Sie zog aufs Land und fand das Glück

Sie fährt in das Dorf und wird glücklich. Anneliese packt hastig ihre Sachen. Ihre Hände zittern, Tränen sammeln sich in den Augen. Nach zwanzig Jahren Ehe verkündet ihr Mann Thomas, dass er zu einer jüngeren, fröhlichen Frau zieht. Sie ist das genaue Gegenteil von ihr erschöpft von der Arbeit, ständig mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt.

Doch die Kinder sind bereits erwachsen. Der Sohn studiert in München und kommt selten nach Hause. Die Tochter heiratet und zieht zu ihrem Mann nach Hamburg. Anneliese bleibt allein in der großen Wohnung, die plötzlich leer und fremd wirkt.

Sie wirft die Kleidung in einen Koffer, ohne zu überlegen, was sie mitnimmt. Was macht das schon? Sie will nur eines fliehen, dem Schmerz und der Demütigung entkommen.

Das Telefon klingelt, während sie den Koffer schließt. Auf dem Display leuchtet der Name ihrer Freundin Petra, und Anneliese seufzt. Sie möchte mit niemandem reden.

Hallo, sagt sie schließlich.

Annie, hallo! Ich habe gerade erfahren Wie gehts dir? klingt Petras Stimme besorgt.

Ganz okay, antwortet Anneliese trocken. Ich packe gerade.

Wohin willst du?

Weiß nicht, gesteht Anneliese ehrlich. Ich halte das hier nicht mehr aus.

Du hast doch das Häuschen auf dem Lande, das deine Großmutter hatte. Warum fährst du nicht dorthin?

Anneliese hält inne. Tatsächlich besitzt sie ein kleines, altes Haus in dem Dorf Kleinwalde, das von ihrer Großmutter väterlicherseits stammt. Sie war früher oft dort, als die Kinder klein waren, dann aber fast vergessen. Thomas sagte immer, das Landleben sei ihm zu langweilig, er bevorzuge das Meer.

Petra, du bist ein Genie!, ruft Anneliese. Dort fahre ich hin!

Ist das Haus bewohnbar? Gibt es Heizung?

Eine Ofen gibt es, Strom auch. Mehr brauche ich nicht.

Eine Stunde später sitzt Anneliese bereits im Regionalexpress Richtung Kleinwalde, etwa fünfzig Kilometer vom Berliner Umland entfernt. Ein ganz anderer Ort.

Das Dorf empfängt sie mit Stille und dem Duft von Flieder. Das alte Häuschen steht am Waldrand, umgeben von knorrigen Apfelbäumen. Sie schiebt die quietschende Torflügelltür auf und betritt den Hof.

Überall wirkt es vernachlässigt. Das Gras steht bis zur Hüfte, die Veranda ist schief, ein Fenster zerschlagen. Anneliese atmet schwer. Was soll sie hier tun? Wie soll sie hier leben? Sie ist eine Stadtbewohnerin, gewohnt an Komfort.

Wer ist da? klingt plötzlich eine heisere Stimme, und hinter dem Haus erscheint eine kleine, gebeugte alte Frau mit einem Stock.

Guten Tag, stammelt Anneliese. Ich bin die Enkelin von Maria Pflaume. Das ist ihr Haus.

Marias Haus?, räuspert sich die Alte und mustert die Fremde. Und du bist Annelieschen?

Ja, sagt Anneliese überrascht. Und wer sind Sie?

Ich bin Gertrud, Nachbarin. Wir kannten deine Großmutter gut. Warum bist du gekommen?

Ich will hier wohnen, erklärt Anneliese fest.

Wohnen?, schüttelt Gertrud ungläubig den Kopf. Das geht hier nicht. Das Haus ist verfallen, es bräuchte viel Arbeit. Und was willst du hier machen? Stadtmädchen?

Ich finde schon heraus, sagt Anneliese stur und geht zum Haus.

Der Schlüssel liegt in ihrer Tasche. Sie öffnet die Tür, die nach feuchter Luft und Staub riecht. Innen stehen alte Möbel, ein Ofen in der Ecke, ein Tisch, zwei Betten. An den Wänden hängen vergilbte Fotos, eines zeigt die junge, hübsche Großmutter.

Anneliese lässt sich auf das Bett fallen und weint, zum ersten Mal seit Langem laut und ungehindert. Tränen laufen, während sie den ganzen Groll und die Verletzung ausspült.

Langsam trocknen die Tränen, und ein seltsames Ruhegefühl breitet sich aus. In diesem alten Haus ist sie vor der Welt geschützt. Niemand sieht ihre Tränen, niemand richtet sie.

Am nächsten Morgen wacht Anneliese vom Gesang der Vögel auf. Die Sonne strahlt durchs Fenster. Sie wäscht ihr Gesicht mit kaltem Wasser aus dem Eimer und tritt auf den Hof.

Guten Morgen, Nachbarin, ruft Gertrud, die mit einem großen Strauß Kräuter am Zaun steht.

Guten Morgen, erwidert Anneliese.

Ich dachte, du hast Hunger. Ich habe Milch, Brot und ein paar Kartoffeln mitgebracht. Der Laden ist weit.

Danke, das ist sehr nett von Ihnen.

Kein Problem, Nachbarn helfen sich. Und willst du wirklich hier bleiben?

Ja, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Mit dem Putzen, sagt Gertrud praktisch. Ich habe Tücher und einen Besen.

Den ganzen Tag räumen sie das Haus, wischen, putzen, lüften. Am Abend sinkt Anneliese erschöpft, aber zufrieden in ihr Bett.

Morgen prüfen wir den Ofen, sagt Gertrud, bevor sie geht. Der Frühling kann kühl sein.

Anneliese nickt. Sie erkennt, dass das Landleben ständige Arbeit bedeutet, doch das beruhigt sie mehr, als sie je erwartet hat.

In den folgenden Tagen reparieren sie den Ofen, setzen das zerbrochene Fenster ein, richten die Veranda. Anneliese lernt, auf dem Holzofen zu kochen, Wasser aus dem Brunnen zu tragen, die Sauna zu beheizen. Ihre Hände bekommen Schwielen, der Rücken schmerzt, doch ihr Körper gewöhnt sich an die Anstrengung.

Eines Abends kommt Gertrud mit einer weiteren Frau.

Das ist Tanja, sie arbeitet in der Dorfbibliothek. Sie wollte die Neuankömmlinge kennenlernen.

Freut mich, sagt Anneliese.

Was hast du in der Stadt gemacht?, fragt Tanja.

Ich war Buchhalterin.

Hast du eine Ausbildung?

Wirtschaftswissenschaften.

In unserer Dorfschule fehlt ein Mathelehrer. Vielleicht würdest du einspringen? Nur vorübergehend.

Anneliese überlegt. Sie hat nie an das Unterrichten gedacht, aber die Idee reizt sie.

Eine Woche später steht sie vor einer Klasse von fünfzehn Dorfschülern.

Guten Tag, Kinder, sagt sie mit leicht zitternder Stimme, ich bin Anneliese Müller und unterrichte euch heute in Mathematik.

Die Kinder schauen neugierig. Anneliese atmet tief ein und beginnt. Überraschenderweise fesselt ihr das Unterrichten; die Kinder stellen kluge Fragen, sie fühlt sich lebendig.

Langsam verankert sich Anneliese im Dorfleben Schule, Garten, Gespräche mit den Nachbarn füllen ihre Tage. Ihr Handy bleibt meist stumm. Der Sohn schreibt gelegentlich, die Tochter ruft an und fragt, ob sie vorbeikommen wolle. Anneliese antwortet knapp: Mir geht es gut. Und das stimmt.

Die Stadt wirkt fern und fremd. Manchmal träumt sie noch von ihrer alten Wohnung, dem Beruf, Thomas, doch diese Erinnerungen schmerzen nicht mehr. Sie gehören zur Vergangenheit.

Eines Abends klopft Ivan Petrov, ein lokaler Bauer, an die Tür. Er ist groß, breit gebaut, hat ein freundliches Gesicht und einen dichten Bart.

Anneliese, darf ich kurz reinkommen?, fragt er unsicher.

Natürlich, kommen Sie rein, wollen Sie Tee?, sagt Anneliese.

Sie sitzen am Tisch, trinken Kräutertee mit Honig, und Ivan erzählt von seinem Hof, von Plänen für die Zukunft. Nach einer Weile sagt er:

Ich brauche Hilfe bei der Buchhaltung. Der Betrieb wächst, die Papiere stapeln sich, und ich komme nicht mehr klar. Könnten Sie mir helfen?

Anneliese überlegt. Das Angebot ist unerwartet, aber verlockend. Sie braucht eine berufliche Aufgabe.

Ich denke darüber nach, antwortet sie.

Überlegen Sie gut, die Saison beginnt bald, es gibt viel zu tun.

Kurz darauf nimmt Anneliese die Stelle an. Morgens unterrichtet sie, nachmittags arbeitet sie im Hof, abends kümmert sie sich um den Garten.

Eines Tages bietet Ivan ihr an, beim Feld zu helfen.

Ihr Garten ist verwildert, das schaffe ich nicht allein. Ich habe einen Traktor und helfe gern.

Er fährt am nächsten Tag mit dem Traktor, pflügt das Feld, und zusammen setzen sie Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren an. Sie streiten gelegentlich, lachen oft.

Der Zaun ist komplett eingestürzt, bemerkt Ivan.

Ich habe kein Geld für einen neuen, sagt Anneliese.

Ich habe Baumaterial, du gibst mir Mahlzeiten, schlägt er vor.

Sie stimmt zu. Der Zaun wird von fast allen Dorfbewohnern gebaut Gertrud mit ihrem Sohn, Tanja mit ihrem Mann und andere Nachbarn. Nach einem langen Tag feiern sie ein kleines Fest auf Annelieses Hof.

Auf das neue Heim!, hebt Ivan ein Glas selbstgebrauten Korn.

Auf ein neues Leben!, fügt Tanja hinzu.

Anneliese blickt auf die einfachen, offenen Menschen und spürt, dass sie hier ihr Zuhause gefunden hat. In diesem Dorf, zwischen Natur und herzlichen Menschen, entdeckt sie das, was ihr in der Stadt fehlte ein echtes Leben.

Im Herbst taucht plötzlich Thomas in einem teuren Wagen am Tor auf.

Anneliese, ruft er, kann ich reinkommen?

Sie richtet sich auf, wischt sich die Hände am Schürzenband und nickt. Thomas betritt den Hof, schaut sich verwundert um.

Lebst du hier?, fragt er.

Ja, sagt Anneliese schlicht.

Warum? Du hast doch eine Wohnung in Berlin, all den Komfort

Mir gefällt es hier, erwidert sie mit einem Achselzucken.

Thomas mustert sie. Sie ist verändert sonnengebräunt, schlanker, mit einem funkelnden Blick.

Du siehst anders aus, bemerkt er.

Ich bin jetzt jemand anderes, lächelt Anneliese, Möchtest du Tee?

Sie setzen sich auf die Veranda, trinken selbstgemachten Johannisbeersaft und reden. Thomas erzählt von seinem neuen Leben, aber das fasziniert Anneliese nicht mehr.

Ich bin zurück, um dich zurückzuholen. Ich habe gemerkt, dass ich dich immer noch liebe.

Anneliese schaut ihn überrascht an. Vor ein paar Tagen hätte diese Aussage ihr Herz höher schlagen lassen; jetzt fühlt sie nur Ruhe.

Danke für deine Worte, Thomas, aber ich gehe nicht zurück. Mein Zuhause ist hier.

Aber das ist doch nur ein Dorf! Keine Theater, keine Restaurants, keine Geschäfte!, protestiert er.

Hier gibt es dafür ein echtes Leben und echte Menschen, entgegnet Anneliese.

Und unsere Ehe? Zwanzig Jahre

Sie endete, als du gingst. Ich bin dankbar, weil ich dann zu mir selbst gefunden habe.

Thomas wirkt verwirrt. Die selbstbewusste Frau, die er kennt, ist verschwunden.

Bist du hier glücklich?, fragt er schließlich.

Ja, sagt sie schlicht.

Thomas fährt wieder davon. Kurz darauf erscheint Ivan mit einem Eimer voller Äpfel aus seinem Obstgarten.

Anneliese, hier sind Äpfel!, ruft er. Möchtest du mir beim Karottensammeln helfen? Allein geht das nicht.

Gern, Ivan, antwortet sie.

Sie arbeiten Seite an Seite, die Sonne taucht den Himmel rosa, der Duft von Äpfeln und verwelktem Laub liegt in der Luft.

Wer war das an deinem Auto?, fragt Ivan neugierig.

Mein Exmann, erklärt Anneliese.

Und was wollte er?

Zurück in die Stadt.

Und du?

Ich habe abgelehnt. Hier bin ich glücklich.

Ivan lächelt und arbeitet weiter. Am Abend, als Ivan gehen will, wendet er sich an Anneliese:

Am Samstag findet im Dorfgemeinschaftshaus ein Konzert statt, dann Tanz. Hast du Lust, mit mir zu gehen?

Anneliese lächelt und nickt.

Am Samstag legt Anneliese ihr schönstes Kleid an schlicht, aber elegant. Ivan holt sie ab, trägt einen Strauß Wildblumen.

Du siehst wunderschön aus, sagt er, überreicht die Blumen.

Das Konzert ist herzlich, Dorfbewohner singen Volkslieder, lesen Gedichte, tanzen. Ivan fordert Anneliese zum Walzer auf. Er tanzt unbeholfen, doch mit viel Herz. Anneliese spürt seine starken, sanften Hände.

Anneliese, flüstert er, ich bin ein einfacher Mann, ohne Großstadtmanieren, aber ich habe mich in dich verliebt.

Sie blickt in seine offenen, gutherzigen Augen und erkennt, dass sie dasselbe empfindet.

Ich mag dich auch, Ivan, antwortet sie leise.

Sie tanzen bis spät, dann führt er sie zur Tür.

Darf ich morgen wiederkommen?, fragt er.

Komm gern, ich warte.

Sie steht am Fenster und sieht Ivan die Straße hinuntergehen groß, stark, verlässlich. Zum ersten Mal fühlt sie sich wirklich glücklich.

Der Winter legt das Dorf in Schnee. Annelieses Haus liegt im Tiefschnee. Jeden Morgen räumt Ivan die Wege frei. Sie verbringen viele Abende zusammen, trinken Tee, reden, planen.

Tanja bemerkt einmal:

Ihr seid ein tolles Paar. Wann heiratet ihr?

Anneliese errötet:

Wir sind nur Freunde.

Tanja lächelt verschmitzt:

Freunde, die sich verliebt anschauen.

Im Frühling macht Ivan Anneliese einen Antrag, einfach und ohne Umschweife:

Heirate mich, Anni. Ich liebe dich.

Sie stimmt zu, ebenso schlicht:

Ja, Vani. Ich liebe dich auch.

Die Hochzeit wird vom ganzen Dorf gefeiert. Annelieses Kinder kommen, ihr Sohn und ihre Tochter. Zuerst sind sie schockiert, doch sehen sie die Freude ihrer Mutter und akzeptieren die Entscheidung.

Hauptsache, du bist glücklich, Mama, sagt die Tochter und umarmt sie.

Anneliese ist wahrhaft glücklich. Sie hat ihren Platz gefunden im kleinen Dorf, bei einfachen Menschen, an der Seite ihres Geliebten. Dieses Glück ist echt, unverfälscht, ohne Vorwand.

Jeden Morgen wacht sie mit einem Lächeln auf und freut sich auf den neuen Tag. Die Arbeit in der Schule, auf dem Hof, die Hausarbeiten und die Abende am Kamin geben ihrem Leben Sinn.

Manchmal erinnert sie sich an ihr früheres Stadtleben hektisch, voll Stress und leeren Gesprächen. Wie konnte sie das je als Glück bezeichnen?

Jetzt weiß Anneliese: Glück bedeutet, am richtigen Ort zu sein, das zu tun, was man liebt, und Menschen um sich zu haben, die einen wirklich schätzen und lieben. Sie ist ins Dorf gezogen, um dem Schmerz zu entfliehen, fand dort Liebe, fand sich selbst und ist glücklich.

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