Vierzig Jahre Leben gipfelten in Verrat
Ein fiktives Strafmaß wird es nicht geben, sagte der Ermittler enttäuscht.
In Ordnung, nickte Liselotte, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Und selbst Ihre Kooperation wird nicht berücksichtigt, senkte er den Blick, ich kann nur einen realen Haftbefehl erlassen. Angesichts der Summen, verzeihen Sie, das ist kein Pappenstiel
Gut, gut, wiederholte Liselotte, ich verstehe!
Frau Liselotte
Ohne Vornamen, bitte!, schnappte Liselotte scharf. Und das Alter oder der Respekt spielen keine Rolle. Ich will nichts mit diesem Menschen zu tun haben!
Ein Verfahren, entschuldigen Sie, zuckte der Ermittler mit den Schultern.
Ihr Verfahren sollte doch wenigstens die Möglichkeit vorsehen, die Passdaten im Gefängnis zu ändern!, flackerte ein Ärgernis in Liselottes Stimme. Ich weiß nicht, wie lange ich absitzen muss, aber sobald ich raus bin, ändere ich alles!
Sie kamen also aus eigenem Antrieb zur Vernehmung, nicht weil Sie ein pflichtbewusster Bürger sind? Haben Sie eine persönliche Abneigung gegen die Beschuldigten?
Ein erwachsener Mann, und Sie, Herr Kommissar, stellen so naive Fragen, schmunzelte Liselotte. In Ihrem Wertesystem würde niemand freiwillig ein paar Jahre absitzen, nur um jemand anderen zu bestrafen das ist doch Unsinn!
Im besten Fall hätte man eine anonyme Botschaft geschickt! Ich bin freiwillig hier, um sicherzugehen, dass sie nicht entkommen. Und wenn Sie wollen, ist das Rache!
Wie ich bereits sagte, selbst für Beihilfe erhalten Sie eine reale Haftstrafe, erinnerte der Ermittler.
Das reicht mir auch, lächelte Liselotte zurückhaltend.
Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus. Der Ermittler könnte sie ins Gefängnis bringen und sofort die Gerichtsakten vorbereiten, doch er zögerte. Irgendetwas an dieser Frau wirkte anziehend nicht die übliche Anziehung zwischen Mann und Frau, sondern ein menschliches Interesse.
Wenn Klaus Berger, der Leiter der Ermittlungen, Liselotte ansah, überkam ihn ein leichtes Mitleid. Ähnlich wie beim Anblick eines ausgehungerten Kätzchens auf der Straße: man will es füttern, wärmen, beschützen.
Klaus jedoch hatte selten Mitleid mit Menschen. Kätzchen ja, Menschen nein. Das machte ihn zu einem guten Ermittler: völlig unpersönlich und professionell.
Hier jedoch war das System zerbrochen. Was war einfacher? Eine Bürgerin meldet ein Verbrechen, gibt zu, mitgewirkt zu haben, und der Staatsanwalt erklärt, dass keine Gnadenregelung existiert. Dokumente an das Gericht, und alles läuft.
Und trotzdem, diese scheinbar harte, zusammengeballte, strenge Frau weckte das Bedürfnis, sie wie das Kätzchen zu bemitleiden
Können Sie das Fenster öffnen?, fragte Liselotte plötzlich. In Zellen gibt es ja keine Fenster, aber ein bisschen frische Luft wäre schön.
Da sind Gitter, wies der Ermittler hin.
Glauben Sie, ich will fliehen? lachte Liselotte. Bitte sehr!
Klaus schob das Fenster einen Spalt auf, und ein kalter, nasser Novemberwind streifte ins Innere.
Endlich!, seufzte Liselotte tief.
Kalt, antwortete der Ermittler.
Darf ich näher kommen? Liselotte nickte zum Fenster.
Klaus trat beiseite, um Platz zu schaffen.
Möchten Sie nicht erzählen, wie Sie zu diesem Leben gekommen sind?, war die Bemerkung etwas kratzig, nicht für das Protokoll.
Wollen Sie das wirklich?, fragte Liselotte.
Vielleicht, zuckte Klaus mit den Schultern, ein wenig Dampf ablassen.
***
Liselottes früheste Erinnerung war das Warten auf ihre Eltern. Der Ort wechselte ständig: Kindergarten, Großmutters Haus, die Wohnung einer Nachbarin, ein Spielplatz, schließlich das eigene Kinderzimmer.
Ihre Eltern betrieben ein Familienunternehmen damals noch eine Genossenschaft, doch das ändert nichts an der Tatsache. Mit dem Namen des Unternehmens prägte ihr Vater stets das Mantra:
Die Eltern müssen hart arbeiten, damit die Familie nichts missen muss!
Erst in der Schule fand Liselotte etwas Zeit für ihre Mutter, die kurz nach ihr zwei Söhne bekam zuerst einen, drei Jahre später einen zweiten.
Natürlich wünschte sich Liselotte mehr Aufmerksamkeit, doch ihr kindlicher Verstand begriff schnell, dass die kleinen Brüder viel Mamas Zeit beanspruchten.
Als der Jüngste in den Kindergarten kam, fiel die Verantwortung für die beiden auf Liselotte. Sie bemühte sich, die fehlende Mutter zu ersetzen.
Geld war nie ein Problem; im Gegenteil, die Eltern lehrten sie früh, damit umzugehen. Warum sie trotz Geld keine Haushaltshilfe angestellt haben, blieb ein Rätsel also lernte Liselotte das selbst.
Der Beruf, den sie schließlich einschlug, war nicht vom Vater vorgegeben.
Buchhalterin!, erklärte ihr Vater entschlossen. Genau das brauchen wir in unserer Firma! Und eine eigene Buchhalterin ist schon die halbe Lösung.
Das erste Studienjahr lief problemlos. Danach führte ihr Vater sie in die Familienfirma ein, setzte sie in die Buchhaltungsabteilung und gab ihr den Rat:
Lerne praktisch! Du wirst das später alles übernehmen.
Das klang einleuchtend. Die Brüder waren noch zu jung für größere Aufgaben.
Als Liselotte die Ausbildung abgeschlossen hatte, brachte ihr Vater das Thema Heirat ins Spiel.
Eine Ehe war für sie kein rein romantischer Entschluss. Der Vater stellte ihr mehrere junge Männer vor Söhne seiner Geschäftspartner und ließ sie wählen.
Liselotte hätte nie gedacht, dass das so ablaufen würde, doch schließlich gefiel ihr Egon Müller am besten. Er war etwas älter, attraktiv, elegant und unter den Bewerbern erstaunlich zurückhaltend.
Die Eltern stimmten zu, und noch vor der Hochzeit zog Liselotte zu ihrem zukünftigen Ehemann.
Schon bald entstanden große Verträge, gemeinsame Projekte und die Familienbande schienen unerschütterlich.
Liselotte arbeitete weiter in der Buchhaltung des Vaters, während Egon ihr ein weiteres Angebot machte:
Unsere Familienfirmen sind so verflochten, dass sie sich nicht mehr lösen lassen. Mein älterer Bruder übernimmt die Leitung bei meinem Vater, und ich will ein eigenes Unternehmen starten.
Das klingt fantastisch!, jubelte Liselotte.
Aber ich brauche eine Buchhalterin, der ich vertrauen kann und wer könnte das besser als meine liebste Ehefrau?
Selbstverständlich stimmte Liselotte zu. Sie wollte ihrem Mann nicht wehren und ihren Vater zugleich nicht enttäuschen Familie ist Familie.
Als sie dann schwanger wurde, stellte sich heraus, dass Buchhaltung auch von zu Hause aus funktioniert; Berichte und Steuererklärungen können per Kurier verschickt werden. So blieb genug Zeit für die Kinder, und Liselotte bekam einen Sohn und eine Tochter.
Nach dem Ende der Elternzeit hatte sie keinen Wunsch mehr, ins Büro zurückzukehren. Sie führte die Bücher bequem von zu Hause aus weiter.
Das Chefzimmer ihres Vaters stand ihr jedoch nicht mehr offen die Brüder hatten jetzt das Ziel, es zu übernehmen, und die Eltern wollten sie zu Leitern machen.
Das Schicksal, das ist nie ohne Tragödie. Liselottes Mutter starb plötzlich an einer Aneurysma, und ihr Vater erlitt einen Schlaganfall.
Die Brüder klopften persönlich an die Tür:
Wir können ihn nicht einmal in ein LuxusSeniorenheim geben! Und wir vertrauen die Pflege nicht an eine Agentur! Du führst doch unsere Buchhaltung!
Und wenn er spricht? Ein falsches Wort könnte uns teuer zu stehen kommen.
Liselotte musste einräumen, dass ihr Vater in das Haus zog, das sie mit Egon teilte. Die Kinder hatten bereits drei Jahre im Ausland studiert.
Die Geheimnisse ihres Vaters waren nicht für fremde Ohren gedacht, und ein Umzug, um ihn zu pflegen, bedeutete, dass die Server und die Buchhaltung beider Firmen im selben Haus standen.
Kurz gesagt, Liselotte war von Anfang an darauf vorbereitet, die finanziellen Fäden zu ziehen ohne die kleinen Tricks im Geschäftsleben würde nichts laufen!
Obwohl sie nie Chefin wurde, gehörten ein Drittel der Firma und aller Aktiva ihr per Familienrecht zu. Ihr Mann arbeitete ebenso gut wie sie ein echtes Team.
Fünf Jahre lang kümmerte sie sich um ihren Vater, erholte sich langsam, und nebenbei erweiterte sie ihr Repertoire um Krankenschwester, Pfleger und Rehabilitationstätigkeiten.
Doch das Alter und die Folgen des Schlaganfalls holten sie ein. Und dann begann das wahre Drama.
Der offene Nachlass von Andreas Müller, Liselottes Vater, setzte den Endspurt in Bewegung. Es stellte sich heraus, dass Liselotte eine Pflegekind aus einem Heim war. Da sie nicht leiblich verwandt war, bekam sie nach dessen Willen nichts vom Erbe.
Die Brüder strichen sich die Hände und griffen nach dem restlichen Vermögen. Egon, als er erfuhr, dass Liselotte nichts erhalten würde, reichte sofort die Scheidung ein.
Liselotte verlangte den Zugewinn, doch Egon zog einen Ehevertrag vor, den sie einst blind unterschrieben hatte. Dieser Vertrag ließ ihr praktisch keinerlei Ansprüche zu.
Als ihre Kinder hörten, dass die Eltern sich trennen und das Geld komplett weg ist, beschlossen sie, die Mutter zu vergessen. Sie hatten jetzt nur noch ihren Vater, und die Mutter schien nie existiert zu haben.
Beide Firmen entließen Liselotte kurzerhand. Sie stand plötzlich ohne Job, ohne Geld nur mit einer Handtasche voller Dokumente, dem, was sie gerade trug, und fünf Euro in Kleingeld.
Einzige Rettung: das Passwort zu einem CloudSpeicher, in den sie monatlich ein verschlüsseltes Archiv mit beiden Buchhaltungsdaten hochgeladen hatte. Ohne diesen Zugang war das Material unzugänglich.
Die Information war Gold wert die Brüder, Egon, jeder könnte sie kaufen. Doch Liselotte suchte Rache. Sie ging zur Polizei und erklärte, sie habe jahrelang an betrügerischen Machenschaften teilgenommen, wolle alles offenbaren und die Täter überliefern. Gnade bat sie nicht einmal.
Lassen Sie uns das protokollieren!, schlug der Ermittler vor, oder erzählen Sie alles vor Gericht. Sie sind doch auch Menschen, zeigen Sie etwas Nachsicht.
Liselotte sah in die mitfühlenden Augen des Ermittlers und sagte schließlich:
Mit sieben Jahren bekam ich einen Bruder und war seitdem wie ein Hamster im Rad. Ich ging zur Schule, passte auf die Brüder auf, holte mir später einen Beruf, kombinierte ihn mit der Arbeit im Familienbetrieb. Dann kam die Ehe, ein zweiter Job, Kinder, und als sie ins Ausland zogen, kümmerte ich mich um den gelähmten Vater. Und dann noch ein dritter Job! Ich will einfach nur entspannen. Gebt mir, was mir zusteht, und ich sitze gern ein wenig.
Acht Jahre später verließ Veronika Vogel aus dem Standesamt das Gebäude. Vor ihr lag ein ganz neues Leben, das sie erst noch kennenlernen musste.
Guten Tag, ich bin Veronika! sagte sie freundlich.
Die nächsten fünf Jahre würden ihre größten Prüfungen bringen doch das war eine andere Geschichte.







