Mamas Marmeladengläser – der Grund für den Skandal

Was soll das weggeworfen heißen? Bist du verrückt? Das war doch Himbeermarmelade! Ursula Petersen schwenkte die Hände, sodass fast ihre Brille vom Halsband fiel.

Mama, die Gläser standen fünf Jahre im Keller! Fünf Jahre! Klara seufzte und strich sich durch das nasse Haar. Da ist doch alles verschimmelt, verstehst du das nicht?

Da ist nichts verschimmelt! Ich prüfe meine Vorräte jedes Mal. Das war ein erstklassiges Marmeladenstück aus den Himbeeren, die wir auf dem Schrebergarten von Waltraud Beck gepflückt haben. Solche Himbeeren gibts heute nicht mehr am Tresen!

Thomas, Klaras Mann, seufzte leise und versuchte, unbemerkt die Küche zu verlassen. Die Streitereien zwischen Schwiegermutter und Ehefrau waren seit dem Einzug von Ursula nach dem Tod ihres Mannes ein Dauerbrenner. Doch das war erst der Anfang.

Und du, wohin willst du? Ursula drehte sich sofort zum Schwiegersohn um. Glaubst du, das geht dich nichts an? Wer hat letzten Monat die Regale im Keller umgestellt? Wer hat entschieden, dass der ganze Altbestand weg muss?

Thomas erstarrte im Türrahmen wie ein schüchterner Schüler. Er hatte ja tatsächlich vorgeschlagen, den Keller aufzuräumen, in dem sich Dutzende Gläser mit Marmelade, Eingemachtem und Sauergurken gestapelt hatten ohne zu ahnen, dass das zur nächsten Familienauseinandersetzung führt.

Ursula, ich wollte nur Ordnung schaffen. In manchen Gläsern hat sich die Farbe verändert, versuchte Thomas zu erklären.

Farbwechsel? die Schwiegermutter kniff die Augen zusammen, ein schlechtes Omen. Und du bist jetzt der Experte für Hausgemachtes? Ich habe vierzig Jahre Erfahrung! Vierzig! Als du noch unter dem Küchentisch herumgelaufen bist, wusste ich bereits alles über Konservieren!

Klara rollte mit den Augen. Dieses Argument hatte sie schon tausendmal gehört genauso wie die Geschichten über Mangelzeiten in den achtziger Jahren, als Hauskonserven noch das Lebenselixier waren.

Mama, beruh dich. Ich habe nur das weggeworfen, was eindeutig verdorben war. Der Rest ist noch intakt, Klara versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl ihr Inneres kochte.

Und wer hat dir das Recht gegeben, zu entscheiden, was schlecht ist und was nicht? Ursula stemmte die Hände in die Hüften. Das sind meine Gläser! Ich habe sie selbst eingekocht!

In unserer Wohnung! In unserer Küche! Und sie standen in unserem Keller! platzte Klara heraus.

Ein schweres Schweigen senkte sich. Die Katze Mauzi, die gemütlich auf der Fensterbank döste, öffnete ein Auge, musterte die Szenerie und suchte sich ein ruhigeres Plätzchen.

Also gut, Ursula senkte ihre Stimme zu einem unheilvollen Flüstern. Wenn das eure Wohnung und euer Keller ist, habe ich wohl nichts mehr zu melden.

Sie stapfte entschlossen zurück in ihr Schlafzimmer. Nach einer Minute hörte man das Quietschen von Schubladen, das unmissverständliche Zeichen dafür, dass Ursula begann, Sachen zu packen.

Klara ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

Und jetzt? murmelte sie. Jetzt muss ich wieder zu meiner Schwester nach Hannover fahren. Das dritte Mal im Monat.

Thomas legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

Vielleicht fährt sie diesmal wirklich? Seine Stimme zitterte zwischen Hoffnung und Skepsis.

Du kennst sie ja, seufzte Klara. Sie packt alles zusammen, dann fängt sie an zu jammern, wie schwer die Anreise mit Umstiegen wird, dann meint sie, dass Luisa kaum Platz hat und am Abend ist alles wieder vergessen, bis zum nächsten Streit.

Aus Ursulas Zimmer fiel ein lautes Poltern, gefolgt von einer Tirade über undankbare Kinder, die die Mühe der Mutter nicht zu schätzen wüssten.

Das wird diesmal ernst, bemerkte Thomas. Das ist ihr strategischer Vorrat, du weißt ja, wie sie über ihre Gläser brummt.

Klara seufzte noch schwerer. Für die Mutter war die Marmelade mehr als nur Süßes zum Tee ein Stück Stolz, ein Zeichen von Fürsorge, ein Band zur Vergangenheit. Jedes Glas erzählte eine Geschichte: das hier stammt von den Beeren, die wir beim Ausflug nach Harz gesammelt haben, jenes von Äpfeln der Sorte Grüner Bollen vom Schrebergarten der verstorbenen Freundin.

Ich spreche mit ihr, entschied Klara und stand vom Tisch auf.

Im Zimmer ihrer Mutter stand ein offener Koffer auf dem Bett, und Ursula sortierte methodisch ihre Sachen ein.

Mama, reicht das jetzt. Lass uns ruhig reden, begann Klara.

Worüber reden? Das ist doch klar. Ich stehe euch im Weg. Meine Marmelade nimmt zu viel Platz in eurem kostbaren Keller ein, betonte Ursula jedes Mal das Wort eurem.

Niemand hat gesagt, du würdest im Weg stehen. Es ist nur so, dass die Gläser so lange standen, dass man sie nicht mehr essen kann.

Das ist deine Meinung! flammte die Mutter auf. Letztes Jahr habe ich ein zehn Jahre altes Marmeladenglas geöffnet und es war wie neu! Weißt du, wie viel Chemie in gekauftem Konfitüren steckt? Meine ist natürlich rein und bio!

Klara setzte sich an das Bett und wählte Worte, die keinen neuen Streit entfachen würden.

Mama, ich verstehe, dass diese Gläser für dich mehr sind als nur Essen. Aber wir haben wirklich wenig Platz, und manche Vorräte liegen seit Jahren unverbraucht herum.

Sie werden nicht gegessen, weil ihr ihren Wert nicht erkennt! konterte Ursula. Ihr seid ja an diese Ladenkonserven mit Konservierungsstoffen gewöhnt. Und wenn es wirklich drauf ankommt, dann greift man zuerst zu den Hausgemachten!

Was passiert, Mama? Krieg? Flut? platzte Klara heraus.

Lach doch, schüttelte Ursula den Kopf. In den neunzigerern haben wir dank meiner Vorräte überlebt. Erinnerst du dich an das Kirschenmarmeladenglas zu Neujahr, als die Regale im Supermarkt leer waren?

Klara nickte. Sie erinnerte sich an das Glas und daran, wie ihre Mutter die letzte Gurkenkonserve gegen Schulhefte eingetauscht hatte. Aber die Zeiten hatten sich geändert.

Heutzutage gibt es das ganze Jahr über Lebensmittel im Laden. Kein Grund mehr für solche riesigen Bestände.

Genau deshalb schätzt ihr meine Arbeit nicht! rief Ursula, während sie den Koffer zukniff. Ich stand den ganzen Sommer am Herd, kochte, füllte ein, und ihr ihr werft alles weg!

Tränen glitzerten in ihren Augen, und Klara spürte ein Stich des Gewissens. Für die Mutter war jedes Glas ein kleiner Sieg, ein Zeichen ihrer Liebe.

Ich habe nicht alles weggeworfen, Mama. Nur das, was wirklich ungenießbar war, sagte sie sanft. Darf ich dir zeigen, was noch übrig ist?

Ursula zögerte, doch Neugier siegte. Sie folgte ihrer Tochter in die Küche und dann in den Keller.

Sieh mal, Klara zeigte auf die Regale. Hier ist deine Marmelade, die noch perfekt ist. Und das hier wollte ich öffnen.

Sie holte ein Glas mit amberfarbenem Aprikosenmarmelade heraus.

Erinnerst du dich, du hast das vor drei Jahren gemacht? Wir lieben das, Thomas.

Der vierzehnjährige Sohn, Jonas, hielt sich normalerweise von den Marmeladenexperimenten seiner Großmutter fern und aß lieber Fast Food. Doch Aprikosenmarmelade war für ihn eine Ausnahme er löffelte sie gern.

Ursula inspizierte die Gläser, zählte und murmelte vor sich hin.

Und wo ist die Himbeermarmelade? Ich erinnere mich, dass hier sechs Gläser standen, jetzt nur noch drei. Und die Blaubeermarmelade fehlt ebenfalls!

Klara stöhnte innerlich. Sie hatte tatsächlich ein paar Gläser heimlich weggeschmissen, um die Mutter nicht zu verärgern. In einigen schlüpften Käfer, in anderen hatte sich Schimmel an den Rändern gebildet.

Himbeermarmelade wir haben sie gegessen, lügte sie, in der Hoffnung, dass die Mutter nicht weiter nachbohren würde.

Alle drei? fragte Ursula misstrauisch. In einer Woche?

In diesem Moment stolperte Jonas, noch halb verschlafen, in die Küche.

Was ist hier los? fragte er, während er sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht strich.

Mama will wissen, wo die Himbeermarmelade geblieben ist, sagte Klara mit einem dramatischen Blick.

Jonas überlegte kurz, dann grinste er.

Ach, die Himbeermarmelade begann er. Ich habe sie mit meinen Freunden gegessen, weil wir für den Physiktest lernen mussten und das Marmeladenbrot war einfach zu gut.

Ursula ließ sich zurücklehnen. Die Jugend von heute schätzt ja auch mal ein gutes Glas.

Echt? sah sie skeptisch zu ihm auf. Na gut, nächstes Jahr machst du wieder welche.

Auf jeden Fall, Mama, bestätigte Klara, nur bitte nicht zu viele, der Platz ist knapp.

Der Platz ist knapp, schnaubte Ursula, doch der Ton war milder. Und was ist mit der Blaubeermarmelade?

Das Klara stockte, keine plausible Geschichte im Kopf.

Ich war nachts in der Küche und habe das Glas fallen lassen, brachte Jonas ein. Es zerbrach. Ich habe alles weggeräumt, nur vergessen zu sagen. Sorry, Oma.

Ursula schüttelte missmutig den Kopf, doch man sah, dass die Schlimmste überstanden war. Der Enkel war ihr schwaches Glied.

Jugendliche immer tollpatschig, murmelte sie ohne Bosheit.

Sie ging zurück in ihr Zimmer, um den Koffer weiter zu packen. Klara lächelte dankbar und strich Jonas die Haare zerzaust:

Danke, du hast mich gerettet.

Kein Problem, zuckte er die Schultern. Nur das nächste Mal, wenn du deine Vorräte wegwirfst, schau erst, ob die Oma die Dinger nicht bei Tante Lotte auf dem Schrebergarten gelagert hat und lass das ein bis zwei Tage länger.

Thomas, der das Geschehen vom Flur aus beobachtete, kicherte leise.

Am nächsten Morgen betrat Klara die Küche und sah dieselben Gläser, die sie in den Müll geworfen hatte, ordentlich auf dem Tisch aufgereiht. Neben ihr stand Ursula mit triumphierendem Grinsen.

Guten Morgen, rief sie übermütig. Schau, was ich gefunden habe!

Wo? staunte Klara, während sie die Gläser betrachtete, die sie noch im Abfallcontainer am Hinterhof gesehen hatte.

Im Müll, natürlich! Ich bin früh aufgestanden und habe nachgeschaut. Und ich habe richtig gehandelt! Ursula klopfte mit dem Finger auf das Himbeermarmeladenglas. Nichts ist passiert, alles ist noch gut. Sieh mal.

Sie öffnete das Glas, und ein charakteristischer Geruch von leicht säuerlicher Marmelade mit einem Hauch Schimmel stieg auf. Auf der Oberfläche lag ein feiner weißlicher Film.

Mama, das ist verdorben, sagte Klara leise, um nicht zu ersticken.

Das ist kein Verfall! Das ist die natürliche Kristallisation des Zuckers, protestierte Ursula. Früher hat man Marmelade genau so gemacht, damit sie länger hält.

Klara merkte, dass das Gespräch im Kreis lief.

Gut, Mama. Lass die Gläser, ich schaue, was ich damit machen kann, sagte sie, während sie insgeheim plante, sie loszuwerfen, sobald die Mutter zur Nachbarschaftsplauderei ging.

Doch Ursula schien ihre Gedanken zu lesen:

Ich kümmere mich selbst darum. Ich mache Kompott.

Kompott aus alter Marmelade? wunderte Klara.

Warum nicht? Ein bisschen Wasser, aufkochen das wird ein toller Kompott! Ursula griff nach einem großen Kochtopf.

Klara musste schnell einen Rettungsplan finden. Das Essen der Gläser war riskant, doch die Mutter zu überzeugen schien unmöglich.

Weißt du, Mama, begann sie vorsichtig, wie wäre es, wenn ich frische Beeren kaufe und wir zusammen neue Marmelade machen? Wie früher, erinnerst du dich?

Ursula blieb mit dem Topf in der Hand stehen.

Zusammen? hakte sie skeptisch. Du sagst doch immer, du hast keine Zeit für Hauskonserven.

Für einen besonderen Anlass findet man immer Zeit, lächelte Klara. Erinnerst du dich, wie du mir das Beerenpicken erklärt hast? Ich weiß noch, wie man das Glas richtig füllt, wie viel Zucker man nimmt

Ursulas Augen leuchteten.

Natürlich, ich erinnere mich! Du warst immer eine eifrige Schülerin, sagte sie stolz. Nur die jungen Hausfrauen greifen heute zu den gekauften Gläsern.

Dann zeigen wir, dass Hausgemachtes besser ist, ergänzte Klara, froh über den Themenwechsel. Und Jonas kann mithelfen.

Jonas? lachte Ursula. Der kennt doch nur seinen Computer.

Genau das nicht! Gestern hat er gesagt, er will etwas richtig Selbstgemachtes kochen lernen.

Das war natürlich ein Köder Jonas würde eher Matheaufgaben lieber machen aber Klara brauchte den Frieden.

Dann gut, überlegte Ursula. Auf dem Markt gibt es heute frische Erdbeeren. André Müller hat erzählt, seine Tochter habe welche mitgebracht, richtig groß und süß.

Perfekt! Gehen wir nach dem Mittagessen hin?

Gehen wir, stimmte Ursula zu und fügte hinzu: Und diese sie zeigte auf die geretteten Gläser vielleicht sollten wir sie doch nicht mehr verwenden. Gestern hat Tamara Weber angerufen und gesagt, ihre Enkelin ist nach drei Jahren Marmeladevergiftung im Krankenhaus gelandet.

Klara atmete erleichtert auf.

Ja, besser kein Risiko, bestätigte sie. Sicherheit geht vor.

Ursula packte die Gläser wieder in einen Beutel.

Ich werfe sie selbst weg. Nicht, dass ihr denkt, ich hätte sie aus Bosheit herausgeholt.

Nicht, Mama, lächelte Klara. Ich weiß, du sorgst dich um uns.

Nach dem Mittagessen gingen sie tatsächlich zum Markt und kauften vier Kilo ausgewählte Erdbeeren. Zu Hause begann Ursula begeistert, den Marmeladenprozess zu dirigieren. Zu Klaras Überraschung meldete sich Jonas freiwillig, allerdings nur, um die Beeren zu kosten, bevor sie in den Topf wandern.

Nein, nein, nein! riss Ursula ihm die Hand weg. Erst Arbeit, dann Belohnung! Und die Beeren müssen gewaschen werden!

Ach, Oma, ein bisschen Dreck stärkt doch das Immunsystem, witzelte Jonas, doch er ging brav die Hände waschen.

Thomas kam von der Arbeit und sah das ungewöhnliche Bild: Seine Frau, Schwiegermutter und Sohn arbeiteten gemeinsam an Marmelade. Auf dem Tisch lag ein Berg gewaschener Beeren, Ursula schwenkte über einen großen Topf, Klara sterilisierte Gläser, und Jonas schnitt kleine Papierkreise für die Etiketten.

Darf ich mitmachen? fragte er, während er den süßen Duft einatmete.

Nur wenn du deine Hände wäschst! streng erwiderte Ursula. Und das Hemd wechselst, Erdbeeren hinterlassen ja unschöne Flecken.

Thomas zog ein frisches Hemd an und half beim Rühren. Das letzte Mal, dass die ganze Familie so etwas zusammen gemacht hatte, war noch vor dem Umzug von Ursula.

Der Abend verlief überraschend warm und gesellig. Ursula, im Element des Marmeladenmeisters, teilte großzügig ihre Tipps:

Wichtig: Nicht zu lange kochen! Die Marmelade soll klar bleiben, die Beeren ganz, und der Sirup zäh, aber nicht zu fest.

Als acht Gläser frischer Erdbeermarmelade auf dem Tisch standen,Und während die Familie zufrieden die Marmelade probierte, schwor sich Ursula, nie wieder heimlich in den Müll zu gucken zumindest bis das nächste Glas Pflaumenkompott verführt.

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