Nein, Mama, ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Laden.
Aber aber wie? Die Vorräte! Die Vitamine! Du weißt doch, wie wichtig das ist.
Deine Vorräte brauche ich nicht, sagte Thekla ruhig. Wer sie braucht, soll sie selbst verbrauchen.
Noch zwanzig Gläser Gurken, dann ist für heute alles erledigt, verkündete Helga Schneider, während sie ihre Hände am Schürzenrand abwischte.
Thekla strich sich den Schweiß von der Stirn. Das alte T-Shirt klebte an ihrem Körper, das Küchenklima war stickig, schwer von Essig- und Dillgeruch.
Sie blickte über den Tisch, überhäuft mit Gläsern, Deckeln und frischem Gemüse. Im Keller warteten noch Tomaten, Sauerkraut, ein Dutzend verschiedener Salate. Noch eine Woche Arbeit lag vor ihr.
Gut, Mama, seufzte Thekla und griff nach dem nächsten Glas.
Fast automatisiert füllte sie Gurken ein, goss Salzlake dazu und schraubte den Deckel zu. Immer und immer wieder. Sie arbeitete, ohne an die noch zu bewältigende Menge zu denken.
Sieh nur, sagte Helga zufrieden, während sie die Reihen fertiger Gläser betrachtete, bald ist unsere Familie für den Winter gerüstet.
Thekla legte die Gabel ab, schaute ihre Mutter an.
Mama, wo ist Liselotte? Warum hilft sie nicht?
Helga wandte den Blick ab, wischte den jetzt sauberen Tisch ab.
Lisette hat einen neuen Job. Sie kann sich nicht freinehmen, verstehst du? Eine verantwortungsvolle Position, ein strenger Chef.
Thekla presste die Lippen zusammen. Natürlich, Liselotte fand immer Ausflüchte. Im letzten Jahr war die jüngere Schwester wegen einer Grippe ausgefallen, genau in der Woche, in der die Gläser zugeklappt werden mussten. Vor einem Jahr war sie auf Dienstreise genau dann, wo die Einmachzeit war.
Thekla hatte nie einen Tag frei. Ihre Mutter verlangte fast befehlend, dass sie sich von der Arbeit freinehmen und nach Hause kommen solle.
Tänze nicht so, mein Kind, sagte Helga sanft, als sie Theklas Gesichtsausdruck bemerkte. Aber wir werden den ganzen Winter von unseren Vorräten leben. Vitamine! Nichts Gesünderes.
Thekla nickte. Das war das einzige Positive an der ganzen Situation. Zumindest schmeckten die Eingemachten wirklich gut.
Die nächsten Tage flossen zu einer endlosen Schleife: Tomaten einmachen, Salate zubereiten, Kraut fermentieren. Sie schleppte schwere Kisten mit Gläsern in den Keller, hinauf und hinunter die steilen Treppen, immer wieder.
Sie wischte den Boden, entstaubte die Tische, trug den Müll hinaus. Ihre Hände schmerzten, der Rücken pochte. Abends fiel sie erschöpft ins Bett.
Als alles endlich vorbei war, kehrte Thekla in ihre kleine Wohnung zurück. Sie war völlig ausgelaugt. Vom Urlaub blieb nur ein Tag, den sie in Ruhe und Stille verbringen wollte. Das Haus war leer. Der Kühlschrank hatte halb leere Regale. Doch ihre Mutter war zufrieden das war das Wichtigste. Liselotte hatte nie angerufen, sich nicht erkundigt, keine Hilfe angeboten.
Die Zeit verging, der Winter kam. Thekla fuhr regelmäßig zu ihrer Mutter, um ein paar Gläser zu holen Gurken, Tomaten, Salate. Alles war lecker und hausgemacht. Helga freute sich über den Besuch, sie tranken Tee und unterhielten sich lange.
Ende Januar kam Thekla erneut. Helga begrüßte sie mit einem Lächeln, deckte den Tisch. Auf dem Tisch lagen gekaufte Wurst, Käse, Brot, aber keine selbstgemachten Eingemachten.
Thekla runzelte die Stirn. Normalerweise stellte ihre Mutter etwas aus den Vorräten hin. Heute wirkte der Tisch karg.
Sie unterhielten sich über alles Mögliche, Helga erzählte Neuigkeiten, fragte nach Theklas Arbeit. Thekla bemerkte kaum das Fehlen der Gläser.
Als es Zeit war zu gehen, stand Thekla auf, zog ihre Jacke an.
Mama, ich gehe kurz in den Keller und hol mir drei Gläser Kraut mit Karotten, sagte sie und ging zur Tür.
Nicht nötig!, rief Helga scharf.
Thekla drehte sich verwirrt um.
Warum? Ich wollte sie ja erst nächste Woche benutzen.
Einfach nicht nötig, Thekla. Geh nicht in den Keller.
Helgas Blick wirkte plötzlich kalt. Thekla warf die Jacke auf den Stuhl.
Mama, was ist los? Warum darf ich die Gläser nicht nehmen?
Ich ich kann dir einfach nicht mehr geben, murmelte Helga, den Blick gesenkt.
Thekla runzelte die Stirn, Ärger brodelte in ihr.
Mama, ich habe die ganze Woche für die Vorräte gearbeitet, weißt du das? Und jetzt darf ich nichts mehr nehmen? Erklär mir, was hier los ist.
Thekla, das ist jetzt nicht wichtig ich kann es dir einfach nicht geben.
Thekla drehte sich um, rannte fast die Treppe hinunter. Hinter ihr hörte sie ihre Mutter schreien:
Thekla! Nicht anfassen, ich habe es dir gesagt!
Doch Thekla öffnete die Tür zum Keller, drückte den Lichtschalter. Das kleine Zimmer flutete Licht, doch die Regale waren fast leer. Wo noch vor Kurzem Reihen voller Gläser standen, lag nun weniger als die Hälfte.
Sie ging zurück nach oben, sah ihre Mutter, die den Kopf gesenkt hatte, die Wangen gerötet vor Scham.
Mama! Hast du kein Geld mehr? Verkaufst du die Eingemachten? Dann hättest du es sagen müssen! Ich hätte das Geld überweisen können. Du solltest nicht in diesem Alter frieren und verkaufen!
Thekla ergriff die Hände ihrer Mutter, doch Helga zog sie weg.
Geht es nicht darum? Verkaufst du sie nicht?
Helga schüttelte den Kopf. Thekla setzte sich, sah ihr fest in die Augen.
Dann erzähl es mir.
Stille lag im Raum. Helga seufzte, fuhr die Hand über das Gesicht.
Alles hat Liselotte. Sie hat einen Freund gefunden, seine Familie ist groß und wohlhabend in der Stadt. Sie erzählte ihnen, dass sie für den Winter Vorräte macht, und plötzlich wollten alle Gläser haben.
Also das eine, das andere. Liselotte kann nicht nein sagen, sie will heiraten, die Familie ist einflussreich. Und dann ist alles plötzlich vorbei.
Thekla hielt kurz den Atem an. Sie dachte, ihre Mutter würde Hilfe brauchen. Doch die Realität war nüchterner.
Du hast mir verboten, Gläser zu nehmen, damit genug für Liselotte bleibt? flüsterte Thekla.
Helga schwieg.
Denkst du nur an Liselotte? Und ich? Wer hat hier alles eingemacht? Wer? Liselotte? Wo war sie, als ich die ganze Woche geschuftet habe? Und jetzt leert sie die Regale, als wäre nichts geschehen.
Thekla, versteh Liselotte hat gerade eine entscheidende Phase im Leben. Sie muss Eindruck schinden bei seiner Familie. Für dich ist das nicht so wichtig.
Thekla schüttelte den Kopf, stand auf, nahm die Jacke.
Genug. Ich habe alles verstanden.
Sie verließ das Haus, setzte sich ins Auto, drückte das Lenkrad so fest, dass die Finger weiß wurden. Wut, Groll und Bitterkeit brodelten in ihr. Tränen standen kurz davor, über das Armaturenbrett zu laufen. Sie startete den Motor und fuhr davon.
Monate vergingen. Liselotte zog zu ihrem Freund. Thekla besuchte ihre Mutter nur noch selten, nahm keine Gläser mehr. Helga sprach kaum noch über das Thema, sie redeten über Wetter, Arbeit, Nachbarn, doch eine unsichtbare Mauer wuchs zwischen ihnen.
Ein neuer Einmachzyklus begann. Eines Abends klingelte das Telefon. Thekla sah die Anzeige: Mutter. Sie hob ab.
Thekla, es ist Zeit, mein Kind. Ich brauche dich nächste Woche. Wir müssen wieder Vorräte für den Winter anlegen, dieses Mal noch mehr, damit alle genug haben.
Thekla erstarrte. Das bedeutete, Liselotte würde wieder Gläser verteilen und Thekla müsste wieder schuften.
Ich komme nicht, Mama.
Was? Thekla, was redest du da? Natürlich kommst du. Ich schaffe das nicht allein.
Nein, Mama. Ich komme nicht. Was ich brauche, kaufe ich im Laden.
Aber die Vorräte! Die Vitamine! Du liebst das doch.
Deine Vorräte brauche ich nicht, sagte Thekla ruhig. Wer sie braucht, soll sie selbst holen.
Thekla! Das kannst du nicht tun! Und was ist mit Liselotte? Ich bin deine Mutter! Du musst
Thekla legte auf. Sie wollte nicht länger die Last tragen, die anderen abzuwerfen. Sie war nicht mehr das gehorsame Lamm, das alles für die Familie opferte. Sie schuldete niemandem mehr irgendetwas.







