MELENDE DES LEBENS ODER DIE HEIDENFEE

Ich erzähle Ihnen die Geschichte von Liesl, die ihr ganzes Leben lang als kleine Lieselchen galt. Sie war klein, hatte eine winzige Taille, leuchtend grüne Augen und ein ansteckendes Lachen, das die Blicke von Männern jeden Alters auf sich zog. Kleine Frauen gelten in Deutschland oft als zarte Märchenprinzessinnen, die man behüten und in den Arm nehmen möchte so sagt man, ein kleines Pferdchen bekommt immer ein Fohlen.

Liesel hatte zudem ein besonderes Talent: Sie sang mit einer warmen Mezzosopran-Stimme. Arbeitete sie als Laborantin in einem Chemiewerk in Dortmund, doch ihr Herz schlug für das Singen. Sie besuchte zahlreiche Chorvereine, trat erst schüchtern, dann mutiger auf die Bühne und ließ ihre Seele vom Gesang erfüllen.

Eine Ehe oder Kinder hatte sie nie geplant. Sie sah sich selbst als unabhängige Frau, für die ein Ehemann und Nachwuchs nur Zeitfresser wären und wann sollte man denn noch singen und das Leben genießen? Diese Meinung teilte sie mit ihren verheirateten Freundinnen, die ihr zustimmend zunickten, während sie selbst bereits im Mutterschaftsurlaub versanken.

Im Werk kam Liesel eines Tages in Kontakt mit dem Abteilungsleiter, Herrn HansMichael Schröder. Sie brachte ihm regelmäßig Laborberichte. Vor seinem Büro stand stets die Sekretärin Ursula, die das Büro streng bewachte. Wenn Liesel das Büro betrat, nahm Ursula sofort die Unterlagen entgegen, dankte ihr und sagte mit einem Lächeln: Mädchen, Sie können gehen, ich übergebe alles an Herrn Schröder. So sah Liesel den Chef nie.

Eines Tages war Ursula krank. Liesel klopfte vorsichtig an die Tür, trat ein und sah HansMichael am langen Konferenztisch sitzen. Kommen Sie herein, Mädchen! Was haben Sie dabei? fragte er. Nur die Probenberichte, stammelte Liesel. Sie sind neu hier? hakte er nach. Nein, ich arbeite hier seit über fünf Jahren. Er lächelte nur müde und sie gingen zurück zu ihrer Arbeit.

Von da an legte Liesel die Berichte persönlich auf HansMichaels Schreibtisch. Ursula, jetzt wieder gesund, drehte sich demonstrativ ab, wenn Liesel mit den Papieren kam, und widmete sich lieber dem Gießen der Fensterblumen.

Lisel war damals 27. Es entwickelte sich ein kurzer Arbeitsflirt, weil HansMichael ein ehrlicher Mann war, der nicht wie ein Tratschblatt in der Lokalzeitung stehen wollte. Er schlug ihr sofort die Ehe vor. Liesel lachte zunächst und lehnte ab warum sollte sie sich neue Verpflichtungen aufbürden? Für sie reichten unverbindliche Beziehungen.

HansMichael war überrascht von ihrer Zurückhaltung. Stattdessen bat er sie, ein wenig nachzudenken. Unterdessen drängten die Kolleginnen: Ein so netter Mann will dich heiraten! Wann sagst du endlich Ja? Liesel gab schließlich nach.

Die Hochzeit war groß. In ihrem Brautkleid, mit Schleier und winzigen Schuhchen, sah Liesel aus wie eine kostbare Puppe. HansMichael war überglücklich, Liesel jedoch blieb eher zurückhaltend, schenkte ihm nur die Energie für ihre Auftritte.

Nach einem harmonischen Honeymoon kündigte HansMichael: Liesel, koch etwas, und bügle bitte mein Hemd. Liesel erwiderte gereizt: Tobias, ich habe keine Zeit für Hausarbeit. Er küsste sie auf die Nase, entschuldigte sich: Entschuldige, Liebste, ich will dich nicht belästigen, geh und sing. So wiederholte sich das Spiel immer wieder.

HansMichael lernte, Fertiggerichte zu kaufen, einfache Gerichte zu braten und die Wäsche zu waschen, weil Liesel nicht ständig zu Hause sein wollte. Sie verließ das Werk und widmete sich voll und ganz ihrem Gesang und den Tourneen durch die Region von Kurorten bis zu Volksschulen.

Eines Tages bat HansMichael seine neue Sekretärin, Frau Tatjana Petrowna, ihm zu einem Kaffee zu kommen. Sie brachte Kuchen mit Kirschenfüllung, die HansMichael begeistert aß, und bot an, eine abgenutzte Knopf am Anzug zu nähen. Meine Frau hat keine Zeit für mich, meinte er resigniert. Tatjana murmelte: Natürlich, die Frau singt, der Mann brüllt.

Tatjana fütterte ihn regelmäßig mit Suppe aus der Dose, hausgemachtem Borschtsch und schnellen Frikadellen. HansMichael merkte kaum, dass er immer mehr in ihre Fürsorge verstrickt wurde, aber er blieb seiner Frau Liesel treu.

Vier Jahre Ehe waren vergangen, doch das Paar bestand noch immer aus nur zwei Personen. Liesel hatte nie über Kinder gesprochen, bis plötzlich ihr Körper sich veränderte: Sie nahm an Gewicht zu, wollte saure Gurken und eingelegte Äpfel lagern ein Zeichen, dass ein Kind unterwegs war. HansMichael war überglücklich, doch Liesel suchte einen Arzt, um die Schwangerschaft zu beenden. Der Arzt sagte, es sei zu spät, wünschte ihr ein gesundes Kind.

HansMichael stürzte sich in die Suche nach dem perfekten Kinderwagen und dem bequemsten Babybett, während er die Neuigkeit mit Tatjana teilte. Diese seufzte und reichte ihm ihre Kündigung: Keine Kirschen mehr, keine Kuchen. Eine neue Sekretärin, Frau Erika, trat ein und schimpfte lautstark über das Versäumnis, eine so tolle Frau wie Tatjana zu verlieren.

Lisel brachte schließlich ein Mädchen zur Welt. Die Hebamme fragte: Wie soll das Kind heißen? Liesel schnappte zurück: Nichts! HansMichael kam mit einem Strauß Rosen, doch Liesel blieb in ihrem Bett und weinte bitterlich. Die anderen Mütter im Zimmer trösteten sie, während Liesel erklärte: Ich will dieses Kind nicht. Sie erzählte von Liebhabern, Doppelkindern und Ängsten, jede Geschichte bunter und verzweifelter als die letzte.

Eine Krankenschwester brachte HansMichael ein paar Rosen vom Arbeitsplatz, doch Liesel ließ sie liegen. Am nächsten Tag musste HansMichael auf eine Dienstreise, die er nicht absagen konnte. Zwei Wochen später kehrte er nach Hause zurück, nur um Liesel am Klavier zu finden, wie sie Noten durchging.

Wo ist unser Mädchen? fragte er verwirrt. Liesel antwortete: Ich habe das Kind abgelehnt. HansMichael schrie: Du bist verrückt! Das ist unser Blut! Wie konntest du so etwas tun? Er zerreißt ihre Notenblätter und schimpft: Idiotin!

Verzweifelt packte HansMichael seine Sachen, schlug die Tür zu und wanderte ziellos durch Berlin. Er rief verzweifelt: Wo ist die Liebe hin? Helft mir! Niemand hörte ihn. In einer Kneipe fragte er die Rezeptionistinnen nach Ursulas Telefonnummer, doch sie lachten nur.

Lisel, die von den Schlägen ihres Mannes erschüttert war, beschloss, wieder ins Singen zu flüchten. Sie fuhr in ein Erholungsort am Bodensee, wo ein Konzert für sie arrangiert wurde. Sie sang, das Publikum jubelte, Blumen flogen auf die Bühne und sie wurde von Stadt zu Stadt gereist.

Später gab sie das Singen auf und wurde Vokaltrainerin. Ohne formale Ausbildung, aber mit reicher Erfahrung, lehrte sie Kinder. Eines Tages brachte ein Kollege ein Mädchen namens Kerstin zur Probe. Liesel hörte zu, erkannte sofort ihr eigenes kleines Ich in ihr.

Kurz darauf trat HansMichael mit zwei Töchtern der zehnjährigen Marie und der zwölfjährigen Franziska ins Studio. Er zeigte Marie einen Stuhl: Setz dich, Marie. Bei Franziska bemerkte er plötzlich Liesel: Warum gerade ich?

Er bat Liesel, die Stimme der beiden zu prüfen. Das Mädchen sang wunderschön, erinnerte Liesel an ihre eigene Jugend. Nach der Probe fragte Liesel: Wie alt bist du, Süße? Dreizehn, erwiderte das Mädchen, ich heiße Kira. Liesel lobte sie und bat den Vater, sie zum Unterricht mitzubringen.

HansMichael kam und erklärte, er sei verheiratet mit Zoya, seiner ehemaligen Sekretärin, und ziehe gemeinsam mit seiner Tochter Kira und seiner gemeinsamen Tochter Marie auf. Liesel war fassungslos: Meine Tochter Kira? Das bin ich doch, die ich geboren habe! HansMichael wies nur darauf hin: Du hast sie geboren, das war alles. Und verließ den Raum.

Dreißig Jahre später stand Liesel wieder im Flur ihres kleinen Apartments, als ihr Kater Melodie ein streunender Kater, der immer dann kam, wenn sie etwas zu essen hatte an ihr vorbei schlich. Sie schob ihn mit dem Fuß davon: Jetzt nicht!, dachte sie und der Kater setzte sich resigniert vor sein Futternapf.

Sie dachte nach: Was bleibt mir? Kein Mann, keine Kinder, leere Wohnung, kaltes Bett. Mein Leben klingt nicht nach den richtigen Noten. Sie bereute nichts, doch die Melodie ihres Lebens blieb traurig, ein Stück weit wie das alte Fabelwesen von der Zikade, das immer weiter singt, obwohl der Sommer längst vergangen ist.

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