Du wirst den Enkel nur an Feiertagen sehen, das hat deine Schwiegertochter beim ersten Familienabend gesagt.
Gisela, hör endlich auf zu salzen! Du wirst das ganze Gericht verderben!
Nachbarin Ute stand am Herd und beobachtete besorgt, wie Gisela zum Salzstreuer über dem Topf mit Borschtsch griff schon zum dritten Mal.
Ach, Ute, ich fühl doch, dass das noch nicht genug ist!, sagte sie.
Heute schmeckst du ja gar nichts, du bist die ganze Zeit nervös! Lass mich lieber probieren, antwortete Ute.
Gisela trat vom Herd zurück, wischte sich die Hände am Schürzenhandtuch ab. Utes Hinweis war richtig die Hände zitterten, die Gedanken wirr, alles schien aus den Fäusten zu rutschen. Wie konnte sie bei so einem wichtigen Tag nicht nervös sein?
Ihr Sohn Andreas würde schließlich seine Frau nach Hause bringen, ihn seiner Mutter vorstellen. Sie hatten vor einem Monat still im Standesamt geheiratet, ganz ohne große Feier. Gisela war darüber sehr verärgert gewesen ihr einziger Sohn, und sie hatte nicht einmal bei der Trauung dabei sein dürfen. Andreas hatte erklärt, dass seine Frau Liselotte das so wollte: keine lauten Feiern, alles soll schlicht bleiben.
Also Gisela, probierte Ute den Borschtsch, ist doch gut, sogar richtig lecker. Und jetzt zieh dich um, frische dich auf, die Gäste kommen gleich.
Was, wenn sie mich nicht mag? Was, wenn ich ihr nicht gefalle?, stammelte Gisela.
Ach was, du bist die beste Schwiegermutter! Du mischst dich nicht ein, lebst dein eigenes Leben. Worum geht das überhaupt?, beruhigte sie Ute.
Gisela nickte, ging ins Schlafzimmer. Ute blieb in der Küche, um die Salate fertigzustellen. Gut, dass die Nachbarin aushelfen wollte allein schaffte Gisela das nie.
Im Spiegel prüfte sie ihr Aussehen: 62Jahre, graue Haare, Falten um die Augen, einfach eine gewöhnliche ältere Dame. Andreas war ihr späte Kind, geboren mit 35, lange nachdem sie kaum noch Kinder gewollt hatte. Ihr Mann war vor zehn Jahren gestorben, seitdem lebte Gisela allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Rand von Berlin.
Andreas war ein guter Kerl geworden: Studium abgeschlossen, arbeitet jetzt als Softwareentwickler, verdient gut und hat eine Wohnung im Stadtzentrum. Einmal pro Woche kam er nach Hause, brachte Geld, Lebensmittel, reparierte, was kaputt ging.
Dann lernte er Liselotte kennen. Er erzählte begeistert von ihr hübsch, schlau, arbeitet als Rechtsanwältin. Gisela bat um ein Foto, Andreas zeigte sein Handy. Sie war wirklich attraktiv: groß, schlank, dunkles Haar, auffälliges Makeup, aber die Augen wirkten kalt.
Gisela zog ihr schönstes, dunkelblaues Kleid mit weißem Kragen an, fräste sich, setzte Lippenstift auf. Ein kurzer Blick ins Spiegelbild bestätigte: sie sah ordentlich aus.
Um sechs Uhr klingelte es an der Tür. Gisela wischte die schwitzenden Hände am Kleid ab und ging öffnen.
Am Türrahmen stand Andreas mit Liselotte. Sie sah noch schöner aus als auf dem Foto, trug einen teuren Mantel, hohe Absätze, perfekt manikürierte Nägel.
Mama, hallo!, drückte Andreas seine Mutter. Das ist Liselotte.
Guten Tag, sagte Liselotte und reichte die Hand. Der Händedruck war kühl und förmlich.
Hallo, mein Schatz! Komm rein, komm rein!, rief Gisela und half, den Mantel abzulegen, bot Hausschuhe an. Liselotte musterte das Wohnzimmer, als würde sie die Wohnung bewerten. Ihr Blick glitt über die alte Möbel, den abgenutzten Teppich und die ausgeblichenen Vorhänge.
Wie gemütlich, murmelte sie fast ironisch.
Danke, wir leben bescheiden, aber sauber. Kommt bitte zum Tisch, sagte Gisela.
Ute hatte den Tisch schon gedeckt. Als sie die Gäste sah, lächelte sie.
Na, ihr lieben Neuhochzeitspaare! Ich bin Ute, eure Nachbarin.
Liselotte nickte trocken.
Sie setzten sich. Gisela schöpfte Borschtsch, reichte Salate. Andreas aß mit Appetit, lobte das Essen.
Mama, wie immer köstlich! Ich hab deinen Borschtsch vermisst!, rief er.
Iss weiter, mein Junge.
Liselotte wühlte mit der Gabel im Salat, nahm kleine Bissen.
Achten Sie auf die Figur?, fragte Ute. In Ihrem Alter ist das wichtig.
Ich esse einfach wenig Fett und nichts Gebratenes, antwortete Liselotte. Gesundheit hat Vorrang.
Gisela fühlte einen Stich war ihr Essen zu fettig? Sie kochte immer so, und Andreas mochte das.
Wie geht es Tante Vera? Ist sie wieder gesund?, wechselte Andreas das Thema.
Besser, ich war letzte Woche bei ihr und habe ein paar Kekse gebracht, sagte Gisela.
Stille folgte. Liselotte legte die Gabel hin und schaute Gisela an.
Gisela, Andreas hat erwähnt, dass Sie in Rente sind. Was machen Sie so?
Nur das Haus, gehe regelmäßig zum Arzt, mein Blutdruck ist sprunghaft. Treffe mich mit den Nachbarn, ab und zu ins Theater, wenn das Geld reicht.
Und Sie planen nicht, sich um die Enkelkinder zu kümmern?
Gisela erstarrte. Enkel! Sie hatte ihr ganzes Leben darauf gewartet!
Natürlich, sehr gern!, rief sie.
Liselotte lächelte. Weil ich im vierten Monat schwanger bin.
Gisela sprang auf, umarmte ihren Sohn, dann die Schwiegertochter. Liselotte nahm die Umarmung nur kühl an.
Warum hast du das nicht gleich gesagt?, fragte Andreas.
Wollte, dass Liselotte es selbst erzählt, meinte Gisela.
Wie schön! Herzlichen Glückwunsch!, jubelte Gisela.
Liselotte antwortete nur mit einem kurzen Danke.
Das Abendessen ging weiter. Gisela war überglücklich endlich Enkel! Sie versprach, zu helfen, zu kochen, zu babysitten, weil beide Eltern arbeiten würden.
Liselotte trank einen Schluck Wasser, sah Gisela ernst an.
Gisela, wir haben ein paar Regeln. Wir wollen die Erziehung selbst bestimmen, nach modernen, wissenschaftlichen Methoden.
Das ist gut, ich will nicht einmischen, nickte Gisela. Ihr seid jung, ihr wisst am besten.
Genau. Deshalb bitte ich Sie, sich nicht in die Erziehung einzumischen keine alten Ratschläge, keine altmodischen Methoden.
Gisela spürte, wie ihr kalt wurde. Ich wollte doch nur helfen.
Helfen kann man auf andere Weise, sagte Liselotte, wischte sich die Lippen. Geld nehmen wir gern, die Erziehung aber selbst.
Andreas mischte sich ein. Mama, das ist doch nicht nötig. Ich will nur das Beste für unser Kind.
Liselotte sah streng zu ihm. Erinnerst du dich an unser Gespräch?
Ja, aber
Kein aber. Wir haben das so beschlossen.
Ute schwieg, aber ihr Gesicht verzog sich, die Hände ballten sich. Gisela fühlte, wie ihr die Kehle zuschnürte.
Liselotte, ich bin doch Großmutter! Wie soll ich mich nicht einmischen?, bat sie.
Liselotte lächelte kalt. Sie werden den Enkel nur zu Feiertagen sehen Geburtstag, Weihnachten. Das reicht völlig.
Gisela erstarrte. Nur ein bis zweimal im Jahr?
Das ist ungerecht!, schrie sie.
Es ist vernünftig, schnitt Liselotte ab. Ich will nicht, dass Sie den Jungen mit fettem Essen überhäufen, ihn in zu vielen Kleidern einpacken, ihn mit gruseligen Geschichten erschrecken. Das wäre besser, wenn Sie nur selten auftauchen.
Gisela fühlte Tränen in den Augen, doch sie hielt zurück.
Andreas, sag ihr, dass ich eine gute Oma bin!, flehte sie.
Andreas blickte zu Boden. Wir haben lange darüber nachgedacht und dachten, das ist das Beste für alle.
Gisela konnte es nicht fassen. Ihr Sohn, den sie ihr ganzes Leben lang aufgezogen hatte, stimmte zu?
Bist du ernsthaft?, flüsterte sie.
Mama, bitte sei nicht böse. Wir verbieten nicht, dass wir uns sehen, nur nicht jeden Tag, erklärte Andreas.
Nur zu Feiertagen, wiederholte Gisela. Wie soll ich sonst helfen? Ihr arbeitet beide! Wer kümmert sich um das Kind?
Wir holen eine Tagesmutter, sagte Liselotte. Wir haben das Geld.
Eine fremde Tagesmutter! Ich möchte die eigene!, protestierte Gisela.
Genau deshalb. Eine Fremde lässt sich leichter kontrollieren, wir können sie entlassen, wenn es nötig ist. Familienmitglieder denken oft, sie haben ein Recht, überall reinzuschnüffeln, erklärte Liselotte.
Ute platzte heraus. Entschuldigung, aber das ist doch unmenschlich! Gisela ist ein wunderbarer Mensch, sie hat so lange auf Enkelkinder gewartet!
Liselotte wandte sich zu ihr. Das ist eine Familienangelegenheit. Bitte mischen Sie sich nicht ein.
Ich mische mich nicht ein, ich, begann Ute.
Sie mischen Sie ein. Gehen Sie bitte vom Tisch.
Ute wurde rot, schnappte sich ihre Tasche und ging. Gisela, ich komme später vorbei, wenn du willst.
Nachdem Ute gegangen war, herrschte schwere Stille. Gisela saß mit gefalteten Händen, Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie schluchzte nicht laut.
Mein ganzes Leben habe ich mir Enkelkinder erträumt, flüsterte sie. Ich wollte im Kinderwagen spazieren, GuteNachtGeschichten lesen, Kuchen backen.
Liselotte seufzte. Ich verstehe Ihre Gefühle, aber ich muss das Kind nach meinen Vorstellungen erziehen, ohne zu viele Menschen.
Bin ich dann überflüssig?, fragte Gisela.
Nein, Sie sind Großmutter, aber aus der Ferne, sagte Liselotte.
Gisela stand auf. Raus!
Liselotte hob überrascht die Augenbrauen. Was?
Ich sagte, raus! Jetzt sofort!, schrie Gisela.
Andreas stürmte herein. Mama, was soll das?
Ich will euch nicht mehr sehen!, schrie Gisela. Verlasst das Haus!
Andreas versuchte zu beruhigen, doch Gisela ließ nicht locker. Schließlich verließen Andreas und Liselotte das Haus, während Gisela weinend zurückblieb.
Ute kam nach einer halben Stunde zurück, fand Gisela in der Küche über einem Tisch voller unberührter Speisen.
Gisela, was ist passiert?, fragte sie ängstlich.
Wie konnte er das zulassen? Wie konnte er meine Enkelkinder von mir fernhalten?, schluchzte Gisela.
Ute hielt sie fest, streichelte ihren Rücken. Solche Schwiegertöchter gibt es leider, aber du bist nicht allein. Viele Großeltern stehen vor so etwas.
Gisela weinte lange, Ute räumte auf, machte Tee und saß still mit ihr.
Was soll ich jetzt tun?, fragte Gisela verzweifelt.
Weiterleben. Was sonst?, antwortete Ute.
Wie soll ich leben, wenn mein Sohn mich abgelehnt hat?, flehte Gisela.
Er hat nicht dich abgelehnt, er wurde von seiner Frau beeinflusst. Vielleicht kommt er eines Tages zur Vernunft, tröstete Ute.
Eine Woche später rief Andreas nicht mehr an, Gisela ebenfalls nicht. Der Stolz hielt sie zurück. Sie ging durch die Wohnung wie ein Schatten, aß kaum, schlief kaum, dachte nur an den Enkel, den sie nur an Feiertagen sehen würde.
Ute kam täglich, zwang sie zu essen, redete mit ihr, doch Gisela hörte kaum zu.
Dann klingelte das Telefon. Ihre Schulfreundin Nina, mit der sie seit Schulzeiten befreundet war, meldete sich.
Gisela, ich habe gehört, du hast geheiratet!, rief sie.
Ja, geheiratet, seufzte Gisela.
Schön? Ist die Schwiegertochter gut?, fragte Nina.
Nein, sie ist, erwiderte Gisela.
Nina lachte, dann wurde es ernst. Du musst dich nicht einschüchtern lassen. Zeig ihr, dass du dich nicht einschmeißt. Wenn du dich zurückziehst, sie wird dich noch mehr ausnutzen.
Gisela dachte darüber nach.
Ein Monat verging. Gisela hielt sich zurück, rief Andreas nicht an, schrieb keine Nachrichten. Sie lebte ihr halbes Leben, ging zum Arzt, ins Kaufhaus, zu Ute, aber innerlich war sie leer.
Eines Abends klopfte es an der Tür. Andreas stand dort, müde, gezeichnet.
Hallo, Mama.
Komm rein, sagte Gisela.
Sie setzten sich, Andreas sah bedrückend aus.
Ich wollte mich entschuldigen, begann er. Liselotte war zu hart. Ich hätte dich schützen sollen.
Aber warum das alles?, fragte Gisela.
Wir wollten Struktur, wir wollten das Kind nicht verwirren, erklärte er.
Gisela nickte, verstand. Andreas ging, ließ sie allein.
Einige Tage später kam er zurück, schwanger, und bat Gisela, für ein paar Tage auf den Enkel aufzupassen, weil die Tagesmutter krank war. Gisela war fassungslos.
Natürlich, ich helfe gern!, rief sie.
Er überreichte ihr einen Plan mit Essenszeiten, Schlafenszeiten, erlaubten Spielen. Bitte halte dich dran, Liselotte kontrolliert alles, sagte er.
Gisela nahm das Blatt, atmete tief ein.
Als Andreas ging, setzte sie sich zu dem kleinen Max, der in einem warmen Strampler und mit Schnuller im Mund da lag. Sie streichelte ihn, lächelte.
Die nächsten drei Stunden verbrachte sie damit, Max zu füttern, zu spielen, ihm Geschichten vorzulesen. Er lachte, strahlte, und Gisela spürte zum ersten Mal seit Jahren echtes Glück.
Als Andreas zurückkam, wollte er das Kind nicht wieder nehmen. Max weinte, wollte nicht loslassen. Gisela hielt ihn fest und flüsterte: Du bist mein kleiner Sonnenschein.
Nach diesem Tag bat Liselotte sie öfter, den Enkel zu betreuen, wenn die Tagesmutter ausfiel. Gisela lebte von diesen kurzen, aber kostbaren Stunden.
Ein Jahr später war Max ein kleiner Junge, Geburtstag war da, aber Gisela saß am anderen Ende des Tisches, weit weg vom Geburtstagskind. Liselotte brachte einen Salat zu ihr.
Möchten Sie noch etwas? fragte sie.
Nein, danke, antwortete Gisela leise.
Am Abend, als die Gäste gingen, half Gisela beim Aufräumen. Liselotte kam mit einem Teller. Danke für die Hilfe, sagte sie. Darf ich mich kurz von Max verabschieden? Er schläft bereits.
Nur leise, erwiderte Gisela.
Sie schlich in das Kinderzimmer, sah Max friedlich schlafen, streckte die Hand aus und küsste seine Stirn. Schlaf gut, mein Lieber, flüsterte sie, Tränen liefen über ihre Wangen.
Jahre vergingen, Max wurde sieben, Liselotte bekam noch eine Tochter, Viktoria. Gisela sah die Enkel nur zu Festen, zu Geburtstagen und zu Weihnachten. Die Besuche waren kurz, die Geschenke knapp, die Gespräche oberflächlich.
Ihre Gesundheit verschlechterte sich, der Blutdruck schwankte, das Herz pochte unregelmäßig. Ute drängte sie, ins Krankenhaus zu gehen.
Gisela, du kannst nicht so weiterleben, sagte sie. Du machst das nur für die Enkel.
Für wen? Für wen lebe ich?, fragte Gisela. Für die, die mich nie zulassen.
Eines Tages rief Andreas panisch an. Mama, Max ist krank, hohes Fieber, Husten. Liselotte ist verzweifelt.
Gisela packte sofort ihre Tasche, fuhr zu ihnen. Max lag blass im Bett, die Stirn heiß. Sie hielt ihn, streichelte seinen Rücken, gab ihm einen Tee mit Holunderbeeren, wischte ihm die Stirn mit einem feuchten Tuch.
Liselotte beobachtete sie dankbar. Danke, dass Sie hier sind. Sie wissen doch, wie gut Sie ihn pflegen.
Er ist mein Enkel, sagte Gisela leise.
Nach drei Tagen wurde Max wieder gesund. Liselotte ging zu Gisela und sagte, dass sie ihr Verhalten bereue. SieLiselotte versprach, künftig die familiären Distanz zu überwinden und Gisela regelmäßig in ihr Leben einzuladen, damit die Großmutter endlich die Enkelkinder nicht mehr nur zu Feiertagen, sondern jeden Tag erleben kann.







