Ohne Vorwurf in der Stimme

Das Handy vibriert in Klara Schmidts Tasche genau in dem Moment, in dem sie gerade die Wohnungstür in Berlin hinter sich schließt. Auf der Wanduhr steht 19Uhr an einem Freitag. Das müde VorfreudeGefühl auf das Wochenende verfliegt sofort und wird von einem schweren, vertrauten Druck ersetzt. Auf dem Display leuchtet: MAMA.

Klara seufzt und nimmt den Anruf entgegen.

Mama, hallo

Hallo, klingt Ingrid Müllers Stimme kühl und vorwurfsvoll. Gott sei Dank, dass du noch lebst. Ich dachte schon, du hast mich ganz vergessen.

Das Gespräch beginnt. Ein Kloß im Hals, bis zum Erbrechen vertraut.

Mama, ich komme gerade von der Arbeit. Die Woche war eine Katastrophe, das kannst du dir nicht vorstellen

Jeder hat Arbeit, wirft Ingrid zurück, ohne zuzuhören. Alle sind beschäftigt. Du rufst mich nie an Du hast nie Zeit für mich. Ich bin dir doch wohl schon egal? Das letzte Mal haben wir am Montag gesprochen!

Am Montag! platzt Klara heraus, während ihr Ärger wie ein Kloß in die Kehle steigt. Das war erst vor vier Tagen, Mama! Ich kann dich nicht alle zwei Stunden anrufen! Ich habe mein eigenes Leben!

Natürlich hast du dein eigenes Leben, sprüht die Mutter scharf. Ich habe keins. Sitze hier allein in der Stille und warte, bis du mir fünf Minuten deiner Zeit schenkt.

Das Gespräch kippt in altbekannte Bahnen: gegenseitige Vorwürfe, unausgesprochene Traurigkeit, bittere Reue. Klara versucht, sich zu rechtfertigen, wird wütend auf ihre Mutter und dann auf sich selbst wegen dieser Wut. Ingrid will nur eines hören dass sie geliebt und wichtig ist doch sie spricht Worte, die weiter zurückstoßen. Beide legen auf, mutlos und unglücklich. Klara fühlt sich schuldig, weil sie müde ist, weil sie sich aufgeregt hat, weil sie der Mutter das nicht geben kann, was sie erwartet. Ingrid fühlt sich verlassen und überflüssig.

Dieses Ritual wiederholt sich Woche für Woche. Klara bekommt Angst vor Anrufen, jeder Blick auf das Handy löst Unbehagen aus. Sie versucht, öfter selbst zu wählen, doch immer wieder fehlt etwas (zu spät, zu kurz), und das Gespräch endet wieder im Streit. Der Kreis schließt sich.

Der Wendepunkt kommt an einem dieser schweren Abende. Klara, kurz davor, den Hörer nach dem Satz Du liebst mich nicht! aufzulegen, hört plötzlich in Ingrids Stimme keine Wut mehr, sondern Verzweiflung. Eine kindliche Hilflosigkeit. Statt zurückzuschlagen, atmet Klara tief ein und sagt fast kindlich leise:

Mama, ich höre, dass es dir schlecht geht. Ich spüre, dass du mich vermisst. Ich vermisse dich auch.

Am anderen Ende herrscht plötzlich dröhnende Stille. Ingrid erwartet jede mögliche Reaktion Entschuldigungen, Geschrei, Schweigen aber nichts derart einfaches, sanftes.

Ich stockt sie. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Die Tage ziehen sich endlos

Lass uns etwas anders machen, schlägt Klara behutsam vor. Wir vereinbaren, dass ich dich jeden Sonntag um 19 Uhr anrufe. Dann reden wir so lange, wie du willst. An den anderen Tagen rufen wir nur an, wenn wirklich etwas passiert oder wir etwas brauchen. Und am Sonntag erzählst du mir alles, was dich bewegt, ich dir das meine. Einverstanden?

Sonntags um 19? wiederholt Ingrid, als prüfe sie, ob das kein Trugbild ist. Der nächste Sonntag ist noch weit weg, doch jetzt ist er ein fester Punkt im Kalender, ein Leuchtturm. Einverstanden.

Am ersten Sonntag klingelt Klara pünktlich um 19 Uhr. Ihre Stimme ist ruhig, nicht entschuldigend und nicht gereizt. Ingrid beginnt zögerlich, dann immer offener, über das, was sie auf dem Balkon angebaut hat Gurken, die gerade keimen, über ein neues Buch, über den Besuch einer Freundin. Sie beschwert sich nicht, sie teilt mit. Klara berichtet von der Schule, von einem lustigen Vorfall im Unterricht.

Wochen vergehen. Klara fürchtet das Telefon nicht mehr. Sie kann an jedem Tag etwas Interessantes mit ihrer Mutter teilen. Beim Durchblättern der Klassenhefte ihrer Fünftklässler fotografiert sie den witzigsten Satz und schickt ihn an Ingrid: Mama, schau, was für ein Spaß die Kinder heute geschrieben haben!

Nach einer Minute antwortet Ingrid: Ach du meine Güte, was für ein Einfallsreichtum! Diese Kinder!, gefolgt von einem lachenden Smiley.

Ingrid sitzt im Sessel, betrachtet die Kinderhandschrift auf dem Handy. Sie hat nicht auf den Anruf gewartet, sondern ein Stück vom Leben ihrer Tochter erhalten, ein Zeichen, dass sie nicht vergessen wird. Nicht nach Plan, sondern einfach so, weil sie Lust dazu hat. Sie lächelt und geht, um die Blumen zu gießen. Noch drei Tage bis zum Sonntag, doch die Einsamkeit weicht.

Einige Wochen später ist das SonntagsTelefon ein Ritual, auf das beide sich freuen. Ingrid führt ein kleines Notizbuch, in das sie Kleinigkeiten einträgt, damit sie nichts vergisst: Zehn Gurken geerntet, Interessanten Artikel gelesen, Mit Nachbarin alte Fotoalben angeschaut, Jugendtage erinnert. Sie bemerkt, dass sie bewusst nach solchen Momenten sucht, um etwas zu erzählen.

Klara spürt die Veränderung. In Ingrids Stimme klingt weniger schwere Sehnsucht, mehr Interesse. Eines Sonntagmorgens erwacht Klara mit schwerem Kopf und dem Gefühl, krank zu werden. Ihr Hals kratzt, der ganze Körper schmerzt. Sie denkt resigniert, dass es bis zum Abend nur schlimmer werden könnte und sie keine Kraft mehr für das lange SonntagsGespräch haben wird.

Früher hätte das Schuldgefühle ausgelöst: Krank sein wäre ein Verbrechen, das Telefon zu verschieben, eine unverzeihliche Sünde. Jetzt wählt sie einfach die Nummer.

Mama, guten Morgen, röchelt sie.

Tochter? Was ist denn mit deiner Stimme wird Ingrid sofort besorgt.

Ich glaube, ich werde krank. Mein Kopf zerreißt. Ich rufe an, weil ich befürchte, dass ich bis zum Abend keine Stimme mehr habe oder einfach schlafen falle. Ich wollte dich nur warnen, damit du dir keine Sorgen machst.

Am anderen Ende hört sie keine Vorwürfe, sondern sofortiges Mitgefühl.

Ach, mein Schatz! Leg dich sofort ins Bett! Trinkst du schon heißen Himbeertee? Hast du deinen Hals gespült?

Noch nicht, ich bin gerade erst aufgewacht und fühle mich schon furchtbar, gibt Klara ehrlich zu.

Lass alles stehen und geh behandeln! befiehlt Ingrid mit mütterlicher Strenge. Keine Anrufe am Abend! Schlaf dich aus. Ruf mich an, wenn es dir besser geht. Gute Besserung!

Klara legt sich unter die Decke und fühlt eine warme Erleichterung. Es gibt keinen Streit, kein Schuldgefühl, nur Fürsorge. Die Mutter verlangt von der kranken Tochter keine Unterhaltung, sondern ihr Wohl. Dieser kurze, fürsorgliche Anruf bedeutet beiden mehr als ein Dutzend formeller SonntagsGespräche. Sie liegt etwa vierzig Minuten im Bett.

Dann zwingt sie sich aufzustehen, um Tee zu machen, doch die Kraft fehlt. Gerade als sie die Temperatur messen will, klopft es an der Tür.

Wer könnte das sein? denkt sie mit einem Seufzer, während sie vom Sofa aufsteht.

Draußen steht ein Kurier mit einem Paket.

Klara Schmidts? Ihre Lieferung, bereits bezahlt.

Im Paket befinden sich alles für die Genesung: Halsbonbons, ein gutes fiebersenkendes Mittel, Zitronen, Ingwer und ein Glas Himbeermarmelade.

Klara legt die Schätze auf den Couchtisch, fotografiert sie und schickt Ingrid ein Bild mit der Unterschrift: Mama, du hast mich gerettet! Ich fühle mich wie im Genesungszentrum. Tausend Dank!.

Nach einer Sekunde kommt Ingrids Antwort: Das ist, damit du schneller wieder gesund wirst. Jetzt leg dich hin!.

Klara gießt sich Tee ein, öffnet das Glas mit Marmelade. Sie trinkt einen großen Schluck und lächelt dumm. Sie fühlt sich wie ein kleines Kind, um das sich jemand kümmert. Das ist schon lange her, aber es rührt sie bis zu Tränen.

Am nächsten Tag, am Abend, klingelt Klara erneut. Auf dem Display leuchtet wieder MAMA. Sie ist gerade dabei zu sagen, dass es ihr viel besser geht, doch dann hört sie Ingrids Stimme, aufgeregt, aber nicht ängstlich:

Tochter, wie geht es dir? Meine Nachbarin Anna kam vorbei, wir haben geplaudert. Sie lädt mich in ihren InteressensClub ein wir stricken Spielzeug für Kinderheime. Ich glaube, ich gehe morgen hin!

Klara hört mit weit geöffneten Augen zu. Ihre Mutter, die früher nur ihre Bedeutung anhand der Häufigkeit von Anrufen gemessen hat, erzählt jetzt von eigenen Plänen und freut sich darüber.

Mama, mir geht es ganz gut. Und ich freue mich riesig für dich, ruft Klara ehrlich.

Wirklich? Hast du nichts dagegen? klingt leicht unsicher Ingrids Stimme, als würde sie noch ein bisschen Vorwurf erwarten.

Was soll das Dagegen? Ich bin ganz deiner Meinung! Spielzeug stricken ist toll! Schickst du mir später ein Foto, was ihr gemacht habt?

Auf jeden Fall! jubelt die Mutter. Ich lass dich nicht weiter stören, ruh dich aus und werde wieder gesund!

Sie legen auf. Klara stellt das Telefon neben das Marmeladenglas. Die Krankheit legt sie noch immer zu Füßen, doch ihr Herz ist leicht und ruhig. Sie erkennt, dass mehr als ein Waffenstillstand entstanden ist. Sie und ihre Mutter haben gelernt, keine Last, sondern Freundinnen füreinander zu sein, die sich unterstützen und freuen, selbst aus der Ferne. Und das ist das beste Heilmittel.

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