Ich habe einfach ein Foto von unserem Familienurlaub ins Internet gestellt, und eine Stunde später rief mich die weinende Schwester meines Mannes an.

Ich habe gerade das Urlaubsfoto ins Internet gestellt, schrieb Lieselotte, während sie gemütlich auf dem Sofa die Beine an die Brust zog und durch das Tablet scrollte. Schau, wie lustig Lukas und ich hier aussehen!

Jürgen, ihr Mann, biss sich gerade aus dem monatlichen Haushaltsplan heraus, den er penibel pflegte, und lehnte sich über ihren Rücken.

Ja, nicht schlecht, murmelte er, doch seine Augen blickten eher besorgt als begeistert. Die Ausgaben diesen Monat Das Meer ist schön, aber das Loch im Budget ist ein echter Riss.

Aber Jürgen, wir haben das ganze Jahr nicht verreist!, schnaufte Lieselotte. Wir haben darauf gespart. Du hast doch gesagt, wir müssen mal an die frische Luft, den Sohn ans Meer bringen.

Gesagt hab ich. Aber reden ist eines, Zahlen sehen ist ein anderes, seufzte er. Gut, nächsten Monat spannen wir die Gurte fester. Und Lukas Sommerlager müssen wir leider streichen das kriegen wir nicht hin.

Streichen?, protestierte Lieselotte entsetzt. Er hat sich das ganze Jahr darauf gefreut! Da war Kajakfahren, Wandern

Kein Problem, meinte Jürgen lächelnd. Er kann ja bei Oma auf dem Land wohnen, frische Luft tut ihm gut. Jetzt reicht es, nicht zu streiten. Er stand auf, die Entscheidung getroffen.

Lieselotte schwieg. Mit Jürgen über Geld zu diskutieren war wie mit einem Betonblock zu reden. Er war ein liebevoller Ehemann, ein zuverlässiger Vater, aber in Finanzfragen ein echter Fels. Jeder Cent zählte, und er war stolz auf die Sicherheitskissen, das Konto, das für unvorhergesehene Ausgaben gedacht war. Auch wenn Lieselotte manchmal murrte, dass das Kissen zu hart sei, schätzte sie heimlich seine Gründlichkeit.

Sie wählte das perfekte Foto aus: Die drei sie, Jürgen und ihr zwölfjähriger Sohn Lukas stehen an der Promenade von Rügen, sonnengebräunt, im Hintergrund das azurblaue Meer und ein kleiner weißer Dampfer. Ein Bild vom Traumfamilienglück. Sie drückte Posten und schrieb schlicht: Unser kleines Südglück.

Innerhalb weniger Minuten pladderten Likes und Kommentare herein: Ihr seht fantastisch aus!, Wo war das denn?, Schöne Bilder! Lächelnd antwortete Lieselotte, fühlte das wohlige Kribbeln der virtuellen Anerkennung.

Eine Stunde später vergaß sie das Foto fast, war gerade dabei, das Abendessen vorzubereiten, als das Telefon klingelte. Auf dem Display stand Sibylle. Ihre Schwägerin, mit der sie sonst gut klar kam.

Hallo, Sibylle, wie gehts?, rief Lieselotte fröhlich.

Statt der gewohnten heiteren Stimme hörte sie ein ersticktes Schluchzen.

Lieselotte stimmt das?, schniefte Sibylle.

Was genau, Sibylle? Was ist los?

Das Foto das ihr im Netz gestellt habt Ist das ein Fotomontage?

Fotomontage? Das ist doch nur ein Urlaubsschnappschuss. Lieselotte bat um Aufklärung.

Da hinten, beim Dampfer ein Mann in weißem Hemd Ist das er? Ist das Dieter?

Lieselottes Herz setzte einen Schlag aus. Dieter Jürgens bester Freund, Eifersuchts­partner von Irene, seiner verstorbenen Frau. Dieter war vor drei Jahren bei einem schrecklichen Verkehrsunfall auf der A7 ums Leben gekommen, das Auto brannte bis auf die Asche. Er wurde in einem verschlossenen Sarg beigesetzt. Der Verlust hatte Jürgen tief erschüttert, und Irene kämpfte noch immer mit der Situation, zog ihre Tochter allein groß und schlang jeden Cent zusammen.

Sibylle, das kann nicht sein!, rief Lieselotte. Er ist tot!

Nein!, kreischte Sibylle. Ich erkenne ihn an dem Muttermal am Hals, an seiner Uhr!

Lieselotte ließ den Kochlöffel fallen, rannte zum Tablet, öffnete das Bild und zoomte. Die glücklichen Gesichter verschwammen, aber weiter hinten, beim kleinen Dampfer, stand tatsächlich eine Gruppe Menschen. Unter ihnen ein Mann in weißem Hemd und hellen Hosen, halb seitlich, mit einer Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt.

Sie zog weiter heran. Die Qualität war mau, doch die Schultern, die leichte Neigung des Kopfes, die auffällige Uhr genau die, die ihr und Jürgen am 30. Geburtstag an Dieter geschenkt worden war und das Muttermal, das halb unter dem Hemd hervorschaute.

Es war er. Dieter. Lebendig, gesund und offenbar glücklich mit einer anderen Frau und einem anderen Kind.

Lieselotte fiel auf den Stuhl, fassungslos. Das ganze Szenario wirkte wie ein schlechter Scherz.

Siehst du das?, schluchzte Sibylle in die Leitung. Er lebt! Und Irene seit drei Jahren erstickt sie förmlich, weil sie keinen Cent mehr hat, während er einfach abgehauen ist! Wie kann das sein?

Ich ich weiß es nicht, Sibylle. Ich rufe zurück, stammelte Lieselotte.

Sie legte auf, starrte das Foto an und fühlte sich wie die größte Narren. Dann begann ihr Gehirn, das Schockhafte zu ordnen.

Jürgens monatliche Überweisungen an seine alte Tante in Leipzig Sie hat wenig Rente, wir müssen helfen, Lieselotte, hatte er immer gesagt. Der Betrag war stets ein bisschen mehr, als nötig.

Seltsame, gedämpfte Telefonate, bei denen er in ein anderes Zimmer ging und flüsterte: Ja, alles klar. Nein, sie weiß nichts. Keine Sorge. Lieselotte dachte, das sei Arbeit.

Seine plötzlich strenge Sparsamkeit, die erst vor drei Jahren begonnen hatte, das ständige Wir müssen sparen, das Verbot, Lukas ins Lager zu schicken. Jetzt verstand sie: Er half nicht seiner Tante, sondern seinem verstorbenen Freund. Er hatte das Geld aus ihrer gemeinsamen Kasse genommen, um Dieters neues Leben zu finanzieren, während er den eigenen Sohn um Freude brachte.

Die Tür öffnete sich. Jürgen kam herein, roch das Abendessen.

Mmmh, was riecht hier so lecker?, rief er fröhlich.

Er sah Lieselottes bleiches Gesicht, das Tablet auf dem Tisch, und verstummte. Sein Blick folgte ihrem.

Ist etwas passiert?, fragte er mit einer Stimme, die plötzlich nicht mehr locker klang.

Deine Schwester hat angerufen, sagte Lieselotte mit kühlem Blick. Sie wollte wissen, wie es Tante Liese aus Leipzig geht. Sie hat wohl wieder was zu erzählen.

Tante Liese?, runzelte Jürgen.

Ja, sie hat jetzt eine neue Identität nicht mehr Liese, sondern Dieter. Und du weißt ja, warum. Lieselotte schwenkte das Tablet. Jürgens Gesicht erstarrte für einen Moment, dann graute ihm das Blut. Er begriff alles.

Lieselotte, ich…, begann er.

Spare dir das, unterbrach sie ihn. Ich will deine Lügen nicht mehr hören. Wie viel hast du ihm in den letzten drei Jahren geschickt? Zehntausend? Hunderttausend Euro? Wie viel hast du von uns gestohlen?

Ich habe nicht gestohlen!, kam es aus ihm heraus. Ich habe meinem Freund geholfen! Er war in tiefen Schulden, man hätte ihn umbringen können! Das war die einzige Möglichkeit ein Neuanfang!

Und Irene? Ihre Tochter?, schrie Lieselotte. Sie denken nicht einmal darüber nach, während du diesen Schurken unterstützt!

Irene ist stark, sie schafft das, murmelte Jürgen hohl. Dieter hatte keine Wahl.

Man hat immer eine Wahl, Jürgen!, rief sie, und ihr Faustschlag auf den Tisch klang wie ein Donnerschlag. Du hast dich entschieden. Du hast uns belogen, jedes Mal, wenn du gesagt hast, wir hätten kein Geld für Lukas Lager. Du hast mich zur Komplizin deines Betrugs gemacht!

Jürgen senkte den Kopf, sprach kein Wort mehr.

Eine letzte Frage, flüsterte Lieselotte. Unser Ausflug an die Ostsee war das wirklich Zufall? Oder wolltest du ihn nur nutzen, um dich zu treffen?

Er nickte langsam. Das war die letzte Träne.

Lieselotte griff nach ihrem Handy. Ihre Finger zitterten, doch sie wählte eine Nummer.

Wen willst du anrufen?, fragte Jürgen ängstlich.

Dorthin, wo noch die Wahrheit liegt, antwortete sie.

Am anderen Ende hörte sie Sibylle, nun wieder gefasst.

Sibylle, gib bitte Irene das Telefon.

Lieselotte, ist das wirklich nötig?, zögerte Jürgen. Sie wird

Muss es sein, sagte Lieselotte bestimmt. Wir haben zu lange in Lügen gelebt.

Jürgen sah sie an, als würde er gleich zusammenbrechen. Er wollte das Telefon wegziehen, doch Lieselotte fletzte die Finger um den Hörer wie ein Raubtier.

Nicht wagen!, knurrte sie, und ihr Blick war so kalt wie ein Wintermorgen.

Im Hintergrund hörte man Irene, leise und erschöpft: Ja, ich höre.

Lieselotte atmete tief durch.

Hallo Irene. Wir müssen reden. Es geht um Dieter.

Sie setzte sich, den Rücken dem überraschten Ehemann zugewandt. Sie wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde Scheidung, Teilung des Hauses, Tränen ihres Sohnes. Aber jetzt tat sie das, was sie tun musste: Sie gab zurück, was Dieter ihnen genommen hatte: die Wahrheit. Und das war der erste Schritt zu ihrer eigenen Befreiung.

Manchmal reicht ein einziges Foto, um die rosarote Illusion einer perfekten Familie zu zerschmettern und die dunkle Realität ans Licht zu bringen. Wenn dich diese Geschichte nachdenklich stimmt, gib ein Like und abonniere den Kanal. Und sag in den Kommentaren, findest du irgendeine Entschuldigung für Jürgens Handeln?

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One Day, Just Like Any Other, My Son and I Were Playing a Game When Suddenly, There Was a Knock at Our Door. I Opened It to Discover Someone I Had Long Since Forgotten