Was hat sie mit meinem Sohn angestellt?!
Helga Grunewald wuselte in der Küche von Berlin, wartete darauf, dass ihr Sohn Andreas gleich mit seiner Verlobten vorbeikommt. Aus dem heißen Ofen strömte der Duft von knuspriger Entenbrust, auf dem Tisch thronen bereits dampfende Fleischklöße und im Kühlschrank lag schon fest gewordenes Sülze.
Helga legt großen Wert auf den Empfang von Gästen, der Tisch ist vollgestopft mit Leckereien, die sie schon seit gestern früh vorbereitet hat. Und heute sind es ja gleich die Eltern, die er endlich kennenlernen soll nach einem Jahr mit Liselotte, seiner zukünftigen Frau.
Ein kurzer Klingelton. Schnell wirft sie sich einen Moment vor den Spiegel, richtet ihr Haar und eilt zur Tür.
Mein lieber Sohn, komm herein! Ich häng dir gleich die Jacke auf, sagt sie herzlich, als Andreas eintritt. Er lächelt verlegen und lässt seine Verlobte zuerst hinein, während er seine Jacke selbst ablegt.
Liselotte, das ist meine Mutter, Helga, stellt er sie vor.
Helga wirft sofort einen Blick auf die schlanke Gestalt ihrer Gäste. Sie wirkt etwas schwach, was sie sofort mit schlechter Gesundheit gleichsetzt. Und dann bemerkt sie die Tätowierung an Liselottes Hand ein kleiner, bunter Schmetterling. Ein leichtes Augenrollen, aber sie will nicht sofort ihre Meinung äußern, zumal ihr Sohn viel Gutes über Liselotte erzählt hat.
Guten Abend, Frau Grunewald, ich freue mich sehr, Sie endlich kennenzulernen, sagt Liselotte mit strahlendem Lächeln.
Helga beobachtet, wie Andreas seine zukünftige Frau ansieht die Augen leuchten vor Zuneigung.
Am Tisch plaudern sie höflich, bis Helga plötzlich bemerkt, dass ihr Sohn nur halbherzig isst, sein Teller halb leer bleibt und Liselotte ihm nichts anbietet. Sie wirft einen missbilligenden Blick auf Liselotte, erhebt sich schwerfällig und fängt an, Andreas immer wieder ein wenig mehr zu reichen.
Mama, ich schaff das schon, protestiert er, doch die Jahre des mühevollen Widerstandes haben ihm gezeigt, dass ein Streit mit der Mutter selten etwas bringt.
Nachdem sie ihren Sohn vor dem Hungern gerettet hat, widmet sich Helga wieder ihrer zukünftigen Schwiegertochter. Doch als sie versucht, Liselotte etwas vom Salat zu reichen, sagt diese ganz gelassen:
Frau Grunewald, Ihr Essen sieht fantastisch aus, aber ich esse das leider nicht. Der Salat ist so gut, dass ich schon zum dritten Mal nach Nachschlag frage. Könnten Sie mir das Rezept verraten?
Helga, ohne zu zögern, schneidet ein Stück Entenbrust ab, legt es auf den Teller, ergänzt es mit einem Sandwich mit Hering und ein paar Löffeln Kartoffelsalat.
Mama, das brauchen wir nicht. Liselotte achtet seit Jahren auf ihre Ernährung, erwidert Andreas.
Jungs, das ist doch die richtige, gesunde Kost!, ruft Helga.
Ihr Mann Heinrich Iwan versucht einzuwenden, doch Helga wirft ihm einen durchdringenden Blick zu, und er schweigt.
Als die Teller endlich leer sind, setzt Helga sich wieder an ihren Platz. Wir haben von klein auf Wurst, Kartoffeln und Milch gegessen, das hat uns gesund gemacht, sagt sie.
Mama, übrigens, dein Arzt hat dir geraten, besser auf deine Ernährung zu achten. Du hast doch selbst oft über dein Unwohlsein geklagt, meint Andreas.
Ach, das ist doch alles Quatsch. Wie ernährt ihr euch zu Hause? Wahrscheinlich vergesst ihr das Frühstück, kontert Helga spöttisch.
Andreas und Liselotte tauschen ein verschmitztes Lächeln aus. Wir essen viel Gemüse, ich verzichte auf schwere Kost, sagt Andreas.
Helga blickt überrascht auf ihren Sohn. Du bist ja richtig schlank geworden!, staunt sie. Und was kocht Liselotte dir so?
Wir beide kochen zusammen, arbeiten bis spät, bestellen oft Lieferungen, erklärt Liselotte. Das spart Zeit und ist praktisch.
Helga ist fassungslos. In ihrem Kopf war die Küche immer das Reich des Mannes. Heinrich hat nie die Kartoffeln geschält das war doch Männerarbeit, wie sie früher dachte. Jetzt sieht sie ihren Sohn, der in der Küche steht, und fragt sich, wo das nur hingekommen ist.
Früher, als Helga selbst heiratete, haben ihre Mutter und Großmutter ihr erklärt, dass eine Frau das Haus sauber halten, deftig kochen und die Kleidung des Mannes ordentlich halten muss. Heinrich konnte kaum ein Hemd bügeln, und Helga war stolz darauf. Jetzt erschrickt sie über die moderne Aufteilung.
Andreas, du hast doch einen harten Job, du solltest dich erholen, nicht in der Küche stehen, sagt sie besorgt. Ein Mann sollte das nicht machen.
Liselotte entgegnet: Ich arbeite auch, verdiene manchmal sogar mehr als du. In einer Partnerschaft teilen wir alles, wir beklagen uns nicht über das Glück.
Helga ist überrascht, dass ihr Sohn in so einem Ton mit ihr spricht. Vorher war er ein lieber Kätzchen, jetzt wirkt er ganz anders. Sie will nicht streiten, also versucht sie, die Stimmung zu mildern.
Na gut, macht euchs bequem, ich kann ja noch etwas einschenken. Liselotte, du bist ja ganz zierlich, das ist nicht gut, sagt sie und reicht erneut etwas.
Das Gespräch driftet weiter. Liselotte erzählt, dass sie in der Medienbranche arbeitet, Konzerte organisiert und häufig unterwegs ist. Helga schüttelt den Kopf woher soll das mit einer Hausfrau vereinbar sein? Das wird ihr immer unangenehmer.
Schließlich fragt Helga nach der Tätowierung.
Liselotte, was ist das auf deiner Hand? Ein Schriftzug? Das ist doch kindisch, du solltest das entfernen lassen, sagt sie.
Wir haben uns das vor sechs Monaten machen lassen, wir finden es schön, antwortet Liselotte selbstbewusst.
Helga ist fassungslos. Sohn, das sind doch nur Verbrecher, die das machen! ruft sie. Heinrich bleibt still, Andreas zögert.
Liselotte versucht zu beruhigen: Frau Grunewald, die Zeiten ändern sich, Tattoos sind heute Mode und lassen sich entfernen. Ihr Sohn ist 28, er kann selbst entscheiden.
Helga kann kaum fassen, wie frech das ist. Für mich hat das alles Grenzen überschritten! Elternmeinung muss doch zählen!
Andreas lacht sarkastisch: Mama, jetzt bist du diejenige, die die Grenzen überschreitet. Ich bin erwachsen, das ist mein Leben.
Der Abend verliert seine Gemütlichkeit, sie verabschieden sich schnell, packen ihre Taschen und gehen. Während Helga das Geschirr wäscht und Heinrich auf dem Sofa die Zeitung schlürft, kreisen tausende Gedanken in ihrem Kopf. Sie versteht nicht, wie ihr Sohn in diese Situation geraten ist. Er wirkt glücklich, er spricht oft am Telefon, wie sehr Liselotte ihn unterstützt. Sie hat eine gute Ausbildung, ein gutes Einkommen, kommt aus einer anständigen Familie doch ist das der richtige Umgang mit einem Mann heute?
Helga hält sich für die ideale Hausfrau. Seit Jahrzehnten beginnt ihr Tag mit der Sorge um andere, sie schläft erst, wenn die letzte Tasse sauber ist. Das rettet die Ehe nicht vor Kleinigkeiten, aber sie hat ihren Mann verziehen, nachdem er früher ein paar Seitensprünge hatte. Sie glaubt, das Problem liege bei ihr, weil sie dem Mann zu wenig Aufmerksamkeit schenkte, seit Andreas geboren wurde. Trotzdem meint sie, die Ehe sei gelungen sie feierten gerade ihr 30jähriges Hochzeitsjubiläum. Jetzt reden sie selten, Heinrich schaut abends nur Fernsehen, Helga strickt, sortiert das Garn, telefoniert mit Freundinnen. Was bleibt noch zu sagen, wenn alles schon gesagt wurde?
Wird ihr Sohn mit so einer Frau glücklich? Macht er einen Fehler? Andreas wirkt veränderlich, seine Stimme ist fester, die Arbeit läuft gut dank Liselottes Tipps. Er ruft seltener an, hilft aber immer sofort, wenn Mama ruft, solange er keine eigenen Pläne mit Liselotte hat. Er kauft seltener das Landhaus, spricht lieber von günstigen Supermärkten. Helga versteht immer weniger.
Na gut, das ist seine Entscheidung, aber das Wort der Mutter sollte doch etwas zählen. Mal sehen, wer am Ende recht hat.
Andreas und Liselotte fahren nach Hause. Andreas entschuldigt sich mehrmals bei seiner Verlobten, Liselotte winkt lächelnd ab:
Ich hab’s ja geahnt, das wird so laufen. Kein Problem, ich verstehe deine Sprünge. Sei einfach auf meiner Seite, okay? Das ist das Wichtigste.
Natürlich, sagt Andreas und küsst sie auf die Schläfe.
Das Familienleben wird also interessant.
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Liselotte schlendert durch ein riesiges Kaufhaus in München. Das Labyrinth aus Regalen lässt einen leicht verirren die MarketingProfis haben das Ganze so gestaltet, dass man sich im Überfluss der Waren nicht mehr befreien kann.
Alles, was das Herz begehrt! Was darfs denn sein? Früchte? Bitte sehr!
In geflochtenen Körben liegen pralle Granatäpfel, saftige Kirschen, die geradezu ins Maul fallen. Die samtige Haut der Pfirsiche erinnert an die Wange eines Neugeborenen. Birnen in vielen Sorten winken, exotische Bananen von grün bis leuchtend gelb stehen neben tiefroten Äpfeln. Traubenhaufen hängen in kunstvollen Kisten, als würden sie flüstern: Kauft, kauft, kauft!
Liselotte bewundert die südlichen, süßen Säfte und die Beeren. Sie schleicht vorbei an den Kühlschränken, hinter denen glänzende Flaschen, Gläser und Packungen mit Milchprodukten stehen Milch, Joghurts, Sahne, Quark, ein wahres Durcheinander.
Sie könnte eine Dose Quark mit Sahne und ein Löffel Kirschmarmelade nehmen, oder einen Ziegenkäse probieren, der als besonders gesund gilt. Oder einen Milchshake mit Eiscreme, den sie früher im Café Mäuschen in Berlin bestellt hat. Heute greift sie einfach zu einer Flasche fertigen Getränks und trinkt, so viel sie will, ohne anstehen zu müssen.
Bei dem Gedanken an ihren Sohn Sascha schmerzt ihr Herz. Vor acht Jahren saßen sie zusammen im Café und lachten, Sascha trank durch einen Strohhalm einen Milchshake, das Strohende quietschte im fast leeren Glas. Heute ist das Café Mäuschen verschwunden, dort steht ein schicker SushiBar im kleinen Pavillon an der Bahnhofstraße. Liselotte hat keine Ahnung, was das ist, und geht vorbei, ohne hinzusehen.
Vor einer Reihe von Tiefkühlgerichten stehen ein Paar in ein hitziges Gespräch verwickelt:
Nimm das sofort aus der Packung, da ist weniger Eis!, sagt eine mittelalte Frau in kurzen Haaren, die bunte Hosen trägt.
Ihr Mann, ein Mann im gleichen Alter wie Sascha, hört nicht zu, wirft mit einem speziellen Löffel rote Käferähnliche Dinge in einen Beutel vielleicht Krebse, vielleicht etwas Seltsames.
Der Mann ist stämmig, der andere schlank, die Haare unterschiedlich, doch beide lächeln freundlich. Liselotte fragt neugierig: Was nehmen Sie da gerade?
Garnelen, antwortet die Frau und ergänzt hastig: Aber die werden Ihnen nicht gefallen.
Warum?, fragt Liselotte.
Haben Sie schon Krebse probiert?, unterbricht der Mann, Die schmecken gut mit Dill und passen zu einem Bier.
Liselotte lacht und gibt zu, dass sie noch nie Krebse gegessen hat.
Ach, das kriegt jeder hin!, meint der Mann.
Bei uns gab es nie Männer, nur Frauen. Der Vater im Krieg gefallen, wir drei Schwestern allein. Krebse? Nein, nie.
Der Blick des Mannes wird mitfühlend, er zieht Liselotte ein Stück näher, als würde eine verborgene Tür sich öffnen und sie in ein warmes, heimeliges Zuhause einladen.
Plötzlich bricht Liselotte ihr Schweigen. Sie erzählt dem Fremden von der Beerdigung ihres Mannes vor einem Jahr, davon, dass ihr Sohn drei Monate nach dem Vater starb, dass sie allein blieb, dass ihre Schwiegertochter nie kam und dass ihre Enkelin nicht weiß, ob die Großmutter noch lebt. Sie berichtet, dass sie heute 87Jahre alt ist, aus dem Dorf Dümmer stammt, wo deutsche Flugzeuge im Krieg über das Dorf flogen und ihre Mutter sie vom Fenster schob. Sie vermisst ihren Sohn Sascha, der nie zurückkehrt, ihr Schwiegersohn Karl schimpft jede Nacht und isst ihr Essen, und Sascha bleibt ein Traum.
Nur dass das Paar nicht geht, sondern ihr zuhört. Sie hat lange nicht mehr mit jemandem gesprochen







