Meine Mutter wird bei uns wohnen. Deine soll ins Ferienhaus fahren, entscheide ich, Klaus, bestimmt.
Hör mal, wollen wir am Samstag ins Theater gehen?, schlägt Leni, während sie die Suppe auf dem Herd rührt, sie zeigen ein neues Stück, Marlies hat es empfohlen.
Klaus lässt die Fernbedienung los und schaut zu Leni:
Ins Theater? Ich weiß nicht, gerade habe ich keine Lust. Ich bin die ganze Woche erschöpft.
Du bist immer erschöpft, seufzt Leni. Wir sind seit einem halben Jahr nie zusammen ausgegangen.
Na gut, wir schauen, brummt Klaus und wendet den Blick wieder zum Bildschirm.
Leni zieht die Lippen zusammen. Immer dieselben wir schauen, später, irgendwann. Fünfzehn Jahre Ehe haben sie an diese Ausflüchte gewöhnt, aber Gewöhnung heißt nicht Akzeptanz.
Klaus, ruft sie, während sie den Herd ausschaltet, wir müssen reden.
Worum gehts?, fragt er, ohne den FußballLiveStream aus den Augen zu lassen.
Um meine Mutter. Sie hat heute angerufen. Das Dach ihres Ferienhauses leckt nach dem Regen, das muss repariert werden. Ich dachte, vielleicht zieht sie für ein paar Wochen zu uns, bis die Handwerker fertig sind.
Klaus runzelt die Stirn:
Meine Mutter hat auch angerufen. Sie startet mit Renovierungsarbeiten und will zu uns ziehen.
Leni setzt sich:
Dann lassen wir beide wohnen. Da ist genug Platz.
Nein, schüttelt Klaus den Kopf. Zwei Mütter in einer Wohnung ist zu viel. Die werden sich streiten.
Sie streiten nicht, widerspricht Leni. Sie kommen gut miteinander aus.
Klaus steht auf, geht in die Küche, nimmt ein Glas Wasser, trinkt und wendet sich wieder Leni zu:
Meine Mutter wohnt bei uns. Deine soll ins Ferienhaus fahren. Er beschließt es fest.
Leni spürt, wie kalt ihr im Inneren wird:
Wie bitte? Meine Mutter bleibt im Ferienhaus mit undichtem Dach, deine aber hier?
Genau, zuckt Klaus mit den Schultern. Meine Mutter ist fast 65, das Bauen ist zu schwer für sie. Deine ist jünger, die schafft das.
Meine Mutter ist 62, protestiert Leni. Drei Jahre Unterschied, das ist nichts!
Der Unterschied zählt, beharrt Klaus. Außerdem ist meine Mutter krank, sie braucht Ruhe.
Leni erhebt sich vom Tisch:
Und meine? Ihr Blutdruck schwankt, ihr Rücken schmerzt!
Alle haben Schmerzen, winkt Klaus ab. Kurz gesagt, ich entscheide. Meine Mutter kommt übermorgen, deine bleibt im Ferienhaus.
Er dreht sich um und setzt sich wieder vor den Fernseher. Leni steht fassungslos in der Küche. Wie kann er das so allein entscheiden, ohne sie zu fragen?
Sie geht ins Wohnzimmer:
Klaus, wir sind noch nicht fertig.
Ich habe nichts mehr zu sagen, schaltet er die Kanäle. Alles entschieden.
Nichts entschieden!, lodert Leni. Das ist meine Wohnung, ich lebe hier und habe ein Mitspracherecht!
Der Mietvertrag läuft auf meinen Namen, erwidert Klaus kalt. Ich entscheide.
Leni erstarrt. Also gilt: Ist die Wohnung auf ihn, ist er Chef, ihr Wunsch ist unwichtig.
Wunderbar, zischt sie zwischen den Zähnen. Sehr wunderbar.
Sie schließt die Zimmertür, setzt sich aufs Bett und legt ihr Gesicht in die Hände. Wut und Tränen drücken sie nach oben, sie will schreien, weinen, Geschirr zerschmettern doch sie sitzt nur still.
Am Abend reden sie nicht. Leni deckt schweigend den Tisch, Klaus isst schweigend und kehrt zum Fernseher zurück. Beim Zubettgehen wendet jeder sein Gesicht zur eigenen Wand.
Morgens fährt Klaus zur Arbeit, ohne sich zu verabschieden. Leni wählt die Mutter:
Mama, es tut mir leid, du kannst nicht zu uns kommen. Klaus seine Mutter will ebenfalls einziehen, hier ist kein Platz.
Ach, mein Kind, antwortet Heike gelassen, ich bleibe im Ferienhaus, das wird schon klappen.
Aber das Dach leckt!, fließt Leni Tränen an.
Dann ziehe ich Folien drüber, stelle Eimer hin. Ich komme damit klar, mach dir keine Sorgen.
Leni legt auf und bricht in Schluchzen aus. Ihre Mutter sitzt im undichten Ferienhaus, während die Schwiegermutter ein warmes Zimmer bewohnt und Klaus ist es egal. Ihm zählt nur seine eigene Mutter.
Eine Stunde später ruft Klaus zurück:
Mama kommt heute Abend. Mach das Gästezimmer bereit.
Okay, antwortet Leni kurz und legt auf.
Sie richtet das Zimmer, legt frische Bettwäsche hin, stellt Blumen auf alles mechanisch, ohne nachzudenken.
Am Abend kommt die Schwiegermutter, Gertrud Schmitt, eine stämmige Frau mit missmutigem Blick.
Guten Tag, Leni, küsst sie Leni auf die Wange. Ach, ich bin vom Taxifahrer beleidigt worden, der war ganz unhöflich.
Guten Tag, Frau Gertrud, hilft Leni beim Ausziehen des Mantels. Komm rein, das Zimmer ist fertig.
Sohnchen!, wirft Gertrud Klaus in die Arme. Ich habe dich so vermisst!
Klaus lächelt, umarmt seine Mutter, fragt nach der Reise. Leni beobachtet das Geschehen, ihr Herz zieht sich zusammen.
Beim Abendessen berichtet Gertrud von den Kosten:
Stellt euch vor, die Handwerker wollen hunderttausend Euro für alles! Das ist rauben im Taglicht! Ich sage ihnen, sie sollen andere finden.
Mama, das ist jetzt üblich, meint Klaus.
Üblich!, schnauft Gertrud. Früher konnte man für so viel eine Wohnung kaufen! Heute muss man für jede Kleinigkeit drei Jahresgehälter blechen!
Leni isst schweigend Borschtsch. Gertrud meckert weiter über Preise, Regierung, Nachbarn, Wetter. Klaus nickt, zeigt Mitgefühl.
Warum bist du so still, Leni?, fragt Gertrud plötzlich. Du siehst traurig aus.
Ich bin nur müde, sagt Leni.
Müde? Du sitzt den ganzen Tag zu Haus und bist müde? Ich habe mit drei Jobs gekämpft, und ich habe nie geklagt!
Leni schweigt. Mit Gertrud zu streiten ist sinnlos, sie wird alles übertönen.
Nach dem Essen geht Gertrud in ihr Zimmer, Leni wäscht das Geschirr. Klaus kommt zu ihr:
Warum bist du so wütend?
Ich bin nicht wütend, dreht Leni sich nicht zu ihm um. Ich bin enttäuscht.
Woran?
Weil du meine Meinung überhaupt nicht gefragt hast, sagt sie endlich, Blick auf ihn gerichtet. Du hast einfach entschieden, und das wars. Meine Mutter wird im Regen stehen, deine dagegen hier im Warmen.
Übertreib nicht, verzieht Klaus das Gesicht. Deine Mutter schafft das schon.
Und wenn es anders wäre?, wischt Leni die Hände trocken. Wenn ich sagen würde, meine Mutter kommt, und deine hier renoviere?
Das ist etwas anderes, knurrt Klaus.
Worin?
Weil meine Mutter älter und kranker ist!
Nur drei Jahre Unterschied!, schreit Leni. Gott, drei Jahre! Das ist keine Differenz!
Klaus winkt ab und geht. Leni bleibt allein in der Küche, trinkt den kalten Tee aus und denkt: Was, wenn ich einfach wegziehe? Zu meiner Mutter aufs Ferienhaus, während Klaus hier mit seiner geliebten Mutter bleibt.
Doch sie stoppt sich: Wohin soll ich gehen? Warum? Das ist auch mein Zuhause.
Morgens steht Gertrud früh auf und macht in der Küche weiter. Leni wacht vom Klirren der Töpfe auf.
Guten Morgen, sagt Gertrud, geht zur Küche.
Morgen, grummelt sie, sucht im Schrank. Leni, wo ist das Sieb? Ich will Haferbrei kochen.
Im rechten Schrank, oberste Ablage, sagt Leni.
Gertrud kramt im Schrank, zieht Geschirr heraus:
Mein Gott, was für ein Chaos! Wie findest du hier irgendwas?
Ich finde, antwortet Leni kühl.
Alles muss umgestellt werden, Ordnung muss her! ruft Gertrud begeistert. Ich kümmere mich heute darum, alles richtig zu sortieren.
Das ist nicht nötig, hält Leni ihre Hand. Mir ist hier bequem.
Bequem!, pfeift Gertrud. Du lebst gern im Chaos! Dann wundere dich nicht, warum Klaus ständig unzufrieden ist!
Leni ballt die Fäuste. Sie will etwas sagen, das sie später bereuen könnte. Tief einatmen, ausatmen. Ruhig.
Frau Schmitt, das ist meine Küche. Ich koche hier seit fünfzehn Jahren, und ich mag es, wenn alles seinen Platz hat.
Na gut, okay, nicht aufregen, winkt Gertrud ab. Ich wollte nur das Beste.
Leni geht zur Badewanne, blickt in den Spiegel müde Augen, dunkle Ringe, angespannte Miene. Sie ist völlig erschöpft.
Klaus fährt zur Arbeit, Leni bleibt zu Hause mit Gertrud. Den ganzen Vormittag kommentiert Gertrud jede Kleinigkeit:
Die Vorhänge sind alt, neue brauchen wir. Das Sofa ist durchgelegen, es muss ausgetauscht werden. Die Tapete im Flur löst sich warum klebt ihr das nicht fest? Der Teppich ist staubig wann habt ihr das zuletzt gesaugt?
Leni hört schweigend zu und denkt, warum stört meine Mutter nicht? Als Leni Petermann zu Besuch kam, war sie immer taktvoll, mischte sich nicht ein, kritisierte nicht.
Mittags entscheidet Gertrud, Borschtsch zu kochen:
Ich mache meinen berühmten Borschtsch! Klaus liebt ihn!
Sie beansprucht die ganze Küche Töpfe, Pfannen, Schüsseln stapeln sich auf dem Tisch. Leni versucht zu helfen:
Soll ich etwas schneiden?
Nein, ich mach das selbst!, winkt Gertrud. Du schneidest nie richtig!
Leni geht auf den Balkon, greift zum Telefon und ruft ihre Mutter:
Mama, wie geht es dir?
Gut, Kind, klingt Heike beschwingt. Ich habe Eimer aufgestellt, Folie gespannt. Der Regen hat aufgehört, es trommelt nicht mehr.
Mama, Leni spürt, wie ein Kloß in die Kehle steigt, kannst du doch doch nicht kommen? Wir finden eine Lösung
Nein, mein Kind, das brauchst du nicht. Ich höre deine Stimme und weiß, dass es ohne mich weitergeht. Mach dir keine Sorgen.
Leni legt auf und weint. Ihre Mutter sitzt im undichten Ferienhaus, während die Schwiegermutter im warmen Apartment bleibt. Ist das gerecht?
Eine Stunde später ruft Klaus:
Meine Mutter kommt heute Abend. Richte das Gästezimmer her.
Okay, sagt Leni kurz und legt auf.
Sie räumt das Zimmer, legt frische Bettwäsche hin, stellt Blumen hin alles mechanisch, ohne zu überlegen.
Am Abend kommt Gertrud, vollschlank und missmutig:
Hallo, Leni, gibt sie Leni einen Kuss auf die Wange. Ach, ich bin vom Taxifahrer beleidigt worden, er hat die ganze Fahrt über geschrien.
Guten Tag, Frau Schmitt, hilft Leni beim Ausziehen des Mantels. Komm rein, das Zimmer ist fertig.
Sohn!, schleppt Gertrud Klaus in die Arme. Ich habe dich so vermisst!
Klaus lächelt, umarmt seine Mutter, fragt nach der Fahrt. Leni beobachtet das Geschehen, ihr Herz zieht sich zusammen.
Beim Abendessen erzählt Gertrud von den Preisen:
Stellt euch vor, die Handwerker wollen einhunderttausend Euro für alles! Das ist Raub im hellen Tag! Ich sage ihnen, sie sollen andere finden.
Mama, das ist jetzt normal, meint Klaus.
Normal!, schnauft Gertrud. Früher konnte man für so viel eine Wohnung kaufen! Heute muss man für jede Kleinigkeit drei Jahresgehälter blechen!
Leni isst schweigend Borschtsch. Gertrud meckert weiter über Preise, Regierung, Nachbarn, Wetter. Klaus nickt, zeigt Mitgefühl.
Warum bist du so still, Leni?, fragt Gertrud plötzlich. Du siehst traurig aus.
Ich bin nur müde, sagt Leni.
Müde? Du sitzt den ganzen Tag zu Haus und bist müde? Ich habe mit drei Jobs gekämpft, und ich habe nie geklagt!
Leni schweigt. Mit Gertrud zu streiten ist sinnlos, sie wird alles übertönen.
Nach dem Essen geht Gertrud in ihr Zimmer, Leni wäscht das Geschirr. Klaus kommt zu ihr:
Warum bist du so wütend?
Ich bin nicht wütend, dreht Leni sich nicht zu ihm um. Ich bin enttäuscht.
Woran?
Weil du meine Meinung überhaupt nicht gefragt hast, sagt sie endlich, Blick auf ihn gerichtet. Du hast einfach entschieden, und das wars. Meine Mutter wird im Regen stehen, deine dagegen hier im Warmen.
Übertreib nicht, verzieht Klaus das Gesicht. Deine Mutter schafft das schon.
Und wenn es anders wäre?, wischt Leni die Hände trocken. Wenn ich sagen würde, meine Mutter kommt, und deine hier renoviere?
Das ist etwas anderes, knurrt Klaus.
Worin?
Weil meine Mutter älter und kranker ist!
Nur drei Jahre Unterschied!, schreit Leni. Gott, drei Jahre! Das ist keine Differenz!
Klaus winkt ab und geht. Leni bleibt allein in der Küche, trinkt den kalten Tee aus und denkt: Was, wenn ich einfach wegziehe? Zu meiner Mutter aufs Ferienhaus, während Klaus hier mit seiner geliebten Mutter bleibt.
Doch sie stoppt sich: Wohin soll ich gehen? Warum? Das ist auch mein Zuhause.
Morgens steht Gertrud früh auf und macht in der Küche weiter. Leni wacht vom Klirren der Töpfe auf.
Guten Morgen, sagt Gertrud, geht zur Küche.
Morgen, grummelt sie, sucht im Schrank. Leni, wo ist das Sieb? Ich will Haferbrei kochen.
Im rechten Schrank, oberste Ablage, sagt Leni.
Gertrud kramt im Schrank, zieht Geschirr heraus:
Mein Gott, was für ein Chaos! Wie findest du hier irgendwas?
Ich finde, antwortet Leni kühl.
Alles muss umgestellt werden, Ordnung muss her! ruft Gertrud begeistert. Ich kümmere mich heute darum, alles richtig zu sortieren.
Das ist nicht nötig, hält Leni ihre Hand. Mir ist hier bequem.
Bequem!, pfeift Gertrud. Du lebst gern im Chaos! Dann wundere dich nicht, warum Klaus ständig unzufrieden ist!
Leni ballt die Fäuste. Sie will etwas sagen, das sie später bereuen könnte. Tief einatmen, ausatmen. Ruhig.
Frau Schmitt, das ist meine Küche. Ich koche hier seit fünfzehn Jahren, und ich mag es, wenn alles seinen Platz hat.
Na gut, okay, nicht aufregen, winkt Gertrud ab. Ich wollte nur das Beste.
Leni geht zur Badewanne, blickt in den Spiegel müde Augen, dunkle Ringe, angespannte Miene. Sie ist völlig erschöpft.
Klaus fährt zur Arbeit, Leni bleibt zu Hause mit Gertrud. Den ganzen Vormittag kommentiert Gertrud jede Kleinigkeit:
Die Vorhänge sind alt, neue brauchen wir. Das Sofa ist durchgelegen, es muss ausgetauscht werden. Die Tapete im Flur löst sich warum klebt ihr das nicht fest? Der Teppich ist staubig wann habt ihr das zuletzt gesaugt?
Leni hört schweigend zu und denkt, warum stört meine Mutter nicht? Als Leni Petermann zu Besuch kam, war sie immer taktvoll,Am Ende beschlossen Leni und Klaus, gemeinsam einen Ausgleich zu finden, der beiden Müttern gerecht wird und ihre Ehe wieder stärkt.







