Miez ist verschwunden
Liese, bist du zu Hause? ich stürzte in die Wohnung und blieb wie erstarrt stehen, als ich meine Frau im Flur sah. Sie hockte zusammengekauert und schniefte laut. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was dir passiert ist. Du hast so weinend geredet, dass ich keine Worte mehr hören konnte. Und dann hat das Handy wie ein schlechter Scherz den Akku verloren. Was ist los, Liese? Du siehst gar nicht mehr richtig aus.
Miez ist weg flüsterte Liese kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.
Wie kann das sein? ich war fassungslos. Wo könnte er nur hin? Hast du eine vernünftige Erklärung? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt?
Nein. Deine Schwester Heidi Sie hat gesagt, Miez sei beim Spaziergang mit Michael aus dem Haus gerannt, weil sie nach draußen wollte. Aber du weißt doch, Liese, unser Miez er würde nicht von allein weglaufen. Warum sollte er die Straße suchen, wo er beinahe erfriert wäre? Ich glaube, Heidi hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! ich ballte die Hände zu Fäusten. Wo ist sie gerade? Wo ist Heidi?
Sie soll im Supermarkt sein Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Miez gesucht, aber er ist nirgends zu sehen. Keiner hat ihn in der Nähe gesehen. Wie kann das sein, Liese? Kann ein Mensch so gemein sein, ein hilfloses Tier mitten im Winter auf die Straße zu werfen? Das geht doch nicht!
Ein Mensch nein. Aber Heidi Heidi kann. Und sie hat sowas schon einmal getan. Keine Sorge, heute wird sie keine Schritte mehr in unserer Wohnung machen. Ach, warum haben wir sie überhaupt rein gelassen?
Ein Monat zuvor
Ich ging zur Bushaltestelle, als ich plötzlich etwas Graues unter einer Schneeschicht bemerkte. Zuerst dachte ich, es sei nur ein Stein, doch der Stein zitterte wie ein alter Kühlschrank aus den 80erJahren. So etwas habe ich noch nie gehört, dass ein Stein vor Kälte bebt.
Neugierig geworden, trat ich vom Gehweg ab und ging näher. Dort lag kein Stein, sondern ein kleines graues Kätzchen, das zitternd auf dem kalten Bürgersteig lag.
Was für ein Ding murmelte ich, während ich mir den Hinterkopf kratze. Was machst du denn hier, Kleines?
Natürlich war das keine echte Frage. Jeder weiß, dass Tiere im Winter um ihr Überleben kämpfen. Das Kätzchen jaulte nicht, heulte nicht, es schlug nur leise sein Herz. Es schien sich damit abgefunden zu haben, dass niemand sich um es kümmert, und versuchte nur, ein wenig Wärme zu finden.
Vorsichtig hob ich es auf, klopfte den Schnee aus dem Fell und steckte es schnell unter meine Jacke. Dann rannte ich, die Hände an den Seiten der Jacke, zur Haltestelle, wo gerade ein Straßenbus hielt.
Auf dem Weg nach Hause fiel mir ein, dass Liese schon lange ein solches Kätzchen wollte grau gestreift, aber nie die Zeit gefunden hatte, ins Tierheim zu gehen. Das Schicksal hatte es mir also buchstäblich zu Füßen gelegt. Wenn das Schicksal etwas gibt, muss man es nehmen.
Liese, ich habe eine Überraschung für dich, rief ich glücklich, als ich die Wohnung betrat.
Ach, du verwöhnst mich ja ständig, lächelte meine Frau und trat ins Eingangszimmer. Erst die goldenen Ohrringe, dann das neue Handy, von dem ich schon lange träume, dann Kinokarten. Was diesmal? Ein WellnessWochenende?
Noch besser! ich zog den Reißverschluss meiner Jacke auf und präsentierte das Kätzchen. Guck, ich habe es draußen gefunden. Du wolltest doch so ein graues, gestreiftes Kätzchen, oder?
Ach du meine Güte, keuchte Liese. Er ist ja völlig durchgefroren! Bring ihn sofort hierher, ich wärme ihn auf. Und du ziehst dich aus, wäschst die Hände und kommst in die Küche. Das Abendessen steht schon.
Liese sah das Kätzchen erneut an und lächelte: Wie süß er ist
So kamen Miez und wir zu uns nach Hause. Wir überlegten lange, wie wir ihn nennen sollten, wälzten unzählige Namen durch den Kopf, bis wir uns schließlich für den klassischen Miez entschieden.
Ich finde, Miez passt besser als ein Tom oder ein Lukas, sagte ich.
Da hast du recht, Liebling, antwortete Liese.
Das ganze Geschehen geschah Ende November, als der erste Schnee fiel. Das Kätzchen hatte also noch keine Chance, die Tücken des Winterlebens auf der Straße kennenzulernen. Gott sei Dank. Für manche ist das die letzte Prüfung.
In den zwei Wochen, die Miez in unserem neuen Zuhause verbrachte, wurden Liese und ich unendlich an ihn gebunden. Genau genommen haben wir ihn schon am ersten Tag lieb gewonnen, doch mit jedem Tag wuchs die Zuneigung.
Auch Miez mochte uns sehr wir sind nette, ehrliche Menschen, die ihn nicht verletzen oder auf die Straße werfen würden, wie seine Vorbesitzer es getan hatten. Deshalb war er stets ruhig. Wenn er aus Versehen etwas vom Tisch oder dem Schrank auf den Boden fallen ließ, schimpften wir nicht, sondern baten ihn nur, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein.
Ich werde es tun!, schnurrte Miez selbstbewusst und sprang den Tag über vom Nachttisch zum Wohnzimmer und zurück, während er immer wieder den FernbedienungsController vom Regal schmiss.
Alles lief gut, bis plötzlich an der Tür geklopft wurde.
Wer kann an einem Sonntagmorgen kommen? ich wischte mir die Augen und sah auf die Wanduhr; es war halb sieben. Draußen war es noch dunkel.
Vielleicht Nachbarn? überlegte Liese. Vielleicht ist etwas passiert?
Ich schaue mal nach.
Als ich die Wohnungstür öffnete, stand dort meine Schwester Heidi, und zwar nicht allein ihr fünf Jahre alter Sohn Max folgte ihr.
Hallo, Bruder, sie lächelte. Wir kommen zu Besuch. Stört das nicht?
Eigentlich ich begann zu protestieren.
Keine Sorge, ich hatte dich nicht gewarnt. Ich wusste, dass du nicht rannehmen würdest, also kam ich einfach. Lass uns die Koffer reinbringen, meine Beine würden sonst gleich weglaufen, wenn ich sie die Treppe hinauftragen soll.
Ich ließ Heidi und Max herein, obwohl die Koffer mich ein wenig irritierten normalerweise bringt man Gäste ohne Gepäck.
Was ist passiert? ich fragte.
Was, das ist doch klar, antwortete Heidi spöttisch. Mein Mann hat mich aus dem Haus geworfen. Er hat eine neue Frau gefunden, glaubst du das? Jetzt hab ich nirgendswo hin. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich bei dir, bis ich wieder ein Dach über dem Kopf habe. Dann können wir zusammen Silvester feiern. Wir reden kaum seit vier Jahren, aber wir sind doch Familie.
Du weißt doch, warum wir uns nicht mehr sehen ich erwiderte. Auf Lügen lässt sich keine Beziehung bauen.
Ach, lass das! lachte Heidi. Wer die alten Zeiten erinnert, der hat das Herz schwer. Ich habe mich nur vertan, niemand ist perfekt.
Ich wollte etwas sagen, hielt es aber zurück. Ein Morgenstreit schien uns nicht zu nützen, und Liese würde es auch nicht gutheißen, wenn ich Heidi, die von ihrem Mann rausgeschmissen wurde, weiter anklagen würde.
Vor fünf Jahren war unser Vater gestorben, und das Erbe eine geräumige DreiZimmerWohnung im Stadtzentrum sollte uns beiden zufallen. Ich lebte damals noch im Studentenwohnheim, also stimmte ich zu, Heidi die Wohnung zu überlassen, um ihr zu helfen. Ich dachte, ich finde irgendwann selbst eine Bleibe, vielleicht über eine Baufinanzierung, wie es heute üblich ist.
Heidi heiratete später einen Geschäftsmann, Valerio, und verkaufte die Wohnung, um mit ihrem Sohn bei ihm zu wohnen. Sie behauptete, das Geld sei für das Unternehmen gedacht, das sie mit ihm aufbauen wollte. Ich protestierte, weil ich dachte, sie solle zumindest die Hälfte des Erlöses an mich weitergeben. Stattdessen verschwand das Geld, angeblich für das Geschäft.
Unsere Mutter mischte sich nie ein, sagte, die Erwachsenen regeln das selbst. Auch ich erinnerte mich, dass ich als Kind ein Kätzchen von der Straße mitgebracht und später wieder verloren hatte. Dann verdächtigte ich Heidi, dass sie das Tier weggeschoben haben könnte. Ich stellte sie zur Rede: Sag mir sofort, wo du es hingebracht hast! doch sie leugnete.
Heidi zuckte mit den Schultern und behauptete, sie habe nichts damit zu tun. So brachte ich in den folgenden Jahren kein weiteres Tier mehr nach Hause, weil ich nicht mehr riskieren wollte, dass es wieder verschwindet.
Die Spannung zwischen Heidi und mir war immer groß. Und nun, wo sie plötzlich bei uns einziehen wollte, stimmte ich zu nur aus Höflichkeit.
Am nächsten Tag beschwerte sich Heidi über Miez: Er störe ihren Schlaf, liege auf ihrem Sofa, schaue sie komisch an. Ihr Sohn bekam eine Erkältung, und sie sagte, das liege an einer Allergie gegen unseren Kater. Ich wies darauf hin, dass Katzen nicht automatisch Allergien auslösen, und meinte, Miez sei ein Familienmitglied. Heidi lachte nur: Familienmitglied? Ich dachte, du wärst erwachsen genug, um Tiere zu halten, aber du wirfst sie einfach nach Hause, und deine Frau muss das ertragen.
Ich schwieg, weil das Thema Kinder für mich zu schmerzhaft war. Wir konnten seit Jahren keinen Nachwuchs bekommen, und die Ärzte fanden keine klare Ursache. Heidi wusste das, weil unsere Mutter es ihr gesagt hatte.
Ich schlage vor, wir geben den Kater ins Tierheim, sagte ich schließlich. Mies ist ja dein Neffe, und ich bin dein Bruder. Wir sollen nicht wegen eines Tieres streiten.
Was redest du da? brüllte Heidi. Miez lebt bei uns, nicht bei dir! Wenn dir etwas nicht gefällt, geh weg. Du hast mich nicht um Erlaubnis gebeten, hier zu wohnen.
Ich dachte: »Setz dein Kind ins Tierheim, wenn es dir zu intelligent ist.« Doch ich sagte nichts laut, weil das nur zu einem noch größeren Streit geführt hätte.
Heidi beruhigte sich etwas, doch sie schob Miez weiter immer wieder vom Sofa in die hinterste Ecke, sodass er kaum noch gesehen wurde. Der Kater begann, heimlich zu rächen: Er ließ ihr Handy vom Nachttisch fallen und zerkratzte ihre Lieblingsjacke.
Dein Kater zerstört meine Sachen! schrie Heidi. Warum hast du überhaupt ein Tier?
Heidi ließ ihre Wut nicht mehr los, und ich musste ihr schließlich klarmachen: Du wohnst jetzt in meiner Wohnung. Wenn du hier bleiben willst, lass den Kater in Ruhe!
Sie gab nach, doch das war nur ein kurzer Frieden.
Am Vorabend des neuen Jahres rief Liese weinend an und erzählte etwas, das ich nicht ganz verstehen konnte. Ich spürte nur, dass etwas Ernstes passiert war, also bat ich meinen Chef, früher gehen zu dürfen, und fuhr nach Hause.
Liese, bist du zu Hause? ich flog in die Wohnung, sah Liese im Flur hocken und laut schniefen. Ich habe nichts verstanden. Du hast so geschrien, dass ich keine Worte mehr hören konnte. Dann ist das Handy wie ein Fluch ausgegangen. Was ist los, Liese? Du wirkst nicht mehr du selbst.
Miez ist weg flüsterte sie kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.
Wie kann das sein? ich war fassungslos. Wo könnte er nur hin? Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt?
Nein. Deine Schwester Heidi sagte, er sei beim Spaziergang aus dem Haus gerannt, weil sie nach draußen wollte. Aber du weißt doch, unser Miez er würde nicht von allein weglaufen. Warum die Straße, wenn er dort beinahe erstickt wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! ich ballte die Hände. Wo ist sie? Wo ist Heidi?
Sie soll im Supermarkt sein Ich weiß es nicht. Ich habe den ganzen Tag nach Miez gesucht, aber er ist nirgends zu sehen. Keiner hat ihn in der Nähe gesehen. Wie kann das sein? Kann ein Mensch so gemein sein, ein hilfloses Tier mitten im Winter auf die Straße zu werfen? Das geht doch nicht!
Ein Mensch nein. Aber Heidi das kann sie. Und sie hat das schon einmal getan. Keine Sorge, ich finde ihn.
Ich fand Miez an diesem Tag nicht. Es wurde dunkler, und er könnte überall sein.
Als Heidi dann mit Max an der Tür stand, stellte ich ihr ein harten BefragungsVerhör.
Warum hast du das getan? schrie ich. Warum hast du den Kater auf die Straße geworfen? Du weißt, dass er beinahe gestorben wäre!
Ich habe nichts getan, Bruder, zuckte Heidi die Schultern. Ich habe nur die Tür geöffnet und er ist rausgerannt. Ich dachte, er gibt auf. Für mich steht mein Kind an erster Stelle, nicht ein Kater.
Ich sah ihr in die Augen und wusste, dass sie log. Sie grinste sogar. Jetzt war klar: Heidi hatte Miez absichtlich rausgelassen, vielleicht sogar irgendwohin gebracht.
Heidi, morgen ist Silvester. Ich habe Sekt gekauft. Lass uns nicht wegen so einer Kleinigkeit streiten, ja? lächelte sie.
Mach das, sagte ich. Pack deine Koffer.
Was?
Hast du ein Hörproblem? Ich wiederhole: Pack deine Sachen, sonst werfe ich sie aus dem Fenster. Und dann raus!
Ich brachte sie mit Max zum Bahnhof, gab ihr etwas Geld für das Ticket und sagte: Du kannst zum Mann deiner Mutter fahren, wo immer du willst. Aber ich will dich nie wieder sehen. Und es tut mir leid für deinen Sohn, dass seine Mutter so ist.
Am selben Tag rief meine Mutter an und beschuldigte mich, ich sei kaltblütig, weil ich Heidi rausgeschmissen hätte. Heidi hat dich doch als nächsten Menschen behandelt, und du hast sie mit Kind nach draußen geworfen. Wie kann man das tun, mein Sohn?
Ich dachte, sie wird noch etwas erfinden, aber ich wollte keinen Kontakt mehr zu ihr.
Am 31.Dezember saßen Liese und ich am festlich gedeckten Tisch, die Silvesterglocken waren erst in zehn Minuten, und der Sekt noch ungeöffnet. Es war nicht zu fassen, wie wir uns trotz des bevorstehenden Jahreswechsels nicht freuen konnten unser Liebling war verschwunden.
Plötzlich hörten wir ein Klopfen an der Tür.
Heidi wieder? murmelte ich.
Ich öffnete und sah Miez, zitternd vor Kälte, aber am Leben. Er hatte die frostige Nacht überstanden und den Weg nach Hause gefunden.
Liese! Er ist zurück! schrie ich, hob den Kater hoch.
Wir wärmten ihn schnell und fütterten ihn. Liese drückte ihn fest an sich und ließ ihn nicht los.
Er schnurrte zufrieden. Er hat es geschafft. Er ist zurück zu den Menschen, die ihn lieben.
Liese, kurz vor Silvester, flüsterte sie. Öffnest du den Sekt?
Natürlich!
Ich öffnete die Flasche, verteilte das Prickelnde in die Gläser, und draußen explodierten die Feuerwerke, die Menschen jubelten.
Man sagt, wie man das neue Jahr begrüßt, so wird es verlaufen.
So wird Miez künftig immer bei uns sein und vielleicht auch bei unserem Kind. Wir wissen das noch nicht, aber als Liese ihn an sich drückte, spürte Miez, dass in ihrem Herzen ein neues Leben wuchs.







