Sieh mal, Mädel, wenn du das im Stall ablegst, fliegst du über die Schwelle. Wir haben noch genug Schande genug, pflegte die Großmutter zu Heike zu sagen.
Heike erwartete nicht viel mehr von der alten Frau, doch das war ihr ganzes Trostpflaster.
Seit ihrer Kindheit hörte sie das Gerücht, dass ihre Mutter einst ein wenig zuviel herumgeflirtet hatte.
Fünf Jahre lebten sie mit Fritz, hatten keine Kinder, doch dann fuhr ich ans Ostseebad und brachte ihn mit nach Hause, plapperte die Großmutter unverblümt zu Heike, ohne jedes Wort zu überdenken.
Dass die Mutter drei Jahre vor Heikes Geburt mit der Schwester ihrer Mutter, Nadja, verreist war, half nicht.
Die Großmutter beharrte darauf, Heike wäre die Aufgeplapperte.
Der Vater blickte seine Frau wie ein Wolf an; was sollte er noch tun, wenn ihm ständig die Schwiegertochter vorwarf, dass die Hausfrau zu leichtfertig sei? So lebte das Paar, und die Großmutter wohnte bei ihnen. Das Haus war groß, der Vater, als jüngster Sohn, musste sich um die Eltern kümmern, nachdem er geheiratet hatte.
Die Schwiegermutter hasste ihre Schwiegertochter, ließ den Sohn auf sie herabsehen: Sie soll verschwinden. Ich kann nicht ertragen, wie sie geht, wie sie sitzt, alles nervt mich. Doch der Sohn beharrte: Ich liebe sie.
So nahm die Großmutter die Enkelin von der ungeliebten Schwiegertochter nicht ins Herz, obwohl sie wuchs vor ihren Augen, blieb ihr ein Fremder.
Die Enkelin, ein kluges, hübsches, liebenswertes Mädchen, war das genaue Gegenteil: eine sanfte, warme Seele, während die Schwiegertochter, die Sturköpfige, sich wie ein Wolf mit giftigem Biss verhielt.
Als die Enkelin mit kindlicher Freude herbeieilte, schrie sie nach Oma, doch die alte Frau blickte sie müde an, als wäre sie fremdes Blut.
Sie wusste nicht, wo sie die Enkelin hinsetzen, womit sie sie füttern sollte.
Liebling, hier gibt es Gurken.
Will ich nicht, sie sind zu bitter.
Dann eben nicht, erwiderte die Großmutter, bitter, weil du, Heike, faul und träge bist.
Maria, Maria, füttere das hungrige Kind.
Hier, ein Stück Kuchen mit Brötchen.
Die Brötchen sind zu hart, protestierte das Mädchen.
Genau, zu hart.
Maria schaute die Enkelin unverwandt an, während sie ihr schimpfte, dass sie den Kopf verdrehe.
Das Haus wird für dich, liebste Enkelin, gebaut, sagte die Großmutter, sonst sollst du ohne Dach bleiben.
So wuchs Heike heran.
Als sie beschloss, in die Stadt zu fahren, um zu studieren, gab die Großmutter ihr letzte Worte mit auf den Weg. Heike lernte leicht, neugierig und voller Lebensfreude. In der Stadt gefielen ihr die schönen Kleider, die Anzüge, die höflichen Jungen. Sie wollte ihrer Mutter all das Schönste zeigen, doch wie sollte sie sie in die Stadt bringen? Die Großmutter und der Vater wollten es nicht, ein alter Widersacher hielt sie fest.
Heike fand eine Freundin im Wohnheim, die Oberin Anna Andrea, deren Sohn bereits im Norden lebte und zwei Enkelkinder hatte. Anna lud Heike ein, zu sagen, dass die Mutter zu einem Elternabend gerufen sei. So machten sie einen Plan, die Mutter in die Stadt zu holen.
Der Vater brummte, die Großmutter spottete: Das Mädchen lässt sich doch nur von den Jungen umgarnen, nicht zum Lernen.
Auch die Mutter fürchtete den Zorn, doch die Lehrer lobten Heike, und die Mutter fühlte sich beflügelt.
Heike zeigte ihrer Mutter das Wohnheim, stellte sie Anna vor, und die Frauen begannen sofort, Freundschaft zu schließen.
Bitte, setzen Sie sich, Maria, Hannelore, sagten sie.
Die Frauen tranken die ganze Nacht Tee, während Heike ihre Geschichte erzählte.
Ach, Anna, mein ganzes Leben war Dienstmagd, ich hatte nie Kinder, das war nicht schwer für Vater und Mutter.
Sie erzählte, dass sie stets gute Noten hatte, in die Stadt wollte, zur Bibliothek, doch das Schicksal war anders.
Danke, meine Tochter, dass du mir die Stadt gezeigt hast, ich war so lange nicht mehr dort.
Willst du, Heike, glücklich sein?, fragte Anna.
Ja, wenn ich in der Stadt bleiben kann.
Was machst du beruflich, Maria?
Ich bin Buchhalterin, seit ein paar Jahren.
Bist du gebildet?, fragte Anna zaghaft.
Ja, natürlich, ich habe in der Region studiert, wollte immer in die Stadt.
Was fehlt dir noch?, drängte Anna.
Vielleicht ein besseres Zuhause.
Maria kehrte nach Hause zurück, die Schwiegermutter kritisierte sie, der Vater war wie ein Wolf, zweimal prüfte er ihr Gesicht. Sie eilte zur Arbeit, verdeckte die blauen Flecken.
Im nächsten Monat fuhr sie wieder zur Versammlung zu Heike.
Das Mädchen lernt nicht mehr, sie hat wohl zuviel Spaß, sie will nur mit Männern herumtollen.
Fritz, Heikes Vater, schlug Maria heftig, sodass die alte Frau selbst erschrocken war nicht um Maria, sondern um Fritz. Sie lief zum Polizisten, brachte ein Stück Blutwurst und ein Stück Schinken.
Fritz drehte sich immer weiter um seine Frau.
Maria packte das Nötigste, schrieb eine Kündigung, blieb ohne Arbeit, alle waren fassungslos, dass sie entlassen wurde.
Heike sprang vor Freude.
Mama, bist du das?
Ja, mein Kind, ich habe keine Kraft mehr, mein Körper ist ganz blau.
Oh, Mama, weinte Heike.
Mach dir nichts draus, Anna wird dir helfen.
Kommst du zurück?
Nein!, sagte Maria fest, für dich, damit du besser leben kannst.
Maria fand eine Anstellung in einer Fabrik, wieder als Buchhalterin, bekam ein Zimmer im Wohnheim und begann, wieder zu blühen.
Abends gingen Heike und Maria spazieren. Jemand aus dem Dorf sah sie und erzählte Fritz davon.
Ich komme, aber ich gehe nicht mit dir, Maria, sagte sie, ich habe genug gelitten.
Fritz knirschte die Zähne, doch Maria fürchtete ihn nicht mehr.
Du bist nicht mehr die gleiche, Maria.
Geh weg, Fritz, ich rufe die Polizei.
Zur Polizei?, fragte Fritz verwirrt.
Wir wurden betrogen, vor einem Monat.
Wie bitte?
Hast du den Brief nicht bekommen?
Nein, stammelte er.
Dann entschuldige dich.
Wie, Maria, ich liebe dich doch.
Du bist wie ein Wolf, der ein Schaf liebt.
Ich bin schuld, knurrte er.
Geh.
Kommst du zurück?
Nein.
Du bereust es.
Geh.
Ich gehe, aber du solltest nicht zurückkommen, ich will dich nicht mehr.
Er weinte.
Komm zurück, Mann, die alte Mutter hält nicht mehr aus.
Nein, schüttelte er den Kopf, ich kehre nicht zurück.
Wie konntest du das tun? Du hast das Blut meiner Mutter getrunken, das Mädchen wuchs ohne Vater auf, warum hast du deiner Mutter das angetan?
Es tut mir leid, alles wird anders sein.
Nein, Fritz, geh.
Fritz kam nach Hause wie ein Gewitter, schrie seine Mutter an, trank Schnaps und vergaß seine Pflichten.
Mutter
Was, Fritz?
Kommt ein Brief mit meinem Namen?
Er starrte, kaute auf den Lippen, wusste nicht, wo er hin sollte.
Eine Woche lang trank er, dann brachte er Katja Yalim, eine neue Schwiegertochter, nach Hause. Katja richtete das Haus schnell, ganz anders als die alte Maria.
Die Großmutter fürchtete sich, ihr Gesicht zu zeigen.
Dann kam Liebchen, die Enkelin, ein hübsches Mädchen, das vom Unglück verfolgt wurde. Ein Schurke betrog sie, fast erstickte sie, zog sie an die Straße, um das Unrecht zu verbergen.
Maria wurde zur Schurkin erklärt, weil Fritz ihr alles anvertraute. Man erzählte, Maria lebe in der Stadt, habe eine laute Frau und einen Schwarzen hinter sich.
Man sagte, Maria sei verheiratet, und Liebchen habe kein Glück. Sie ließ ihren Sohn Nadja zurück und fuhr in die Stadt, hoffte dort ihr Glück zu finden.
Maria, die alte Schurkin, wurde verhasst, weil sie alles verdrehte, Katja zog alles zu sich, bis zu blauen Flecken.
Heike, die Enkelin, wurde von ihrer Mutter nicht mehr eingeladen, selbst zur Hochzeit. Sie lebten jetzt in der Stadt, weit weg von uns.
Auch die Mutter tauschte ihre alte Liebe gegen einen jungen Mann aus der Stadt; egal wie Maria war, sie blieb respektvoll, doch Katja, die Listige, rannte überall und drückte Fritz zu ihr.
Vielleicht kommt jemand nach Berlin, bringt Maria eine Nachricht, dass Maria doch noch Gutes tun kann.
Wir lebten mit ihr, Herz an Herz.
Katja, die listige, kam plötzlich, schnappte alles an sich, war eine Schurkin.
Maria war einst eine tüchtige Frau, die alles im Griff hatte, buk Brötchen, kochte Suppe.
Doch jetzt, wo sie von Dämonen verfolgt wird, zerbricht ihr Lächeln, die Suppe wird nur noch für Schweine gekocht.
Fritz sagte, das Urenkelkind sei geboren, man wollte es wenigstens einmal sehen.
Der alte Hund, ein Liebhaber, sprang umher, voller Lebenslust.
Ach, kleine Heike, du schöne Enkelin, flüsterten alle.
Wir dachten stets freundlich an die Menschen, die wir kannten.







