Mama hat das Häuschen auf dem Land verkauft, wiederholte Maximilian leiser, während er die Stirn mit der Hand rieb, als wolle er die Müdigkeit wegwischen.
Sie hat nur genug Geld, um einen Teil der Wohnung zu bezahlen. Sie wird zu uns ziehen, bis sie eine neue Lösung gefunden hat.
Anneliese hielt die Tasse, aus der der Kaffee längst abgekühlt war, fest in den Händen. Ein Gedanke pochte in ihrem Kopf: Wie soll das hier, in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin, möglich sein?
Max, du weißt doch, dass wir nur ein freies Zimmer haben, und das ist das kleine hier.
Maximilian drehte sich zu ihr, das Gesicht angespannt, die Augen von einer schweren Entschlossenheit erfüllt.
Was soll ich tun? Sie auf die Straße setzen?
Anneliese stellte die Tasse auf den Tisch.
Ich will nicht darüber reden, sondern darüber, wie wir das organisieren. Es ist ja nicht nur für eine Woche, oder?
Drei bis vier Monate höchstens, flüsterte Maximilian, ein Funke Hoffnung in der Stimme. Sie findet etwas, dann ist alles geklärt.
Anneliese dachte an die ständige Kritik ihrer Schwiegermutter: das Essen zu salzig, der Rock zu kurz, der Job zu unzuverlässig. Jetzt würde sie unter demselben Dach wohnen.
Maximilian trat näher, packte ihre Hände; seine Finger waren kalt.
Anneliese, das ist meine Mutter. Ich kann sie nicht im Stich lassen.
In seinen Augen sah sie ein flehendes Bitten, ein fast verzweifeltes Verlangen. Sie nickte, obwohl ihr Inneres laut protestierte.
Einverstanden, hauchte sie. Aber nicht länger als vier Monate.
Abgemacht, erwiderte Maximilian erleichtert.
Drei Tage später kam Ursula Schmitt mit drei großen Koffern und zwei Taschen in die Wohnung. Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, verzieh sie das Gesicht, als hätte sie etwas Säuerliches gekostet.
Wie klein die Wohnung ist und wie dunkel hier.
Maximilian griff hastig nach den Koffern, um die peinliche Situation zu mildern.
Mama, du schläfst im Schlafzimmer. Wir machen es uns auf dem Sofa gemütlich.
Anneliese erstarrte im Flur. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Mann so willig das Schlafzimmer an seine Mutter übergeben würde.
Max, können wir das noch besprechen? flüsterte sie, während Ursula ihr Zimmer einrichtete.
Maximilian winkte nur müde ab.
Anneliese, was soll man da diskutieren? Mama kann nicht auf dem Sofa schlafen, ihr Rücken tut weh. Wir müssen das ertragen, es ist nur vorübergehend.
Anneliese nickte stumm und begann, die Bettwäsche zu falten, während in ihr ein wachsender Unmut aufstieg. Sie zwang sich jedoch, die Gedanken zu verdrängen nur ein paar Monate, dann würde Ursula ausziehen.
Doch Ursula schien ihre Geduld bis zum Äußersten zu prüfen. Jeden Morgen fiel ihr ein neuer Vorwurf auf die Lippen, der wie ein Tropfen nach dem anderen in die Schüssel fiel.
Der Brei ist zu matschig, schimpfte sie über Annelieses Frühstück, ich mag ihn luftiger, etwas mehr Milch, ein Hauch Zucker.
Anneliese biss die Zähne zusammen und aß schweigend weiter. Es war die Mutter ihres Mannes, also musste sie tolerieren.
Eines Abends blätterte Ursula durch ein Magazin und fragte ohne aufzublicken:
Bist du immer noch Marketingmanagerin? Das klingt doch komisch. Ein Buchhalter oder Lehrer hat doch Sinn. Was machst du überhaupt?
Ich entwickle Marketingstrategien, helfe Unternehmen, ihre Verkäufe zu steigern und Kunden zu gewinnen, antwortete Anneliese sachlich.
Ursula lächelte spöttisch:
Hauptsache, da ist irgendein Nutzen.
Anneliese ballte die Fäuste unter dem Tisch, die Nägel gruben sich in die Handflächen. Sie wiederholte leise für sich: Noch ein paar Monate, dann zieht sie aus.
Als dann die Miete anstand, senkte Maximilian den Blick und murmelte schuldbewusst:
Anneliese, diesen Monat kann ich meinen Anteil nicht zahlen. Ich habe das Geld an meine Mutter gegeben, sie braucht es jetzt mehr.
Anneliese erstarrte, legte das Handy langsam beiseite.
Sie hat doch Geld vom Hausverkauf.
Maximilian sah auf den Boden, weigerte sich ihr in die Augen zu sehen.
Sie will das Geld nicht ausgeben, es ist für ihr zukünftiges Zuhause.
Anneliese nickte schweigend, zahlte die gesamte Miete aus ihrem eigenen Gehalt. Das Gewicht dieser Entscheidung lastete schwer auf ihr.
Im nächsten Monat wurde es noch schlimmer. Maximilian brachte kein Geld mehr für Lebensmittel. Die Vorräte gingen rasch zur Neige, weil Ursula viel und wählerisch aß, ständig um teureren Quark oder Joghurt bat. Die Haushaltsreiniger verschwanden mit alarmierender Geschwindigkeit.
Anneliese trug die schweren Tüten allein nach Hause, während Maximilian beschäftigt war, seiner Mutter zu helfen, sie überall hinzubringen.
Am Monatsende saßen sie zu dritt am Tisch: Anneliese, Maximilian und Ursula. Auf dem Herd köchelte Borschtsch, den Ursula bereits wegen zu wenig Grünzeug und Knoblauch kritisierte.
Anneliese legte den Löffel beiseite, atmete tief ein.
Max, morgen muss die Miete bezahlt werden.
Maximilians Gesicht verkrampfte sich, die Wangenmuskeln spannten sich.
Kein Geld.
Wie das bitte? Schon wieder das zweite Mal!
Ursula runzelte die Stirn.
Warum drängst du ihn? Was willst du von ihm?
Da platzte Annelieses Geduld wie ein zu stark gespannter Bogen.
Ich habe es satt, alles allein zu bezahlen! Miete, Nebenkosten, Lebensmittel das hier ist ein Haus von drei Personen, aber ich trage die Last allein!
Ursula sprang vom Stuhl, ihr Gesicht wurde rot vor Wut.
Du musst dich in meine Lage versetzen! Ich habe eine schwere Situation!
Sie haben Geld! Kaufen Sie ein Zimmer für sich selbst! Warum leben Sie hier von uns?
Ich will eine ordentliche Wohnung, kein kleines Zimmer! Und ihr könntet doch einen Kredit aufnehmen, um mir zu helfen! Ihr seid jung, gesund, ihr arbeitet!
Anneliese stand still, die Welt um sie herum geriet ins Wanken. Sie blickte zu Maximilian, der schweigend auf den Boden starrte.
Hast du mit deiner Mutter darüber gesprochen?
Maximilian nickte, ohne den Kopf zu heben.
Alles fällte sich wie ein Puzzle zusammen: Sie hatten nur darauf gewartet, den Moment zu nutzen, um ihr noch einen Kredit aufzubrummen, damit sie nicht nur alles zahlte, sondern auch noch Schulden machte und dafür nie ein Dankeschön bekam.
Mir reichts!, rief Anneliese und begann, ihre Sachen in einen Rucksack zu packen. Das Feuer in ihr loderte, doch sie fuhr fort, Dinge hineinzulegen.
Maximilian stürmte ihr nach, packte nach ihrer Hand.
Anneliese, warte! Wir müssen reden!
Sie riss sich los.
Lass mich los. Ich habe nichts mehr mit dir zu besprechen.
Du verstehst doch, dass meine Mutter jetzt Hilfe braucht!
Anneliese drehte sich zu ihm um, ihr Blick zwang Maximilian einen Schritt zurückzuweichen.
Deine Mutter braucht das Geld, mir ist das egal! Willst du unser gemeinsames Leben für die Forderungen deiner Mutter opfern?
Sie schloss den Rucksack, nahm die Jacke von der Garderobe und ging zur Tür. Ursula stand am Eingang, triumphierend wie nach einem gewonnenen Spiel.
Na gut, dass du gehst, sagte sie kalt. Maximilian braucht doch eine richtige Frau, keine Egoistin.
Anneliese ging vorbei, ohne ein Wort zurückzuwerfen, und trat auf die Treppe. Dort hielt sie inne, atmete tief durch.
Ihre Mutter wartete bereits, umarmte sie ohne viele Fragen zu stellen und begleitete sie ins Schlafzimmer.
Ruh dich aus, meine Liebe, flüsterte sie. Morgen reden wir, wenn du willst.
Am nächsten Tag reichte Anneliese die Scheidung ein. Maximilian rief, schrieb Nachrichten, flehte um Rückkehr, versprach, alles zu ändern, dass ihre Mutter ausziehen würde.
Doch Anneliese sah klar: Es gab keine Zukunft mit einem Mann, der seine Mutter über seine eigene Familie stellte.
Die Scheidung verlief schnell. Im letzten Gerichtssaal wirkte Maximilian erschöpft, murmelte leise:
Entschuldige mich.
Anneliese nickte stumm und verließ das Gebäude. Auf der Straße spürte sie, wie eine Last von ihren Schultern fiel, als hätte sie einen schweren Stein ins Meer geworfen.
Sie war endlich frei von Maximilian und seiner Mutter und konnte ihr Leben wieder für sich selbst beginnen.
Die Erfahrung lehrte sie, dass man nie seine eigenen Bedürfnisse und das eigene Wohl dauerhaft zugunsten anderer opfern sollte; wahre Liebe bedeutet, dass beide Partner einander unterstützen, ohne dass einer das eigene Leben aus den Augen verliert.







