Mein spätberufener Ehemann… Zum ersten Mal mit fünfundfünfzig geheiratet…

14.November2025

Heute habe ich wieder über mein ganzes Leben nachgedacht, während ich im Garten meiner alten Schrebergartenhütte saß. Ich bin jetzt sechzig, mein Mann, den ich erst mit fünfundfünfzig geheiratet habe, ist fünfundfünfzig. Fünf Jahre nach der Hochzeit ist das alles schon fast ein ferner Traum, doch das Wunder, dass es meine erste Ehe überhaupt war, lässt mich immer noch staunen und ihm ebenso.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder heiraten würde. Noch bevor ich zwanzig war, verließ mich der Junge, den ich aus tiefstem Herzen liebte. Er hieß Wolfgang und verschwand, als ich im fünften Monat schwanger war. Ich war verzweifelt, betete zu Gott und dachte, mein Leben sei beendet. Aber ich sammelte den Mut und schwor mir, nie wieder den Bund der Ehe einzugehen. Ich wollte keinen weiteren Feigling, der beim ersten Anflug von Verantwortung wieder verschwindet.

Doch das Versprechen hielt ich ein. Meine Tochter wuchs, heiratete, bekam Kinder, und ich trug mein einsames Dasein wie ein störrischer Esel weiter. Männer wollten mich kennenlernen das war kein Mangel, sondern ein Überfluss. Mein Wesen ist jedoch stur: Hast du dich einmal entschieden, dann weicht du nicht mehr vom Pfad ab. Die Einsamkeit hat mich rau und unverkennbar gemacht, fast wie ein unverwechselbarer Teil meiner selbst.

Das Schicksal jedoch ist oft ein schelmischer Spielgefährte. Ich will erzählen, wie ein Mann es trotzdem schaffte, mich unter den Himmel zu führen

Als ich in den Ruhestand ging, nahm ich, wie die meisten Rentner, den Garten in Angriff. Vom Elternhaus hatte ich ein kleines Schrebergartenhäuschen mit einem Stück Land geerbt. Ich fuhr mit der Regionalbahn dorthin; die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde, also nahm ich immer ein Kreuzworträtselheft mit, damit die Zeit wie im Flug verging.

Eines Morgens, an der Haltestelle, stiegen ein älteres Ehepaar und ein kleiner, gedrungener Greis in den Wagen. Es herrschte zunächst Schweigen, dann hörte ich die zurückhaltende Stimme der Frau:

Könnten wir vielleicht bei den Enkeln vorbeischauen und ihnen helfen? Du bist doch ihr Vater

Doch ihr Satz wurde von einem lauten, grimmigen Aufschrei des Mannes übertönt:

Was, du Dummkopf! Soll ich jetzt vor diesen Idioten hinunterschlängeln?

Er fuhr fort, die Frau und die Kinder zu beschimpfen. Ich blickte unwillkürlich nach vorne und erstarrte. Es war Wolfgang, derselbe, der mich einst im Stich ließ, kaum verändert, nur die Falten tiefer und die Stimme rauer. Er erkannte mich nicht, doch bemerkte meinen Blick und brüllte:

Warum glotzt du mich an? Dreh dich weg, sonst schlag ich dir ins Auge!

Ich war wie gelähmt. Plötzlich sprang der kleine Mann gegenüber, stellte sich zwischen mich und Wolfgang und rief:

Wenn du Frauen weiter erniedrigst, wirst du es mit mir zu tun bekommen! Ein Mann, der so mit Frauen spricht, ist kein Mann, sondern ein Abschaum. Ich zerquetsche dich wie ein Lamm!

Ich fürchtete, dass Wolfgang ihn einfach zu Boden stampfen könnte, doch der Greis zog die Schultern hoch, murmelte etwas und ließ mich erkennen, dass hinter dem wütenden Auftreten ein ängstlicher Feigling steckte, der nur laut wurde, wenn er Frauen beleidigte. Tränen stiegen in meine Augen, und ein Leben voller Schmerz schoss wie ein Film in schneller Vorlaufgeschwindigkeit durch meinen Kopf dreißig Jahre in wenigen Sekunden.

Nach zwei Haltestellen verließen Wolfgang und seine Frau den Zug, und ich brach in Schluchzen aus. Es war ein leeres, bitteres Gefühl in mir.

Nicht einmal Tränen können dein schönes Gesicht trüben, sagte der Retter mit einem Lächeln. Jetzt wirkte er nicht mehr klein, sondern wie ein richtiger Mann. Er hieß Friedrich Böhm, ein ehemaliger Soldat.

So lernten wir uns kennen. Und plötzlich spürte ich, zum ersten Mal seit vielen Jahren, den Wunsch zu heiraten. Ich wollte endlich wieder geliebt werden.

Und es geschah. Friedrich und ich sind sehr glücklich. Das Leben hat sich, wie ein weiser Schneider, alles an den richtigen Stellen zusammengenäht. Das Alter spielt keine Rolle selbst im Herbst des Lebens kann die Liebe kommen und echtes Glück bringen.

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