Fass meine Tomaten nicht an! Das ist alles, was mir noch bleibt, schrie die Nachbarin über den Zaun.
Frau Schmitt, Sie sollten zumindest erst einmal die anderen Dorfbewohner kennenlernen, sagte Hilde Müller, während sie einen dampfenden Apfelkuchen überreichte. In einem Dorf ohne Nachbarn kann man nie wissen, was passiert das Rohr bricht, das Licht geht aus.
Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab und nahm die schwere Kuchenform. Der Duft von Zimt und gebackenen Äpfeln erfüllte die kleine Küche des alten Bauernhauses, das ich von meiner Mutter geerbt hatte.
Danke, Frau Müller, aber ich bin nicht besonders gesellig, sagte ich verlegen. Ich bin hierhergekommen, um Ruhe zu finden und den Nachlass meiner Mutter zu ordnen.
Ach, mein Kind, das verstehe ich, nickte die alte Dame und richtete ein silbergraues Haar aus ihrem Kopftuch. Die Seele von Maria Schuster ist noch bei uns. Sie war ein gutes Herz, doch du solltest wenigstens die Frau Vera Sommer über den Zaun hinweg begrüßen. Sie wohnt rechts von dir und ist hier schon dreißig Jahre. Eure Mütter kannten sich nicht, aber Nachbarn helfen sich doch.
Ich nickte, obwohl ich mir bereits vorstellte, wie ich allein bei einer Tasse Tee durch ein altes Fotoalbum blättern würde. Nach meiner Scheidung hatte ich endlich Urlaub von der Werbeagentur bekommen und wollte ihn hier im beschaulichen Dorf in der Nähe von Brandenburg verbringen, etwa dreihundert Kilometer von Berlin entfernt. Ich wollte den Nachlass ordnen, das Grundstück in Schuss bringen und meine seelischen Wunden heilen.
Als Frau Müller gegangen war, zog ich alte Jeans und ein TShirt an, band ein Kopftuch um die Haare und trat in den Garten. Das Feld meiner Mutter war von Unkraut überwuchert ein Jahr lang hatte niemand mehr dafür gesorgt. Jetzt stand viel Arbeit an: alte Apfelbäume zurückschneiden, Beete neu anlegen und den morsche Zaun reparieren.
Bewaffnet mit einer Heckenschere begann ich, das wuchernde Himbeerbeet an der Grenze zu kürzen. Die Dornen kratzten an meiner Kleidung und an meinen Händen, doch das Schneiden beruhigte mich merkwürdig. Die körperliche Anstrengung ließ den Kummer ein wenig nachlassen.
Plötzlich raschelte es hinter dem Zaun und eine rauhe Stimme rief:
Wer bist du? Was machst du auf Marias Grundstück?
Ich richtete mich auf und sah eine alte Frau mit faltigem, wettergegerbtem Gesicht, die mich durch den Holzzaun beobachtete. Auf dem Kopf trug sie ein ausgebleichtes Leinentuch, in der Hand Gartenschere.
Guten Tag, sagte ich höflich. Ich bin Elisabeth Schneider, Tochter von Maria Schuster. Ich habe das Haus geerbt.
Die Frau runzelte die Stirn und sah mich prüfend an.
Eine Tochter? Das wusste ich gar nicht. Sie hat nie von dir gesprochen.
Ein Stich traf mein Herz. Meine Beziehung zu meiner Mutter war immer schwierig gewesen. Nach der Scheidung meiner Eltern blieb ich mit meinem Vater in Berlin, während meine Mutter ins Land zurückgezogen war. Wir sahen uns selten, meist nur zu den Feiertagen per Telefon.
Wir standen in den letzten Jahren nicht besonders eng, flüsterte ich. Und Sie sind wohl Frau Vera Sommer? Hilde hat mir von Ihnen erzählt.
Vera?, schnaufte die Nachbarin. Dieses Gerücht, das sich hier im Dorf herumtreibt sie sammelt immer die neuesten Neuigkeiten, um ihre Kuchen zu verkaufen. Ja, ich bin Vera. Ich lebe hier, seit deine Mutter noch Zöpfe hatte.
Ich lächelte und stellte mir meine Mutter als junge Frau vor.
Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich werde wohl länger bleiben, das Feld muss wieder in Ordnung kommen.
Vera blickte über die verwilderten Beete.
Maria hat das hier im letzten Jahr vernachlässigt. Sie war krank, hatte keine Kraft für den Garten. Ich habe ihr geholfen, so gut ich konnte, aber mein Rücken ist auch nicht mehr der Jüngste.
Sie schaute plötzlich streng. Lass die Himbeeren lieber in Ruhe. Die wachsen direkt an meinem Zaun entlang. Wenn du sie beschädigst, leidet mein Ertrag.
Ich nickte überrascht über den plötzlichen Tonwechsel.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Wege zu räumen, trockene Äste zu entfernen und das Unkraut zu jäten. Am Abend spürte ich, wie meine Hände von der ungewohnten Arbeit schmerzten, doch mein Geist fühlte sich leichter an. Es war gut, wieder mit Erde zu arbeiten.
Am nächsten Morgen hörte ich ein seltsames Geräusch. Durch das Fenster sah ich Vera, die am Zaun etwas machte. Schnell zog ich meine Jacke an und ging nach draußen.
Guten Morgen, rief ich. Haben Sie etwas verloren?
Vera zuckte zusammen und hielt eine Plastikflasche mit abgeschnittenem Boden hoch.
Die Schnecken plagen mich, knurrte sie. Sie frisst sie von meinem Beet und fressen meine Erdbeeren.
Entschuldigung, ich habe den Garten noch nicht bearbeitet, gestand ich. Ich kümmere mich gleich darum.
Ich komme alleine zurecht, schnappte sie. Aber achte darauf, dass dein Zaun nicht weiter verfällt sonst fallen meine Tomaten um.
Ich sah auf den morsche Holzzaun. Tatsächlich fehlten ein paar Bretter, die Pfosten lehnte. Dahinter wuchsen gepflegte Tomatensträucher, an Rankhilfen befestigt.
Ich werde ihn reparieren, versprach ich. Könnten Sie mir vielleicht einen guten Handwerker empfehlen?
Vera entspannte sich ein wenig.
Hol dir den Herrn Petersen. Er wohnt gleich um die Ecke, ist ein Alleskönner und nicht teuer.
Danke, das mache ich.
In den folgenden Tagen ordnete ich das Haus, sortierte Muttens Sachen und ließ ab und zu das alte Fotoalbum durchblättern. Jeden Morgen sah ich Vera, wie sie liebevoll ihre Tomaten pflegte. Sie redete mit den Pflanzen, band die jungen Triebe fest und sprühte einen geheimen Sud darüber.
Was für schöne Tomaten, bemerkte ich, während ich meine Beete wässerte. Ich habe so große noch nie gesehen.
Vera richtete sich stolz auf.
Bulleherz, ein alter Sortenname. Deine Mutter war neidisch, weil meine Tomaten so groß wurden. Sie hatte nicht das grüne Händchen.
Können Sie mir zeigen, wie man sie pflegt? Ich will auch nächstes Jahr welche ziehen.
Vera sah mich skeptisch an.
Warum? Du fährst nach Berlin zurück, sobald du kannst.
Ich plane, nach der Scheidung ein neues Leben zu beginnen vielleicht hier.
Ein Funken Mitgefühl glomm in ihren Augen.
Na gut, wenn du Lust hast, komme abends vorbei, wir trinken einen Tee.
Am Abend brachte ich Hilde Müllers Apfelkuchen mit und klopfte an Veras Tür. Das Haus war ebenso alt wie das meiner Mutter, aber makellos gepflegt. Der Vorgarten war frei von Unkraut, das Vordach frisch gestrichen und die Vorhänge knitterfrei.
Bei einem Tee erzählte Vera begeistert von ihrer Tomatentechnik:
Ich weiche die Samen in einer Kupfersulfatlösung ein, dann lasse ich sie im Warmen keimen. Die Pflanzung erfolgt an bestimmten Mondtagen.
Ich lauschte gebannt, während das Gespräch allmählich zu anderen Themen wechselte.
Wo ist dein Mann?, fragte Vera plötzlich. Warum nur ein Kind?
Ich seufzte.
Ich war fünfzehn Jahre mit Sergej verheiratet. Wir wollten Kinder, doch es gelang uns nicht. Er hat später eine jüngere Kollegin, die schwanger wurde, und jetzt hat er eine neue Familie.
Der Sergej war ein Narr, rief Vera. Du hast ein gutes Herz und starke Hände. Solch eine Frau zu verlieren, wäre ein Verbrechen.
Ihr offenes Urteil erwärmte mich.
Am nächsten Tag stellte ich Herrn Petersen ein, der den Zaun reparierte. Während er arbeitete, kümmerte ich mich weiter um die Beete und kam immer wieder an Veras Tomatenranken vorbei. Plötzlich neigte sich ein schwerer Zweig mit reifen Früchten zu meinem Zaun hinab.
Vera Sommer!, rief ich. Darf ich Ihre Tomaten festbinden? Sie biegen sich.
Sie reagierte nicht, also griff ich vorsichtig mit ein paar Bambusstäben durch die Lücke und hielt die Äste.
Ein scharfer Schrei durchbrach die Luft:
Lass meine Tomaten in Ruhe! Das ist alles, was ich noch habe! schrie Vera über den Zaun, rannte auf mich zu.
Ich zog die Hand zurück, stieß dabei gegen einen Nagel.
Ich wollte nur helfen die Früchte fallen gleich
Deine Hilfe brauche ich nicht!, keuchte Vera, ihr Gesicht gerötet vor Wut. Ich habe immer allein gekämpft und das schaffe ich jetzt auch wieder.
Herr Petersen, der in der Nähe arbeitete, schüttelte den Kopf.
Kind, sei nicht zu hart zu ihr. Diese Tomaten sind für sie wie Kinder. Nachdem ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben kam, lebte sie nur noch für sie.
Ich sah Vera, wie sie behutsam die Triebe richtete und leise Worte flüsterte. Plötzlich wirkte die Szene ganz anders.
In dieser Nacht lag ich wach und dachte an Vera und ihre Tomaten. Am Morgen ging ich entschlossen zu ihr.
Vera Sommer, es tut mir leid wegen gestern, sagte ich und sah ihr besorgtes Gesicht an. Ich wollte Sie nicht verärgern, nur verhindern, dass die Tomaten herunterfallen.
Sie schwieg einen Moment.
Mein Rücken tut weh, ich kann nicht mehr so weit bücken. Vielleicht könnte ich beim Gießen und Jäten helfen? Und Sie könnten mir zeigen, wie man Tomaten richtig pflegt.
Vera überlegte lange, dann nickte sie.
Komm morgen um sechs, aber mach alles, wie ich dir sage. Keine Eigeninitiative.
So begannen unsere gemeinsamen Morgende im Garten. Vera war eine strenge Lehrmeisterin, kritisierte jede Bewegung und ließ mich Arbeit wiederholen, wenn sie nicht perfekt war. Mit der Zeit wurde ihr Ton milder, und hin und wieder schenkte sie mir ein anerkennendes Nicken.
Eines Tages, als wir neue Triebe bandten, erzählte sie plötzlich:
Mein Sohn Michael war ein kluger junger Mann, studierte Ingenieurwesen. Er sparte für ein Motorrad und kam bei einem Unfall ums Leben, erst dreiundzwanzig.
Ich hörte schweigend zu, aus Angst, das Gespräch zu unterbrechen.
Ein Jahr nach seiner Beerdigung brach mir das Herz, doch ich blieb. Ich pflanzte Tomaten, weil sie mich am Leben hielten. Jetzt wachsen sie seit zwanzig Jahren, seit Michael nicht mehr da ist.
Jetzt verstehe ich, warum Sie sie so schützen, sagte ich leise. Sie bedeuten Ihnen mehr als nur Pflanzen.
Vera nickte. Deine Mutter und ich kamen nie gut miteinander klar, aber als ich vor drei Jahren krank war, kam sie jeden Tag, goss meine Tomaten, während sie im Krankenhaus lag. Die Pflanzen blieben gesund, und wir versöhnten uns.
Ich erinnerte mich an das Tagebuch meiner Mutter, das ich gefunden hatte.
Sie schrieb: Vera störrisch wie ein Esel, aber mit goldenem Herzen. Und die Tomaten ein Wunder.
Tränen liefen ihr über das Gesicht, die sie mit dem Saum ihrer Schürze abwischte.
Sie war eine gute Frau, sagte sie. Schade, dass ihr nicht viel miteinander zu tun hatte.
Wirklich? fragte ich erstaunt. Ich dachte, sie hätte mich vergessen.
Ach, Kind, sie war stolz auf dich. Sie erzählte jedem, wie klug du bist, wie wichtig deine Arbeit in Berlin ist. Sie wagte nur nicht, dich zu besuchen, weil deine Wohnung klein war.
Ein schwerer Kloß bildete sich in meinem Hals. So vieles blieb unausgesprochen zwischen mir und meiner Mutter.
Komm, lass uns Tee trinken, schlug Vera plötzlich vor. Gestern habe ich einen Kirschkuchen gebacken.
Beim Tee erzählte sie weiter von meiner Mutter, von den Dorfbewohnern und vom Landleben.
Weißt du, sagte sie dann, komm doch morgen zum Übernachten. Der Vollmond steht, das ist die beste Zeit, die Saat für das nächste Jahr zu behandeln. Ich zeige dir, wie du die Samen auswählst.
Nächstes Jahr? ich war überrascht. Glauben Sie, ich schaffe das?
Warum nicht? lachte sie. Deine Mutter war Maria Schuster. Du hast ihre Hände, du hast das Talent, nur fehlt dir die Praxis.
Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich angekommen. Hier, im alten Haus meiner Mutter, neben der streitsüchtigen, aber lieben Nachbarin, zwischen Apfelbäumen und Tomaten.
Ich glaube, ich bleibe hier für immer, sagte ich. Ich kann remote arbeiten und am Wochenende nach Berlin fahren. Und ich bin sicher, meine Mutter hätte das gutgeheißen.
Vera nickte, als wäre das selbstverständlich.
Natürlich bleib. Ein Haus ohne Besitzer verkümmert. Und ich brauche Hilfe bei den Tomaten, eine reicht mir nicht mehr.
Durch den Zaun hindurch sah ich die prallen roten Tomaten das Bulleherz, Veras ganzer Stolz und daneben die kleinen grünen Früchte, die wir gemeinsam einen Monat zuvor gepflanzt hatten.
Nächstes Jahr werden wir einen Ertrag einfahren, der das ganze Dorf neidisch macht, sagte sie, ihr Blick zärtlich auf die Pflanzen gerichtet.
Ich sah meine Hände, rau von der Erde, die nun nicht nur Tastaturen, sondern auch Hacken und Schaufeln kannten. Sie waren wie die meiner Mutter.
Danke, Vera Sommer, flüsterte ich. Für die Tomaten, für die Geschichten über meine Mutter für alles.
Sie winkte und sagte lächelnd:
Nachbarn helfen einander. Das hat deine Mutter immer geglaubt.
Wir standen am Zaun, der nicht mehr trennte, sondern uns beide Lebensabschnitte verband. Der Sommer lag vor uns, voll Arbeit und Freude, der Herbst würde die reiche Ernte bringen, der Winter die Vorräte sichern, und im nächsten Frühling würden wir wieder zusammen säen. In diesem einfachen Kreislauf des Landlebens fand ich endlich das, wonach ich lange gesucht hatte ein Zuhause, Zugehörigkeit und das Weiterleben meiner Familie.







