Hey, du, ich muss dir unbedingt erzählen, was in meiner kleinen Berliner Wohnung passiert ist das ist ja fast schon ein Drama. Sieben Jahre wohne ich jetzt hier zusammen mit meinem Mann Anton. Sieben Jahre habe ich die gleichen Sprüche von seiner Mutter gehört: Du kommst doch aus dem Hinterland und hast dir gleich ein fertiges Nest eingefangen. Ingrid Schmitt vergisst nie, dass ich für sie eine Fremde bin.
Heike, du hast das Geschirr wieder im Spülbecken stehen lassen, sagt sie, sobald sie die Tür zur Küche aufstößt immer ohne Vorwarnung, weil sie noch den Schlüssel hat, den Anton ihr noch vor der Hochzeit gegeben hat. Ich habe Anton schon oft gebeten, den wieder abzuholen, aber er winkt nur ab: Ach, das ist meine Mutter.
Ich wollte ja nach dem Mittagessen spülen, antworte ich, ohne vom Teller aufzusehen. Unser fünfjähriger Sohn Lukas sitzt neben mir, isst vorsichtig seinen Brei und wirft gelegentlich verstohlene Blicke zu seiner Großmutter. Kinder spüren die Spannung sofort.
Wollte ja! lacht Ingrid. Du sagst immer ich wollte, und dann kommt Anton müde von der Arbeit nach Hause und die Wohnung ist ein Chaos. Zum Glück ist der Junge normal, nicht wie du.
Ich ballere die Fäuste unter dem Tisch. Nicht wie ich? Ich bin die, die nachts bei ihm ist, wenn er krank ist, die ihm Geschichten vorliest, die ihn ins Kindergarten bringt und zu jedem Elternabend geht. Aber ich halte den Mund, wie immer.
Ingrid schwebt durch die Küche, als wäre sie die Gastgeberin einer Party, obwohl sie selbst früher erst aus einem Dorf bei Leipzig nach Berlin gezogen ist und dort Antons Vater geheiratet hat. Jetzt ist sie eine echte Berliner, und ich die Landflucht von der Provinz.
Die Wohnung stammt von Antons Großmutter, fährt sie mit ihrem Lieblingsreim fort. Und du bist nur ein Gast. Ein vorübergehender Gast.
Sie nennt mich das seit sieben Jahren ein vorübergehender Gast. Ein Gast, der einen Enkel bekommt, der von morgens bis abends arbeitet und all sein Erspartes in die Renovierung gesteckt hat.
Mama, das reicht, sage ich erschöpft.
Nenn mich nicht Mama! Ich bin Ingrid Schmitt! Und vergiss nicht, wer hier das Sagen hat.
Lukas verzieht das Gesicht und schiebt den Teller weg.
Oma, warum bist du sauer auf Mama?
Fertig mit dem Brei, mein Junge, und lass deine Mutter lernen, wie man eine Wohnung ordentlich hält.
Abends, wenn Anton nach Hause kommt, versuche ich noch einmal, mit ihm zu reden.
Anton, das kann so nicht weitergehen. Deine Mutter kommt jederzeit, schimpft mich vor dem Kind und macht alles noch schlimmer. Nimm ihr die Schlüssel weg.
Anton zieht die Schuhe aus, sieht mich kaum an.
Heike, lass das Sie ist meine Mutter, sie ist alt und allein. Die Wohnung hat ja auch von Oma gekostet
Anton! greife ich nach seiner Hand. Wir sind seit sieben Jahren verheiratet, haben ein Kind das ist unser Zuhause!
Unseres, ja. Aber rechtlich steht die Wohnung auf meinen Namen. Und meine Mutter ist es gewohnt, einfach reinzukommen, wenn ich allein war
Dann übertrage die Hälfte auf meinen Namen. Offiziell.
Anton verzieht das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen.
Warum das ganze Papierkram? Wir lieben uns doch. Liebe und Dokumente sind aber nicht dasselbe. Das habe ich erst später begriffen.
Eine Woche später kommen meine Eltern zu Besuch. Sie bleiben zehn Tage, passen auf Lukas auf, weil wir bald in den Urlaub fahren. Mein Vater arbeitet in einer Fabrik, meine Mutter ist Krankenschwester. Wie oft haben sie uns geholfen! Beim Badumbau zweihunderttausend Euro. Beim Neukauf von Möbeln noch einmal hunderttausend. Und als Lukas krank wurde, war es ihr Geld, das uns gerettet hat.
Endlich seid ihr da, drücke ich meine Mutter. Lukas hat seine Großeltern vermisst.
Wir wollen nicht im Weg stehen, sagt mein Vater besorgt. Es ist schon eng hier
Ach, du Spießer, Papa! Das ist unser Zuhause, macht es euch bequem.
Anton begrüßt meine Schwiegereltern wie immer herzlich. Er schätzt ihre Hilfe, doch ich sehe, wie angespannt er ist. Er ruft seine Mutter an, um ihr zu sagen, dass meine Eltern da sind.
Mama, Heikes Eltern sind bei uns für eine Woche Ja, alles gut, was genau.
Am nächsten Tag gehen Anton und ich zur Arbeit. Meine Eltern bleiben mit dem Kleinen, lesen, spielen und bereiten Mittagessen zu. Lukas ist glücklich, weil Oma Vera ihm von Vögeln erzählt und Opa Misha ihm Zaubertricks vormacht.
Ich arbeite als Teamleiterin in einem Reisebüro. Um halb zwei ruft meine Mutter panisch.
Heike, deine Schwiegermutter ist wieder ausgerastet. Sie schreit, dass wir ohne Erlaubnis eingezogen sind.
Mein Herz kriecht zusammen.
Mama, was passiert?
Sie meint, wir sollen unsere Sachen packen und gehen. Das ist ihr Apartment, sie hat niemanden eingeladen.
Im Hintergrund höre ich Ingrid:
All diese Fremden! Glauben die, sie können sich hier einrichten! Das ist Privatbesitz!
Mama, beruhige dich. Ich komme sofort, rede mit Ingrid.
Sie will nicht reden. Ingrid ist einfach wütend. Lukas ist verängstigt.
Wo ist Max?
In seinem Zimmer, Opa ist bei ihm.
Ich wirf alles über Bord und fahre nach Hause. Auf dem Weg rufe ich Anton.
Deine Mutter wirft meine Eltern raus!
Was?! Heike, ich bin auch schon unterwegs.
Und nimm ihr endlich die Schlüssel! Ich hab genug!
Ich bin in einer halben Stunde da, statt wie sonst eine Stunde. Die Koffer meiner Eltern liegen am Eingang. Sie haben ihre Sachen auf die Straße gestellt! Ich renne die Treppe hinauf, höre Stimmen:
Hier darf niemand einziehen! Du hast doch deine Tochter, lass sie dich unterstützen!
Ich öffne die Tür, mein Mann steht da, aber meine Eltern stehen verwirrt im Flur, meine Mutter weint, und aus dem Zimmer höre ich Lukas schluchzen.
Ingrid, was soll das?
Sie dreht sich zu mir, das Gesicht knallrot. Ihr habt euch doch selbst hier eingelebt, das ist kein Hotel, das ist ein Haus!
Das ist unser Haus, mit Anton! Und meine Eltern sind meine Gäste!
Unser? Deins? lacht sie hysterisch. Du hast keine Papiere, unser Sohn hat welche! Ich habe das Sagen!
Meine Mutter tritt zu mir.
Heike, wir sollten ins Hotel gehen
Gehst du nicht, Mama!, umarme ich sie. Ingrid, entschuldige dich bei meinen Eltern. Jetzt.
Als ob! Die sollten sich entschuldigen, dass wir sie hereingelassen haben!
Anton kommt herein, sein Gesicht ist ernst.
Mama, was machst du da?
Anton, ich schütze unser Heim! Sie wollen hier einziehen!
Sie sind nur für eine Woche da.
Eine Woche! Und dann? Sie bleiben für immer! Ich kenne das Spiel!
Ich gehe ins Kinderzimmer. Lukas sitzt auf dem Bett und schnief. Opa Misha streichelt ihm den Kopf.
Mama, warum hat Oma Ingrid die andere Oma geschrien? fragt er.
Ich schlucke schwer.
Manchmal können Erwachsene sich nicht einigen, aber es wird alles gut.
Werden Oma Vera und Opa Misha gehen?
Nein, Schatz. Sie bleiben, wie wir es geplant haben.
Zurück im Wohnzimmer versucht Anton, seine Mutter zu beruhigen.
Mama, das ist nicht richtig.
Nicht richtig? Niemand hat mich gefragt! Ich finde plötzlich fremde Leute hier!
Sie sind keine Fremden, das sind Heikes Eltern!
Für mich zählen sie nichts!
Ich gehe zu Anton.
Anton, wir müssen allein reden.
Wir schließen die Küchentür.
Anton, das reicht. Entweder du regelst das mit deiner Mutter, oder ich gehe.
Heike, übertreib nicht
Ich übertreibe nicht! Sie hat meine Eltern auf die Straße geschmissen, vor unserem Kind! Wie viel länger soll das noch gehen?
Sie macht sich nur Sorgen
Anton, flüstere ich, ich reiche die Scheidung ein, wenn du ihr nicht jetzt sofort die Schlüssel gibst und die Hälfte der Wohnung auf meinen Namen überträgst.
Er wird blass.
Heike
Kein Heike mehr. Sieben Jahre Demütigung! Meine Eltern haben ihr letztes Geld in die Renovierung gesteckt, und sie wirft sie raus wie Hunde!
Aber das Formal
Nicht Formal, sondern Sicherheit. Ich will, dass das Haus auch mir gehört, nicht nur als vorübergehender Gast.
Anton starrt aus dem Fenster.
Wie soll ich das meiner Mutter erklären?
Morgen reiche ich die Scheidung ein. Und nehme Lukas mit.
Er begreift, dass ich es ernst meine. Sieben Jahre sind lang, aber ich kann nicht weiter in einem Haus leben, in dem ich ein Außenseiter bin.
In Ordnung, sagt er schließlich. Morgen regeln wir das.
Wir gehen zurück ins Wohnzimmer. Ingrid sitzt immer noch auf dem Sofa, die Augen glühen.
Mama, sagt Anton, gib mir die Schlüssel.
Was?
Die Wohnungsschlüssel, bitte.
Anton, was
Mama, das ist nicht richtig. Heike hat Recht. Das ist unser Zuhause.
Ihr Gesicht wird blass.
Also wirfst du mich raus? Für sie?
Ich werfe dich nicht raus. Gib mir die Schlüssel und entschuldige dich bei Heikes Eltern.
Niemals!
Dann kommst du nicht mehr.
Sie zittert, holt die Schlüssel aus ihrer Handtasche und wirft sie auf den Tisch.
Na schön! Wir werden sehen, wie du ohne deine Mutter lebst! Und deine Frau wird die erste sein, die dich verlässt, wenn etwas schiefgeht!
Sie knallt die Tür so fest, dass die Fenster klirren. Stille.
Meine Eltern stehen im Flur, wissen nicht, was sie tun sollen.
Bitte, fühlt euch hier zu Hause. Das ist auch euer Zuhause.
Meine Mutter umarmt mich.
Heike, vielleicht sollten wir das nicht getan haben
Ich hätte es längst tun sollen, Mama. Ich hätte es längst tun sollen.
Am nächsten Tag gehen Anton und ich zum Notar und tragen die Hälfte der Wohnung auf meinen Namen. Ich bin nicht mehr nur ein vorübergehender Gast. Jetzt ist es mein Haus.
Ingrid meldet sich drei Tage später nicht, dann ruft sie Anton an und bricht in Tränen zusammen:
Sohn, ich wollte das nicht Ich war nur besorgt
Mama, komm vorbei, aber bitte benimm dich.
Sie kommt mit Kuchen und Blumen, bittet meine Eltern um Verzeihung. Es klingt halbherzig, aber sie tut es. Meine Eltern vergeben ihr, weil sie so freundlich sind.
Jetzt gibt es neue Regeln. Ingrid ruft vorher an, bevor sie vorbeikommt. Sie kritisiert meine Hausarbeit nicht mehr und nennt mich nicht mehr vorübergehender Gast, sondern einfach Heike.
Ein Monat später kommen meine Eltern wieder, diesmal zum Geburtstag von Lukas, bevor er in die Grundschule kommt. Niemand wirft sie raus. Ingrid hilft sogar beim Tischdecken.
Du hast das Richtige getan, sagt meine Mutter, als wir allein in der Küche stehen. Du hättest das längst machen sollen.
Ja, Mama, längst.
Und seitdem sieht Ingrid mich nicht mehr als Gast. Mein Name steht im Grundbuch, und sie hat erkannt, dass ihr Versuch, meine Eltern rauszuwerfen, fast unseren Sohn und Enkel gekostet hätte. Jetzt weiß sie: In diesem Haus bin ich nicht mehr die Fremde, ich bin die Frau des Hauses.







