Was hat sie denn erzählt? Gar nichts, oder?

Was genau ist rausgeflogen, das du mir nie erzählt hast?
Was machst du denn hier? Ich habe dir doch gesagt, nicht zu kommen! Liselotte knallte mit dem Absatz ihres filigranen Pumps wütend gegen die Tür, obwohl ihr Gegenüber ihre Mutter war Anna Petersen.

Wir haben dir von deinem Vater ein paar Köstlichkeiten mitgebracht: Kartoffeln, Gurken, Marmelade. sagte die ältere Frau etwas unbeholfen und wies auf den alten Ford, der neben dem Hof stand. Im Fahrzeug saß Liselottes Vater Friedrich Petersen.

Ich sehe, ihr seid zu zweit. Wie oft habe ich gesagt, ihr sollt mir das nicht bringen! Und kommt nicht mehr zu Besuch, spart euch das Blamage.

Aber warum denn, Mama? Anna ließ die Hände locker fallen.

Genau so. Liselotte bestätigte bestimmt. Fahrt schnell zurück mit euren Kartoffeln, bevor Thomas wiederkommt.

Liselotte, lass das!, rief Friedrich, als er aus dem Auto stieg.

Und was soll’s? schnappte Liselotte zurück.

Dann mal los, Anna. sagte Friedrich trocken.

Und die Mitbringsel? hakte Anna nach.

Fang gar nicht erst an!, rollte Liselotte mit den Augen. Nehmt, was ihr habt, und fahrt.

Friedrich, hilf mir doch, bat Anna, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Friedrich holte zwei große Säcke aus dem Kofferraum, den dritten, etwas kleiner, nahm Liselotte selbst.

So geht das nicht mit deiner Mutter. tadelte Friedrich, während Liselotte die Haustür öffnete.

Genug davon, erzieh mich nicht. erwiderte Liselotte spöttisch.

Vielleicht wurdet ihr ja schlecht erzogen, bemerkte Friedrich melancholisch, stellte die Säcke ab und ging die Treppe hinunter.

Anna stand die ganze Zeit am Eingang, hoffnungsvoll die Tür im Blick. Als sie jedoch den entschlossenen Schritt ihres Vaters sah, wusste sie, dass ein Besuch nicht mehr kommen würde.

Meine Beine bleiben hier nicht mehr lange!, platzte Friedrich heraus, als sie den Hof verließen.

Ach, du meine Güte, mein Kind. wischte Anna eine Träne von der Wange. Friedrich schwieg.

Liselotte war in einem kleinen Dorf in Bayern geboren und aufgewachsen. Sie hasste ihr ländliches Dasein und träumte davon, so schnell wie möglich dem Alltag zu entfliehen.

Ist das wirklich ein Leben? Hühner, Gummistiefel, das Gemüsebeet! Wer mag das schon? In der Stadt gibts Clubs, Restaurants, schicke Klamotten. Ich muss hier weg. jammerte sie ihrer Cousine Heike, während sie an einem abgebrochenen Fingernagel und einer endlosen Karottenreihe nachdachte. Sie waren ungefähr vierzehn Jahre alt, und das Beet gehörte zu ihren Pflichten.

Findest du das Glück im Modekauf? zuckte Heike mit den Schultern. Mir gefällt das Landleben. Was gibts in der Stadt? Immer nur von Job zu Job hetzen. Ich will Tiermedizin studieren und dann hierher zurückkommen.

Ich komm nicht zurück und arbeite auch nicht. In der Stadt gibts genug reiche Männer, ich heirate einen und muss nie mehr arbeiten. flüsterte Liselotte.

Wozu brauchst du das? Es gibt doch genug Mädchen hier. lachte Heike.

Du verstehst nichts! Ich bin hübsch, der Rest ist Glück. wischte Liselotte ab. Unter ihren Freundinnen fiel ihr Aussehen sofort auf, sowohl das hübsche Gesicht als auch ihre schlanke Figur.

Anna und Friedrich waren einfache Leute, ihr ganzes Leben verbrachten sie im selben Dorf. Für ihre einzige Tochter, die sie spät bekamen, wollten sie Bildung und die Möglichkeit geben, ihr Leben selbst zu wählen. Als Liselotte die Schule beendete, hatten die Eltern über Jahre ein kleines Sparbuch angelegt und ihr die Chance eröffnet, in die Landeshauptstadt zu gehen. Sie schrieb sich an die Universität ein und bekam ein Zimmer im Wohnheim. Dort sah sie Kommilitoninnen aus wohlhabenderen Familien sie schienen modisch, bunt und begehrenswert. Das Geld, das Anna und Friedrich schickten, reichte kaum für die Studiengebühren und das Nötigste. Teure Kleider blieben ein Traum. Doch Liselotte gab nicht auf. Eines Tages wird auch meine Straße ein Fest haben, murmelte sie zu sich.

Im letzten Studienjahr absolvierte sie ein Praktikum in einer großen Firma. Der Chef hieß Thomas erfolgreich, wohlhabend, in den besten Jahren. Die männlichen Kollegen fragten sich, warum er noch ledig war, die weiblichen träumten, dass er ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Thomas jedoch bemerkte Liselotte, nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern weil sie offen und herzlich wirkte.

Sie entwickelte keine tiefen Gefühle, aber sie sah in Thomas einen sicheren Ticketnachweis. Sie begannen eine Beziehung. Als Thomas sie fragte, ob sie zu ihm ziehen wolle, erfand Liselotte eine wirre Geschichte: ihr Vater sei ein Geschäftsmann, der schon lange getrennt von ihrer Mutter lebe, und schicke nur Unterhaltungen. Der Vater lebe in einer anderen Stadt, die Mutter ebenfalls, und sie hätten kaum Kontakt.

Sie erklärte, dass sie ihr Leben selbst gestalten wolle und jetzt hier studiere. Die Geschichte klang seltsam, aber Liselotte gab vor, verletzt zu sein, nicht mehr mit den Eltern zu reden. Telefonisch blieb der Austausch kurz und trocken. Sie verbot sich selbst, die Eltern zu besuchen, weil ihr Freund ein Vogel in hoher Flugbahn sie sonst bloßstellen würde.

Zunächst spielte Liselotte die brave Tochter. Doch als Thomas ihr Herz gewann, setzte sie ihre Träume um. Sie sagte, ihr Beruf reiche ihr nicht, sie wolle etwas anderes machen, und meldete sich scheinbar zu einem anderen Studienfach an. In Wahrheit schlenderte sie nur durch Boutiquen und Kosmetikstudios, kochte kaum, und kritisierte Thomas, weil sie angeblich müde von der Uni sei.

Ich will Suppe, Hausmannskost. Kartoffelpüree mit Hähnchen. Wir haben doch keine königlichen Köche, um eine Hausangestellte zu beschäftigen, sagte Thomas eines Abends.

Du bekommst Püree und Hähnchen, mein Lieber, aber nicht heute, bin zu müde. schnurrte Liselotte. Thomas fiel immer wieder auf ihre Verführung zurück.

In einem Anfall von Hochmut verriet Liselotte Heike ihre Adresse, ein schickes Reihenhaus. Heike erzählte Anna von dem Geschehen. Anna, in ihrem schönsten Kleid, überzeugte Friedrich, ebenfalls ein ordentliches Outfit anzuziehen, und brachte die Lebensmittel, um ihre Tochter zu besuchen und wurde an der Tür nicht eingelassen.

Als sie die Eltern verabschiedete, verstaute Liselotte die Tüten auf dem Balkon und warf sie später in den Müll. Thomas sollte gleich von der Arbeit zurückkommen, und Liselotte wollte nicht erklären, woher die Pakete kamen.

Am nächsten Tag kam Liselotte später nach Hause.

Was riecht hier?, fragte sie, als sie den Duft von gebratenen Kartoffeln aus der Küche wahrnahm.

Wo warst du so lange?, rief Thomas. Alles kühlt noch.

Ich musste in der Uni bleiben, antwortete Liselotte und sah den gedeckten Tisch. Auf dem Tisch lag knusprige Kartoffel, dazu Gurken, Tomaten, Sauerkraut und eine Karaffe mit Kirschkompott.

Ich habe die Kartoffeln zu Hause gebraten, ganz traditionell. strahlte Thomas. Und die Gurken einfach köstlich! Woher das Ganze? Auf dem Balkon, sagst du? Ich habe dich gerufen, aber du hast nicht geantwortet.

Ich war in der Vorlesung. Die Tante aus dem Dorf hat es geschickt. sagte Liselotte missmutig.

Tante? Aus dem Dorf? Warum hast du das nie gesagt? staunte Thomas, während er die Kartoffeln auf die Teller verteilte. Welches Dorf? Fern? Wir könnten am Wochenende fahren, ich liebe die Natur.

Fern, Thomas, richtig fern. Dort gibts nichts zu tun, nur Natur. Besser ans Meer zu fliegen, wie du immer versprichst. schnaufte Liselotte.

Liselotte, du weißt, ich kann das jetzt nicht. gestand Thomas, die Hände ausbreitend. Das Projekt muss fertig werden.

Ich könnte. Wenn du mich lieben würdest, hättest du schon längst einen Reisepass gekauft. entgegnete sie, den Teller beiseite schiebend.

Okay, nicht so dramatisch. Thomas wirkte verlegen.

Einige Tage später kaufte er tatsächlich ein Ticket für Liselotte.

Ich liebe dich! jauchzte Liselotte, während sie den Koffer packte.

Freut mich. antwortete Thomas, doch sein Blick war hohl.

Liselotte fuhr in den Urlaub. Thomas überlegte, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Vier Tage später kam er aus dem Aufzug und sah vor seiner Wohnungstür ein junges Mädchen, das auf dem Boden saß, einen kleinen Rucksack an sich geklammert. Das Mädchen schlief offenbar an der Wand, wachte aber auf, als die Aufzugstüren sich öffneten.

Guten Tag. sprang das Mädchen auf.

Guten Tag. erwiderte Thomas neugierig.

Wohnt hier Anja Müller? fragte das Mädchen.

Ja, sie ist im Urlaub. Studierst du mit ihr? fragte Thomas zurück.

Ich bin ihre Schwester. sagte das Mädchen, die Stimme zitterte.

Schwester? Kommt rein, kommt rein. lud Thomas freundlich ein. Liselotte hat nichts von dir erzählt. Setz dich, fühl dich nicht schüchtern.

Ich bin Gabi. Können wir sie erreichen? fragte sie unsicher.

Sie hat eine neue Handynummer. Was ist passiert? fragte Thomas, sichtlich besorgt.

Etwas ist mit dem Haus meiner Eltern passiert. Der Vater und die Mutter sind im Krankenhaus. Die Nachbarn haben gerade erst das Haus gerettet. erklärte Gabi.

Welches Haus? Moment, Gabi, Liselottes Eltern wohnen nicht zusammen. Thomas schüttelte den Kopf.

Was? Sie kommt doch nie aus dem Haus. fauchte Gabi.

Erzählen Sie mir, was passiert ist. bat Thomas.

Drei Tage zuvor war das Haus von Liselottes Eltern eingestürzt. Beide lagen nun im Krankenhaus, Friedrichs Zustand wurde als kritisch eingeschätzt.

Ich wusste, dass Liselotte ihre Eltern schämt. Sie spricht kaum noch mit ihnen. Ich habe versucht, ihr zu helfen, aber sie hört nicht. sagte Gabi verzweifelt.

Wir sollten sofort zu den Eltern fahren, ich rede mit den Ärzten. Vielleicht brauchen sie Geld für den Notfall. meinte Thomas nachdenklich.

Keine Sorge, Gabi, alles wird gut. beruhigte Thomas, während er das Krankenhaus verließ. Anna wird bald wieder gesund. Für Friedrich werden sie alles tun. Ich habe schon eine private Versorgung arrangiert.

Wie viel kostet das? fragte Gabi rot im Gesicht.

Machen Sie sich keine Sorgen um das Geld. antwortete Thomas. Wollen wir jetzt zu Abend essen?

Am nächsten Tag kehrte Liselotte zurück. Sie wollte sich entschuldigen, aber Thomas hörte ihr nicht zu. Er half nicht nur den Eltern bei der Behandlung, sondern auch beim Wiederaufbau des Hauses. In der Zwischenzeit wurden Thomas und Gabi Freunde, dann ein Paar, und nach einem Jahr heirateten sie. Gabi zog in die Stadt, arbeitete als Tierärztin und eröffnete ihre eigene kleine Praxis. Später bekamen sie Kinder, und das Leben nahm neue Wendungen.

Liselotte behielt jedoch ihre Ziele bei. Sie musste endlich wieder arbeiten, und das Verhältnis zu ihren Eltern normalisierte sich ein wenig. Ihr Traum blieb unverändert: einen Prinzen zu finden und ein sorgenfreies Leben zu führen.

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Was hat sie denn erzählt? Gar nichts, oder?
A Woman Dried Her Hands, Winced from a Backache, and Limped to Answer the Door