Wieder die Schwiegermutter?

Ja, wieder. Ich weiß nicht, wie ich das noch ertragen soll.

Sag Thomas, er soll mit ihr reden.

Hab ich schon. Er steht immer auf ihrer Seite.

Lena schüttelte den Kopf. Mütter sind heilig, aber die Ehefrau muss leiden.

Zur Mittagspause ging Nadine in die Kantine, bestellte Suppe und Salat, rührte gedankenverloren mit dem Löffel. Ihr Handy vibrierte: Nachricht von Thomas.

Mama ruft an. Wir sollen am Mittwoch zum Arzt fahren. Kannst du sie fahren?

Nadine verzog das Gesicht. Sie hatte am Mittwoch ein Treffen mit Lieferanten. Verweigern würde wieder Ärger geben.

Okay, antworte ich später.

Um acht Uhr kam sie nach Hause. Gertrud saß in der Küche, trank Tee mit einem Brezel.

Willst du zu Abend essen? Ich habe Borschtsch gekocht.

Später, danke. ging Nadine ins Schlafzimmer, zog sich um. Die Jeans hingen noch feucht auf der Heizung. Sie prüfte hastig die Taschen leer. Zum Glück hatte sie nichts Wichtiges gewaschen.

Dann erinnerte sie sich: den Reisepass. Gestern war sie zur Bank gegangen, hatte die Kontoauskunft abgeholt und den Pass in die hintere JeansTasche gesteckt.

Ihr Herz schlug schneller. Sie rannte zur Waschmaschine, öffnete die Trommel leer. Sie sah sich um, die Handtücher hingen zum Trocknen, die Bettwäsche lag bereit. Sie durchsuchte alles, aber der Pass war weg.

Gertrud!, schrie sie, als sie in die Küche stürmte.

Gertrud zuckte zusammen.

Was schreist du?

Der Pass! Er war in der Jeans! Wo ist er?

Gertrud runzelte die Stirn. Welcher Pass?

Mein Pass! Ich habe ihn drin gelassen!

Du hättest es sagen müssen! Wie sollte ich das wissen?

Du hättest vor dem Waschen nachschauen sollen!

Gertrud erwiderte: Ich habe geschaut! Da lagen nur nasse Papiere, die ich weggeworfen habe.

Nadine rannte zum Müllbehälter, schüttelte den Inhalt auf den Boden. Zwischen zerknitterten Blättern und Plastiktüten fand sie die nassen blauen Seiten. Es war das, was von ihrem Pass übrig geblieben war. Das Papier zerfloss, die Fotos verschwammen zu grauem Brei.

Gertrud blickte über Nadines zitternde Hand: Das war mein Pass, nicht wahr?

Ja, flüsterte Nadine, jetzt ist er nur noch Müll.

Entschuldige. Ich wollte nicht. Du hast ihn doch selbst dort hingetan.

Ich? Du wäschst fremde Kleidung ohne zu fragen, prüfst nicht die Taschen, und ich soll schuld sein?

Schrei nicht! Ich bin alt, ich kann nicht mehr so schnell reagieren!

Und ich darf was? Ich habe jetzt keinen Pass mehr!

Eine Stunde später kam Thomas nach Hause. Nadine zeigte ihm das zerfetzte Stück Papier.

Das ist mein Pass. Deine Mutter hat ihn mit der Jeans gewaschen.

Thomas drehte das Papier in den Händen. Wie kam er da rein?

Ich habe ihn nach der Bank in die Tasche gesteckt und vergessen, ihn herauszunehmen.

Dann bist du schuld.

Nadine erhob die Stimme: Was? Ich habe doch nichts getan!

Thomas zuckte die Schultern: Tja, hättest du ihn rausgenommen, wäre er nicht kaputt.

Die beiden stritten, Thomas ging zu seiner Mutter, um sie zu beruhigen, Nadine blieb allein in der Küche und weinte leise.

Am nächsten Tag rief sie ihre Freundin Kerstin an.

Kerstin, kann ich zu dir kommen?

Klar, was ist los?

Nadine kam am Abend, Kerstin öffnete die Tür, umarmte sie fest.

Du bist ja abgemagert. Was ist passiert?

Sie setzten sich, tranken Tee, und Nadine erzählte vom Chaos, vom zerfetzten Pass.

Sie macht das absichtlich, sagte Kerstin entschlossen.

Was?

Alles nur, um dich zu dominieren. Sie will den Sohn wieder für sich.

Warum?

Damit du dich nicht zu sehr einmischt.

Nadine dachte nach.

Vielleicht ist es ja nicht absichtlich? Vielleicht ist sie einfach gewohnt, alles zu kontrollieren.

Kerstin nickte. Eine normale Person würde die Taschen prüfen, bevor sie wäscht. Das ist Grundschule.

Vielleicht hat sie einfach vergessen.

Oder wollte sie es nicht.

Nadine schüttelte den Kopf. Ich weiß nicht. Sie denkt einfach nicht nach.

Zuhause stapelte Gertrud erneut den Küchenbestand um.

Ich habe Ordnung geschaffen, erklärte sie. Es war schwer, an das Zeug zu kommen.

Nadine öffnete den Schrank. Ihre Lieblingstassen standen oben, unerreichbar; Töpfe und Pfannen lagen wirr.

Gertrud, bring alles zurück, wie es war.

Warum? So ist es praktischer.

Mir ist es nicht praktisch!

Gertrud zuckte mit den Schultern: Du gewöhnst dich dran.

Nadine schloss den Schrank, ging ins Schlafzimmer. Thomas lag im Bett und scrollte am Handy.

Deine Mutter hat wieder alles umgestellt.

Und? Sie wird es wieder zurückdrehen, wenn dir das nicht gefällt.

Sie will das nicht.

Nadine, hör auf. Sie ist krank und braucht Beschäftigung.

Dann lass sie etwas anderes machen! Bücher lesen, fernsehen!

Sie hat ihr ganzes Leben gearbeitet, Ordnung gehalten.

In ihrem Haus, nicht in unserem!

Thomas stand auf.

Unser Haus, und das meiner Mutter, solange sie hier ist.

Wann zieht sie aus?

Wenn der Arzt sagt, dass sie gehen kann.

Du bist herzlos, Nadine.

Thomas schlug die Tür zu. Nadine legte das Gesicht an das Kissen, wollte schreien, hielt aber den Mund.

Am nächsten Tag musste sie den Pass neu beantragen. Sie nahm einen freien Tag, ging zum Bürgeramt, stand vier Stunden in der Schlange. Die Sachbearbeiterin sah die zerfetzten Seiten und seufzte.

Gestern gewaschen?

Ja.

Das passiert häufig. Sie müssen Verlustanzeige ausfüllen.

Aber er ist nicht verloren, er ist beschädigt!

Trotzdem füllen Sie das Formular aus.

Nadine reichte die Fotos ein, zahlte die Gebühr, bekam die Information, dass der neue Pass in zehn Tagen fertig sei.

Wie soll ich ohne Pass arbeiten? Die Bonuszahlung kommt im Monat.

Sie bekommen einen vorläufigen Ausweis, aber das bedeutet noch mehr Schlangen.

Wütend verließ sie das Amt, setzte sich auf die Bank vor dem Gebäude und rief Thomas an.

Der Pass kommt in zehn Tagen, ich habe einen halben Tag verloren.

Du schaffst das.

Gertrud muss ausziehen.

Stille.

Was?

Ich halte das nicht mehr aus. Lass sie wieder nach Hause.

Ihre Verletzung ist noch nicht geheilt!

Sie geht seit einer Woche ohne Krücken.

Der Arzt hat noch nichts freigegeben!

Dann soll sie bei jemand anderem wohnen! Bei deiner Schwester, zum Beispiel.

Lenas Wohnung ist klein, drei Kinder!

Wir wohnen in einer ZweiZimmerWohnung, wir haben kaum Platz!

Halt ein bisschen durch.

Ich kann nicht mehr! Du verstehst das nicht!

Sie legte auf, setzte sich auf die Bank, sah die vorbeigehenden Menschen, wollte weinen, doch die Tränen waren ausgetrocknet nur Leere blieb.

Am Abend kam Nadine spät nach Hause, fuhr Umwege, um dem Aufeinandertreffen mit Gertrud auszuweichen. Doch die Schwiegermutter war nicht da.

Wo ist deine Mutter?fragte Thomas.

Sie ist zu ihrer Schwester gefahren, will nicht stören.

Für lange?

Keine Ahnung, vielleicht für immer.

Sie aßen schweigend, Thomas Kiefer zusammengekniffen, Nadines Blick gesenkt.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen, drehte die Szenen im Kopf. Einerseits wollte Gertrud helfen, andererseits überschritt sie jede Grenze.

Am nächsten Morgen klingelte Gertrud.

Nadine, können wir reden?

Ja.

Es tut mir leid wegen des Passes, des Pullovers, alles. Ich habe übertrieben.

Nadine war überrascht.

Danke.

Ich habe immer alles kontrollieren müssen. Mein ganzes Leben war ich allein, verantwortlich für alles. Jetzt bin ich bei euch und wollte nützlich sein, habe zu viel getan.

Ich war auch scharf, das tut mir leid.

Nein, du hattest Recht. Das ist dein Haus, deine Regeln. Ich hätte fragen sollen.

Stille.

Kommst du zurück?

Willst du, dass ich zurückkomme?

Nadine zögerte, dann: Ja, aber nur unter einer Bedingung: Du greifst nicht mehr ohne Erlaubnis zu meinen Sachen, du stellst nichts um. Wenn du helfen willst, frag zuerst.

Einverstanden. Und du sagst sofort, wenn dir etwas nicht passt.

Abgemacht.

Gertrud kehrte am Abend mit einem Kuchen zurück. Sie saßen zu dritt, tranken Tee.

Meine Mutter hat gesagt, sie zieht bald aus, meinte Thomas. Der Arzt hat es freigegeben.

Beeilt euch nicht, sagte Nadine. Bleibt noch ein bisschen, aber nach den neuen Regeln.

Gertrud lächelte.

Danke, Nadine.

Zehn Tage später hielt Nadine den neuen Reisepass in den Händen, die Seiten knisterten frisch. Sie steckte ihn in die kleine Innentasche ihrer Handtasche, schwor, nie wieder etwas in die JeansTaschen zu legen.

Gertrud wohnte noch einen Monat bei ihnen, zog dann endgültig aus. Beim Abschied umarmte sie Nadine.

Danke, dass du mich ertragen hast.

Komm doch mal wieder vorbei.

Gern, aber ich sag vorher Bescheid.

Als Gertrud gegangen war, spürte Nadine Erleichterung gemischt mit leichter Traurigkeit. Sie hatte sich an die Gewohnheiten ihrer Schwiegermutter gewöhnt den Borschtsch, das laute Fernsehen, das ständige Treiben in der Küche.

Thomas umarmte sie.

Danke, dass du das durchgestanden hast. Ich weiß, es war schwer.

Ja, aber wir sind Familie. Wir müssen zusammenhalten.

Du bist eine gute Ehefrau, eine tolle Schwiegertochter.

Und deine Mutter ist eine gute Schwiegermutter, nur wir haben uns erst ein wenig eingelebt.

Gelegentlich kam Gertrud zu Besuch, brachte Kuchen, half im Haushalt, fragte immer vorher. Die Geschichte vom Pass wurde zum Familienwitz. Wenn jemand etwas im Ärmel hatte, sagte man lachend: Vielleicht ist das ja der zweite Pass?

Manchmal braucht es einen kleinen Schock, um zu begreifen, worauf es wirklich ankommt nicht die Dinge, nicht das Recht, sondern das Miteinander und das gegenseitige Zuhören.

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