„Von mir gibt’s keinen einzigen Euro! Ihr habt euch verschuldet – dann dürft ihr das auch selbst begleichen!“ rief die Tochter und knallte die Tür zur Wohnung ihrer Eltern zu.

Du bekommst keinen einzigen Euro von mir! Ihr habt euch selbst verschuldet zahlt das selbst! schrie Heike, während sie die Wohnungstür ihrer Eltern fest zuschlug.

Der Pendlerzug fuhr gemächlich auf den gewohnten Bahnsteig zu. Anna legte ihre Stirn an die kalte Fensterscheibe des Wagens. Seit fünf Jahren war sie nicht mehr in Köln gewesen fünf Jahre lang baute sie ihre Karriere in Berlin auf, arbeitete zwölf Stunden am Tag, sparte bei allem sogar beim Kaffee aus dem Automaten. Jeder Cent kam in ihr Traumkonto: die eigene Wohnung. Noch ein halbes Jahr, dann war die Anzahlung fertig.

Und jetzt das. Ein Anruf mitten im Arbeitstag, ihre Mutter weinend am Telefon, wirr von Inkassobeklagten, Drohungen und unbezahlbaren Rechnungen. Anna nahm unbezahlten Urlaub und sprang in den ersten Pendlerzug.

Das Haus, in dem sie aufgewachsen war, empfing sie mit dem Duft von Kohlsuppe und besorgten Gesichtern. Ihre Mutter, die in den fünf Jahren um ein Jahrzehnt gealtert zu sein schien, huschte durch die Küche und tupfte sich immer wieder die Hände an der Schürze ab. Ihr Vater saß am Tisch und starrte in die Leere. Auf dem Sofa lag Heike, ganz gelassen, ein Hochzeitsmagazin durchblätternd.

Anna, meine Liebe, eilte ihre Mutter, glücklicherweise bist du da. Wir stecken völlig in den Schulden fest

Welche Schulden? setzte sich Anna ihr gegenüber. Erklärt mir bitte, was passiert ist.

Ihr Vater seufzte schwer und zog einen dicken Ordner aus der Schublade.

Es begann vor drei Jahren. Heike bekam einen Job im Schönheitssalon. Der Lohn war gering, aber sie meinte, das sei nur vorübergehend bis sie den passenden Mann gefunden hätte.

Papa, bitte nicht wieder das mit dem Mann!, protestierte Heike, ohne den Blick vom Magazin zu lösen. Ich will einfach schön leben, nicht wie ihr, die ihr euch das ganze Leben lang alles verwehrt.

Anna nickte ihrem Vater zu.

Heike hat eine Kreditkarte bekommen, dann noch eine zweite. Die Mindestbeträge waren ja kaum etwas ein paar hundert Euro im Monat. Zuerst haben wir uns nicht gesorgt, dann bat sie um Hilfe. Tausend hier, zweitausend dort. Wir dachten: unser Mädchen ist noch jung, unerfahren, wir helfen.

Und ihr habt weitere Kredite aufgenommen?

Zuerst ein Konsumentenkredit, unterbrach die Mutter. Klein, um Heikes Karten zu tilgen. Und dann Sie zuckte hilflos mit den Schultern.

Heike legte das Magazin endlich beiseite und setzte sich auf.

Hör zu, Anna, mach dir nicht so ein Drama. Es ist nicht viel Geld. Du hast doch gespart du hast immer damit geprahlt, wie sparsam du bist.

Wie viel?, fragte Anna leise.

Ihr Vater reichte ihr stumm eine Liste. Anna überflog die Zahlen, und das Blut wich ihrem Gesicht. Die Gesamtschuld überstieg das, was sie für die Wohnung angespart hatte, um ein Vielfaches.

Seid ihr verrückt geworden?

Es hat sich Stück für Stück angehäuft, verteidigte ihr Vater. Wir haben einen Kredit mit dem nächsten abgelöst, die Zinsen wuchsen

Und was hat Heike die ganze Zeit gemacht hat sie nicht gearbeitet?

Ich habe gearbeitet, rief die jüngere Schwester ein. Aber du kennst die Löhne hier. Im Salon bekam ich dreißig Euro im Monat. Das reicht doch nicht zum Leben! Dann ein Job im Bekleidungsgeschäft vierzig Euro, aber die Schichten waren schrecklich, ich bin nach einem Monat gegangen. Dann ein Café

Wie viele Jobs hast du in drei Jahren gehabt?

Vielleicht zehn. Ich kann nicht dort arbeiten, wo ich nichts mag!

Anna spürte, wie die Wut in ihr brodelte.

Und wovon habt ihr gelebt? Vom Pensionsgeld von Papa und dem kleinen Lohn von Mama?

Heike meinte immer, sie heiratet bald, sagte die Mutter zaghaft. Sie hat viele Verehrer

Verehrer!, schrie Anna. In drei Jahren keinen einzigen ernsthaften Mann, dafür einen Berg Schulden!

Warum bist du so gemein?, schnaufte Heike. Bist du neidisch, weil ich ein Privatleben habe und du nur arbeitest?

Anna atmete tief ein, versuchte sich zu beruhigen.

Gut. Erzähl mir genau, was jetzt passiert. Welche Drohungen, welche Fristen?

Die nächste Stunde verbrachte sie damit, die Unterlagen zu studieren, die Banken anzurufen und Details zu klären. Das Bild war düster. Die Eltern hatten sich selbst in ein Schuldgrab gerafft, aus dem sie nicht mehr alleine herauskamen. Inkasso rief täglich an, drohte mit Pfändungen.

Was habt ihr denn genau gekauft?, fragte Anna nach einem weiteren Telefonat.

Heike brauchte ein Auto, begann ihr Vater. Kein neues, ein Gebrauchtwagen, aber auf Kredit

Warum ein Auto?!

Sie wollte einfach wie alle andere sein, widersprach die Mutter. Jeder hat eins, und sie musste überall hin laufen!

Dann kam die Reparatur, das Auto hatte schon Kilometer auf dem Buckel, fuhr Hans fort. Ein neues Handy, Möbel für ihr Zimmer

Mit so viel Geld?

Sieh nur, wie schön es geworden ist!, jubelte Heike und zog Anna zu ihrem Zimmer.

Anna blickte benommen um das Schlafzimmer. Ein riesiges Himmelbett, ein Schminktisch wie aus Hollywood, ein begehbarer Kleiderschrank, ein FlachbildTV, eine Klimaanlage alles in rosiggoldenen Tönen.

Ein Palast!, prahlte Heike. Und ich brauchte ordentliche Kleider, sonst hatte ich nichts zu zeigen. Mama kaufte sich noch einen Pelzmantel

Einen Pelzmantel?

Einen Nerzmantel, flüsterte die Mutter. Heike meinte, ein alter Mantel wäre eine Schande

Und wir haben Papa einen Anzug gekauft, mir Schmuck, neue Geschirr, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine

Anna setzte sich wieder an die Küche und sank in einen Stuhl. Alles, was sie sah, war auf Kredit gekauft: teure Geräte, Möbel, sogar die Vorhänge wirkten kostspielig.

Ihr habt also euer Leben auf geliehenes Geld gebaut, stellte sie fest.

Wir dachten, Heike heiratet, sagte Hans leise. Sie hatte mehrere ernsthafte Verehrer

Ja, das hat sie, bestätigte Heike. Da war ein Direktor, der leider verheiratet war. Ein Unternehmer, der nach Moskau zog. Und ein Mikhail

Und Mikhail?

Er hatte nur eine Einzimmerwohnung. Ich kann nicht in so einer kleinen Wohnung leben! Und dann war das Ganze sogar noch belastet.

Anna schloss die Augen. Sie selbst wohnte in einer Einzimmerwohnung und träumte von einer eigenen selbst wenn das einen Kredit bedeutete.

Heike, du bist fünfundzwanzig. Zeit, selbst für deinen Unterhalt zu sorgen.

Warum?, fragte die Schwester überrascht. Ich heirate. Ein richtiger Mann versorgt seine Frau.

Und wenn nicht?

Ich werde es schon schaffen. Ich bin hübsch und jung. Und schau dich an immer am Arbeiten, graue Maus. Deshalb bist du allein.

Anna ballte die Fäuste.

Was habt ihr vor, mit den Schulden zu machen?

Wir dachten, stammelte die Mutter, vielleicht könntest du helfen? Du hast das Geld, du sparst seit Jahren

Anna, schnitt Heike ein, was kostet dich das? Du wohnst sowieso allein, hast keine Kinder. Warum brauchst du die Wohnung? Ich muss ja erst eine Familie gründen.

Also soll ich euch mein ganzes Erspartes geben?

Nicht geben der Familie helfen, korrigierte ihr Vater. Wir sind doch keine Fremden.

Anna stand auf und ging durch die Küche. Zahlen wirbelten durch ihren Kopf. Ihr Erspartes entsprach fast der gesamten Schuld. Sie würde fast nichts mehr übrig haben, nur hunderttausend Euro. Alles, was sie in fünf Jahren verdient hatte, würde in Heikes Launen fließen.

Was ist mit meiner Wohnung?

Du sparst einfach weiter, meinte Heike lässig. Du bist doch gut im Geldverdienen. Und ich habe keine Zeit, ich muss heiraten.

Keine Zeit? Keine Zeit für was?

Ich kann nicht bis vierzig arbeiten! Ich muss heiraten, solange ich noch schön bin. Nach dreißig ist es zu spät.

Also soll ich bis alt werden, um deine Vergnügungen zu bezahlen?

Was für Vergnügungen?, widersprach Heike. Das sind Notwendigkeiten! Wie soll ich ohne Auto leben? Ohne schöne Kleidung? Du verstehst das ja

Ich verstehe, dass du auf Kosten anderer lebst!

Kinder, streitet nicht, versuchte die Mutter zu schlichten. Wir sind Familie. Anna, Liebling, wir wissen, dass wir viel verlangen, aber wir haben keinen Ausweg. Die Inkasso­vertreter drohen

Und was, ihr denkt, Kredite muss man nicht zurückzahlen?

Wir dachten irgendwie, stammelte ihr Vater. Heike versprach, zu heiraten

Anna setzte sich wieder und holte ihr Handy heraus.

Gut. Ich rufe die Banken an und schaue, was wir tun können.

Zwei Stunden verhandelte sie. Es war möglich, die Schulden umzustrukturieren, die Laufzeit zu verlängern, aber die monatliche Rate läge bei etwa fünfzigtausend Euro. Bei einem gemeinsamen Einkommen von achtzigtausend Euro bedeutete das fast den Hungerriegel.

Eine andere Möglichkeit, sagte sie nach dem letzten Anruf. Wir verkaufen alles, was auf Kredit gekauft wurde Auto, Möbel, Geräte. Das deckt etwa die Hälfte der Schuld. Den Rest strecken wir über fünf Jahre in kleinen Raten.

Verkaufen?, schrie Heike entsetzt. Mein Auto? Meine Möbel? Das ist zu viel!

Und was schlagt ihr vor?

Gebt uns das Geld!, platzte Heike plötzlich. Wir sind Familie! Oder seid ihr zu geizig für eure eigene Blutsverwandtschaft?

Ich schulde niemandem etwas, antwortete Anna kühl.

Doch!, platzte ihr Vater unerwartet. Wir haben dich großgezogen, gefüttert, gekleidet, zur Uni geschickt! Und jetzt, wo wir Hilfe brauchen, wendet ihr euch ab!

Anna blickte ihre Eltern an die Menschen, die ihre jüngere Schwester haben leben lassen, die für ihre Launen verschuldet waren und jetzt verlangten, dass ihre ältere Tochter ihr Fehlverhalten bezahlt.

Ihr habt mich erzogen das war eure Pflicht. Ich habe eine Ausbildung, ich arbeite, ich versorge mich selbst. Und sie , sagte sie und zeigte auf Heike, was macht sie das ganze Geld an?

Sie sucht einen Mann!, rief die Mutter. Das ist auch nicht einfach!

Kosten solche Partnersuche so viel Geld?

Anna, genug!, explodierte Heike. Denkst du, du bist die Einzige, die klug ist? Ich habe auch ein Recht auf Glück! Und wenn ich Geld für ein schönes Leben brauche, warum sollte die Familie nicht helfen?

Weil es nicht dein Geld ist!

Wessen dann? Dein? Du hast es hart für einen Pferdejob verdient und dein Privatleben vernachlässigt. Was hat das gebracht? Du bist allein und unglücklich, aber reich. Ich werde heiraten, das Geld kommt von meinem Mann!

Woher soll das Geld kommen?

Mein Mann wird es verdienen! Normale Männer sorgen für die Familie!

Und solange kein Mann da ist soll ich für dich sorgen?

Wer sonst?, unterbrach ihr Vater. Wir haben niemanden außer euch! Wir sind verzweifelt! Die Inkasso­vertreter drohen!

Anna spürte, wie alles in ihr zu kochen begann. Es ging nicht mehr um Bitte, sondern um Forderung. Forderung nach ihrem Geld, ihrem Traum, ihrer Zukunft.

Weißt du was, sagte sie und stand auf, ich überlege es mir.

Überlege es!, knallte Heike. Entweder du hilfst der Familie, oder du bist keine Schwester mehr!

Oder keine Tochter, fügte ihr Vater hinzu.

Anna ging in ihr altes Zimmer, das die Eltern nie modernisiert hatten. Schreibtisch, schmales Bett, Regale voller Bücher schlicht und bescheiden.

Sie legte den Kopf hin und schloss die Augen. Fünf Jahre Verzicht. Fünf Jahre, in denen sie jeden kleinen Genuss verpasste, um von einer eigenen Wohnung zu träumen. Und das alles nur, um Heikes Kleider und Spielereien zu bezahlen?

Vielleicht sollte sie doch helfen? Schließlich waren es Familie. Und wenn die Inkassobüros vor Gericht zogen, könnten die Eltern ohne Dach über dem Kopf dastehen.

Doch dann würde sich ihr Traum um weitere fünf Jahre verschieben. Vielleicht noch länger wer weiß, ob die Eltern nicht wieder neue Schulden machen, sobald sie merken, dass die älteste Tochter bereit ist zu zahlen?

Anna stand auf, ging zum Fenster. Kinder spielten auf dem Hof. Irgendwo in Berlin stand ihre zukünftige Wohnung ein kleines Einzimmer, am Stadtrand, aber ihr Eigenes. Und dafür war sie bereit, noch fünf Jahre zu schuften.

Sie kehrte in die Küche zurück. Die Familie wartete auf ihre Entscheidung.

Na? fragte Heike ungeduldig.

Ich zahle eure Schulden nicht, sagte Anna fest.

Wie bitte?, rief ihre Mutter ungläubig.

Genau das. Ihr seid erwachsen, ihr habt euch selbst in diese Kiste gebracht räumt sie selbst auf.

Wie sollen wir ohne deine Hilfe auskommen? schluchzte ihr Vater.

Verkauft alles, was ihr auf Kredit gekauft habt. Heike, such dir einen richtigen Job, nicht das Kaffeeschießen im Salon. Dann könnt ihr den Rest in Raten zahlen.

Und wenn das nicht klappt?

Dann ist das euer Problem.

Du hast doch Mitleid mit uns!, flehte die Mutter. Du bist doch unser Kind!

Anna sah sie an die Frau, die sie vor fünf Jahren mit Tränen im Gesicht nach Berlin gehen ließ, und die jetzt verlangte, das ganze Ersparte an die jüngere Schwester zu geben.

Es tut mir leid, dass ihr Heike zu einer Mitläuferin und Schnöselin gemacht habt, dass ihr euch für ihre Launen verschuldet habt. Aber ich zahle nicht für eure Fehler.

Fehler?, brüllte Heike. Was ist falsch daran, schön leben zu wollen?

Falsch ist, auf Kosten anderer zu leben, nicht zu arbeiten und zu verlangen, dass andere deine Probleme lösen.

Ich habe doch gearbeitet!

Du hast Monate gearbeitet und Jahre Geld verschwendet.

Was ist dann wichtig, wenn nicht das Geld?

Dann, warum verlangst du mein Geld?

Heike verstummte, sichtlich aus dem Konzept gekommen.

Anna, sagte ihr Vater leise, wir dachten, du würdest helfen. Du bist unsere Tochter.

Ich bin eure Tochter. Aber ich bin nicht verpflichtet, für euren Unsinn zu bezahlen.

Und wenn wir nirgendshin mehr kommen?

Dann verkauft ihr die Wohnung und kauft eine kleinere. Heike findet einen Job. Ihr seid nicht zu alt, ihr könnt noch etwas dazuverdienen.

Die Wohnung verkaufen?, keuchte die Mutter. Aber das ist unser Heim!

Und die Schulden sind eure Schulden.

Ihr verlasst uns!, schrie Heike. Was für eine Tochter bist du denn!

Anna packte ihre Tasche.

Wohin gehst du?, fragte ihre Mutter ängstlich.

Zum Bahnhof. Ich fahre morgen früh ab.

Warte!, rannten die Eltern hinter ihr her. Wir können noch einmal reden!

Es gibt nichts mehr zu besprechen. Meine Entscheidung ist endgültig.

Anna, wenigstens die Hälfte!, flehte die Mutter.

Du bekommst keinen einzigen Euro von mirAnna drehte sich um, ließ die Tür hinter sich zuknallen und setzte ihren Weg Richtung Bahnhof, während das schrille Piepen des Zuges ihr leise verkündete, dass das Leben weitergeht.

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„Von mir gibt’s keinen einzigen Euro! Ihr habt euch verschuldet – dann dürft ihr das auch selbst begleichen!“ rief die Tochter und knallte die Tür zur Wohnung ihrer Eltern zu.
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