Zwischen den Zeilen

Hey, stell dir vor, ich hatte heute wieder einen typischen Apriltag als AllroundHandwerker in Berlin. Ich bin jetzt 48 und seit Jahren unterwegs, um Kleinigkeiten in fremden Wohnungen zu reparieren. Am Anfang des Monats, wenn die Morgentemperatur noch frisch ist und die Bäume schon voll im Grün stehen, habe ich meinen alten Lieferwagen gepackt und bin zum ersten Auftrag des Tages losgefahren.

Der erste Kunde war am anderen Ende des Bezirks, in einem Altbau mit dicken Wänden und etwas ramponierten Leitungen. Der Aufzug war kaputt, also musste ich bis zur vierten Etage die Treppe rauf. Vor der Tür wartete Frau Gisela Hartmann, eine ältere Dame, die ich schon telefonisch kannte. Unter der Spüle tropfte ein winziger Wasserhahn. Ich habe, wie sich für einen Fachmann gehört, erst nach Details gefragt, dann vorsichtig das Anschlussstück geöffnet und die Dichtung ausgetauscht. Während ich gearbeitet habe, erzählte sie von ihren Enkeln und beklagte die Stille manchmal wünscht man sich einfach ein bisschen Gesellschaft. Ich habe konzentriert weitergemacht, damit nicht noch Wasser auf den Teppich läuft. Als ich fertig war, nickte sie, brachte mir Tee und Kekse und bat mich, noch die Steckdose zu prüfen.

Den losen Kontakt habe ich schnell gefunden und behoben. Dabei fiel mir auf, dass die Glühbirne schon öfter durchgebrannt war und die Spannung nicht immer stabil lief. Frau Hartmann winkte ab: Jetzt leuchtet es wieder, das ist das Wichtigste. Sie zahlte genau den Betrag, den ich vorher genannt hatte, und dankte mehrfach für die gründliche Arbeit. Noch einmal schaute ich, ob ich nichts in der Küche vergessen habe meine Gewohnheit lässt mich nie im Stich.

Der zweite Einsatz lag nur eine Straße weiter. Hier spürt man immer mehr, dass kleine Defekte oft in das Leben der Menschen hineingreifen. Ältere Kunden bitten immer öfter um Rat, der nicht zu meinem Beruf gehört: Reden Sie mit meinem Enkel, Was ist hier richtig, Wie soll ich weiterleben. Ich mache ein bisschen Spaß draus, doch mir wird klar, dass ab einem gewissen Alter die Kunden nicht nur einen Handwerker, sondern auch einen Zuhörer wollen. Das ist die Grenze meiner bescheidenen Mission, die mich beschäftigt.

In diesem Apartment wartete Herr Viktor Möller, ein Rentner, den ich letzte Woche schon bei einer Steckdose geholfen hatte. Heute wollte er das Türschloss austauschen, weil das alte klemmt. Während ich am Zylinder dran war, klagte er über die hohen Materialpreise und über die laute Nachbarin oben, die ständig laut schimpft. Können Sie mit ihr reden? Vielleicht hört sie ja zu, bat er. Ich wusste, dass ich hier klare Grenzen ziehen muss: Reparatur ja, aber Konflikte sollten an die Hausverwaltung gehen.

Ich habe das neue Schloss eingebaut, den alten Schlüssel überreicht und mich höflich verabschiedet, ohne weiter in seine persönlichen Angelegenheiten einzusteigen.

Als ich dann nach draußen trat, spürte ich das frische Frühlingslicht auf den Birkenzweigen und plötzlich fiel mir ein: Ich habe noch nichts gefrühstückt. Schnell ging ich zu einem Kiosk, nahm einen Kaffee zum Mitnehmen und überlegte, wie die nächsten Touren aussehen. Vor mir lagen noch zwei weitere Aufträge, dann eine Kundin aus dem anderen Stadtteil, die gestern angerufen hatte: Der Wasserhahn ist kaputt, niemand kann das reparieren. Ich kenne das gut: Technische Anleitungen berücksichtigen nie die ganze Palette menschlicher Erwartungen. Zwischen den Aufträgen muss man also oft Einsamkeit vertreiben und Sorgen lindern.

Der nächste Stopp war bei Frau Irma Schneider, etwa siebzig, in einer Einzimmerwohnung, vollgestapelt mit medizinischen Unterlagen und Kisten. Sie hatte ihren Kleiderschrank auseinandergebaut und war überzeugt, dass alles gleich zusammenbricht. Ich habe die Halterungen gesichert, neue Dübel eingesetzt und ihr erklärt, wie sie das Ganze einfacher halten kann. Dann kam das Gespräch über ihren Enkel, der immer verspricht zu helfen, und über ein klappriges Türchen ihrer Kommode. Sie fragte sogar nach rechtlichem Rat für Familienangelegenheiten. Ich habe ehrlich gesagt, dass ich kein Anwalt bin, ihr aber die Nummer einer Sozialberatungsstelle gegeben. Sie dankte, wirkte aber immer noch etwas ratlos.

Ich verließ die Wohnung mit dem Gefühl, dass jede Bitte meine Rolle ein Stück weiter ausdehnt ich bin ein Handwerker, aber nicht immer ein Lebensberater. Solche Aufgaben gehören eigentlich zu den Sozialarbeitern, doch in der Praxis fragt jeder, der vorbei kommt.

Bevor ich zum letzten Kunden fuhr, hielt ich in einem ruhigen Innenhof an, wo der Tau noch auf dem Gras glitzerte. Alles war im Kofferraum Ersatzteile für den nächsten Wasserhahn. An der Tür stand Frau Elena Braun, schlank, etwa 75, mit zitternder Stimme. Sie erzählte sofort, wie sehr sie Angst hat, ohne Wasser dazustehen, und dass die Nachbarin unten droht, sich zu beschweren.

Ich schaute mir die Rohre und den Hahn an und merkte, dass ich ein Teilteil fehlen würde. Ich versprach, schnell in den nahegelegenen Baumarkt zu fahren. Plötzlich bat sie: Bitte gehen Sie nicht gleich, ich habe Angst Die Nachbarin schimpft wieder, und ich will nicht allein die Tür öffnen. Ich spürte, dass ich hier in einen Streit verwickelt werden könnte, und überlegte, ob ich nach Zeitplan weiterziehen oder bleiben soll.

Gerade als ich ein Wort finden wollte, hörte ich laute Stimmen hinter der Wand. Ich warf einen Blick zu Elena, die die Schlüssel noch fest an die Brust gedrückt hielt. Jetzt musste ich entscheiden: eingreifen oder wegschauen.

Ich atmete tief durch, nickte ihr zu und sagte, dass ich sie nicht allein lasse. Ich stellte meine Werkzeuge im Flur ab und bat sie, die Tür fest zu halten, während ich mit der Nachbarin rede. Als ich die Tür öffnete, stand eine etwa 60jährige Frau im Nachthemd, die sofort laut wurde und erklärte, warum seit zwei Tagen Wasser von oben tropfe. Ich erklärte ruhig, dass die Reparatur läuft, das Wasser abgestellt ist und der Hahn bald wieder funktioniert. Sie blieb skeptisch, doch mein Gelassenheit ließ sie schließlich leiser werden. Ein kurzer Scherz über die Front der Sanitärtruppen lockerte die Stimmung, und die Spannung war weg. Sie ging, aber nicht bevor sie meinte: Machen Sie das bitte zu Ende und sagen Sie Frau Braun, sie soll künftig besser aufpassen.

Zurück bei Elena sah ich, wie sie erleichtert tief durchatmete, die Schlüssel immer noch um den Hals. Wir mussten jetzt schnell die fehlenden Teile holen, denn gleich stand der nächste Auftrag an. Ich entschuldigte mich, bat sie um etwas Geduld und fuhr zum Baumarkt. Die Schlange war zwar kurz, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Mit Dichtungen und flexiblen Schläuchen im Griff rief ich die nächste Kundin an, erklärte, dass ich etwas später komme, aber am Nachmittag wieder da bin. Sie seufzte, aber verstand: Einen zuverlässigen Handwerker im April zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Sie dankte für das Verständnis.

Zurück bei Elena setzte ich die alten Rohre ab, reinigte sie, brachte neue Teile an und ersetzte die Dichtungen. Alles dicht, ich rief sie. Sie stand da, fast weinend vor Freude, als das Wasser wieder gleichmäßig floss. Sie bot mir noch ihre Telefonnummer an, falls sie wieder etwas braucht. Ich wies darauf hin, dass ich zwar gerne repariere, aber Streitigkeiten nicht zu meinem Job gehören. Sie lächelte und sagte: Sie haben mir heute nicht nur den Hahn, sondern auch die Angst genommen. Danke!

Ich ging die Treppe hinunter, denn der nächste Einsatz lag ein paar Straßen weiter. Draußen wurde das Licht länger, die Sonne spielte auf den Linden im Park, ein frischer Wind wehte durch die frühlingshaften Äste.

Dort wartete Frau Taisha Wagner, eine zurückgezogene Dame mit besorgtem Blick. Sie führte mich sofort ins Bad: Der MixerArmatur hielt keinen Druck mehr, und am Boden standen Wasserflecken. Während ich meine Werkzeuge ausbreitete, lief sie nervös umher und klagte über Einsamkeit und die vielen kleinen Defekte, die ihr das Leben schwer machen. Ich stellte fest, dass ein Teil der Armatur verzogen war. Ich erklärte, dass ein kompletter Austausch sicherer wäre, aber sie hatte nicht genug Geld dafür. Also nahm ich ein Ersatzteil, reinigte es und justierte die Mechanik ein provisorisches, aber funktionierendes Ergebnis.

Dann bat sie mich, einen losen Griff am Küchenschrank zu reparieren. Das Schrauben fehlte, und sie fürchtete, etwas zu beschädigen. Ich drehte mich kurz um, setzte die Schraube wieder ein und brachte den Griff zurück. Das ließ sie aufatmen, und sie erzählte, dass sie aus einer anderen Stadt hierher gezogen ist und sich oft allein fühlt. Ich gab ihr die Nummer einer sozialen Beratungsstelle, bei der sie Hilfe bei medizinischen und finanziellen Fragen bekommen kann. Sie nahm den Zettel dankbar entgegen, ihr Blick hellte sich merklich auf.

Nachdem ich die Armatur und den Schrank fertig hatte, bezahlte sie bar und meinte: Ich hätte nie gedacht, dass ein Handwerker so viel Rücksicht nimmt. Ich erinnerte sie freundlich an die offiziellen Stellen, die bei tieferen Problemen helfen, und wünschte ihr alles Gute. In meinem Kopf summte ich leise: Solche kleinen Gesten sind kein Wunder, sondern ein bisschen Handarbeit, die jeder leisten kann.

Als ich wieder nach draußen trat, neigte sich der Tag zum Abend. Der Himmel war klar, Vögel zwitscherten laut. Ich packte meine Werkzeuge in den Lieferwagen, setzte mich ans Steuer und ließ den Blick über die Allee gleiten, wo junge Blätter im Sonnenuntergang golden schimmerten. Ich dachte an den Tag zurück: ein zerbrochener Wasserhahn, ein lockerer Türgriff, eine kaputte Steckdose, ein störrisches Schloss und ein paar Gespräche, die mehr als nur handwerkliche Hilfe brachten.

Ein Nachbar winkte mir von der Straße zu vielleicht ein neuer Kunde, vielleicht ein alter Freund. Wer weiß, vielleicht ruft mich morgen wieder jemand an, der nicht nur einen Wasserhahn, sondern auch ein bisschen Vertrauen in die Freundlichkeit der Menschen braucht. Ich lächelte, startete den Motor und fuhr in den langen Frühlingsabend, wo jedes Zwischen den Dingen ein kleines Glied in der Kette menschlicher Unterstützung ist.

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