Gib mir deine Tochter, und ich werde still sein.

Gibst du mir deine Tochter, dann schweige ich.
Schuld, ich hab nicht aufgepasst, sei menschlich, Ignatz, zerbrich mich nicht
Wie soll ich dich Ignatz nennen? Hast du meinen Namen vergessen? Für dich bin ich Ignatz Eberhard.
Hab Erbarmen, bring mich nicht vor Gericht

Ignatz steht auf, richtet die Schultern, lässt sein Hemd knistern. Ein wütendes Feuer lodert in seinen dunklen Augen und verbrennt den schwachen Johann, dessen Schultern vor Angst sinken. Johann leitet die Bauerschaft schon lange, doch Ignatz wird erst vor einem Jahr zum Vorsitzenden gewählt. Anfangs zweifeln die Kreiskommissare, er ist erst fünfundzwanzig, zu jung. Doch sie sehen sein Händchen für die Verwaltung, seinen Eifer und seinen klaren Kopf und geben ihm ihr Wohlwollen.

Du bist ein Dieb, Johann Archelaus, sagt Ignatz mit metallischem Unterton. Und wenn ich es sage, lässt du dich nicht wehren ich biege das Gesetz nach meinem Willen.
Stöcke waren da, dann plötzlich verschwunden, fährt der Vorsitzende fort. Das war im Frühjahr, glaubst du, ich habe das vergessen ich bring dich vor Gericht!

Wie kann das sein? Ich habe treu auf dem Feld gearbeitet, schwöre, ich habe nichts genommen. Ignatz, können wir uns einigen? Meine Frau hält das nicht aus, und meine Kinder

Kinder, sagst du?, überlegt Ignatz. Willst du verhandeln? Willst du, dass ich dich decke was habe ich dafür zu verlieren? Wenn ich dich schütze, gibt es einen Grund dafür

Johann spannt die Schultern, beobachtet den Vorsitzenden, spürt, dass er vielleicht entgegenkommen könnte sie stammen ja aus demselben Land.

Und deine Tochter Ulrike, ein hübsches Mädel was, wenn ich sie heirate? Ich nehme sie und verlange nichts weiter.

Johann blass: Reiß dich zusammen, Ignatz, sie ist noch zu jung

Zu jung? Ich habe sie neulich auf dem Hof gesehen Braut

Welche Braut? Sie ist gerade siebzehn geworden, man hat noch nicht einmal die Puppe aus dem Kinderbett genommen, sie wird noch von der Amme betreut

Sie braucht jetzt eine echte Puppe! Hier mein Angebot: Gib mir deine Tochter, und ich halte den Mund über deinen Fehler. Wenn du dich wehrst, informiere ich das Kreiskomitee dann gehts vor Gericht. Also überleg, was besser ist die Tochter abgeben oder das Brot trocknen und ob du noch mit deiner Familie zusammenkommst.

Johann kniet vor dem Vorsitzenden nieder. Was verlangst du von mir? Eine Last, die ich nicht tragen kann! Wie soll ich meine Tochter mit Gewalt übergeben? Was für ein Unhold bin ich?

Ignatz kehrt zum Tisch zurück, setzt sich und holt ein Blatt Papier hervor. Dann schreiben wir: Johann Zwickel hat sich gegen die Obrigkeit gestellt, hat das Gemeinwohl verletzt

Warte, schreib nicht, sagt Johann mit gesenkter Stimme, ich spreche noch mit meiner Tochter.

Dann sprich. Sie ist doch störrisch, will dir widersprechen und du sagst, sie sei klein.

Du bist doch schuld, du hast sie mitgenommen das Mädchen ist erschrocken.

Wenn die Seele zerrissen ist, lächelt Ignatz.

Johann seufzt schwer. Wäre die Seele

Zuhause lässt Johann sich erschöpft auf die Bank fallen, zieht seine Stiefel aus.

Was ist los?, fragt Maria.

Auf dem Tisch steht ein Topf mit Kartoffeln, im Ofen duftet frisches Brot, das ganze Haus ist vom Aroma erfüllt. Warum so finster?

Ulrike!, ruft er seiner Tochter zu. Sie kommt aus dem Zimmer, hat die Zöpfe noch nicht geflochten.

Was, Vater?

Er blickt sie an. Der Vorsitzende will sich die Braut nehmen er sagt, er will dich heiraten.

Ulrikes Lippen zittern, sie fasst die wirren Zöpfe, steht wie ein junger Birkenzweig im Wind, erschüttert von den Worten: Warum soll ich ihn? Ich will nicht

Maria lässt das Glas fallen, setzt sich erschüttert auf den Hocker.

Johann atmet schwer. Ich weiß, dass du nicht willst, also will ich es auch nicht. Es ist zu früh für dich was soll ich tun?

Vater, warum machst du das mit mir?

Johann, wer hat das ausgedacht, ein Mädchen mit Gewalt in den Dorfvorstand zu zwingen? Wir leben nicht mehr im Zarenreich

Der Vorsitzende hat es erfunden, er will uns alles verderben

Lehn ab, das ist alles.

Vater, ich gehe nicht zu ihm, er ist böse, alle fürchten ihn

Der jüngste Sohn Klaus, der an den Ofen gelehnt ist, hört jedes Wort.

Ich habe Schuld, ich habe versäumt, die Stöcke im Frühjahr zu prüfen

Ach, Vater, dann wirst du ins Gefängnis kommen

Und Ignatz will mich einsperren er hat mir nicht vertraut, er will mich

Dann, wenn er Ulrike zur Frau nehmen will, lässt er dich auch zurück

Genau, meine Tochter für meinen Fehler ich brauche keinen solchen Schwiegersohn.

Papa, du solltest dich beschweren, meint der dreizehnjährige Klaus.

Ruhe, ich komme ohne deinen Rat aus wenn du dich beschwerst, wirst du selbst im Gefängnis landen, unser neuer Vorsitzender ist noch grün

Vater, ich fürchte ihn, schluchzt Ulrike.

Johann blickt erst die Tochter, dann die Frau, seufzt und macht sich bereit zu gehen.

Wohin? fragt Maria.

Pack das Leichte, vergiss das Hemd nicht, nimm das Brot, ich gehe morgen früh zu Ignatz, lass ihn mich festnehmen, ich bin nicht ihr Feind, ich will meine Tochter nicht mit Gewalt weggeben, es ist noch zu früh für sie

Maria schlingt ihn, drückt ihn an sich. Ulrike zieht sich ins Zimmer zurück, legt sich aufs vorbereitete Bett, hört das Weinen der Mutter und das Seufzen des Vaters. Sie hat noch nicht einmal mit ihren Freundinnen gespielt ihr Bruder Fedor ist ein Jahr älter, fast ihr Ebenbürtiger, gutaussehend, doch sie hat noch nie an den Vorsitzenden gedacht. Er ist älter, sein finsteres Gesicht erschreckt sie, er schimpft ständig, verlangt, tadelt er ist ihr fremd.

Ulrike bemitleidet sich, ihr Leben ist kaum begonnen, plötzlich ein Zwang zur Ehe, und dann Ignatz Zorin, ein harter Mann. Doch ihr Vater hat auch sein Leid, er könnte jetzt gehen vielleicht für immer.

Sie flechtet die Zöpfe, zieht an den Haaren, spürt keinen Schmerz, nur Wut und Verzweiflung. Dann geht sie zu ihrem Vater, nimmt aus seiner Hand den Sack. Ich gehe nicht mehr, Vater, sagt sie plötzlich erwachsen.

Wenn du das sagst, knallt Johann sich in die Brust, würde es mir nicht wehtun, hier zu bleiben. Du hast es schwer mit ihm besser, ich drehe meine Strafe um, du lebst ohne Tränen.

Papa!, schnappt Ulrike nach ihm. Geh nicht! Er wird dich festnehmen, er blinzelt nicht. Und wir werden verurteilt, man wird uns anklagen, mich, Klaus und meine Schwester Antonia, die hat einen Mann und Kinder.

Johann setzt sich müde auf die Truhe an der Tür, die gleichzeitig als Sitz dient. Ich weiß, Antonia wird es auch treffen, Schande für die ganze Familie, man wird sagen, Johann Zwickel habe das Heu gestohlen das ist das Schlimmste.

Sag ihm morgen, dass ich einverstanden bin, lass die Anbahner kommen, bittet Ulrike.

Maria sammelt die Sachen, legt sie hinter den Ofen, wischt die Tränen ab und deckt den Tisch.

In der Nacht schlafen Johann und Maria kaum. Sie reden, wälzen sich, seufzen schwer. In der Nachbarzimmmer hört man Ulrikes Weinen.

Nein, Maria, sie fürchtet ihn, die Ehe wäre eine Last, zu früh in diesen Zeiten. Mach das: hol morgen früh meinen Sack, ich gehe in den Hof, zu Ignatz, er kann machen, was er will, aber meine Tochter gebe ich nicht.

Maria legt den Kopf an Johanns Schulter: Johann, wie du willst, nur ohne dich

* * *

Sie stehen mit dem ersten Licht auf, um die Kinder nicht zu wecken. Während sie im Hof arbeiten, bemerken sie nicht, wie Klaus hinter das Tor schlüpft. Als sie fertig sind, brennt die Sonne bereits.

Wo ist unser kleine Klaus?, fragt Johann.

Keine Ahnung, vielleicht zur Schule gerannt, habe ihn heute Morgen nicht gesehen.

Er kommt schon. Ich bleibe noch ein wenig zu Hause

Johann, bleib bis zum Mittag zu Hause, sonst wird Ignatz nicht genug Zeit haben, sagt Maria, hofft still, dass das Unglück vorbeizieht.

Und warum ins Gefängnis hetzen?, meint Johann.

Währenddessen fährt Klaus mit seinem Traktor, gezogen von Onkel Matthias, ins Kreiszentrum.

Klaus, warum willst du ins Kreiszentrum?, fragt Matthias.

Ich soll die Urkunden von der Schule holen das ist meine Aufgabe.

Klaus lügt, er hat sich die Geschichte ausgedacht, stellt sich ernsthaft dar. Matthias scharrt das Pferd, rumpelt die Karren und fährt ins Zentrum.

Klaus springt ab, dankt und eilt zum Kreisvorstand. Der erste Sekretär, Herr Gunter, besucht das Dorf. Er ist ein kräftiger, wortkarger Mann um die fünfundvierzig. Klaus meint, er könne helfen.

Was willst du, Junge?, fragt der Sekretär überrascht.

Ich suche Alexej Mitrofan.

Warum?

Ich habe ein Anliegen.

Hier gibt es keine Kinder.

Da tritt Gunter selbst vor. Klaus redet durcheinander, verwirrt den Sekretär.

Halt, sprich nicht so wirr, das ist nicht zu verstehen. Du verleumdest gerade den Vorsitzenden, sagt der Sekretär, als er die Geschichte hört.

Das ist reine Jugend! Die Mutter und Schwester schreien, der Onkel soll ins Gefängnis. Und er hat die Stöcke nicht genommen, ich schwöre

Woher weißt du das?

Ich weiß! Ignatz Archelaus hat das erfunden, um unsere Ulrike zu heiraten sie will nicht.

Gut, ich wollte heute vorbeischauen warte am Tor, bis Vasili die Kutsche bringt.

Im Dorfzentrum schaut Sekretär zuerst im Dorfvorstand nach. Ignatz Zorin, der Anweisungen gibt und durch die Felder reitet, schimpft den Traktorist Peter.

Als Gunter erscheint, verstummen alle, gehen schweigend. Ignatz richtet sich, bereit, über aktuelle Dinge zu berichten.

Klaus schleicht um den Dorfvorstand, späht durch die Fenster. Er beschwert sich selten, doch jetzt sorgt ihn das Schicksal seines Vaters, warum plötzlich ins Gefängnis? Und was wird aus seiner Schwester?

Erzähl, wie du hier herrschst, fragt Gunter.

Alexej Mitrofan, alles wie immer, wir bemühen uns

Siehst du, das Heu wurde im Frühjahr gestohlen, du hast erst jetzt die Sturmwelle geschlagen. Warum hast du vorher geschwiegen? Hast du auf das richtige Timing gewartet? Und warum glaubst du, dass dein Vorarbeiter Zwickel schuld ist? Nur weil dir die Tochter verweigert wurde, hast du erpresst?

Die Fragen prasseln wie Erbsen, überraschen den Vorsitzenden. Ignatz wird immer blasser.

Verstanden. Ich bin schuldig, gesteht er. Nicht bewiesen, nicht ich, jemand anderes hat es genommen ich wollte ihn einschüchtern.

Dafür wirst du zahlen, sagt Gunter leise, doch einschneidend. Ich habe dich eingesetzt, ich setze dich zurück du gehst vor Gericht wegen Selbstjustiz.

Klaus stürmt herein, öffnet die Radiokanäle. Dort schaltet ein, zeigt er auf das Gerät, da ist Krieg.

Sie drehen ein, hören die Meldung vom 22.Juni1941.

Klaus eilt nach Hause sie wissen es noch nicht.

Alexej Mitrofan, ich nehme meine Schuld nicht mehr an, aber jetzt ist nicht der richtige Moment, sagt ein blasser Ignatz. Bring mich nicht vor Gericht, lass mich an die Front, ich werde eingezogen.

Gunter, erschüttert von der Nachricht, lehnt über den Tisch, überlegt, was mit Ignatz Zorin geschehen soll.

Das Heu ist gegessen, fährt Ignatz fort, wer es gegessen hat, wissen wir nicht. Jetzt bin ich an der Front nötig

Und wer bleibt hier?, fragt Gunter.

Männer finden sich, zum Beispiel Matthias, der nicht mehr wehrpflichtig ist, aber als Vorsitzender passen könnte

In Ordnung, Zorin, ich habe keine Zeit mehr ein neues Kapitel beginnt. Ich überlege noch, was mit dir geschieht.

Eine Woche später stehen mehrere Traktoren vor dem Dorfvorstand, Dorfbewohner sammeln sich. Man hört Weinen, Lachen, Gesang.

Ignatz verbeugt sich, legt den Sack ab und tritt in den Kreis. Der Harmonika-Spieler spannt die Tasten, Ignatz, streng und unbeugsam, verändert sich plötzlich. Er breitet die Arme, stampft im Takt, die Menschen bilden einen dichten Kreis um ihn.

Ach, Ignatz Eberhard, welche Hände du hast du könntest damit die Frau halten, doch heute musst du das Gewehr umarmen, bemerkt Matthias Ilich, der nun statt Ignatz Vorsitzender ist.

Die Familie Zwickel verabschiedet den Schwiegersohn. Antonia hängt an ihm wie eine Peitsche, bis das Kommando ertönt: Auf die Traktoren!

Die harten Winter Sibiriens weichen, das Frühjahr bricht, schwere Tage folgen, Nachrichten vom Krieg erreichen das Dorf.

Ach, seufzt Maria, blickt zur Tochter, das Unheil schien vorbei, doch ein neues kam. Heute denken wir: das alte Unglück verblasst, wie das Feuer im Ofen erlischt.

Vier Jahre gehen, Murscheid schrumpft, Witwen und Waisen nehmen zu. Der Frühling 1945 belebt die Menschen, der Sieg rückt näher.

Fedor kommt im März zurück (nach einer Verletzung, sofort heimgekehrt), er war gerade achtzehn, jetzt ein starker Jungmann, begehrt als Bräutigam.

Warum willst du Fedor abweisen?, fragt Maria die erwachsene Ulrike. Wo finden wir heute noch einen solchen Bräutigam? Es ist zu früh, die Tochter soll nicht zurückschauen, er wird dich heiraten.

Alles verstehe ich, Mutter, nur ich fühle nichts

Welche Gefühle, Ulrike? Dann bleibst du ein Mädchen.

Ein Monat später kehrt Ignatz Zorin zurück. Frauen starren, wer kommt die staubige Straße hinauf, sehen den leeren Ärmel einer Arbeitsuniform. Sie schreien: Das ist unser Ignatz Eberhard!

Er ist kaum dreißig, doch graue Haare schimmern an den Schläfen, die Hände zittern.

Guten Tag, Damen! Wie geht es euch? Wo ist meine Mutter?

Oh, welch Freude sie ist auf dem Hof, komm und freu dich, heute ist ein Fest der Sohn ist zurück.

Ignatz nimmt schnell die Arbeit wieder auf. Beim ersten Treffen wird er zum Vorsitzenden gewählt.

Wir haben einen Vorsitzenden, sagt Ignatz, Matthias Ilich hat den Bauernverband den ganzen Krieg über gehalten, bleibt er nicht auf seinem Amt?

Selbstaufhebung?, fragen die Dorfbewohner.

Genau.

Er ändert sich, äußerlich und im Wesen. Keine Aufschreie mehr, keine Arroganz, die ihnUnd so fanden alle, trotz aller Prüfungen, ihren Frieden und lebten fortan in stiller Eintracht.

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