Die Zeitfrau

Liselotte hielt sich immer für eine schlaue Frau. Sie arbeitete in einer angesehenen Unternehmensberatung, wohnte in einer hübschen Altbauwohnung im Herzen Berlins und besaß sogar eine Katze das flauschige, eigensinnige Rotbraune Mieze, das ihren unabhängigen Charakter widerspiegelte.

Mit zweiunddreißig glaubte Liselotte, ihr Leben sei gelungen: Die Karriere lief gut, Freunde schätzten ihre Direktheit und ihren Witz, und die Männer bemerkten sie. Doch alles änderte sich, als Klaus in ihr Leben trat.

Klaus kam als neuer Finanzvorstand in die Firma groß, mit ein wenig Grau an den Schläfen, stets im tadellosen Anzug. Seine Stimme war leise, doch jedes Wort wog schwer, sodass die Kollegen unwillkürlich verstummten, sobald er sprach.

Als Leiterin der Marketingabteilung begegnete Liselotte Klaus häufig in Besprechungen. Zuerst bemerkte sie nur seine Scharfsinnigkeit und sein geschäftliches Geschick, doch bald ertappte sie sich dabei, wie sie den nächsten Termin kaum erwarten konnte.

Dann kam das Betriebsfest.

Sie plauderten bei einem Glas Riesling, lachten über die flachen Witze des Chefs, und plötzlich berührte Klaus beiläufig ihr Handgelenk. Ein Schauer lief Liselotte den Rücken hinab.

Du bist nicht wie die anderen hier, sagte er und blickte sie mit einem durchdringenden Blick an, der ihr den Atem raubte.

Sie wusste, dass er verheiratet war, zwei Kinder hatte und ein großzügiges Landhaus außerhalb von Hamburg besaß. Trotzdem schrieb er ihr Nachrichten, lud sie zu Spaziergängen bei der Mittagspause ein und dann zu Abendessen in gehobenen Restaurants. Sie ließ das Ja und Nein vergessen.

Ich kann sie jetzt nicht verlassen, erklärte er eines Abends, während er Liselottes Hand streichelte. Kinder, Kredite, unser gemeinsames Unternehmen Aber verstehst du nicht, dass das Hier und Jetzt nur zwischen uns existiert?

Liselotte nickte, schloss die Augen. Seine Finger waren warm, seine Stimme überzeugend sie wollte jedes Wort glauben. Sie stellte sich vor, wie er seiner Frau die Wahrheit sagte, ihnen eine neue Wohnung bescherte und sie beide endlich aus dem Labyrinth der Lügen herauskommen würden.

Bald wird sich alles ändern, flüsterte er und küsste ihr die Schläfe. Gib mir nur noch ein wenig Zeit.

Und sie gab.

Zuerst Monate, dann Jahre. Sie lernte, in diesem seltsamen Zwischending zwischen bald und nie zu leben. Sie rief nicht zuerst an, schrieb nichts Überflüssiges, fragte nicht nach seinem Wochenende mit der Familie. Sie lächelte, wenn er von den Schulnoten seiner Tochter erzählte, und schwieg, wenn er über seine Frau klagte, die ihn überhaupt nicht mehr verstehe.

Du bist die Einzige, die mich wirklich kennt, sagte er, und Liselotte nahm es als Kompliment, nicht als Urteil.

Sie kaufte zarte Dessous für ihre seltenen Treffen, übte seine Lieblingsgerichte zu kochen und hörte geduldig seinen Monologen über die Arbeit zu. Manchmal, wenn sie nebeneinander lagen, dachte sie, sie kenne nicht einmal seine Lieblingsfarbe oder ob er Opern mag; dafür wusste sie, wie er seufzt, wenn er müde ist, und wie er die Stirn runzelt, wenn er wütend ist.

Wann endlich?, fragte sie gelegentlich, und er fand jedes Mal eine neue Ausrede.

Krisen bei der Arbeit, der kranke Schwiegervater, ein zu junger Sohn für solche Turbulenzen Liselotte biss die Zähne zusammen. Sie glaubte nicht mehr, doch sie wagte es nicht, es sich selbst einzugestehen.

Dann geschah das Unglück.

Klaus Frau geriet in einen Autounfall. Nicht tödlich, aber schwer mehrere Brüche, eine lange Reha. Liselotte dachte, nun würde Klaus endlich begreifen, wie unglücklich er in seiner Ehe war. Stattdessen verschwand er im Krankenhaus, storniert Treffen, schrieb nicht mehr.

Sie hielt es nicht mehr aus und bat ihn, sie in einem Hotelzimmer zu treffen, um Klarheit zu schaffen.

Er sprach wirr:

Sie braucht mich gerade jetzt. Sie kann kaum mehr selbst einen Löffel halten. Warte ein bisschen, dann steht sie wieder auf und

Dann hakte Liselotte, das Wort hing wie ein letzter Strohhalm im Raum. Sie wollte schreien: Und ich? Bin ich dir nicht wichtig? Doch ihre Lippen zitterten, ihre Stimme versagte.

Klaus stand am Fenster, Rücken zu ihr, sein Umriss zeichnet sich scharf gegen das abendliche Berlin.

Sie kann nicht einmal mehr selbst einen Löffel halten, flüsterte er, und in seiner Stimme hörte Liselotte zum ersten Mal das kalte Echo von Schmerz, Fürsorge, Liebe.

Du sorgst dich um sie, sagte sie, nicht als Frage, sondern als Feststellung.

Er drehte sich um, seine Augen füllten sich mit einer solchen Qual, dass Liselotte plötzlich verstand: Sie hatte ihn nie so gesehen nicht, wenn er über die langweilige Ehe klagte, nicht, wenn er beklagte, dass seine Frau ihn nicht versteht.

Sie ist die Mutter meiner Kinder, sagte er, als würde das alles erklären.

In diesem Moment fügten sich die Puzzleteile.

Warte ein bisschen, wiederholte Liselotte sarkastisch, ein bitteres Lächeln auf den Lippen. Du hast doch selbst gesagt, dass mit ihr alles vorbei ist, dass zwischen euch nichts mehr übrig ist.

Klaus senkte den Blick, suchte ein Entkommen:

Ja, das stimmt. Aber

Liselotte ging langsam zur Tür.

Weißt du, Klaus, ich dachte einst, du bräuchtest mich, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Doch in Wahrheit brauchst du weder deine Frau noch mich es war dir einfach bequem.

Die Stille im Raum wurde schwer wie Harz. Klaus erstarrte, als hätten ihre Worte scharfe Splitter in sein Herz gerammt.

Du wolltest alles haben, fuhr Liselotte fort, endlich zu ihm drehend. Ihre Stimme zitterte, doch sie ließ nicht zu, dass Tränen flossen. Eine Frau, die das Heim zusammenhält, Kinder erzieht und deine Ruhe sichert. Und mich, damit du dich begehrt und jung fühlst, um über diese Frau zu klagen.

Er versuchte zu protestieren, doch Liselotte hob abrupt die Hand:

Nein, hör zu! Du hast weder sie noch mich geliebt. Du hast nur geliebt, was du von uns bekommen hast. Zu ihr kehrst du zurück, weil sie deine Komfortzone ist. Zu mir rennst du, wenn du das Prickeln suchst.

Klaus wurde blass, seine Finger umklammerten nervös den Tischrand.

Du bist ungerecht, begann er, doch Liselotte lachte bitter.

Gerechtigkeit? Willst du jetzt darüber reden? Dann sag mir ehrlich: Ohne diesen Unfall, wie lange wäre diese Farce noch gegangen? Ein Jahr? Fünf? Zehn? Würdest du im Alter zwischen zwei Frauen hin- und herlaufen und jedem versprechen, er sei der Eine?

Er schwieg, und dieses Schweigen sprach lauter als jedes Wort.

Liselotte atmete tief ein, richtete eine Haarsträhne.

Weißt du, was das Ärgerlichste ist?, flüsterte sie, erschöpft. Ich bin nicht wütend auf deine Frau. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich an die Geschichte vom unglücklichen Ehemann geglaubt habe. Weil ich die Augen vor der Wahrheit verschlossen habe. Weil ich dir erlaubt habe, mich zu benutzen.

Sie griff nach ihrer Tasche, öffnete die Tür und blieb im Flur stehen:

Ich wünsche dir nur eines, Klaus: dass du endlich wirklich liebst. Dass du erkennst, wie weh wir beide gelitten haben.

Die Tür schloss sich mit einem leisen Knarren endgültig.

Epilog

Ein Jahr später sah Liselotte ihn zufällig im Park. Er spazierte mit seiner Frau, die langsam auf einen Stock gestützt ging. Klaus hielt sie liebevoll am Unterarm, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Liselotte nie zuvor gesehen hatte eine zaghafte, zärtliche Sorge.

In diesem Moment ließ sie los.

Sie verstand, dass sie ihm nie wirklich nötig war. Sie war nur die temporäre Ablenkung, die Schnellunterhaltung für einen Mann, der nur sich selbst liebte.

Jetzt war alles vorbei.

Liselotte streckte die Schultern zurück und ging ihrer neuen Zukunft entgegen dorthin, wo man sie nicht für das schätzt, was sie geben kann, sondern dafür, dass sie einfach ist.

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Die Zeitfrau
The Enigmatic Mistress