Wartezeit auf die Kindheit

Die Schlange zur Kindheit
Im neuen Wohnkomplex am Stadtrand von München nimmt das Leben gerade erst rhythmisch Fahrt auf. In den Hausfluren riecht man noch den frischen Putz, und an den Aufzügen hängen Schilder, die bitten, nach acht Uhr keinen Bauschutt mehr hinauszubringen. Auf dem Spielplatz zwischen den Gebäuden hell, aber von feinem, feuchtem Staub bedeckt toben Kinder in wasserdichten Jacken. Die Eltern stehen ein Stück weiter, hüllen sich in Schals und werfen vorsichtige Blicke auf die neuen Nachbarn.

Katrin eilt nach Hause mit ihrer Tochter Lieselotte: Der kurze Weg vom Kindergarten durch den Innenhof dauert jetzt viel länger wegen der Staus an den Toren und den immer gleichen Gesprächen darüber, wie schwer es ist, ein Kind näher zum Haus zu bringen. Katrin arbeitet von zu Hause aus sie führt die Buchhaltung für ein kleines Unternehmen und kann so den größten Teil des Tages bei Lieselotte sein. Trotzdem beginnt jeder Tag gleich: Sie öffnet das Bürgerportal, schaut die Nummer von Lieselotte in der elektronischen Warteliste für den nächstgelegenen Kindergarten.

Wieder nichts verändert sich seufzt sie eines Morgens, während sie auf den Bildschirm ihres Handys blickt. Im Familienchat wird das Problem bereits diskutiert: Die Warteschlange bewegt sich schleppend, freie Plätze gibt es nur für FörderquoteKinder oder für Familien, die sich sofort nach dem Einzug angemeldet haben.

Abends treffen sich die Erwachsenen vor den Hauseingängen oder am kleinen Laden um die Ecke. Die Gespräche drehen sich immer wieder um dasselbe: Wer wartet noch auf eine Antwort von der Bezirksverwaltung, wer versucht, über Bekannte einen Platz zu ergattern, und wer einfach die Hände in die Hose steckt und nur auf sich selbst vertraut.

Tag für Tag wächst das Gefühl einer Sackgasse. Kinder sitzen zu Hause oder spielen im Hof unter Aufsicht der Großeltern; Eltern flüstern sich gegenseitig ihre Sorgen zu zuerst vorsichtig, dann immer offener. In den Chats tauchen lange Nachrichten über überfüllte Gruppen auf, es werden Ideen für private MiniKindergärten oder für eine gemeinsame NannyLösung für mehrere Familien besprochen.

Eines Abends schlägt Markus Vater des zweijährigen Lukas aus dem Nachbarhaus vor, eine eigene Gruppe für das KindergartenProblem zu gründen. Seine Nachricht ist knapp:

Liebe Nachbarn! Wie wäre es, wenn wir uns zusammentun? Wenn wir genug sind, hört uns jemand!

Damit beginnt ein Wandel. Dutzende Eltern schließen sich dem Chat an: Einige sammeln Unterschriften für ein Schreiben an die Kitaleitung, andere teilen Kontakte zu Anwälten oder berichten von ähnlichen Fällen in anderen Stadtteilen.

Bald versammeln sich vor den Fenstern des ersten Gebäudeteils ein kleiner Kreis von Eltern mit Unterschriftenblättern und Thermoskannen heißem Tee. Neue Gesichter treten dazu: Die einen fragen schüchtern nach Details, die anderen wollen sofort ihren Namen auf die Liste setzen.

Die Diskussionen ziehen bis spät in den Abend im Hof hinein: Eltern stehen im Halbkreis unter dem Vordach des Eingangs, geschützt vor Wind und Niesel. Einige halten ihr Kind an der Hand, andere decken die Kinderwagen mit Decken ab; immer wieder wird auf die Uhr geschaut oder beiläufig in Arbeitschats getippt, während das Gespräch über den Kindergarten weiterläuft.

Wir müssen den offiziellen Weg gehen, sagt Markus bestimmt. Unterschriften sammeln und ein gemeinsames Schreiben an die Bezirksverwaltung vorbereiten.

Das bringt wenig, seufzt eine Frau mittleren Alters. Solange die Papiere hin und her wandern Der Sommer kommt!

Oder wir versuchen, direkt mit der Kitaleitung zu reden. Vielleicht versteht sie unser Problem besser?

Es gibt viel Zwist: Die einen halten formelle Briefe für Zeitverschwendung, die anderen scheuen zu offener Kritik an der Wohnungs oder Hausverwaltung.

Nach ein paar Tagen einigt sich die Mehrheit, zunächst Unterschriften zu sammeln und ein persönliches Treffen mit der Kitaleiterin Sabine Müller zu vereinbaren. Diese leitet den Kindergarten Nummer neunundzwanzig, ein Gebäude gegenüber dem neuen Viertel, das seit langem überfordert ist mit den Anfragen von Familien aus den neu entstehenden Häusern.

Der Morgen des Treffens ist trüb und kühl, ein grauer Frühlingshimmel liegt über dem Hof. Die Eltern versammeln sich etwa fünfzehn Minuten vor Öffnung des Kindergartens am Eingang: Die Frauen richten die Kapuzen ihrer Kinder, die Männer tauschen kurze Bemerkungen über Arbeit und Stau aus.

Im Empfang des Kindergartens ist es warm und stickig von den Mänteln der Gäste; nasse Schuhspuren führen über den Linoleumboden bis zur Tür des Büros von Sabine Müller. Sie begrüßt die Initiativegruppe ohne große Freude:

Ich verstehe Ihre Lage sehr gut, sagt sie. Aber es gibt überhaupt keine freien Plätze! Die Warteliste wird zentral über das städtische OnlineSystem geführt

Markus legt die Position der Eltern ruhig dar:

Wir kennen das Anmeldeverfahren, beginnt er, doch viele Familien müssen ihre Kinder täglich mehrere Kilometer fahren! Das ist für die Kleinen und für die Erwachsenen belastend Wir wollen gemeinsam eine Übergangslösung finden!

Sabine Müller hört zunächst zu, unterbricht dann aber:

Selbst wenn ich das wollte Ich habe keine Befugnis, zusätzliche Gruppen ohne Entscheidung der Bezirksverwaltung zu eröffnen! Alle Fragen gehen dorthin

Die Eltern geben nicht auf:

Dann brauchen wir ein DreierMeeting, schlägt Katrin vor. Können wir zusammen mit einem Vertreter der Verwaltung kommen? Wir erklären alles persönlich.

Sabine Müller zuckt mit den Schultern:

Wenn Sie es versuchen wollen

Man verabredet ein weiteres Telefongespräch in einer Woche, sobald ein Beamter aus dem Bildungsamt des Bezirks teilnehmen kann.

Der Chat der Wohnanlage bleibt den ganzen Abend aktiv. Nachdem die Kitaleitung und ein Verwaltungsvertreter zugestimmt haben, dass temporäre Gruppen eröffnet werden dürfen und ein Platz auf dem Grundstück des Hauses vorgesehen ist, wandelt sich die Diskussion in konkrete Aufgaben. Jeder bietet seine Hilfe an: jemand bringt Werkzeuge aus der Garage, ein anderer kennt einen Händler, der sichere Umzäunungen verkauft, wieder ein anderer hat gute Kontakte zum Hausmeister des Gebäudes.

Am Samstagmorgen treffen sich die Eltern im Hof, um das geplante Spielgelände zu besichtigen. Katrin kommt mit Lieselotte und bemerkt sofort: Heute sind mehr Menschen als bei den vorherigen Treffen da. Viele Familien kommen zusammen, Kinder rennen über noch feuchte Erde, Erwachsene halten Schaufeln, Handschuhe und Müllsäcke bereit. Auf dem Rasen liegen noch alte Laubhaufen, der Boden ist nach den Regenfällen weich, aber ohne Pfützen.

Markus breitet auf einer Bank einen Lageplan aus, den er gemeinsam mit seinem Sohn Lukas gezeichnet hat. Die Erwachsenen streiten darüber, wo Bänke am besten platziert werden sollen näher am Haus oder am Weg, ob genug Platz für einen Sandkasten bleibt. Manchmal eskalieren die Diskussionen, jeder will seine Idee zuerst hören. Doch nun mischt sich ein humorvolles Unterton ein, ein gewisses Respektgefühl: Ohne Kompromisse geht nichts.

Während die Männer das provisorische Geländer aufbauen, räumen die Frauen und Kinder den Hof von Ästen und Zweigen. Lieselotte und andere Mädchen bauen aus Steinen ein Labyrinth die Erwachsenen lächeln dabei: Die Kinder spielen nicht mehr auf dem Asphalt vor dem Parkplatz, sondern auf einer eigens dafür vorgesehenen Fläche. Der Duft von feuchter Erde liegt in der Luft, aber er ist nicht mehr so scharf wie zu Frühlingsbeginn.

Zum Mittagessen gibt es ein kleines Picknick im Hof: jemand bringt Tee aus der Thermoskanne, ein anderer selbstgebackenes Brot. Die Gespräche wandern von KindergartenSachen zu Rezepten und HeimwerkerTipps. Katrin bemerkt, dass die vorsichtige Zurückhaltung in den Stimmen verschwindet. Selbst die, die vorher Abstand gehalten haben, mischen sich jetzt ein.

Am Abend erscheint im Chat ein Dienstplan für die Betreuung des Spielplatzes und eine Aufgabenliste für die temporären Gruppen. Der erste Hausflur soll zu einem Spielzimmer umgebaut werden, bis der reguläre Kindergarten alle aufnehmen kann. Olga übernimmt die Materialbeschaffung, Markus koordiniert die Kommunikation mit der Hausverwaltung.

Einige Tage nach dem gemeinsamen Arbeitseinsatz stehen neue Bänke und ein kleiner Sandkasten im Hof. Die Hausverwaltung hat ein niedriges Zaunwerk installiert, damit die Kleinen nicht auf die Straße laufen. Eltern wechseln sich ab: Morgens begleiten sie die Kinder zur Gruppe, abends räumen sie Spielzeug weg und schließen die Tore.

Die temporären Gruppen starten ohne großes Aufsehen die Kinder betreten die nun vertrauten Räume unter Aufsicht von Erziehern, die von den Eltern empfohlen wurden. Katrin sorgt sich, wie Lieselotte das neue Umfeld annimmt, doch nach einer Woche kehrt das Mädchen müde, aber glücklich nach Hause zurück.

Kleinere Alltagsprobleme lösen sich von selbst: Fehlende Stühle werden nachgeliefert, Reinigungsmittel nachgekauft. Die Kosten teilen die Eltern, die Beträge bleiben klein, doch das gemeinsame Engagement schweißt sie stärker zusammen als jede formelle Versammlung.

Anfangs flammen Mikrokonflikte fast täglich auf: einmal streiten sie über den Spielplan, ein anderes Mal ärgert sich jemand über eine Bemerkung zur Sauberkeit des Raumes. Nach und nach lernen die Beteiligten, einander zuzuhören, nachzugeben und Entscheidungen ruhiger zu begründen. Der Chat enthält weniger gereizte Nachrichten, stattdessen dankt man sich manchmal oder macht einen Witz über unsere ElternTruppe.

Der Frühling entwickelt sich rasch: Pfützen trocknen bis zum Mittag, das Gras bekommt frisches Grün. Die Kinder ziehen ihre Mützen aus, rennen bis zum Abend über den Hof, während die Nachbarn gemeinsam aufpassen es ist nun eine gemeinsame Verantwortung des ganzen Hauses.

Katrin fragt sich, dass sie noch vor einem Monat kaum mit den meisten Nachbarn gesprochen hat, und heute bittet sie um Hilfe oder bietet ihre Unterstützung anderen Müttern an. Sie kennt die Namen der Kinder, die Gewohnheiten der Großeltern und sogar das Lieblingsrezept der Nachbarsfrau.

Die ersten Tage der temporären Gruppen verlaufen ohne große Zeremonie Eltern bringen morgens ihre Kinder zur Tür des Spielzimmers oder zur neuen Gruppe gegenüber. Sie lächeln sich kurz an: Es hat geklappt! Nicht perfekt, aber besser als die einsame Schlange im OnlineSystem.

Am Wochenende organisieren sie gemeinsam die AufräumAktion nach dem Spiel: Erwachsene sammeln verstreute Spielsachen und Sandformen zusammen mit den Kindern, besprechen den Stundenplan für die nächste Woche an der Bank. Im Chat tauchen Ideen auf: jemand will ein Eröffnungsevent im Sommer planen, ein anderer schlägt vor, einen Fahrradständer neben der Grundschule anzulegen.

Die Beziehungen zwischen den Nachbarn werden spürbar wärmer selbst die, die zunächst skeptisch oder distanziert waren, beteiligen sich jetzt zumindest ein Stück am Hausleben. Im Alltag entsteht mehr Vertrauen.

Katrin begleitet Lieselotte morgens zur neuen Gruppe, zusammen mit anderen Müttern. Sie flüstern über das Wetter oder den nächsten Dienstplan im Hof. Manchmal erstaunt sie, wie sehr sie sich als Teil einer Veränderung fühlen, die ihr Umfeld prägt noch vor wenigen Wochen schien alles unüberwindlich.

Nun liegen neue Aufgaben und Sorgen vor ihnen, doch das Wichtigste hat sich geändert: Viele Eltern dieses neuen Quartiers haben erkannt, dass sie gemeinsam den Raum um ihr Zuhause herum verändern können.

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