Mach schon, beweg dich und kümmer dich um die Gäste, sagte der Bräutigam, als seine Verwandten zur Wohnung der Braut kamen, um die bevorstehende Hochzeit zu besprechen.
Na, meine liebe Schwiegertochter, jetzt bist du ja endlich bei uns, umarmte Tanja Braun die junge Liselotte zum wiederholten Mal. Vor kurzem hatte ihr Sohn Florian Liselotte einen Antrag gemacht, und beide hatten den Verwandten die bevorstehende Hochzeit verkündet. Florian kannte die Eltern der Braut bereits, doch für Liselotte war das erste Treffen mit der Schwiegermutter ein ganz neues Erlebnis.
Liselottes Eltern, Michael und Verena, hatten ihr ganzes Leben in Berlin verbracht und gehörten zu den gut situierten Bürgern. Sie hatten ihrer Tochter alles ermöglicht: eine eigene Wohnung, ein Auto, ein angesehenes Studium und einen sicheren Job und erwarteten, dass sie einen Mann nach Status auswählen würde.
Florian schien Liselotte zunächst ein ganz passabler Kerl zu sein. Mit 25 schon einen angesehenen Beruf, ein gutes Gehalt bei einer großen Firma und ein hübsches Viertel als Wohnort allerdings war die Wohnung nur zur Miete. Liselotte überzeugte schließlich ihre Eltern, dass sie, solange sie bereits ein Dach über dem Kopf habe, ihr zukünftiger Mann nicht sofort einen Kredit aufnehmen müsse.
Wir wohnen erst einmal in meiner Wohnung, dann kaufen wir gemeinsam etwas.
Ihr wisst doch, dass alles, was wir zusammen erwerben, zu gleichen Teilen gehört, fragte ihr Vater streng. Er war irritiert, dass Florians Mitgift lediglich aus einer riesigen Verwandtschaft bestand.
Wir werden nicht scheiden, Papa! Worüber redest du?
Alles kann passieren
Aber nicht bei uns! Florian und ich lieben uns. Er verdient genug, um in den Familienhaushalt zu investieren!
Vielleicht nach manchen Maßstäben gut, doch nicht annähernd so gut wie du.
Liselotte verdient überdurchschnittlich. Du hast zu hohe Ansprüche, Michael, erwiderte Verena, die baldige Schwiegermutter. Er ist ordentlich, und Liselotte mag ihn.
Leben lassen wir sie, aber die Hochzeit planen sie, fuhr Michael fort.
Richtig, ich freue mich, dass er es ernst meint. Sonst würden sie zehn Jahre zusammenleben, Kinder bekommen und im Standesamt ewig warten.
Wir reden hier von einer Wohnung in Berlin, meinte Michael skeptisch.
Papa! Was sagst du denn? Mama, sag ihm das!, schluchzte Liselotte. Die Worte ihres Vaters trafen sie, und sie verließ wütend den Raum.
Was hast du nur getan, Michael? Warum machst du ihr das zu schwer?, hörte sie ihre Mutter sagen. Der Vater ließ das Gespräch aus, doch Verena überredete ihn, dass Liselotte das Recht hat, ihren Bräutigam selbst zu wählen. Schließlich gab Michael sein Einverständnis zur Hochzeit, und Florian lud Liselotte zu einem Kennenlernen bei seinen Eltern ein.
Warum treffen wir uns nicht in einem Restaurant? Deine Verwandten können mit dem Zug anreisen.
Liebling, du weißt doch, meine Familie ist riesig. Wo sollen sie alle übernachten?
Im Hotel, schlug Liselotte unsicher vor.
Sie haben weder Geld für Hotels noch für teure Restaurants. Ich kann nicht alle auf meine Kosten einquartieren, wir müssen für die Hochzeit sparen. Lass uns ins Dorf fahren, wo ich geboren bin. Man kommt mit dem Regionalzug, damit wir nicht im Stau stehen.
Liselotte dachte, dass das Sparen nicht nötig wäre, weil ihr Vater eine prunkvolle Hochzeit organisieren könnte, aber sie gab nach.
Am Wochenende begleiteten Michael und Verena die Braut und den zukünftigen Schwiegersohn zu seinen Verwandten. Michael war zwar missmutig, hielt seine Meinung jedoch für sich, und Verena war ebenfalls nicht begeistert, dass sie allein fahren musste schließlich war die Einladung ausschließlich an die zukünftige Schwiegertochter gerichtet.
Liselotte, gut erzogen, packte ein kleines Präsent, nachdem sie herausgefunden hatte, was die Verwandten mögen. Für die Schwiegermutter kaufte sie eine hübsche Tischdecke und ein Handtuch-Set, für den Rest Süßes, Tee und Kaffee.
Bereit für das Kennenlernen?
Ehrlich gesagt, ein bisschen nervös.
Keine Sorge, das sind einfache Leute. Erwartet hier keine Berliner Luxus-Toiletten.
Welche sollen das denn sein? Holz und draußen?
Nein, nicht ganz so schlimm, lachte Florian.
Das Dorf sah aus, als hätte die Zeit ein paar Schlaglöcher verpasst: alte Fachwerkhäuser, ein kaputter Weg, ein paar verlassene Gärten. Florians Haus hatte wenigstens einen gepflegten Garten und einen frisch gestrichenen Zaun klar, dort wohnte immer jemand.
Am Tor stand ein großer Hundekorb, in dem Bello schlief. Auf das Kommen der Gäste setzte er laut bellt, was Liselotte erschreckte.
Weg da!, befahl Florian und schob den Hund beiseite.
Warum ist er so aggressiv?
Er soll das Haus beschützen. Das ist hier keine Großstadt, wo Hunde überall herumtollen.
Plötzlich sprang eine Frau aus einer Ecke, schrie: Kinder, mein Sohn! und stürzte auf die Ankommenden. Liselotte, die nicht an so überschwängliche Umarmungen gewöhnt war, fühlte sich fehl am Platz. Doch die Schwiegermutter beruhigte sich erst, nachdem sie Liselotte und Florian geküsst hatte und die Tür öffnete.
Im Inneren wartete ein Sturm aus Begrüßungen. Liselotte wurde unzählige Male umarmt, die Namen flogen nur so herum Tante, Schwestern, Onkel, Schwager, Kinder, Großmutter, entfernte Verwandte und sogar Nachbarn. Die Fragen kamen schneller als der Kaffee:
Wie seid ihr hierher gekommen? Warum haltet ihr eure schöne Braut so lange fern? Wann gibt es Kinder? Wo wohnt sie? Was macht sie beruflich? Wer sind die Eltern? Wie habt ihr euch kennengelernt und wo wollt ihr leben?
Liselotte war völlig überfordert.
Wir gehen denn jetzt, wir sind müde, sagte Florian und zog sie aus dem Kreis.
Nehmt euch zwanzig Minuten zum Ausruhen, dann gehts ans Essen. Wir wollen alles bis ins Detail wissen!, sagte Florians Mutter.
Keine Angst, das ist nur die Anfangsphase. Danach beruhigt es sich.
Woher weißt du das? Hast du schon die Braut nach Hause gebracht?, schnappte Liselotte.
Nein, ich kenne meine Familie nur zu gut. Leg dich um, wir gehen zum Tisch. Meine Mutter hat für dich Knödel gekocht bitte lob das Essen.
Sie setzten sich an den Kopf des Tisches. Die Speisen waren so heiß, dass Liselotte kaum einen Bissen nehmen konnte, und das Porzellan war von früheren Generationen, ein wenig rissig an den Rändern.
Essen Sie doch, liebe Gäste, rief die Schwiegermutter, nach Omas Rezept.
Kein Klassiker bei mir, antwortete Liselotte, meine Oma ist früh gestorben, und meine Eltern haben eine Haushaltshilfe.
Du isst doch sonst nichts zu Hause?, lachte die Tante Nina.
Ich koche nicht gern, bin eher CaféMensch, gestand Liselotte, und spürte den prüfenden Blick ihrer Schwiegermutter.
Florian zog die Schüssel zu ihr hin: Probier doch. Sonst reden alle nur und nichts passiert.
Sie nahm vorsichtig einen Löffel, das Gericht war brennend heiß und deutlich zu salzig.
Wie schmeckts?, starrte sie die Runde an.
Lecker, murmelte sie und zwang ein Lächeln. Florian streichelte ihr die Hand, und sie dachte nur daran, wie schnell der Abend vorbei sein könnte.
Können wir heute noch gehen?, fragte sie, sobald ein Moment frei war.
Deine Mutter würde sauer werden, erwiderte Florian, und ich habe versprochen zu bleiben bis morgen.
Dann fahren wir gleich morgen früh, ich muss noch etwas erledigen.
Du arbeitest zu viel, Liselotte. Jetzt hast du Wochenende, du solltest dich erholen.
Sie erfand einen Vorwand, um früher zu gehen, und Florins Eltern mussten schließlich das Frühstück, Mittag- und Abendessen streichen.
Schade, dass wir uns so schnell verabschieden, klagte Tanja Braun.
Kommt doch irgendwann wieder, wir haben hier kaum jemanden außer unserem Sohn, sagte Verena.
Wir haben in Berlin sonst niemanden außer unserem Sohn, ergänzte Michael.
Liselotte lächelte beim Abschied, und Florian fragte: Wie fandest du meine Familie?
Wunderbare Menschen, antwortete sie, ohne die peinlichen Momente zu erwähnen.
Danke, dass du meine Mutter respektiert hast, das bedeutet mir viel.
Ich muss gestehen, die Knödel waren viel zu salzig!
Florian sah enttäuscht aus.
Du hast gesagt, sie schmecken, obwohl du sie nicht magst?
Du hast doch gemeint, ich soll sie mögen, auch wenn sie nicht perfekt sind.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Lass uns das einfach vergessen, schlug Florian vor. Liselotte nickte; ein kleiner Streit war nicht nötig.
Aber du musst lernen zu kochen, wenn meine Verwandten kommen, sonst kommen sie nur mit Fertigsalaten, warnte die Schwiegermutter.
Wollen die uns überhaupt besuchen?, fragte Liselotte verwirrt.
Du hast doch alle eingeladen.
Nur deine Mutter, nicht alle.
Sie kann nicht alleine kommen, für uns ist Familie das Wichtigste, das ist hier nicht wie in der Großstadt.
Liselotte schluckte die Worte, hoffte, das Treffen liege noch in weiter Ferne, denn sie hatte viel zu tun.
Wir müssen die Hochzeitstorte auswählen. Der beste Konditor ist sechs Monate ausgebucht, aber ich habe für morgen eine Verkostung reserviert, erinnerte Liselotte, als Florian von der Arbeit zurückkam.
Die Torte machen wir später, nicht dieses Wochenende.
Warum?
Wir haben Gäste.
Ich hatte das nicht geplant
Wir haben das letzte Woche besprochen. Morgen Mittag müssen wir die Verwandten am Bahnhof abholen. Frag deinen Vater nach Firmenwagen.
Können die Verwandten nicht einfach ein Taxi nehmen?
Das sind ja unsere, nicht meine, Verwandten. Und das kostet Geld, wenn wir alle transportieren.
Wie viele kommen?
Genau weiß ich nicht, aber drei Autos sollten reichen, plus unseres.
Wo stellen wir sie hin? Vielleicht ein Hotel?
Die sind nicht wählerisch, können auch auf dem Boden schlafen.
Liselotte war völlig aus dem Häuschen. Sie rief ihre Mutter an.
Ich habe ein Meeting und einen Berg Arbeit, und er hat nicht mal gesagt, wie viele kommen!
Mach nichts. Kira, unsere Haushälterin, bringt alles morgen früh, wir können auch bei uns ein paar Verwandte unterbringen.
Liselotte seufzte erleichtert. Alles war bis zum Abend fertig: Tisch gedeckt, schönste Tischdecke ausgebreitet, Essen bereit.
Wird deine Mutter kommen? fragte Florian, als er nach Hause kam.
Nein, sie will deine Mutter kennenlernen.
Ich würde das erst nach der Hochzeit machen, aber wir müssen über Mitgift, Zeremonie und Traditionen reden.
Welche Traditionen?
Kuchen, Trauung.
Bevor Liselotte antworten konnte, klopfte es an der Tür. Die Verwandten waren angekommen.
Nun, Gastgeber, wohin soll ich mich setzen? fragte die Schwiegermutter. Liselotte bemerkte, dass ihr Vater plötzlich als Eigentümer der Wohnung auftauchte, obwohl er nicht eingetragen war.
Mama, reicht das Essen?, flüsterte Liselotte.
Kommen sie mit dem ganzen Dorf? Kennst du sie alle?
Nein
Wir finden schon etwas.
Die Gäste fanden sich an den Tisch, die Wohnung war groß, aber die Verwandten drängten sich in das Wohnzimmer, die Kinder wurden an einen separaten Tisch gesetzt.
Auf das Brautpaar!, prostete Tanja Braun, nahm ein Glas Wein, das sie aus einer Plastikflasche hervorgeholfen hatte.
Nur Liselottes Mutter trank den Wein, die Braut nur Wasser.
Was für ein kulinarischer Hochgenuss, bemerkte ein Gast, während er eine Brötchen mit Entenleber probierte.
Liselotte, kümmere dich um die Gäste, flüsterte Florian, es ist unhöflich, wenn du nur sitzt, während Kira alles macht.
Liselotte musste selbst Teller tragen, einmal zerbrach sie vor Aufregung ein Geschirrstück. Tanja Braun schüttelte missbilligend den Kopf.
Wir wollten über die Hochzeit reden, lenkte Florian das Gespräch zurück.
Bei uns gilt: Wenn wir heiraten, feiert das ganze Dorf. Der zweite Tag ist bei uns.
Im Café?, fragte Verena.
Wir stellen Tische nach draußen, das reicht.
Catering?, hakte Tanja.
Catering? Wir sind keine Großstadt, wir kochen Gulasch, Knödel und Kirschkompott.
Kirschkompott zur Hochzeit?, fragte Liselotte verwirrt sie hatte diesen Drink nie gemocht.
Wir wollen, dass du beim zweiten Tag mitkriegst, zu kochen, weil wir keine gekauften Salate akzeptieren.
Was, ihr wollt uns besuchen?, fragte Liselotte erstaunt.
Du hast doch alle eingeladen.
Nur deine Mutter.
Sie kann nicht allein kommen, Familienbande stehen bei uns an erster Stelle, das ist nicht wie in Berlin, wo jeder für sich ist.
Liselotte schluckte diese Worte, hoffte, das Treffen liege noch in weiter Ferne, denn ihre Arbeit wartete.
Wir müssen die Torte auswählen. Der beste Konditor hat ein halbes Jahr Vorlauf, aber ich habe für morgen eine Verkostung.
Die Torte machen wir später, nicht dieses Wochenende.
Warum?
Wir haben Gäste.
Ich hatte das nicht geplant
Wir haben das letzte Woche besprochen. Morgen Mittag holen wir die Verwandten am Bahnhof ab. Frag deinen Vater nach Dienstwagen.
Können die Verwandten nicht einfach ein Taxi nehmen?
Das sind ja unsere, nicht meine, Verwandten. Und das kostet Geld, wenn wir alle transportieren.
Wie viele kommen?
Ungefähr einhundert, das ist mir egal.
Wir zahlen ja proportional, 90% von dem, was ihr ausspielt.
Das klingt nach Mathe, die du nicht verstehst.
Verena war sichtlich verwundert, konnte das Lächeln nicht mehr halten.
Wie meinst du das?
Unsere Verwandten bringen mehr Geschenke, also zahlen wir 90%.
Wie kommt ihr darauf?
Ihr habt zehn Personen, wir neunzig.
Bei uns sind alle Gäste wohlvermögend.
Wir sind auch nicht arm! Und du bist voreingenommen.
Liselotte wollte am liebsten im Boden versinken.
Beruhigt euch, das ist nur ein Gespräch.
Florian flüsterte ihr ins Ohr: Beruhige deine Mutter, Liselotte. Eine Hochzeit ist ein Kompromiss beider Seiten.
Kira, die Haushälterin, kam mit einem Tablett und sagte: Möchten Sie den Kuchen zum Tee servieren?
Der Konditor hat einzigartige Torten, aber das kostet dreitausend Euro. Wir haben eine Bäckerin im Dorf, die macht günstige und leckere Torten.
Ich mag das nicht, das ist wie Sand im Mund, kein richtiger Schokoladengeschmack.
Die Schwiegermutter nippte an ihrem Wein und meinte: Das ist nicht Berlin.
Danke für das Essen, wir gehen.
Verena verabschiedete die Gäste, sagte, sie sollten den Tee in Plastikbecher mitnehmen und die Torten in Behälter verpacken, weil die Regionalzüge gleich abfahren.
Tanja Braun wollte noch etwas einwenden, doch Liselotte hörte nicht mehr zu.
Als die Gäste gingen, kritisierte Florian Liselotte, doch ihre Mutter stellte sich schützend vor sie.
Wenn Sie Ihre Verwandten so sehr lieben, können Sie ja mit ihnen die Regionalzüge nehmen. In unserer Familie gelten andere Regeln, hier kann man nicht wie auf dem Bauernmarkt diktieren.
Florian schweigte. Die Hochzeit wurde vertagt. Liselotte beschloss, den vorübergehenden Umzug zurück in die Mietwohnung zu veranlassen, um zu sehen, ob Florian ihr noch gefällt er schien ihr immer weniger zu gefallen.
Kurz darauf traf sie Max, der sofort bei Michael und Verena gut ankam. Auch ihre Vorstellungen von Hochzeit und gemeinsamer Zukunft passten viel besser zu Liselottes urbanem Lebensstil.







