Die Gänge des Städtischen Klinikums waren vom grellen Nachmittagssonnenschein durchflutet. Anneliese musste kurz die Augen zukneifen. Als sie sie wieder öffnete, blieb ihr Herz kurz stehen, dann schlug es wie ein wildes Pferd.
Da kam er entgegen. Ihr Ehemann. Der, dessen Lächeln sie bis zu den feinen Krähenfüßen kannte. Doch das durfte nicht sein, denn er war seit drei langen Jahren nicht mehr auf Erden.
Na, da spukt es wohl, dachte sie und drückte die Griffkante ihrer Tasche fest, um wieder Bodenhaftung zu finden.
Der Mann kam näher, und er sah seinem Mann erstaunlich ähnlich. Größe, Gang, Züge nur der Blick war strenger, zurückhaltender. Trotzdem sah er sie unverwandt an, mit solchem Staunen, als sähe er selbst ein Gespenst.
Ein heißes Erröten breitete sich über Annelieses Wangen aus. Verlegen senkte sie den Blick und schlich weiter zum Zimmer ihrer Tante. Sie hatte niemanden außer ihr, und nach der OP war besondere Pflege nötig.
Das nächste Zusammentreffen mit dem Gespenst fand in der Wundstation statt.
Anneliese rollte eine leere Trage hinein, als sie ihn erblickte. Er im weißen Kittel, murmelte etwas zur Schwester. Als das Quietschen der Räder erklang, hob er den Kopf und erstarrte. Sein Blick war genauso direkt und prüfend wie am Vortag.
Dr. Sauer, rief die Schwester, die unbequeme Stille brechend. Alles erledigt?
Ja, danke, nickte er, doch sein Blick blieb auf Anneliese gerichtet.
Sie, ganz rot, schob die Trage hastig weiter, fühlte sich wie ein dummes Schulmädchen.
Die Tage im Krankenhaus zogen schleppend dahin. Immer wieder kreuzten sich ihre Blicke in den Fluren. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, verspürte Anneliese ein kindliches Glück; ihr Herz hüpfte wie ein verliebtes Kätzchen. Der Arzt kam gelegentlich in das Zimmer ihrer Tante, stets höflich und professionell, doch sein Blick verweilte stets einen Augenblick länger, als nötig.
Eines Abends, als ihr Sohn Lukas kurz vor Nachtdienst stand, ging Anneliese in die Lobby, um etwas zu trinken. Dort, am Fenster, stand Dr. Sauer und blickte auf die dämmernde Stadt.
Ihr Sohn?, fragte er leise, während er sich umdrehte. Der junge Mann, der Frau Petra besucht?
Ja, nickte Anneliese, überrascht, dass er den Namen ihrer Tante kannte. Lukas. Er ist ein kleiner Trottel, aber ein echter Goldschatz. Sehr fürsorglich.
Der Arzt lächelte. Und dieses Lächeln war schmerzhaft vertraut.
Er liebt Sie sehr. Das sieht man sofort.
In Annelieses Brust ein Stich, ein längst vergessenes Zittern. Der Körper altert, doch das Gefühl bleibt frisch und scharf wie in der Jugend.
Ja, murmelte sie verlegen. Bitte sagen Sie es ihm nicht, er ist leicht angeberisch.
Er lachte, und sein Lachen war warm und lebendig.
Ich heiße Alexej. Alexej Sauer.
Anneliese, erwiderte sie.
In diesem Moment stürmte Lukas herein, eine Tüte voller Brötchen schwenkend.
Mama, hallo! Doktor! Wie versprochen, ein Mitbringsel! Keine Sorge, das Kraut ist noch da.
Alexej nahm ein Brötchen dankend entgegen, und Anneliese spürte den schnellen, prüfenden Blick ihres Sohnes.
Am nächsten Tag erfuhr Anneliese von den plaudernden Schwestern, dass Dr. Sauer erkrankt sei und sich im Krankenstand befände. Etwas fiel in ihr Herz. Dann war es wohl nicht bestimmt, dachte sie mit bitterer Resignation. Alles, wie es sein soll. Vielleicht ist es besser kein unangenehmes Abschiedsgespinst, nur schöne Erinnerungen. Doch das reichte, sie begriff, dass Trauer nicht ewig währt, und das Morgen besser werden würde.
Die Tante wurde nach drei Tagen entlassen. Beim Packen versuchte Anneliese, nicht an die Leere zu denken, die hinter den Klinikmauern wartete. Sie verabschiedete sich nicht nur von diesem Ort, sondern auch von einem Gespenst einer Möglichkeit, die nie verwirklicht wurde.
Lukas lud das Gepäck ins Auto, dann sagte er plötzlich:
Weißt du, Dr. Sauer ist verwitwet. Seine Frau kam bei einem Unfall ums Leben vor drei Jahren.
Anneliese erstarrte. Drei Jahre. Zufall? Schicksal?
Woher weißt du das?, flüsterte sie.
Wir haben beim Brötchenkauf gequatscht, zuckte Lukas mit den Schultern. Er hat nach meinem Vater gefragt. Sehr höflich. Man sah, dass er allein ist. Und er schaut dich an nicht wie ein Arzt.
Anneliese setzte sich schweigend ins Auto. Die Hoffnung kehrte zurück ins Herz.
Zuhause herrschte Stille. Sie kochte Tee, setzte sich ans Fenster und sah in den bekannten Innenhof. Plötzlich fiel ihr Blick auf einen Briefumschlag auf dem Tisch. Sie erinnerte sich nicht, ihn hingelegt zu haben. Vielleicht Lukas?
Im Umschlag befahl eine Karte. Darauf abgebildet war ein altes Krankenhaus, das dem gerade verlassenen ähnelte. Zitternd öffnete Anneliese sie.
Anneliese,
ich weiß, das klingt verrückt. Es tut mir leid, dass ich erkrankt bin und nicht verabschieden konnte. Aber ich kann Sie nicht einfach verschwinden lassen. Vor drei Jahren verlor ich meine große Liebe. Als ich Sie im Flur sah, fühlte es sich an, als würde die Sonne zweimal am Tag aufgehen.
Ich bin nicht Ihr Mann. Ich bin ein anderer Mensch, mit eigenem Schmerz und Geschichte. Vielleicht könnten unsere Geschichten ein gemeinsames Kapitel finden?
Wenn Ihnen das nicht völlig absurd erscheint, ich bin morgen um fünf Uhr im Café Kante gegenüber dem Stadtpark.
In Hoffnung, Alexej.
Tränen sprangen aus Annelieses Augen, doch es waren Freudentränen. Sie war nicht allein in diesem seltsamen Gefühl. Er fühlte das Gleiche und war mutig genug, den Schritt zu wagen, vor dem sie sich sonst gefürchtet hätte.
Am nächsten Tag, halb fünf, stand sie vor dem Spiegel und richtete nervös ihr Kleid.
Mama, du siehst toll aus!, rief Lukas aus der Küche. Frag nicht zu viel nach der Vergangenheit, okay? Die Zukunft zählt.
Sie lächelte.
Das Café Kante war gemütlich und roch nach frischem Gebäck. Alexej saß bereits dort, am Fenster, mit angespannter Miene das Menü studierend. Als er sie sah, stand er auf, und sein Gesicht erblühte in jenem bekannten, zugleich neuen Lächeln.
Ich hatte Angst, dass Sie nicht kommen, sagte er und schob ihr einen Stuhl.
Ich fürchtete, Sie bereuen Ihr Schreiben, gestand Anneliese, während sie Platz nahm.
Keine Sekunde, erwiderte Alexej, seine Augen ernst. Wissen Sie, als ich Sie zum ersten Mal sah war das wie ein Wunder. Wie ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Mir ging es genauso, flüsterte sie. Wie ein warmer Wind aus der Vergangenheit, doch nicht Vergangenheit. Etwas Neues.
Er reichte ihr die Hand über den Tisch, sie ergriff sie. Seine Hand war warm.
Lassen Sie uns es versuchen, Anneliese, sagte er. Ganz langsam. Einfach versuchen, glücklich zu sein.
Sie sah ihm in die Augen die eines Mannes, der denselben Schmerz gekannt, aber die Hoffnung nie verloren hatte und nickte. Zum ersten Mal seit drei langen Jahren fühlte sie nicht Trauer, sondern ein freudiges, prickelndes Erwartungsgefühl für das, was kommen würde. Das war ihr happy End, das zugleich ein Anfang war der Beginn einer neuen Geschichte.







