Ich will euch eine Geschichte erzählen, die mir bis heute das Herz zusammenzuziehen scheint, dann doch langsam wieder erwärmt. Es geht um unsere Liselotte, die Tochter von Klara und Stefan, und um den Tag, an dem sie ihre Mutter am Kragen packte. Ja, ihr habt richtig gehört nicht nur die Hand, nicht nur die Umarmung, sondern den Kragen, wie man ein freches Kätzchen zu schaukeln versucht. Das ganze Dorf, das damals in Hohenau lag, hielt den Atem an.
Alles begann mit einem Unglück, das wie ein dunkler Vorhang über die Familie fiel. Klara und ihr Mann Stefan lebten zusammen wie die beiden Hälften eines alten Fachwerkhauses: er, der Steppi, stämmig, mit Händen, die einem Bagger ähnelten, und einem Herzen so leicht wie eine Taube; sie, die Klara, still und besonnen, immer im Gemüsegarten und am Herd. Ihr Heim roch nicht nur nach Sauerkraut und frischem Brot, sondern nach einer besonderen Gemütlichkeit, nach stiller Zufriedenheit, die jeden Besucher zum Verweilen einlud. Ich kam, um den Blutdruck zu messen, und blieb lieber sitzen, lauschte ihren Geschichten über die Saat, die Kuh Berta und die Tochter Liselotte, die in Berlin eine Anstellung gefunden hatte. Es schien, als wäre das wahre Leben hier, fern von Großstadttrubel.
Dann, wie ein Hammerschlag über das Haupt, verschwand Stefan plötzlich. Am Morgen fuhr er mit dem Traktor aufs Feld, lachte, rief zu Klara: Klara, mach die Suppe dicker!, doch am Mittag kehrte er schon leblos zurück. Man sagte, sein Herz blieb stehen wie eine alte Standuhr. In einem Augenblick war er fort.
Auf Klara traf das Unaussprechliche zu. Sie weinte nicht bei der Beerdigung, stand erstarrt wie eine steinerne Statue, den Blick ins Leere gerichtet, die Lippen zu einer hauchdünnen Linie erstarrt. Wir führten sie an den Händen, doch sie schien nicht mehr bei uns zu sein. Es war, als wäre ihre Seele mit Stefan davongeflogen und nur noch ein leerer Hülle blieb zurück.
Da kam Liselotte aus Berlin. Sie war eine tüchtige Ingenieurin, hatte ihre Wohnung und den Job aufgegeben, um ihre Mutter zu retten. Doch wie rettet man jemanden, der nicht mehr leben will? Klara legte sich hin, nicht krank im herkömmlichen Sinne, sondern einfach erloschen. Sie lag im Bett, den Rücken zur Wand, an der Stefans Haushemd hing, und schwieg. Liselotte brachte Suppe, Brühe auf einem Teller mit blauem Rand, hielt die Löffel in den Händen ihrer Mutter, ließ sie aber unberührt zurück.
Das einst so saubere Haus verfärbte sich zu einem stillen Grab. Staub lag in den Ecken, Spinnweben über den Fenstern, statt Kuchen roch es nach Verfall, Feuchte und unauslöschlicher Trauer. Liselotte kämpfte wie ein Fisch gegen das Eis: sie musste das Haus in Ordnung halten, die Kuh Berta versorgen, die Mutter aus dem Jenseits holen.
Mama, iss wenigstens einen Löffel, flüsterte sie, setzte sich ans Bett. Doch Klara schwieg.
Mama, sprich mit mir. Lass uns über Papa reden. Wie habt ihr euch kennengelernt? Liselotte bat, doch Klara nur mit dem Kopf nickte, wandte sich weiter ab, ihre Schultern zitterten leicht. Kein Schluchzen, nur ein stummes Zucken. Liselottes Herz schoss vor Schmerz. Sie packte meinen weißen Kittel, Tränen gossen sich wie Hagel.
Frau Müller, was soll ich tun? Sie liegt in meinen Händen und ich kann nichts tun! Ich, als Sanitäterin, gab ihr Beruhigungsmittel, machte ihr eine heiße Wärmflasche, redete leise, streichelte ihr Haupt. Doch ich wusste: Pillen helfen hier nicht, die Seele muss geheilt werden und das, wenn sie sich verschlossen hat, ist schwer.
Gedulde dich, Kind, sagte ich. Trauer ist wie eine scharfe Krankheit, man muss sie durchleiden, bis sie heilt. Und doch dachte ich: Was, wenn die Zeit nicht reicht? Was, wenn Klara sich selbst in ihr Grab drückt?
Ein Monat verging, dann vierzig Tage, dann ein zweiter Monat. Klara wurde blass, schwand dahin, kaum mehr als ein Schatten ihrer selbst. Sie ging kaum noch, lag und starrte an die Wand. An einem grauen, regnerischen Tag, als das Wetter von früh bis spät trübe war, brach Liselottes Geduld schließlich.
Sie trat in das Zimmer, legte eine Schüssel Brei auf den Nachttisch und rief: Mama, iss! keine Antwort. Lauter wurde ihre Stimme, doch Klara blieb regungslos. Dann, so erzählte Liselotte später, brach in ihr etwas zusammen. All das Mitleid, die Schwäche, die Ohnmacht verwandelten sich in eine wütende Verzweiflung nicht gegen die Mutter, sondern gegen das Unheil, das das Haus erstickte.
Sie griff nach Klara, zog den Kragen ihres altem Morgenmantels, hob die kaum wiegende Gestalt und zog sie aus dem Zimmer. Was machst du, Hexe! Lass los!, keuchte Klara zum ersten Mal seit Monaten. Liselotte, die Zähne zusammengebissen, schraubte die Mutter über das Flur, hinauf zur Veranda, hinaus in den Regen, barfuß über den nassen, kalten Boden. Klara sträubte sich, doch Liselottes Kraft war übermenschlich.
Sie schob sie in den Stall, stieß die quietschende Tür auf und ließ die alte Frau hinein. Der warme Duft von Kuh, Stroh und frischer Milch erfüllte die Nase. Berta stand dort, ihr Fell strubbelt, die Augen müde, das Euter geschwollen. Liselotte versuchte, die Kuh zu melken, doch es gelang ihr nicht.
Sie drückte Klara an Bertas Seite, hielt die kalte Hand ihrer Mutter fest und schrie: Hörst du? Sie lebt, Mama! Sie hat Schmerzen! Dein Vater würde das nicht zulassen! Er liebte dich genauso wie dich! Du darfst ihr nicht wehtun!
Ein Regenguss trommelte aufs Dach, der Wind pfiff durch die Ritzen. Berta stieß mit ihrer feuchten Schnauze an Klara, leckte die salzige Haut, die vom Regen und Tränen gegerinnt war. In diesem Moment zuckte Klara ein Schauer, als wäre ein Blitz durch sie gegangen. Sie richtete die Hand, legte sie sanft auf Bertas Rücken, streichelte, und ihr Schluchzen wurde zu lautem, bitterem Weinen. Sie fiel auf das Heu, umarmte die Kuhbeine und jaulte, bis jede dunkle Last aus ihr herausgeschossen war. Liselotte stand daneben, Tränen flossen, flüsterte: Wein, Mama, wein Meine Gute, wein
Dann kam sie zu mir, völlig durchnässt, das Haar zerzaust, doch in ihren Augen glomm zum ersten Mal seit langer Zeit ein Funke Hoffnung. Sie erzählte alles und fragte ängstlich: Frau Müller, bin ich ein Monster? Ich habe sie fast umgebracht Ich umarmte sie und sagte: Du hast sie gerettet, mein Kind. Du hast ihr das Leben zurückgegeben.
Von da an ging es langsam besser. Nicht sofort solche Wunden schließen nicht über Nacht. Zuerst säugte Klara schweigend die Kuh, dann pflegte sie sie, dann trat sie wieder in den Garten, zupfte Unkraut. Stück für Stück fing sie an zu essen, zu sprechen, zuerst stichwortartig, dann immer ausführlicher. Liselotte und sie saßen abends am Küchentisch, tranken Tee und erinnerten sich an Stefan. Nicht mit bitterer Trauer, sondern mit warmem Gedenken: wie er scherzte, wie er sich ärgerte, wie er das Dach reparierte, wie er ihr die ersten Schneeglöckchen aus dem Wald brachte.
Der Herbst ging, der Winter verging, und im Frühling, während ich an ihrem Haus vorbeikam, stand das Tor offen. Klara rief, ihr Ton scharf und heiter: Ihr Parasiten! Ihr habt wieder die Beete zertreten! Sie fegte den Dünen vom frischen Gemüse mit einem Besen, rot im Gesicht, voll im Leib. Ein Hauch von Traurigkeit blieb in ihren Augen, ein paar graue Strähnen zierten ihr Haar.
Sie sah mich, lächelte breit.
Frau Müller, kommen Sie auf einen Tee! Wir haben Kohlrouladen fertig! Ich trat ein, und das Haus strahlte Sauberkeit aus, Sonnenlicht tanzte durch die Fenster, Geranien blühten auf der Fensterbank. Der Duft von Glück, Brot und Leben erfüllte den Raum. Wir saßen zusammen, Liselotte neben mir, zurückgekommen aus Berlin für das Wochenende. Klara schenkte mir eine Tasse warmen, schäumenden Milchkaffees von Berta.
Trink, Frau Müller, sagte sie. Es wirkt Wunder. Hat mich wieder auf die Beine gebracht. Sie blickte liebevoll auf ihre Tochter, voller Dankbarkeit. Liselotte streichelte ihre Hand.
So erkennt man, meine Lieben, dass Liebe viele Gesichter hat. Manchmal still und zärtlich wie ein Bach, manchmal stürmisch wie ein Gebirgsfluss, der Steine vom Weg reißt. Und manchmal, um einen Menschen zu retten, reicht ein sanftes Streicheln nicht man muss ihn am Kragen packen und ihm in die Augen des Lebens blicken.







