Verena fand im Sakko ihres Mannes zwei Flugtickets für die Malediven. Auf ihrem Namen stand nichts.
Während sie die schmutzige Arbeitskleidung ihres Mannes für die Waschmaschine zusammenlegte, tastete ihre Hand im Inneren der Jackentasche nach einem Stück Papiers. Dort lag ein fester Umschlag. Verena zog ihn heraus und entdeckte darin zwei Bordkarten für die Malediven. Das Abflugdatum war in zwei Wochen, die Rückkehr in zehn Tagen, die Klasse Business. Auf der einen Karte stand Andreas Schulz, ihr Ehemann. Auf der anderen stand Heike Schulz.
Ihr Herz setzte kurz aus. Heike? Wer war Heike? In ihrer Verwandtschaft gab es keine Heike Schulz. Verena ließ sich mit zitternden Händen auf das Bett sinken und hielt die Karten fest. 25 Jahre Ehe und plötzlich Heike.
Vielleicht ein Vertipper? Ein Druckfehler?, dachte sie, doch der Name war klar und fehlerfrei gedruckt. Verena steckte die Karten zurück in den Umschlag und legte ihn zurück in die Jackentasche. Ihre Hände zitterten, ihr Hals trocknete aus. Sie musste einen klaren Kopf bewahren. Andreas würde in einer Stunde von der Arbeit zurückkommen sie musste entscheiden, was sie tun sollte.
Sie ging in die Küche, goss sich eine Tasse Tee ein und setzte sich ans Fenster. In 25 Ehejahren hatten sie vieles erlebt Streitere, Missverständnisse, Phasen, in denen die Liebe etwas abgekühlt war. Eine Affäre jedoch hatte sie nie in Betracht gezogen. Andreas war immer ihr verlässlicher, treuer Partner gewesen. Sie hatten sich bei einer Wandergruppe am Zugspitze kennengelernt, danach gemeinsam den Harz erkundet, Bodensee und das Allgäu bereist. Nach der Hochzeit waren die Reisen seltener geworden Arbeit, Alltag, Verpflichtungen.
Das letzte gemeinsame Wochenende war vor drei Jahren gewesen, ein zweiwöchiger Urlaub auf Usedom. Verena erinnerte sich daran, wie Andreas damals geschworen hatte, im nächsten Sommer wieder ins Ausland zu reisen. Das hatte nie geklappt erst ihre Arbeit, dann seine. Und nun schien er eine Reise auf die Malediven zu planen ohne sie.
Verena griff zum Telefon und wählte die Nummer ihrer alten Freundin Olga.
Olga, hallo. Hast du einen Moment?, flüsterte sie, ihre Stimme leicht bebte.
Verena? Was ist los?, hörte Olga sofort Besorgnis.
Ich habe bei Andreas zwei Tickets für die Malediven gefunden. Auf einer Karte steht sein Name, auf der anderen ein Heike Schulz.
Ein kurzer Schluckauf folgte, dann fragte Olga vorsichtig: Vielleicht ein Fehler? Eine Geschäftsreise?
Eine Geschäftsreise auf die Malediven? Und warum soll Heike auch Schulz heißen?, erwiderte Verena bitter.
Komisch, stimmte Olga zu. Was willst du jetzt machen?
Ich weiß nicht, seufzte Verena. Vielleicht warten, bis er etwas sagt? Vielleicht hat er eine Erklärung?
Oder nicht, erwiderte Olga sanft. Du kennst Andreas seit 25 Jahren. Wenn er lügt, spürst du das sicher.
Verena dachte nach. Sie und Andreas hatten so lange zusammengelebt, dass sie seine Mimik und Gestik gut lesen konnten oder zumindest glaubte sie das.
Okay, ich überlege es mir, sagte sie schließlich. Danke, Olga.
Nach dem Auflegen saß Verena noch eine Weile still da, während Erinnerungen an Andreas späte Arbeitsnächte, seine neuen Anzüge, den teuren Eau de Cologne und den frischen Haarschnitt in der Friseurschule durch ihren Kopf wirbelten. Früher war er gleichgültig gegenüber äußeren Dingen.
Sie schüttelte den Kopf. Keine wilden Spekulationen, nur Fakten. Sie ging in das Arbeitszimmer ihres Mannes normalerweise respektierten sie die Privatsphäre des anderen, doch das hier war eine Ausnahme.
Der Schreibtisch war ordentlich, wie immer. Sie setzte sich an den Computer, das Passwort war ihr Hochzeitstag. Sie öffnete Andreas Mailbox. Es waren nur geschäftliche Mails, Newsletter und ein Brief eines alten Freundes. Dann schaute sie im Browser-Verlauf und fand zu ihrer Bestürzung Suchanfragen nach Malediven Hotels für Paare, Romantischer Urlaub Malediven, Geschenk für die geliebte Frau auf den Malediven. Das letzte Ergebnis lautete: Geschenk für die geliebte Frau auf den Malediven.
Verena hielt den Atem an. Geliebte Frau nicht Ehefrau.
Sie schloss den Browser, schaltete den PC aus, ließ die Tränen zurückhalten, damit Andreas sie nicht weinen sah.
Als Andreas nach Hause kam, hatte Verena bereits das Abendessen fertig gemacht Auflauf mit Pilzen, sein Lieblingsgericht. Er zog den Mantel ab, küsste sie auf die Wange und roch den Duft.
Was riecht so gut?, fragte er.
Pilzauflauf, antwortete Verena, bemüht, normal zu klingen. Dein Lieblings.
Perfekt, ich habe Hunger wie ein Wolf, sagte er und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen.
Beim Essen sprachen sie über Kleinigkeiten das Wetter, die Nachrichten, das Wochenende. Verena beobachtete ihn heimlich, suchte nach Anzeichen von Schuld. Er erzählte von der Arbeit, fragte nach ihrem Tag, machte Scherze. Schließlich fragte sie beiläufig: Wie siehts mit Dienstreisen aus?
Noch nichts Konkretes, meinte Andreas. Und warum?
Ich habe nur gedacht, wir könnten mal wieder zusammen verreisen. Das ist lange her.
Andreas sah sie kurz verwirrt an, wollte wohl etwas sagen, zog dann jedoch den Kopf zurück.
Ja, das stimmt. Wir müssen uns was einfallen lassen, sagte er.
Verena spürte, wie ihr Herz zusammenzog. Er log in diesem Moment sah er ihr direkt in die Augen und log.
Wohin würdest du gern fahren?, fuhr sie fort, bemüht locker zu wirken. Vielleicht ans Meer? Auf die Malediven zum Beispiel?
Andreas zuckte leicht zusammen.
Malediven? Warum plötzlich Malediven?, fragte er unsicher.
Nur ein Beispiel, sagte Verena mit den Schultern zuckend. Man sagt, es sei schön dort. Würdest du gern hin?
Ich weiß nicht, das ist zu teuer und zu weit, antwortete er, den Blick abwendend.
Und wer ist diese Heike?, fragte sie plötzlich.
Andreas hielt die Tasse in der Hand.
Welche Heike?
Heike Schulz. Kennst du sie?
Woher, begann er, wurde aber unterbrochen. Verena, was ist los?
Sie stand auf, ging zurück in die Küche, holte das Sakko ihres Mannes, zog den Umschlag mit den Karten heraus und legte ihn auf den Tisch.
Ich habe das heute beim Waschen gefunden. Erklär mir das bitte.
Andreas starrte die Karten an, als sähe er sie zum ersten Mal. Dann sah er zu ihr auf.
Verena, das ist nicht, was du denkst.
Was denke ich, Andreas?, flüsterte sie. Dass du mit einer anderen Frau auf die Malediven fliegst? Dass 25 Jahre für dich nichts bedeuten?
Ganz im Gegenteil!, rief er plötzlich. Das ist völlig anders!
Wie?, drückte Verena, Tränen brachen hervor. Wer ist diese Heike? Und warum lügst du mich an?
Andreas trat näher, wollte sie umarmen, doch sie wich zurück.
Bitte, sag die Wahrheit.
Er atmete tief ein.
Die Wahrheit ist, stockte er. Verdammt, das läuft nicht, wie ich es mir vorgestellt habe.
Verena grinste bitter. So ist es also.
Du verstehst das nicht, murmelte Andreas und fuhr sich die Stirn. Ich muss dir etwas zeigen. Warte.
Er verließ die Küche, brachte nach einigen Minuten seinen Laptop zurück.
Sieh mal, öffnete er das Postfach und zeigte ihr eine Nachricht von einem Reisebüro. Ich habe die Reisen vor einem Monat für uns gebucht.
Verena blickte skeptisch auf den Bildschirm. In der EMail stand tatsächlich, dass zwei Tickets für die Malediven und Hotelzimmer für Andreas und Verena Schulz reserviert waren.
Warum steht dann Heike auf dem Ticket?, fragte sie.
Andreas scrollte nach unten.
Hier steht: Sehr geehrter Herr Schulz, bei der Buchung ist ein Fehler aufgetreten. Der Name Ihrer Ehefrau wurde falsch eingegeben. Wir entschuldigen uns. Neue Tickets werden Ihnen in drei Werktagen zugeschickt. Das Schreiben kam heute Morgen. Ich wollte dir das noch nicht sagen.
Verena las die Zeilen mehrere Male, unfähig zu glauben, was sie sah.
Also diese Tickets sind für uns?, ihre Stimme zitterte.
Ja, für uns!, er nahm ihre Hände. Ich wollte dir zum 25jährigen Silberhochzeitstag eine Überraschung machen. Ich habe monatelang gespart, das Hotel ausgesucht, alles geplant.
Aber warum hast du nichts gesagt? Und woher kommt Heike?
Ich wollte dich überraschen, erklärte er verlegen. Der Name war ein Systemfehler. Irgendwo wurde er mit einer anderen Buchung vermischt.
Verena sah ihren Mann an, versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Hatte sie alles falsch interpretiert? Hatte sie aus Misstrauen ein Drama gebaut?
Entschuldige, ich war dumm, sagte sie leise. Ich habe überreagiert.
Nein, widersprach er, streichelte ihre Wange. Ich verstehe, warum du zweifelst. Du hast in letzter Zeit Veränderungen bemerkt neue Hemden, Frisur, späte Arbeitszeiten. Ich wollte dich nicht beunruhigen, aber ich musste das Geld verdienen, um die Reise zu ermöglichen.
Ein Schamgefühl überkam Verena. Wie leicht hatte sie an seiner Treue gezweifelt?
Es tut mir leid, flüsterte sie und umarmte ihn. Ich habe alles fast ruiniert, oder?
Du hast nichts ruiniert, drückte Andreas sie fest. Die Überraschung hat zwar nicht ganz geklappt, aber wir fliegen zusammen. Willst du nicht mit mir auf die Malediven?
Mit dir wohin auch immer, antwortete Verena lächelnd durch die Tränen.
In jener Nacht konnte Verena kaum schlafen. Andreas schnarchte leise, während sie über das Nachdenken nachsann, wie ein einziger Zweifel ein ganzes Fundament erschüttern kann. Ein Missverständnis kann ein Haus aus Karten zusammenreißen, doch offene Kommunikation kann es wieder aufbauen.
Am nächsten Morgen rief Verena das Reisebüro an. Die Mitarbeiterin bestätigte den Buchungsfehler und versprach, neue Tickets noch am selben Tag per Kurier zu liefern.
Wissen Sie, woher der Name Heike kommt?, fragte Verena.
Bei hoher Auslastung kann das System Daten überschreiben, erklärte die Frau. An diesem Tag gab es viele Anfragen für die Malediven, ein Systemfehler ist leider passiert.
Verena legte auf, fühlte sich leichter. Die unbegründeten Verdächtigungen lösten sich wie Morgennebel im Sonnenlicht auf.
Als Andreas abends heimkehrte, wartete ein gedeckter Tisch mit Kerzen und einer Flasche Sekt im Gefrierbeutel auf ihn.
Was feiern wir?, fragte er überrascht.
Uns, antwortete Verena schlicht. Und unsere bevorstehende Reise.
Andreas zog einen Umschlag aus seiner Jacke.
Hier, die neuen Tickets jetzt ganz eindeutig auf deinen Namen.
Verena öffnete den Umschlag, sah die beiden Bordkarten auf den Namen Andreas Schulz und Verena Schulz.
Danke, sagte sie und sah ihm in die Augen. Für alles.
Und danke dir, sagte er ernst. Dass du mir vertraust, nach 25 Jahren. Und für die nächsten 25, die vor uns liegen.
Sie stießen mit Gläsern an. Draußen fiel leiser Schnee und deckte die Stadt mit weißem Tuch zu, während in ihrer Wohnung Wärme und Geborgenheit herrschten. Verena dachte daran, wie glücklich sie war und wie zerbrechlich das Glück sein kann ein einziger Fehltritt, ein falscher Verdacht, kann alles zerstören.
Zwei Wochen später saßen sie im Flugzeug über dem Indischen Ozean. Andreas drückte Verenas Hand.
Ich hatte Angst, dass du nicht mitfliegst, gestand er. Du magst Überraschungen nicht.
Ich liebe dich, erwiderte sie schlicht. Der Rest ist egal.
Sie lächelten, blickten durch das Fenster ins endlose Blau so unendlich wie ihre Liebe, die die Prüfung von Zweifel und Missverständnis überstanden hatte.
Zu Hause, in einem Fach von Andreas Schreibtisch, lag ein zweiter Umschlag: darin ein Diamantring, ein Geschenk zur Silberhochzeit, den er am Strand bei Sonnenuntergang überreichen wollte.
Der Tag auf den Malediven wurde zu einem der schönsten ihres Lebens.
Und die Lehre daraus: Vertrauen und offene Worte sind das Fundament jeder Beziehung; ein unbegründeter Verdacht kann alles erschüttern, doch Ehrlichkeit kann das zerbrochene Kartenhaus wieder aufbauen.







