Nacht am Rand der Möglichkeiten

12. Oktober 2025, 22:00 Uhr
Ich, Jonas Weber, bin Nachtdienstschwester in der Intensivstation des Universitätsklinikums Frankfurt. Gerade habe ich meine dunkelblauen Arbeitsjacke ausgezogen, in den schmalen Schrank geschoben und die Schnalle festgezogen. Im Umkleideraum lag der Geruch von billigem Waschmittel und Chlor aus der benachbarten Damentoilette. Der Dienst begann um 21:00 Uhr, doch ich kam etwas früher, um in Ruhe umzuziehen und einen Schluck schwarzen, starken Tee aus meinem Thermobecher zu nehmen. Der leicht bittere Nachgeschmack ließ mich wissen, dass die Nacht lang werden würde. Ich richtete die weiße Bluse unter dem Kittel, steckte zwei Gummihandschuhe in die Tasche und verließ den Flur der Schwerkranken.

Der Flur war von dem fahlen Licht der Deckenlampen getrübt, das Echo meiner Schritte vermischte sich mit dem entfernten Klappern einer leeren Trage. Durch das lange Fenster sah ich die späte herbstliche Dunkelheit: vereinzelte Laternen im Innenhof warfen ein schwaches Licht auf die gefrorene Schneeschicht. Ich nickte der tagschichtigen Pflegediensthabenden zu, die mir die Patientenliste, die Kontaktdaten des diensthabenden Anästhesisten und einen alten Pager übergab. Drei Patienten standen für die Nacht an: alle kritisch, Blutdruck messen, Infusionen prüfen, Lungen abhören und vor allem dafür sorgen, dass niemand aus den Angeln gerät.

Im Zimmer 6 lag Herr Johann Becker, 78 Jahre, mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom. Die Opioidpumpe summte leise, sein Gesicht wirkte wie aus Wachs. Der Monitor zeigte einen schwachen Puls, die Sauerstoffsättigung schwankte um 84%. Ich befeuchtete seine Lippen, richtete das Kissen und prüfte die Uhrzeit für die nächste Morphindosis die Schmerzen müssen auch nachts kontrolliert sein. Seine Atemzüge wurden weicher, doch zwischen den Rippen zog noch ein rauer Pfeiferton.

Im nächsten Zimmer flackerte das KardioMonitoring eines jungen Mannes Lukas Hoffmann, 25, nach einem Verkehrsunfall. Beckenfrakturen, leichte Lungenprellung, innere Fixation. Der Katheter war mit einem Drainagebeutel verbunden, auf dem Tablett lagen Kolloide. Ich kontrollierte, dass der Urinbehälter nicht überlief, und hörte ein Flüstern:

Wie lange muss ich hier noch?
Zweiter Tag. Alles läuft nach Plan, Hauptsache, du atmest ruhig, antwortete ich gleichmäßig. Er schloss die Augen, und ich ging zur nächsten Station weiter.

Frau Liselotte Braun, 43, hatte gerade einen Suizidversuch hinter sich eine Überdosis Schlafmittel, tiefe Verzweiflung. Der Magen war gespült, das Bewusstsein benebelt, an den Handgelenken frische rosa Bänder. Sie zappelte unter der Decke, versuchte sie zu entfernen.

Liselotte, ich bin hier. Der Mund ist trocken, lass mich dir etwas Wasser geben, sagte ich, reichte ihr ein mit Wasser befeuchtetes Wattepad. Ihr glasiger Blick klebte am Deckenfliesen: Wie viel Schmerz muss man ertragen, um zu den Tabletten zu greifen? Ich notierte um 23:15 Uhr die ersten Werte: Temperatur, Blutdruck, Infusionsrate. Aus dem Zimmer des alten Mannes drang ein zunehmender Husten. Ich hob das Kopfende, schloss das Absauggerät an, setzte die Sauerstoffbrille an. Das Keuchen ließ nach, doch seine Finger blieben kalt und leicht bläulich.

Kaum hatte ich das Zimmer verlassen, ertönte ein Alarm aus Lukas Zimmer: Sättigung 79%, Blutdruck fiel. Der Patient hatte sich zur Seite gedreht und das Oxygenatmen behindert; das Drainagetubus hatte sich gelöst und eine dunkle Fleckchen auf das Bett geworfen. Ich richtete ihn wieder richtig, drückte ein Tupfer auf die Blutung, wechselte die Infusionsflasche und stellte neue Parameter ein. Die Situation zog sich über drei Stunden hin, während ich zwischen AlteMann, Verletzter und SuizidVersuch hin und her sprang: Urinbehälter leeren, Lippen befeuchten, Dosierungen prüfen. Der diensthabende Arzt kam einmal kurz vorbei, warf einen Blick auf die Diagramme und ging wieder zurück ein Schlaganfall auf einer anderen Etage verlangte sofortige Aufmerksamkeit. Die Welt hielt sich an den grünen Linien der Monitore und meinem letzten Schluck kalten Tees fest.

Um 03:42 Uhr gleichzeitig: Liselottes keuchender Schrei, ein VTAlarm bei Lukas und ein langgezogener Stöhnen von Johann. Ich drückte den allgemeinen Rufknopf, der Pager vibrierte. Die Zeit schien sich zu verengen, als müsste ich drei Leben gleichzeitig retten.

Ich rannte zu Lukas, sah einen Puls von 140% und fallenden Blutdruck. Die Defibrillation hielt ich in Reserve und setzte lieber Medikamente ein. Im Flur fiel ein Schrank um, Liselotte hatte ihre Fixierung gelöst. Johann keuchte immer seltener. Ich drückte den roten Notknopf, ließ ein rotes Licht den gesamten Bereich durchfluten und klammerte mich an die Schlüsselkarte des Medikamentenschranks zurück zur Ruhe würde es nicht mehr geben.

Einige Sekunden später erreichten ein Anästhesist und ein Notfallsanitäter mit einem Koffer die Station. Ich schilderte kurz die Lage und folgte ihnen zu Lukas, während ich bereits eine Dopaminampulle griff. Der Monitor flackerte rotgrün, aber das Rhythmusmuster blieb erkennbar. Der Sanitäter legte einen zusätzlichen Katheter, ich drückte das Tupfer auf die Blutung und reichte den Spritzenspritze. 150% bei 40%, meldete ich. Nach einer Minute glätteten sich die Kurven, das Herzschlagmuster wurde stabil. Er würde es schaffen.

Der Pager vibrierte erneut: Die Pflegerin kam mit Liselotte nicht mehr klar. Ich übergab die Beobachtung an den Sanitäter und eilte zum dritten Zimmer. Dort stand die Frau barfuß am Fenster, die Hände um den leeren Salzlösungskolben gekrallt.

Liselotte, schau mich an. Hier bist du sicher, niemand richtet dich, sagte ich, trat langsam und ohne Hast nahe. Die Plastikflasche fiel auf den Linoleumboden, Tränen strömten ihr über das Gesicht. Ich half ihr, sich hinzulegen, legte neue weiche Verbände an, gab eine geringe Dosis Diazepam und rief den diensthabenden Psychiater an: morgige Konsultation und Rund-überwachung.

Erst dann kehrte ich zu Johann zurück. Das Keuchen wurde dichter, die Sättigung sank auf 63%. Das Morphin wirkte noch, doch die Stirnrunzeln verrieten Schmerzen. Ich setzte ein Bolus, setzte mich auf einen Hocker, nahm seine kalte Hand. Im Flur war das Sirenengeräusch längst verklingt, nur noch ein leises Flüstern von Anweisungen. Johann atmete zwei unregelmäßige Male, dann verstummte er. Zeit des Todes: 04:05. Ich schaltete den Sauerstoff ab, zog die Decke über sein Kinn.

Der Sanitäter kam, half beim Ausschalten der Geräte und verließ den Raum, um die Formalitäten zu erledigen. Patient stabil, Patient gehalten, Patient im Frieden, dachte ich bei mir.

Kurz vor fünf tauchte das erste Morgenlicht durch das beschlagene Fenster. Ich sammelte die gebrauchten Handschuhe ein, spülte Lukas Drainage, wechselte die Bettwäsche, die von Blut befleckt war. Sein Atem wurde gleichmäßiger.

Stabil. Morgen machen wir ein Röntgen, und wenn alles gleich bleibt, verlegen wir ihn auf die Normalstation, sagte ich. Er nickte leicht.

Liselottes Atmung beruhigte sich. Ich stellte einen Klappstuhl ans Bett die Pflegerin wird die Nachtschicht übernehmen. In die Patientenakte schrieb ich: Hohes Risiko für erneuten Selbstverletzungsversuch, 24StundenBeobachtung, psychologische Beratung, Sicherheitsplan.

Um 07:00 Uhr kam der diensthabende Arzt noch einmal herunter, nahm die mündliche Übergabe entgegen, prüfte die Todeszeit und unterschrieb die Dokumente.

Um 08:00 Uhr traf die tagschichtige Pflegerin und der Hausmeister ein. Ich zeigte ihnen die neuen Verbände bei Lukas, den Analgetikaplan und die Beobachtungsprotokolle für Liselotte. Dann räumten wir Johanns Zimmer, schlossen ihm die Augen und bereiteten den Leichnam für den Transport vor.

Im Computer tippte ich die Abschlusszeilen: Liselotte Braun klare Orientierung, negative Gedanken verneint; Lukas Hoffmann hämodynamik stabilisiert; Johann Becker Tod, Schmerz adäquat behandelt. Zum Schluss fügte ich hinzu: Pflegende Beobachtung vollständig gewährleistet. Und ich speicherte den Eintrag.

Der Umkleideraum roch weiterhin nach Waschmittel, doch jetzt erfüllten Gespräche die Luft. Ich zog meine Jacke wieder an, hängte den Pager zum Aufladen und lauschte dem langen Piepton, der wie ein leiser Abschied klang.

Draußen lag ein leichter Schnee in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen. Ich atmete die kalte Luft ein, spürte den Dampf meiner eigenen Atmung und lächelte. In meiner Tasche raschelte ein Ersatz-Teebeutel für die nächste Schicht. Autos fuhren vorbei, ich gönnte mir eine halbe Minute Ruhe, bevor ich zur nächsten Haltestelle ging. Die Nacht war vorbei und ich hatte sie überstanden eine Erinnerung, dass auch in den dunkelsten Stunden die kleinste Fürsorge den Unterschied machen kann. Die Lektion, die ich mitnehme: Jeder Moment der Aufmerksamkeit ist ein Schritt zurück ins Licht.

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