Du bist immer an meiner Seite

Du bist immer bei mir

Viktor Schneider litt lange und schwer an einem verfluchten Krebs. Jeder Tag glich dem vorherigen: grau, ausgewaschen, erfüllt von Schmerz und bitteren Tabletten. Tapfer starrte er an die Decke seiner Berliner Krankenhausstation, um die Tränen seiner Frau Irene und seiner Tochter Liselotte nicht zu sehen, die mit letzter Kraft ein Lächeln vortäuschten, wenn sie ihn kurz besuchten. Dann kam der Tag, an dem das Ende greifbar wurde. Er sah die TropfInfusion und die rissige Decke; ein Gedanke wirbelte in seinem Kopf: Das ist der Anfang vom Ende. Ich werde nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand plötzlich drastisch. Die Krankheit, wie ein wütendes Tier, setzte den letzten entscheidenden Schlag. Die Welt schrumpfte auf das Maß des Krankenzimmers, den Duft von Desinfektionsmittel und das gedämpfte Flüstern hinter der Tür, und dann verschwand alles in schwerer, luftloser Finsternis.

Und plötzlich Stille.

Der Schmerz wich. Jede noch so kleine Last, die monatelang auf Brust und Knochen gedrückt hatte, löste sich auf. Mit einer fast kindlichen Leichtigkeit atmete er tief ein den ersten wirklich freien Atem seit Monaten. Und er öffnete die Augen.

Er stand in seinem eigenen Wohnzimmer. Ein Sonnenstrahl tanzte auf Staubkörnern in der Luft und fiel auf das vertraute Sofa. Und dann sah er sie.

Liselotte umarmte Irene. Liselottes Schultern zuckten krampfhaft, und Irene Schneider zeigte ein stummes, unheimliches Leid. Beide schrien. Ihr Schrei drang zu ihm wie durch ein dickeres Glas gedämpft, fern.

Was ist geschehen? dachte Viktor. Warum weinen sie? Ich bin doch im Krankenhaus Wie bin ich hierhergekommen?

Er trat zu ihnen, wollte sie umarmen, trösten, fragen. Doch sie bemerkten ihn nicht. Er streckte die Hand aus, um Liselottes Schulter zu berühren, doch seine Finger glitten hindurch, trafen nur kühle Luft.

Entsetzt wich er zurück und erblickte auf dem Tisch ein großes SchwarzBilderrahmenFoto von ihm.

Ein weiterer Moment reichte, damit das Bild zu einer schrecklichen, unmöglichen Szenerie zusammenfiel: Tränen der Frau und der Tochter, und er selbst, unsichtbar, nicht greifbar. Er war nicht zu Hause. Er war danach. Er sah, was danach geschieht.

Ich bin ich gestorben? Im Krankenhaus und schon begraben?

Der Gedanke war monströs, doch er trug keine Zweifel. Es war wahr. Die Krankheit hatte ihn besiegt. Das Ende war eingetreten. Aber warum war er hier? Warum spürte, sah und erkannte er noch?

Er blickte auf die weinenden Menschen, die ihm am liebsten waren, und sein Herz oder das, was einst ein Herz war zerriss vor Hilflosigkeit und Mitleid. Er wollte rufen: Ich bin hier! Mir geht es gut! Es tut nicht!, doch kein Laut kam.

In Verzweiflung schloss er die Hände über sein Gesicht. Dann geschah ein Wunder. Ein Rauschen, das an das Meer erinnerte, verstummte. Auf seiner Wange spürte er eine kleine, warme Hand. Er öffnete die Augen.

Vor ihm stand seine Mutter, so wie er sie aus seiner Kindheit kannte jung, lächelnd, mit warmen Strahlen um die Augen. Hinter ihr erstreckte sich kein Haus, sondern ein endloses, goldenes Feld, übersät mit Kornblumen, seinen Lieblingsblumen.

Mutter? flüsterte er. Bist du das? Wie?

Alles ist gut, mein Viktorchen, sang ihre Stimme, zart und doch durchdringend vertraut. Es ist vorbei. Du bist frei. Du wolltest dich nur von ihnen verabschieden.

Er drehte den Kopf. Der Raum mit den beiden weinenden Frauen glitt langsam davon, wie ein Bild auf einer Leinwand, das im Licht verschwand.

Aber sie sie doch seine Stimme zitterte.

Sie werden es schaffen. Sie haben einander und die Liebe zu dir, die für immer bei ihnen bleibt. Dein Leiden ist vorbei. Du hast den Frieden verdient.

Mutter nahm seine Hand, ihr Griff war fest und lebendig. In ihren Augen sah er unendliches Verständnis und Vergebung.

Furcht war nicht mehr. Keine Spur der alten, zermürbenden Qual. Nur ein leichter Kummer, der wie Morgennebel unter der Sonne schmolz, weicht einem neuen, unbekannten, doch unendlich ruhigen Gefühl.

Viktor drehte sich ein letztes Mal um. Dort, in der verblassten Welt, sah er seine Frau und seine Tochter, wie sie sich endlich gegenüberstanden, die Stirn an die Stirn legten, ein leises, weibliches Lächeln teilten und Trost in der Umarmung der anderen fanden.

Er lächelte ihnen zu, sandte einen Abschiedssegen und wandte sich dem Licht zu.

Komm, Mutter, hauchte er. Ich habe dich so vermisst.

Und er machte den ersten Schritt in sein neues, ewiges Morgen.

Im Zimmer, in dem die beiden Liebsten zurückblieben, geschah etwas Unbegreifliches. Irene hörte plötzlich auf zu weinen, richtete sich auf, legte ihre Hand aufs Herz und lauschte.

Mama, was ist los? fragte Liselotte ängstlich.

Ich weiß es nicht, hauchte Irene. Mir ist plötzlich so friedlich. Warm. Als hätte Papa uns gerade umarmt und gesagt, dass es ihm gut geht.

Sie blickten auf das Bild im Rahmen. Beide sahen, wie auf Viktor Schneiders müde, aber freundliches Gesicht ein leichtes, fast unsichtbares Lächeln zuckte. Die Schwere im Raum zerstreute sich, weicht einem hellen Kummer, der keine Verzweiflung mehr kannte, sondern stille Demut und unendliche Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit.

Tod ist kein Ende. Er ist ein leiser Abschied in einer Welt, um in einer anderen das ewige Leben zu finden. Liebe ist das unsichtbare Band, das beide Welten vereint. Sie reißt nicht, sie verschwindet nicht. Sie lebt in Erinnerung, in den wärmsten Erinnerungen, in den Zügen von Kindern und Enkeln, im leisen Flüstern des Regens am Fenster, den jemand einst liebte zu hören.

Und die, die wir verlieren, gehen nicht für immer. Sie kehren einfach nach Hause zurück, lassen ihre Liebe als Trost und Hoffnung zurück, dass wir uns eines Tages wiedersehen dort, wo weder Schmerz noch Tränen existieren, nur Licht und stiller Frieden. Solange wir uns erinnern und lieben, bleiben sie lebendig nicht in einer Urne, sondern in jedem Sonnenstrahl, der durch Wolken bricht, in jeder guten Tat, die wir zu ihrem Andenken vollbringen.

Sie wenden sich zum Abschied, lächeln durch die unsichtbare Grenze und flüstern: Lebe. Freue dich. Ich bin bei dir. Ich bin frei. Und du wirst alles überwinden.

P.S. Lieber Papa, ich liebe dich sehr und vergesse dich nie! Ich weiß, du bist immer bei mir.

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