Die Tochter einer Fremden

Die Scheidung ist in Deutschland kaum ein Novum man hat ja fast jedes Jahr ein TrennungsNewsletter im Briefkasten. Doch als Paul heiratete, dachte er, das sei für immer. Er war verliebt in Liesel, sie strahlte für ihn pure Weiblichkeit und Charme. Kurz darauf kam ihr Sohn Felix zur Welt, den Paul ebenfalls bis über beide Ohren liebte. Vor der Geburt hätte er nie gedacht, dass er jemanden noch mehr lieben könnte als seine Frau aber das Leben hat ja manchmal seine eigenen Überraschungen.

Leider währte das Glück nicht lange. Als Felix drei Jahre alt war und in die Kita kam, ging Liesel wieder arbeiten. Dort traf sie den Mann, der Pauls Leben plötzlich ein bisschen chaotischer machte. Liesel ließ sich kopfüber verlieben stark verlieben. Sie liebte Paul wohl noch, nur eben nicht auf dieselbe Art. Sie betrog ihn nicht, aber an einem Tag sagte sie einfach, dass sie zu jemand anderem geht.

Paul, glaub mir, ich war dir treu. Ich hatte gehofft, das geht vorbei, aber es geht nicht. Und Sebastian liebt mich sehr. Es tut mir leid

Paul schwieg. Was soll man da noch sagen? Es hat ja keinen Sinn, zu überreden, wenn die Entscheidung schon gefallen ist. Und ein Streit wäre auch nur unnötig Liesel hatte ehrlich alles zugegeben und war im Guten gegangen. Und für Felix, ihr gemeinsames Kind, wollte man zumindest ein gutes Verhältnis bewahren.

Sie ließen sich scheiden, und Paul blieb allein. Liesel versicherte ihm immer wieder, er würde die Frau finden, die all seine Vorzüge zu schätzen weiß. Paul jedoch hatte genug von Liebesabenteuern; er hatte sich bereits einmal verbrannt und beschloss, das zweite Mal kein Risiko einzugehen.

Felix wuchs, Paul sah ihn oft. Mit Liesel kam man gut aus, alles wurde einvernehmlich geregelt. Sie verlangte keinen Unterhalt, sondern sagte nur: Wenn du kannst, gib mir das Geld. Vielleicht war das ihr Weg, Schuldgefühle ein wenig zu mildern. Paul war verantwortungsbewusst und wusste, dass ein kleines Kind viel Geld kostet: windeln, Hefte, Nachhilfestunden, Sportvereine und Essen ist heute kein Schnäppchen mehr. Jeden Monat überweist er, was er kann.

Eines Tages erfuhr Paul von Felix, dass seine ExFrau schwanger sei. Was er in diesem Moment fühlte, ist schwer zu sagen ein wenig Bitterkeit, ein Hauch Eifersucht, vielleicht auch ein Funken Freude, dass es ihr gut geht? Doch die Freude war vergebens. Als Liese ihr Kind, ein Mädchen namens Mia, zur Welt brachte, verließ sie Sebastian sie sofort. Er zog zu einer anderen Frau, vergaß sowohl Liese als auch das Baby. Sie waren nicht verheiratet das hätte Liese eigentlich ein Warnsignal geben sollen, doch sie war so verliebt, dass sie nichts bemerkte.

Paul half, wo er konnte. Er zahlte brav Unterhalt für Mia, aber weitere Unterstützung von Sebastian blieb aus. Wenn Paul Felix abholte, durfte er manchmal eine Stunde mit Mia verbringen, damit sie ihre Erledigungen macht. Er brachte sie zum Arzt, fuhr sie einmal sogar bis zum Flughafen, als Liese dringend wegmusste. Ein romantisches Wiedersehen war nicht geplant Paul wusste, dass es nie wieder so sein würde wie früher, und Liese dachte, es wäre unfair gegenüber ihrem ExMann. Trotzdem blieben sie aus Rücksicht auf den Sohn befreundet.

Als Mia zwei Jahre alt wurde und Felix in die Grundschule kam, geschah das Unfassbare: Liese kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ein betrunkener LKWFahrer rammte sie an der Haltestelle, das Fahrzeug geriet außer Kontrolle und fuhr in die wartende Menschenmenge. Drei Menschen starben, darunter Liese; sie schaffte es nicht einmal ins Krankenhaus.

Für Paul war das ein Schock. Er hatte zwar nicht mehr die romantischen Gefühle, aber Liese blieb ihm als wichtige Person erhalten. Jetzt musste er aber plötzlich die Beerdigung organisieren und Felix trösten. Als er das erledigte, stellte sich heraus, dass Sebastians Vater keine Lust hatte, seine Enkeltochter zu übernehmen.

Vor den Bestattungen traf Paul den Mann und hörte die knappe Antwort: Das Kind ist noch klein, ich habe schon eine eigene Familie. Sie findet bestimmt ein gutes Zuhause.
Aber das ist doch dein Kind! Wie kannst du das?
Nichts, sie wird schon jemanden finden.

Paul kannte Sebastians Schwester eine alkoholkranke Frau, die in einem baufälligen Haus auf dem Land lebte. Sie hatte drei eigene Kinder, also war sie keine verlässliche Option.

Als Paul Felix Sachen packte, stand kleine Vera am Rand und schaute zu. Eine Nachbarin hatte sie kurzzeitig aufgenommen, bis alles geregelt war. Auch sie wollte das Sorgerecht nicht übernehmen: Ich bin fast fünfzig, meine Kinder sind erwachsen. Was soll ich mit einem Kleinen anfangen?

Nach diesem Gespräch konnte Paul kaum schlafen. Vera war nicht seine leibliche Tochter, doch ihr leiblicher Vater zeigte keinerlei Interesse, und die übrigen Verwandten waren ebenfalls aussortiert. Vera könnte im Heim landen und das wollte Paul nicht. Er dachte daran, wie schmerzhaft es für ein kleines Mädchen wäre, in ein tristes Heim zu kommen.

Am nächsten Morgen kam Felix zu ihm:
Papa, holt Sebastian das Mädchen ab?
Nein, das schaffen wir nicht.

Paul hatte nie gelogen; er wollte Felix die bittere Wahrheit sagen.
Wer dann?
Wahrscheinlich kommt sie ins Heim.

Ein Heim? Dort lesen sie ihr nachts Geschichten? Und ich mag keinen Grießbrei, das muss man ja ändern, oder? Können wir sie besuchen?

Paul lächelte. Es war selten, einen Bruder zu sehen, der seine kleine Schwester so aufrichtig liebte. Wenn sie jetzt getrennt würden, würde diese Liebe verschwinden. Und Felix würde später verstehen, dass das alles nicht richtig war.

Wie wäre es, wenn Vera zu uns kommt? fragte Paul.
Echt? Aber du bist doch nicht ihr Vater.

Wir können es ja versuchen.

Nach langem Behördendschungel bekam Paul das Sorgerecht für Vera. Als er sie von der Nachbarin abholte, rannte sie zu ihm und umarmte ihn fest er kannte sie besser als ihr leiblicher Vater. Als sie ihren Bruder Felix sah, strahlte ihr Gesicht. Sie verstand noch nicht, dass die Mutter nicht mehr da war, aber das machte es ihr leichter, den Verlust zu verarbeiten.

Einige Monate später nannte Vera Paul Papa, und er korrigierte sie nicht. Er hatte die Verantwortung übernommen, also war er ihr Vater. Ihr leiblicher Vater sendete nur sporadisch ein paar Euro, aber Paul brauchte das nicht. Vera fand schnell einen Platz im Kindergarten, der ihm das Leben ein Stück erleichterte.

Vera wuchs und wurde immer mehr wie ihre Mutter. Felix und sie liebten einander, und Paul merkte jeden Tag, dass er das Richtige getan hatte. Er liebte das Mädchen, als wäre sie seine eigene Tochter. Wer das nicht kannte, hätte nie erraten, dass sie nicht blutsverwandt war. Manchmal dachte Paul sogar, sie sehe ihm sehr ähnlich.

Mit sechs Jahren lernte Paul seine große Liebe kennen. Er hatte geschworen, nie wieder zu heiraten, nie wieder jemanden in sein Leben zu lassen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Seine neue Partnerin nahm sowohl Felix als auch Vera in ihr Herz auf. Vera nannte sie bald Mama, weil sie ihre leibliche Mutter nie gekannt hatte. Felix behandelte die Frau von Paul respektvoll, wie jede Schwiegermutter. Paul verlangte von seinem Sohn nichts weiter.

Paul log weder Vera noch Felix etwas vor. Die Kleine wusste, dass er nicht ihr leiblicher Vater war, aber sie sah ihn dennoch als solchen. Erst als sie erwachsen wurde, begriff sie, was Paul getan hatte: Nach der Tragödie hatte er nicht nur seinen leiblichen Sohn, sondern auch ein fremdes Mädchen aufgenommen und großgezogen.

Eines Abends, nachdem Vera ihr Abitur bestanden hatte und sich auf das Studium vorbereitete, trat sie zu ihrem Vater.
Danke, Papa, sagte sie.
Wofür denn, meine Kleine? lächelte Paul.
Dafür, dass du mich nie aufgegeben hast. Dafür, dass ich eine glückliche Kindheit hatte. Dafür, dass du mich nicht von meinem Bruder getrennt hast. Dafür, dass du mir ein richtiger Vater und sogar eine Mutter geschenkt hast.

Paul lächelte durch die Tränen.
Bitte, Vera. Und danke, dass du in mein Leben getreten bist. Ich habe endlich eine echte, liebende Tochter gefunden.

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Dared to Live for Myself